Von Klosters nach Iselle

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Paul Steiner-Rost, St. Gallen

Am Vormittag des 22.Juli 1968 stiegen wir in Klosters aus dem Zug. Wir, das heisst ein Mitte der Sechzigerjahre stehender Vater und seine beiden Söhne, von denen der ältere, Paul, gerade seinen ersten Wiederholungskurs und der jüngere, Peter, die Rekrutenschule hinter sich hatte.

Hei, war das ein frohes Wandern den Bergen zu! Neben uns die junge Landquart, über uns der blaue Himmel und in uns die unbändige Freude über die drei ganzen, langen Wanderwochen, die vor uns standen. Am Nachmittag kamen wir im Vereina-Haus an. Ein frischer Bergwind erfüllte das Tal, die Berge und Bäche winkten und lockten von allen Seiten.

Am nächsten Morgen wanderten wir hinauf zu den Jöriseen und zum Jöriflesspass. Der Himmel bedeckte sich und liess uns leider das Flüela-Weisshorn nur zum Teil sehen. Schön war es aber gleichwohl. Am untern Ende des Jöriflesspasses, unten an der Flüelastrasse, warteten wir auf das Postauto, damit es uns so weit bergwärts mitnehme, dass wir auf der einfachsten Route von der Passstrasse zur Grialetschhütte wandern konnten. Wo diese einfachste Route ihren Anfang nehme, liess sich allerdings vom Postchauffeur nicht erfahren. So postierte ich mich auf der Fahrt neben ihn und spähte, wo links der Weg ins Val Grialetsch abzweige. Und richtig: sehr bald tauchte am linken Strassenrand ein gelber Wegweiser auf, der nichts anderes anzeigen konnte als eben diesen Weg. Und weiter ging 's auf Schusters Rappen, leider immer mehr im Regen. Bei der Ankunft oben in der Grialetschhütte war die Welt ringsum tief verhängt. In der vollbesetzten Unterkunft aber herrschte froher Hochbetrieb. Freundliche junge Leute verschafften uns etwas Platz, so dass wir trotzdem geeignete Schlafstätten fanden.

Am andern Morgen lag die Landschaft im Schnee - und es schneite weiter. Beim Abstieg ins hintere Dischmatal ging der Schnee in intensiven Regen über. Um so besser mundete das Morgenessen im alten heimeligen Gasthaus im Dürrboden. Der Regen aber tropfte und tropfte auf der ganzen Wanderung hinauf zum Scalettapass. Ich dachte beim Steigen, wie es damals war, als ich, vor 43 Jahren, im Sommer vor der Matura das erste Mal diesen Weg ging, allein, auf meiner ersten und für lange Zeit letzten längeren Ferienwanderung. Da strahlte wohl die Bergwelt in aller Herrlichkeit; aber die übrigen Wanderbe-dingungen waren weniger günstig: Die Füsse schmerzten je länger desto mehr in den alten Schuhen mit ihren Falten über den Zehen. Bergschuhe kannte ich damals nur vom Hörensagen. Im Sulsaunatal habe ich damals die wunden Füsse im Bach gekühlt, ass Hörnli, die aber nur halb gekocht waren, weil ich den Meta-Kocher mit zuwenig Brennstoff gespeist hatte, damit das beschränkte Reisegeld ja für die ganzen 14 Wandertage reiche. Man klagt heute so oft über die Schattenseiten der Wohlstandsgesellschaft und des Wohlfahrtsstaates. Aber ich meine: dass sich heute so viele Menschen Ferien leisten und sich dafür auch richtig ausrüsten können, ist etwas Gutes und Schönes.

Neben derlei Erinnerungen und Meditationen erklärte ich meinen beiden Begleitern angesichts der unsichtbaren Aussicht, wie schön es hier bei schönerem Wetter wäre. So standen wir unversehens auf der Scaletta-Passhöhe. Die beiden Söhne erstellten mit unseren Nylon-Pelerinen über einem verfallenen Militärunterstand ein Dach, unter dem sich mehr oder weniger bequem die Mittagsverpflegung einnehmen liess.

Unterdessen hatte es erneut zu schneien begonnen, und bei der Weggabelung, wo rechts das Höhenweglein direkt zur Keschhütte abzweigt, ( P. 2536 ), stellte sich die Frage, ob wir ihm folgen oder der Sicherheit halber auf dem Passweg ins schneefreie Val Funtauna absteigen und hernach auf der Talsohle zur SAC-Hütte aufsteigen sollten. Die jüngere Generation war für den luftigeren und kürzeren Weg in der Höhe, und im kameradschaftlichen Gespräch erhielt sie die Oberhand - und dies mit Recht. Es war ein lustiges Wandern mitten im Sommer mitten durch den Schnee, in Säntishöhe, ein paar Stunden lang. Die Wegspur blieb immer gut sichtbar, und hin und wieder hellte es sogar etwas auf.

In der Keschhütte eröffnete uns der Hüttenwart, bei dem wir uns telephonisch angemeldet hatten, damit er uns am andern Morgen auf den Piz Kesch führe, bei diesem Neuschnee sei es damit nichts; zudem sollte er am andern Tag eine andere Wanderfamilie über die Porta d' Es-cha auf die Engadiner Seite des Keschmassivs geleiten. So blieb uns nichts anderes übrig, als auf den Piz Kesch zu verzichten. Zugleich aber verzichteten wir gerne auch auf das harte Nachtlager auf dem Stubenboden der im Umbau befindlichen Keschhütte und logierten dafür sehr angenehm unten in Chants, einem kleinen Alp- und Feriendörfchen hinten im Val Tuors.

