Vorstoss in die euro-kanadische Hocharktis

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die euro-kanadische Hocharktis

Emil Brunner, Braunwald

Zur Vorgeschichte Seit ich zum erstenmal die Arktis erlebt habe, damals als General Nobile mit seiner im Nordosten von Spitzbergen auf das Packeis abstürzte und Roald Amundsen auf der Suche nach den Gestrandeten bei der Bäreninsel ums Leben kam, ist dieser Teil der Welt, genau wie sein , die Antarktis - aber auch wie die Südsee, die Sahara und meine heimatlichen Berge - Ziel meiner ewigen Sehnsucht geblieben.

Als sich mir daher überraschend die Möglichkeit bot, an einer neuen Expeditions-Kreuzfahrt in die euro-kanadische Hocharktis teilzunehmen, gab es für mich kein langes Überlegen, um so weniger, als das reichhaltige Expeditionsprogramm'versprach in Gebiete vorzudringen, die seit den Such- und Rettungsunternehmungen für Sir John Franklin ( 1847-1879 ) nur noch selten von Menschen betreten worden sind. Meine Zusage erfolgte sofort, dies trotz einiger Bedenken wegen der bereits fortgeschrittenen Jahreszeit -Mitte August - also in dem Monat, wo ( Kreuzfahrer ) sich sonst auf Südkurs zu begeben pflegen.

Seit den glorreichen Tagen der legendären Walfänger zu Beginn des späten Mittelalters, den zahlreichen tastenden Vorstossen der Engländer, Amerikaner und anderer zur Erforschung einer möglichen Umschiffung Nordamerikas, ist es um die meisten der hocharkti-schen Gebiete im Bereich der nordamerikanischen Inselwelt wieder still geworden.

Selbst die zahlreichen von hier ausgehenden Versuche zur Eroberung des Nordpols -zunächst alle noch mit Hundeschlitten - verEinschiffen in Reykjavik ( Island ). Landungen und Exkursionen in Ostgrönland, Passage des Prinz Christian-Sundes, Landgang in Narssarssuaq und Narssaq, Traversierung der Davis-Strasse nach der kanadischen Arktis, Besuch der Broughton-Insel auf Cumberland im Süden von Baffin-Island, Dexterity- und Sarn Ford-Fjord, Pond Inlet am Eclipse-Sund, Coburg-Island am Osteingang des Jones-Sund, Grisefjord und Eskimosiedlung an der Südküste von Ellesmereland, Button Point am Cape Graham Moore auf Bylot-Island, Cape Searle auf Quaquluit, Padlo-ping-lsland, Pangnirtung und Brevoort-Insel am Südausgang des Cumberland-Sundes, Lake Harbour und Cape Dorset an der Hudson-Strasse, Walrus-, Coats- und Dig-ges-lslands in der Hudson- und Akpatok-Island in der Un-gava-Bay und schliesslich als Ausklang noch Belle-lsle, am Eingang des St. Lorenzo-Stromes. Rückfahrt nach Halifax, Neuschottland ( Kanada ).

2 Westlich begrenzt vom Victoria-Land und östlich von der Prince of Wales-Insel und der Boothia-Felix-Halbinsel.

mochten nur vorübergehend den Schleier um die Geheimnisse dieser unwirtlichen, lebensfeindlichen Polarwelt etwas zu lüften.

Erst die über fünfzig, in den Jahren 1847 bis 1879, von England gesandten Hilfs- und Suchexpeditionen für die 1845/47 im vermuteten Gebiet2 verunglückte Franklin-Expedition, brachte endlich einige Aufklärung über die Struktur dieser eisigen Inselwelt am ( Rande des Nordpols ). Doch von Franklin und seinen Leuten - rund 130 an der Zahl - die 1845 auf den Schiffen Ihrer Majestät, ( Erebus> und ( Terror ) ( Unterwelt und Schrecken ), den best-ausgerüsteten Seglern jener Zeit, auszogen, um die westliche Durchfahrt zu vollenden, fand man ausser einigen Gräbern, Skelett-und Uniformresten sowie einigen persönlichen, spärlichen Aufzeichnungen keine Spuren mehr!

In den Jahren 1898 bis 1902 durchfurchte Nansens ( Fram> auf der zweiten Polarexpedition unter Kapitän Otto Sverdrup die verschiedenen, noch jungfräulichen Gewässer und Eilande im nördlichsten Kanada und fand einige unbekannte Gebiete; vor allem aber stellte er fest, dass es weiter nördlich kein Festland gab.

Endlich gelang es einem bisher ganz unbekannten Norweger, dem ( Skippersohn ) Roald Amundsen vom Bundefjord bei Oslo, in den Jahren 1903 bis 1906 das zu vollbringen, wofür man während rund vierhundert Jahren umsonst zahlreiche Menschenleben geopfert hatte. Auf einer kleinen alten Heringsjacht von nur 47 Tonnen, der ( Gjöa>, bezwang er zusammen mit seinen sechs Kameraden die Nord-west-Passage; womit erstmals in der Geschichte die beiden Weltmeere der Nordatlantik und der Nordpazifik im Ost-West-Kurs miteinander verbunden wurden.