Tags darauf wanderten wir gemütlich talabwärts, Richtung Bergün, zweigten auf dem Höhenweg zum Dorfe Latsch ab und freuten uns unterhalb dieses Dorfes bei der Mittagsrast an der Aussicht auf den gegenüberstehenden Piz d' Aela. Am Nachmittag machte Paul junior einen Abstecher hinauf zum Kamm nördlich des Aela, während Peter und ich Bergün erforschten. Im Zeitalter der Ökumene freute ich mich in gleicher Weise an der schönen alten protestantischen und der gediegenen neuen katholischen Kirche.

Der folgende Tag war zum Ruhetag bestimmt; nach dem Reiseplan wollten wir ihn hauptsächlich im Strandbad von Bergün verbringen. Immer hatte uns dieses herrliche Freiluftbad bei der Vorbeifahrt mit dem Zug gelockt. Doch auch dieser Teil des Reiseplanes blieb unausgeführt. Das Wetter war zwar wieder gut geworden, aber doch noch sehr frisch und zum Baden nicht geeignet.

So schalteten wir einen Ausflug nach Schmitten ein, wo wir vor Jahren dreimal frohe und unbeschwerte Sommerferien verbracht hatten. Mit der Bahn ging 's nach Filisur und dann zu Fuss den Hang hinauf nach Schmitten. Dieser Weg ist in unserer Familiengeschichte recht bedeutsam: Zu Beginn der ersten Schmittener Ferien hatte ich noch an der Arbeit in St. Gallen bleiben müssen. Der Liegestuhl, den ich zur Vervollständigung der Ferienausrüstung schickte, kam aus irgendwelchen Gründen nicht mit der Post in unseren Ferienort, sondern mit der Bahn nach Filisur. Da trug ihn der kleine Paul, seines Zeichens damals Zweitklässler, tapfer den Berg hinauf. Immer und immer wieder erklärte er dabei der Mutter, wenn er den Stuhl hinaufbringe, werde der Vater sicher damit einverstanden sein, dass er von den kleinen Kätzchen, die in der benachbarten Scheune zur Welt gekommen waren und die, weil das Boot voll war, sterben sollten, zwei nach Hause nehme. Und der Vater war damit einverstanden: die beiden Bündner Büsi - der muntere « tigerus alpinus » und sein Zwillingsbruder, der bedächtigere « murrulus rhaeticus » -waren uns lange Jahre liebe Familiengenossen.Jetzt, 1968, ging es mühelos bergauf nach Schmitten, von dort auf dem herrlichen Waldweg zur Station Wiesen, über den Bahnviadukt und auf der andern Talseite zurück nach Filisur, von dort mit dem Zug wieder nach Bergün.

Darauf folgte ein recht intensiver und in seiner Art ebenfalls einzigartig schöner Wandertag: zunächst auf dem neuen Wanderweg das Albulatal aufwärts nach dem Alpdörfchen Naz etwas unterhalb Preda, dann rechts hinan zur Fuorcla da Tschitta, hinunter zu den Seen am Fusse des Piz d' Aela, wieder hinauf zum Aelapass, von dort westwärts auf der Höhe bis oberhalb Savognin und hinunter ins Dorf. Die Fahrt war heiss und lang, und die Jungmannschaft musste beim Einnachten vorausmarschieren, damit nicht das für uns reservierte Nachtquartier anderweitig vergeben werde.

Welch ein Unterschied zwischen Bergün und Savognin! Das erstere bodenständig und auch seine neuen Ferienhäuser in der Umgebung der Landschaft verbunden, das letztere bereits von der Fremdenindustrie angehaucht.

Nächster Etappenort war Innerferrera im Avers mit dem Starlerpass dazwischen. Auf dem Pass grüsste uns der Averser Weissberg in stiller Grösse, und das Alpweglein hinunter nach Innerferrera war für Körper und Geist ein Labsal. Keinen Menschen haben wir angetroffen - ausser dem Senn auf der Alp Starlera und seinen Kindern. Wir tranken bei ihm herrlich kalte Milch und liessen uns berichten, dass den ganzen Sommer hindurch nur ganz wenige Leute über den Pass kämen Die Menschen sind einfach eine sonderbare Gattung von Lebewesen: Da scharen sie sich zu Haufen in einem Ferienort wie Savognin, um in Lärm und Betrieb auszuspannen vom Lärm und Betrieb der Arbeit und der Stadt; aber vom Schönsten, was die Umgebung bietet, sehen sie wenig.

Auch sonst sind die Menschen merkwürdige Wesen. Das wurde uns bewusst, als wir uns in Innerferrera erkundigten, ob das Rifugio Bertacchi, das wir bei der Reisevorbereitung auf der Landkarte jenseits des nahegelegenen Passes da Niemet im Italienischen drüben entdeckt hatten, bewirtschaftet und stets offen sei. Niemand im Hotel konnte uns das sagen. Schliesslich wies man uns an eine ältere Frau drüben im Laden. Ihre Auskunft lautete, sie sei in ihrer Jugend einmal drüben gewesen. Tatsächlich stehe dort ein Rifugio, und sie hätte dort auch etwas konsumiert; was seither damit geschehen sei, wisse sie aber nicht. Da fliegen die Menschen in einigen Stunden über die halbe Erde hinweg, machen Ausflüge auf den Mond, aber was ein paar Kilometer ennet der auf einfachem Weg zu überschreitenden Landesgrenze ist, davon weiss niemand etwas.

Nun, wir haben dieses Ausland dann selber erforscht. Vom Pass da Niemet sahen wir programmgemäss zu unseren Füssen den nahen See — und mit dem Feldstecher rechts davon zwei alte Steinhäuser, die aus dem Mittelalter hätten stammen können. Bei den Hirten unten am See erfuhren wir, welches davon das Rifugio ist. Es war indessen an Werktagen geschlossen, das andere Steinhaus stand in Privatbesitz, war für uns also ebenfalls unzugänglich. Die Sennen boten uns dafür den Boden des ersten Stockes ihrer Alphütte als Nachtquartier an. Der war aber hart, Heu oder eine andere Unterlage nicht aufzutreiben. So wanderten wir noch am gleichen Abend nach Monte Spluga am oberen Ende des Stausees gleichen Namens weiter. Monte Spluga ist ein reizender alter Passort am Splügen, ein echtes Stück Italien, nach drei Seiten umgeben von Grenzbergen der Schweiz.

Was hernach folgte, war ebenfalls wunderschön: die Wanderung entlang dem Westufer des Sees und hernach auf dem westlichen Berghang talauswärts über Alpen mit prächtiger Flora, herrlichen Bächen und bezaubernden Ausblicken nach Süden. Als nächstes Nachtquartier hatten wir die Alp Chiodia ausersehen. Diese Ortsbezeichnung existiert allerdings nur auf unserer Schweizer Landkarte; den Einheimischen war dieser Name fremd. Trotzdem fühlten wir uns dort wohl. Nach einigem Suchen fanden wir auch eine Frau, die uns ihre Hälfte eines Heugadens als Logis zur Verfügung stellte. Während Paul junior den Rest des Nachmittags zum Rekognoszieren verwendete, setzten Peter und ich das Reiseschach in Betrieb. In freier Luft, auf der Aussichtsterrasse hoch über dem Tal, war das ein ganz besonderer Genuss.

Der nächste Tag führte uns über den Passo di Balniscio nach Pian San Giacomo im Misox, eine in ihrem zweiten Teil ebenfalls einzigartige Passwanderung. Während beim Abstieg zunächst noch eine Wegspur entlang einer Reihe schönster Wasserfälle führte, war von der in der Landkarte eingetragenen Alpe di Balniscio und dem dazugehörenden Weg ins Tal nichts mehr zu sehen. Dafür war der ganze Berghang mit einer üppigen, beinahe tropischen Vegetation bedeckt, in welcher der mit Körpergrösse nicht besonders ausgestattete Vater vollständig verschwand. Gut, dass er nicht allein war und dass die beiden Söhne ihn um mehr als einen Kopf überragen. So kamen ihre Augen gerade noch etwas über die üppige Wildnis zu liegen, und sie fanden einen geeigneten Abstieg.

Am Morgen darauf fuhren wir mit dem Postauto das oberste Misox aufwärts nach San Bernardino. Das war eine amüsante Fahrt! Einmal wegen der ansprechenden Landschaft, dann aber auch, weil der Postchauffeur gleichzeitig als Postbote funktionierte. Diese Tätigkeit übte er so aus, dass er in voller Fahrt seinen Kunden am Strassenrand die Zeitungen in hohem Bogen zuwarf.

Von San Bernardino gelangten wir über den Passo Passetti ins Calancatal. Die Passhöhe zieren zwei stimmungsvolle Seelein, die Paul und mich zu einem Bad verlockten. Der Abstieg ins Calancatal war wiederum ausgesprochen romantisch, vor allem auch, weil das Weglein zum Teil durch grosse Tannen, welche der Sturm oder Schnee umgelegt hatte, verbarrikadiert war.

Das Calancatal, wie übrigens auch das Misox und das Tal von Monte Spluga, war für uns alle drei Neuland. In seinem oberen Teil sieht es gerade so aus wie die Landschafts- und Bergbilder der Romantiker des letzten Jahrhunderts. Im ersten Dorf, in Rossa, eilten wir schnurstracks auf die Post los, um dort unsere zwei Koffer mit dem Zelt nebst Zubehör abzuholen. Zwei Nächte wollten wir hier im Zelt schlafen und am Tag dazwischen das Tal auskundschaften. Nach einigem Suchen fanden wir auch einen für das Zelt geeigneten Platz, der unsere Minimalbedingun-gen erfüllte: eine nicht zu harte Unterlage, frisches Wasser, dürres Holz zum Kochen, ansprechende landschaftliche Umgebung und Abgeschiedenheit von den Menschen, ihren Wegen und Behausungen. Paul betätigte sich als Zelt-bauer, Peter als Koch. Mitten in all dieser Herrlichkeit begann es aber zu regnen, und es regnete die ganze Nacht und am Tag darauf noch heftiger. Wir begaben uns deshalb am Mittag ins Dorf, um nach einer anderen Unterkunft Umschau zu halten; denn das Zelt konnten wir nicht nach einer weiteren Regennacht tropfnass verpacken und durch die Post weiterspedieren lassen.

Aber weder in einer Gaststätte noch in einem Privathaus des grossen Dorfes war ein Bett für uns frei. Man sagte uns, dass vielleicht der Herr Pfarrer im nächsten Dorf uns etwas vermitteln könnte. Das war aber allzu ungewiss. So bereiteten wir uns im Geiste wieder auf ein Lager im Heu vor. Aber wo war ein Gaden mit Heu? Schliesslich fanden wir doch einen Besitzer eines solchen Objektes; doch der fand den Gadenschlüssel nicht. Und mit dem verhexten Gadenschlüssel begann ein Hindernis das andere abzulösen: Der Schlüssel war einfach spurlos verschwunden — das letzte Postauto, mit dem wir talabwärts flüchten wollten, war abgefahren, als wir unser triefendes Zelt und unsere Habseligkeiten notdürftig zusammengepackt hatten — der Bruder des Gaden-besitzers, der uns mit seinem VW eventuell nach Grono kutschieren würde, war nach Bellinzona gefahren und noch nicht zurück

So verstauten wir denn unsere Siebensachen unter dem Vordach eines Hauses und passten auf die Rückkehr des VW-Besitzers. Und er kam tatsächlich, und er war tatsächlich auch bereit, mit uns noch ins Tal hinunterzufahren. Unsere Koffer, die Rucksäcke und wir drei Wanderer fanden mit grosser Not gerade Platz in seinem Wagen. Auf der durch den intensiven gewitterartigen Regen zum Teil sehr mitgenommenen Strasse gelang unsere Flucht dennoch aufs beste. Wohlbehalten lieferte uns unser Chauffeur in dem zuvor telephonisch avisierten Hotel in Grono ab.

So kamen wir ganz unerwartet von den Bergen hinunter ins Tiefland auf rund 300 Meter über Meer. Warum sollten wir da nicht aus der Not eine Tugend machen? Wir schauten uns am andern Morgen Grono an, verfrachteten unsere Koffer mit dem Zelt nebst Zutaten auf der Post und uns selbst im Misoxer Bähnchen. In Castione siedelten wir auf die Gotthardbahn um, und statt programmgemäss von Rossa über den Passo di Giumello nach Biasca zu wandern, fuhren wir hinauf nach Lavorgo. Von dort gings zu Fuss auf der Höhe über Chironico und Gribbio auf der rechten Seite der Leventina nach Dalpe, wo der Anschluss an unsere Ferienroute wieder hergestellt war. Diese Wanderung « ausser Programm » im heiteren Süden - das Wetter war inzwischen wieder recht schön geworden - sagte uns sehr zu. Mittagsrast hielten wir in einem reizvollen Kastanienwäldchen oberhalb Lavorgo, und zum Nachtisch gab 's frische Beeren am alten Steinweg hinauf nach Chironico. Das Dörfchen Gribbio, eingebettet in eine grüne Mulde, bildete eine zusätzliche frohe Überraschung, ebenso die reich mit Beeren bewachsene Anhöhe oberhalb des Dörfchens.

Am Weg von Dalpe über den Campolungopass nach Fusio erfreute sich der Vater an einem Abstecher hinunter zum tiefblauen Tremorgio-See -und ganz besonders auch an der Pracht seltener Bergblumen längs des Wegleins. Unterdessen genoss ausnahmsweise einmal die junge Generation oben am Passweg eine Ruhepause.

In Fusio brachte die Morgenpost rechtzeitig unsere Koffer. Für das Zelt fanden wir einen geradezu idealen Platz, etwa eine Viertelstunde oberhalb des Dorfes, auf einer Terrasse, bewachsen mit lichtem Wald und einer Unmenge von Heidelbeerstauden. Um absitzen oder abliegen zu können, mussten wir zunächst den Platz bee-renfrei essen. Obschon ich glaubte, dies gründlich besorgt zu haben, sah mein Bergkittel nach der ersten Berührung mit dem Boden so « bunt » aus, dass er nach der Heimkehr der chemischen Reinigung bedurfte. Auch Erdbeeren fanden sich in der Umgebung unseres Zeltplatzes in Hülle und Fülle.

An diesem Abend wurde uns übrigens klar, wie leicht man sich als Schweizer eine ungerechtfertigte Überheblichkeit anmasst. Ein paar Tage vorher hatte ich nämlich auf der italienischen Alp Chiodia die Nase gerümpft, weil am Abend und am Morgen fast zu jeder Kuh oben am Hang ein Alpbewohner mit einem Kessel aufstieg, statt dass das Melken aller Kühe rationell durch eine einzige Person besorgt worden wäre. « Welch hinter-wäldlerische Art von Landwirtschaft in unserem Nachbarland! » hatte ich selbstbewusst doziert. Und nun erlebten wir oberhalb Fusio genau dasselbe! Als wir im weiteren Verlaufe des Abends in der Dorfsennerei Milch holen wollten, kamen langsam nacheinander die Bauersleute, jeder mit ein paar wenigen Litern Milch.

Nach einer Körper und Gemüt erquickenden Zeltnacht überliessen wir unsere Koffer wiederum der eidgenössischen Post und fuhren auf der dem Kraftwerkbau dienenden Strasse mit dem Postauto hinauf zu den Naret-Seen auf rund 2250 Meter. Ziel war für uns an diesem Tage zunächst die Cristallina und hernach das Bavonatal. Vor 23 Jahren war ich mit meiner Frau am Ende unserer Hochzeitsreise von Fusio aus die ganze weite Strecke auf diesen Berg gewandert. Der Sambucco-Stausee und die Strasse zu den Naret-Seen existierten damals noch nicht; die Gegend war einsam und von stiller Schönheit. Auf die Cristallina bin ich damals mit meiner Frau nur durch eine nicht bös gemeinte Salamitaktik gekommen: Immer wieder erklärte ich ihr, dass wir nur noch ein paar wenige Steine und Felsen hinauf steigen wollten, um zu sehen, wie die Welt von etwas weiter oben aussehe. Plötzlich standen wir auf dem Gipfel. Eine herrliche, ins Unendliche reichende Aussicht belohnte uns.

Diesmal, mit den Söhnen, war es anders. Oben beim Barackendorf an den Naret-Seen, am Ende der Postautostrecke, hing feuchter Nebel. Die Cristallina war nicht zu sehen, wohl aber der untere Teil des Bergkammes, der vom Naret-Pass westwärts zum Gipfel führt. Auf diesen Bergkamm zu müssten wir halten, dozierte ich den Söhnen, dann müssten wir dem Kamm folgen, und hernach beginne jener familienhistorisch berühmte Aufstieg auf den Gipfel. Peter fand zwar, praktischer wäre es, in der Mulde am Ende des Tales über den Schnee direkt zum Gipfel zu steigen. Doch das war nach der Auffassung des Vaters viel zu gefährlich. Wer weiss, unter dem Schnee könnte glitschiges Eis liegen.

So wanderten wir denn nach Vaters Kopf auf den besagten Bergkamm und dann westwärts. Die Route war über Erwarten beschwerlich. Da war ich doch mit meiner Frau gewiss nicht gewesen! Schliesslich langten wir in Nebel und Hagel auf einem Gipfel an. Das war aber sicher nicht die Cristallina! Wie sich dann der Nebel lichtete, sahen wir, nicht weit entfernt, die richtige Cristallina. Sie war leicht erreichbar und bot uns Platz zur Mittagsrast; doch die Rundsicht blieb beschränkt.

Nebel und Regen waren unsere Begleiter, als wir hernach westwärts zum Cristallina-Passweg abstiegen. Doch dann brach die Sonne durch. Fast gespenstisch leuchtete sie ins Tal hinein, auf den mit Eisbrocken bedeckten Lago Sfundau in der Nähe und das Basòdino-Massiv in der Ferne. Hoch oben auf der andern Talseite wurde an einer Staumauer gearbeitet. Unten, auf der einstmals idyllischen Alp Robiei, trafen wir ein grosses Barackendorf, und an seinem unteren Rande fanden wir nach einigem Suchen auch die Basodino-SAC-Hütte.Von dort aus konnten wir uns per Funktelephon nach einer Unterkunft im Val Bavona erkundigen. Es war aber nirgends etwas frei.

So übernachteten wir in der SAC-Hütte und stellten das Programm für den nächsten Tag wesentlich um. Statt über die Höhen oberhalb Foroglio im Knie des Bavona-Tales nach Bosco 1Tinzenhorn und Piz Son Mitgel, von Wiesen aus gesti Photo Lisa Gensetter, Davos-Dorf 2Blick vom Kühbodenhorn gegen Basòdino Photo Rudolf Heiniger, Zürich zu wandern, folgten wir dem Lauf des Tales nach Bignasco und Cevio, vom obersten Dorf, San Carlo, an allerdings auf der neuerstellten Strasse.Vom alten malerischen Bavona-Talweg war nur noch vor Foroglio ein kleines Stück zu finden. Doch der grosse Wasserfall von Foroglio und das helle, klare Wasser der Bavona erfreuten wie ehedem. Eindrücklich war auch diesmal der grosse Platz mitten in Cevio, dem alten Hauptort des Maggiatales, mit den eindrucksvollen alten Häusern ringsum.

Am Abend liessen wir uns vom Postauto durch Kehren und Wälder hinauftragen nach Bosco-Gurin, der deutschsprachigen Enklave im Kanton Tessin. Eine schöne Fahrt war 's. Reizvoll erschien uns am andern Tag auch der Weg in den Talkessel hinter Bosco und hinauf zum Passo Quadrella. Als wir am Mittag ein paar Schritte jenseits der Passhöhe rasteten, erschienen auf einmal zwei junge Wanderer. Sie kamen von Binn und hatten das Pomat ( Val Formazza /Valle Antigorio ) überquert. Der Name « Binn » liess uns aufhorchen, hatten wir doch dort zweimal in jeder Beziehung erquickende Bergferien erlebt, mit einer ganzen Anzahl schönster Touren. Während wir so mit den jungen Wanderern über Binn sprachen, standen plötzlich auch zwei Wanderinnen da und hörten aufmerksam zu, denn Binn war auch ihnen eine frohe Erinnerung.

Dieses Zusammentreffen auf dem Passo Quadrella war für unsere nächste Zukunft entscheidend. Ich hatte vorgesehen, dass wir unsere Wanderung nach drei Wochen mit der Rückkehr vom Pomat über den Gries- und Cornopass ins Bedretto abschliessen würden. Schon wiederholt hatten aber die Söhne noch von einer Verlängerung ins Binntal geschwärmt, und oben auf dem Quadrella-Pass wurde ich weich zum « Jasagen ».

Vorerst stand uns aber noch etwas ganz besonders Schönes bevor: Cimalmotto, unten am Südende des Passes, in einer wundervollen Gegend hinten im Valle di Campo mit dem Reiz der südlichen Berge und klaren Sternennächten. Dort wollten wir zwei Nächte im Zelt verbringen.

Wir verbrachten sie aber nicht im Zelt, sondern in dem in allen Teilen angenehmen kleinen Albergo des Dorfes, denn vom Quadrello-Pass an regnete es ununterbrochen bis in den andern Tag hinein. Doch besserte sich das Wetter soweit, dass wir einige Stunden lang Beeren suchen konnten. Das tat ich mit gutem Grund, denn ich hatte eine alte Schuld zu tilgen: Auf der bereits erwähnten Hochzeitsreise hatte ich mit meiner Frau zehn Tage in Cimalmotto verbracht. Auf einer unserer Wanderungen stiessen wir auf ein ganz besonders reichhaltiges Beerengebiet. Im Hinblick auf das touristische Ziel, das wir uns für jenen Tag gesteckt hatten, drängte ich aber auf einen vorzeitigen Abbruch des Beerenschmauses. Mit den Söhnen suchte ich nun diesen Platz auf, und von der Ernte schickten wir ein ansehnliches Quantum Erd- und Heidelbeeren per Express an die Mutter nach Hause, als Entschädigung für die vor 23 Jahren erlittene Unbill.

Am Abend erkundigten wir uns im Albergo nach dem günstigsten Übergang nach Italien ins Pomat. Der Rat, den wir einhielten, war gut; er wies uns auf den zwar namen- und weglosen, aber sehr lohnenden und nicht schwierigen Übergang oberhalb der Alp Matignello, zwischen dem Sonnenhorn und dem Sonnenberg.

Zu neuen Taten bereit, brachen wir bei klarblauem Himmel von Cimalmotto auf. Oben am Pass aber steckten wir in dichtem Nebel. Es rieselte intensiv und beharrlich. Der Abstieg zu den Cramec-Seen und zur gleichnamigen Alp war vollständig unsichtbar und nach der Landkarte ziemlich felsig. Was tun? Ins Ungewisse absteigen, auf die Gefahr hin, sich in den Felsen zu versteigen oder auf einem nassen Stein auszugleiten und abzustürzen? Lieber nicht. Also Rückzug nach Cimalmotto? Auch dies ungern. Petrus hatte ein Einsehen und befreite uns von der Qual der Wahl. Er stellte den Riesel ab und hob die Nebeldecke ein Stück weit. Der Abstieg ins Pomat, der nun folgte, war, wie übrigens bereits auch der Anstieg von Cimalmotto, eine Wander-Delikatesse, der Einmarsch in eine neue Welt.

Blick vom Starlerapass auf den Äusseren Weissberg Gribbio, mit Ausblick in die untere Leventina Lago Sfundau Der Campolungopass von S Photos P. Steiner-Rost, St. Gallen Etwa eine halbe Stunde oberhalb der Talsohle stiessen wir auf zwei junge Leute, die wir nach der Abfahrtszeit des letzten Autobusses talaufwärts fragten. Die Antwort lautete auf 7 Uhr. Da es erst 5 Uhr war, hatten wir also noch reichlich Zeit. Wir überlegten, ob wir nicht noch etwas länger in der Höhe bleiben wollten, bummelten dann aber doch langsam auf die Talstrasse hinunter. Bei einer auf der Karte mit Foppiano bezeichneten Häusergruppe fand sich eine Tafel, welche die Haltestelle anzeigte, allerdings ohne Abfahrtszeiten. Ein kleiner, älterer Mann aus der Gegend erklärte uns, der Autobus komme bereits in einer Viertelstunde. Wieso? Weil eben in Italien die Uhren gegenüber der Schweizer Zeit um eine Stunde vorgehen!

Der Mann aus der Gegend sprach den urchigen alten Walserdialekt und vertrieb uns die Warte-Viertelstunde mit einem anschaulichen Bericht über seine Schmugglertätigkeit während des letzten Weltkrieges. Meist hatte er dabei Glück gehabt. Einmal aber wurde er angeschossen und festgenommen. Ich erinnerte mich bei dieser Schilderung des nächtlichen Schiessens, das wir 1945 während unseres Aufenthaltes in Cimalmotto bisweilen gehört hatten. Am Morgen hat dann das Schweizer Militär hie und da eine Gruppe von italienischen Schmugglern talabwärts geführt, Männer und auch Frauen, er-barmenswerte Gestalten. In Bellinzona hat man sie eingesperrt, und wenn die Strafzeit zu Ende war, liess man sie wieder laufen - und die Schmugglertätigkeit begann von neuem!

Der Autobus erschien programmgemäss und brachte uns hinauf ins Fremdenzentrum des Tales. Es stellt, was Sprache der Leute und Bauart der Häuser betrifft, ein Gemisch von altem, deutschem Volkstum und italienischen Einflüssen dar. Diese Mischung kam sehr nett zum Ausdruck im Namen « Da Lisi ». So hiess das Gasthaus in Valdo ( ehemals Wald ), wo wir Unterkunft fanden.

Der folgende Morgen empfing uns wiederum mit strahlend blauem Himmel Im nahen Dorf Ponte ( früher Zumsteg ) suchten wir auf der Karte deutlich eingezeichneten Weg westwärts hinauf zum Lago Vannino. Der Weg war aber kaum mehr zu finden. Durch den Betrieb eines Sessellifts ist er ausser Betrieb gesetzt worden, mit der Wirkung, dass wir einmal ganz gehörig in die Irre gingen.

Oberhalb des Talhanges und des Sesselliftes erschien plötzlich hinten im Talabschluss ein Schneeberg: das Ofenhorn, unser Ofenhorn! Viermal bin ich von Binn aus dort oben gewesen, zweimal mit den Buben. Das letzte Mal war es am schönsten. Da sind wir abends beim Einbruch der Nacht von Binn abmarschiert und das lange Tal hinaufgewandert. Im Sternenlicht stiegen wir zum Kamm hinauf, der zugleich die Landesgrenze bildet, dann hinüber nach Italien, und um 4 Uhr waren wir auf dem Gipfel — gleichzeitig mit dem ersten Sonnenstrahl.

Heute war uns das Ofenhorn verwehrt. Vom Lago Vannino aus wäre es nur mit Pickel und Seil erreichbar gewesen, und dafür waren wir weder ausgerüstet noch touristisch ausgebildet. Darum wanderten wir vom See aus hinauf zur Scatta Minoia, einem aussichtsreichen Übergang, und hernach hinunter und hinüber zum Albrunpass. Kurz vor dem Einnachten waren wir in Binn, und dann hat der Vater eine ganze lange Stunde für die Söhne und für sich eine Unterkunft gesucht. Wie oft schon hat er das getan und sich dabei des heiligen Josef erinnert, der vor bald 2000 Jahren auch alle Mühe hatte, für sich und die Seinen Obdach zu finden! Die Unterkunft wurde schliesslich auch diesmal gefunden - und keineswegs in einem Stall.

Dem langen Wandertag sollte für den Vater ein Ruhetag folgen. Die Söhne wollten ihn benützen, um bei gutem Wetter das Ofenhorn zu besteigen. Das Wetter war aber nicht gut. So begnügte sich Paul mit einer Wanderung aufs Bettlihorn hinten im Saflischtal, auf dessen Gipfel wir vor einigen Jahren zu dritt einige frohe Bergstunden verlebt hatten. Peter kundschaftete die verschiedenen Restaurants von Binn aus. Der Vater aber pflog programmgemäss der Ruhe. Zum Teil geschah dies auf dem Bänklein oben bei der gediegen renovierten Kirche von Binn, wo man abseits des Dorfes die ganze Ruhe und Stimmung dieser herrlichen Gegend auf sich wirken lassen kann.

Hernach folgte die Wanderung über den Ritterpass und noch einmal hinunter nach Italien. Sie war als glanzvoller Abschluss der Ferien gedacht und begann auch tatsächlich bei schönstem Wetter. Betrübt waren wir lediglich über die Vorarbeiten für den weiteren Kraftwerkbau. Im Tal von Binn nach Heiligkreuz wurde durch die stimmungsvolle Wald- und Flusslandschaft eine Strasse gerissen, und unser schöner Kummenbach mit dem gewaltigen Wasserfall hinter Hei- ligkreuz soll in Röhren gelegt werden. Dabei hatten wir doch gelesen, dass die Gemeinde Binn mit dem Schweizerischen Naturschutzbund und auch mit dem SAC einen Vertrag zur Erhaltung dieser Landschaft abgeschlossen hatte. Leider mussten von diesem Vertrag das Dorf Binn und die westwärts davon gelegene Gegend ausgenommen werden.

Im Talkessel oberhalb des Wasserfalles erfreute uns noch die alte, stille Schönheit der Bergwelt; die Aussicht auf die Berner Alpen war einzigartig. Das kleine Weglein hinauf gegen den Pass war seit unserem letzten Besuch von fleissigen Händen gut markiert worden. Eine nette Überraschung erlebten wir auch auf der sehr steilen Südseite des Passes. Beide Male, als wir früher zusammen mit der Mutter dort waren, stiegen wir sorgfältig von Stein zu Stein abwärts, wobei meine Frau und ich unsere Hinterpartie als zusätzliche Stütze einsetzen mussten. Diesmal aber stiessen wir etwas links unterhalb der Passhöhe ganz unverhofft auf eine kleine Wegspur, die uns mühelos hinunterführte.

Einen schlimmen Streich spielte uns das Wetter. Von der Passhöhe an hingen die Wolken schwer und nass herunter. Hinten in der grossen Alp Veglia erfreute uns noch ein aussergewöhnlich grosser Strauch leuchtender Alpenrosen.

Und dann regnete es endlos. Statt, wie vorgesehen, das Tal hinunter und auf der Höhe nach Trasquera zu wandern, übernachteten wir deshalb in einem Hotel auf der Alp.

Am andern Morgen - es war mittlerweile der 14. August geworden - regnete es aber weiter. Zum Glück hatten wir auf dem langen Weg bis Trasquera die Erinnerung an die Schönheit der Gegend dieser südlichen Welt in uns. Tropfnass stiegen wir nach Iselle am Südportal des Simplontunnels hinunter, und heimzu ging 's mit der Bahn zur Mutter, die uns während der ganzen langen Wanderzeit getreulich den Wäsche-Nach-schub besorgt und auch allerlei willkommene essbare Zutaten beigefügt hatte.

Der eine oder andere Leser, der uns bis hieher gefolgt ist, fragt sich vielleicht, wie bei dem bekannten Generationenproblem diese Wandergemeinschaft zwischen Jung und Alt während dreieinhalb Wochen funktionierte. Bei der Vorbereitung der Reise war ich der Meinung, dafür eine glänzende Lösung gefunden zu haben. Wir standen mitten im Jahr 1968. Das ist das Jahr, in welchem eine von alt Bundesrat Dr. Wahlen präsidierte Kommission das Schweizervolk aufgerufen hatte, Gedanken und Vorschläge für eine Totalrevision unserer Bundesverfassung zu äussern. Neben den Kantonen, Hochschulen, Parteien und Verbänden hatte auch jeder einfache Bürger diese Mitsprachemöglichkeit. Das wird - so dachte ich - einen guten inneren Kitt für unsere Wandergemeinschaft bilden, wenn wir beim Wandern und in den Ruhepausen miteinander Ideen für die Erneuerung unseres schweizerischen Grundgesetzes besprechen, die dann nachher zu Hause schriftlich fixiert werden können.

Die Voraussetzungen für ein solches Unternehmen schienen mir günstig zu sein: Angesichts der Schönheit unserer Heimat musste es geradezu verlockend sein, sich Gedanken über eine Verbesserung des Grundgesetzes für das Zusammenleben der Menschen in dieser Heimat zu machen und sich darüber auszusprechen. Das Wandern in der Höhe, über die Sprach- und Landesgrenze hinaus würde den Horizont weiten. Auch die Zusammensetzung des Gesprächsteams war doch wohl nicht ungünstig: ein Vater, der einige Jahrzehnte als Jurist und nebenbei auch in der Politik tätig gewesen ist, und zwei Vertreter der jungen Generation, wovon der eine als stud.jur. und Freund des öffentlichen Rechts bereits einiges Fachwissen mitbrachte und der andere, ein zukünftiger Physiker, den aufgeschlossenen Mann aus dem Volke verkörpern konnte. Da musste es doch gelingen.

Es gelang aber nicht. Um für die Reise drei oder gar dreieinhalb Wochen frei zu bekommen, hatte ich vorher äusserst intensiv arbeiten müssen. Auch das Wandern strengte an, nicht nur körperlich, sondern auch durch die vielen unendlich schönen Eindrücke. Die Rastpausen wurden zu einem wesentlichen Teil für die Beratung und Erledigung rein technischer Probleme benötigt: Verpflegung, Unterkunft, Wanderroute und dergleichen. So wurde es Mitte der Fahrt, bis ich meinen Begleitern den bis dahin geheimgehalte-nen Plan eines Diskussionsbeitrages für die Totalrevision der Bundesverfassung unterbreitete. Der Plan stiess auf einhellige Ablehnung. Offenbar waren auch Paul und Peter ausreichend anderweitig beschäftigt. So wird denn, wenn die Kommission Wahlen die Ergebnisse ihrer Rundfrage veröffentlichen wird, unser Beitrag darin fehlen.

Für uns aber blieb das Generationenproblem. Praktisch wirkte es sich vor allem durch die ausgeprägte Verschiedenheit der körperlichen Leistungsfähigkeit von Jung und Alt aus. Gewiss, es gab Mittel, um dieses Gefälle abzuschwächen: einmal die physikalisch allerdings nicht ganz zutreffende Anwendung des Prinzips, dass ein Ballon eher steigt, wenn man Ballast abwirft. Also wurde im Laufe der Zeit das eine und andere aus dem Rucksack des Vaters in die allerdings von Anfang an weit intensiver belasteten Rucksäcke der Söhne verlagert. Ferner hatte sich Paul junior die nette Übung zugelegt, beim Schlussanstieg zu einem Pass im Voraus- gang seinen Rucksack oben zu deponieren, mit der Feldflasche zu dem immer langsamer gehenden Vater zurückzukehren und ihm für das letzte Stück den Rucksack abzunehmen.

Doch auch so liessen sich bisweilen Trübungen der Stimmung nicht vermeiden. Die intensivste ergab sich beim Abstieg von der Basodinohütte nach San Carlo im Bavonatal. Ich hatte meinen Söhnen vorgeschlagen, erst im heimeligen Restaurant in San Carlo als Frühstück einen intensiven Café complet zu genehmigen. Unterwegs schaltete ich verschiedene Halte ein, um den herrlich fliessenden und giessenden Bach anzuschauen und um zu photographierez In vorehe-lichen Zeiten hatte es mir Vergnügen bereitet, auf meinen Alleinwanderungen den herrschenden Sitten zum Trotz hin und wieder erst am späten Vormittag zu frühstücken und das Mittagessen erst im Verlaufe des Nachmittags einzunehmen. Meine Familie hat sich mit diesen nonkonformi-stischen Junggesellen-Allüren nie befreunden können. Das hatte ich zwischen der Basodinohütte und San Carlo vergessen.

Das Klima war übrigens bereits vorbelastet, weil ich tags zuvor beim Abstieg von der Cristallina darauf gehalten hatte, den gefahrlosen Umweg rings um die Schneemulde zu machen, statt im Regen und Nebel direkt über das eventuell mit Eis untersetzte Schneefeld von unbekannter Steilheit hinabzugehen. Drunten in San Carlo drohte nun die Stimmung radikal in die Brüche zu gehen. Schliesslich war das Verbindende dann aber doch stärker als das Trennende. Schuld daran war wohl zu einem wesentlichen Teil die unbewusste Erinnerung an die unzähligen frohen gemeinsamen Fahrten, beginnend mit dem Schub im Kinderwagen bis in die Zeit, da die Söhne den Eltern bei etwas schwierigen Stellen mit starker junger Hand Hilfe leisteten.

So sind wir dann nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich wohlauf nach Hause gekommen, und wir schliessen unseren Bericht mit einem frohen: Vivant sequentes! Glück auf denen, die uns nachfolgen!

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