Später, in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts, strahlte der Ruhm eines jungen Nordländers erneut über diesen schwer erreichbaren, weltabgelegenen und vergessenen arktischen Ländern: der Grönland-Däne, Knud Rasmussen, hatte zusammen mit seinem langjährigen Freund und Gefährten, Peter Freuchen, mit Schiff, Schlitten, Booten und Kanus auf seiner 5.Thule-Expedition ungefähr das wiederholt, was Amundsen rund zwanzig Jahre vorher als erster vollbrachte.

Trotz all diesen Versuchen, Vorstossen und erfolgreichen Expeditionen der Vergangenheit, muss dieses Gebiet der euro-kanadi- sehen Hocharktis zu den noch am wenigsten erforschten, am wenigsten bekannten und unzugänglichsten unseres Planeten gezählt werden.

Unsere Expeditions-Kreuzfahrt auf dem

Unterwegs nach dem

Unter dem 21 August 1982 entnehme ich meinem Tagebuch: ( Springen sofort nach dem Morgenessen in die Zodiacs und schlängeln uns zwischen Pack- und Treibeisresten unter die lotrechten Felsen, auf deren schmalen Leisten einzelne arktische Vögel hocken. Landen anschliessend in kleiner Bucht, erklettern die nackten, nassen Klippen von Quaquluit, entdecken in einer Nische unter dem Gipfel die Anschrift eines englischen Walfängers aus dem Jahr 1865 und nur wenige Meter darüber, auf dem Gipfel, eine kleine, zerfallene Steinhütte. Freiwillige Überwinterung oder Polardrama?-was mag sich hier vor 120 Jahren abgespielt haben? Wir blicken aufs Meer -östlich von uns bahnt sich ein grosser Walfänger durch das dicke Eis der Davisstrasse. Dies ist erst das zweite Schiff, dem wir begegnen. ) Cape Searle steht beinahe wie ein Wachtturm am Eingang des Fjordes, der zur Padlo-ping-lnsel führt. Das Cap stellt damit den Eckpfeiler des stark vergletscherten Urgebirges dar, das steil gegen das Meer abfällt. Zugleich bildet es das Gegenstück zur flachen Schwemmlandküste auf der Westseite von Baffinland.

Nachmittags umrunden wir Cape Searle auf dessen Südseite und dringen in den Fjord bzw. in die weite Bucht vor Padloping Island. Eine Fahrt ganz wie in einem nordnorwegischen Fjord! Tafelähnliche Gebirge mit Schneekuppen. An Land empfängt uns eine gewaltige arktische und scheinbar von Lebewesen entblösste Tundralandschaft.

Dann nehmen wir Nordkurs auf den Smith-Sund. Bald umgibt uns lockeres Treibeis.

Wer eine Karte der nördlichen Hemisphäre betrachtet, wird kaum begreifen, dass ein Schiff, das zum Smith-Sund3 will, sich nicht in der Mitte dieser etwa 350-500 Kilometer breiten, vom englischen Seefahrer John Davis ( 1585/87 ) entdeckten und nach ihm benannten Wasserstrasse halten, sondern mehr der grönländischen Westküste entlangfahren muss. Dies liegt darin begründet, dass das Packeis, das Grönland und die amerikanische d.h. kanadische Arktis umgibt, hier viel lockerer und weniger ausgedehnt ist als an der Küste im Osten von Baffinland. Deshalb lässt sich die Westküste von Grönland auch leichter erreichen als seine Ostküste.

In den folgenden Tagen steuern wir auf die Melville-Bay zu, nach jener Bucht, wo das nördliche Grönland in einem fast rechten Winkel nach Westen abbiegt. Vorerst gleicht unser Vorankommen allerdings eher einer ( Slalomfahrt ) durch ziemlich massiert auftretendes Treibeis. Dann ändern wir den Kurs und wenden uns zunächst gegen Cape York auf Grönland. Des Nachts - obschon es eigentlich 3 Die Meeresstrasse, die Nordgrönland von Ellesmereland trennt.

taghell ist - passieren wir eine viele hundert Meter lange Schelfeisplatte, womit wir nun den Westrand der wegen ihres fast undurchdringlichen Packeises berüchtigten und gefährlichen Melville-Bay erreichen. Amundsens und Gefährte auf der NW-Passage und am Südpol - Helmer Hansen aus Tromsö - der mich vor etlichen Jahrzehnten in die Polarnavigation eingeführt hat, schilderte mir seinerzeit die Melville-Bucht als grossartigste Eislandschaft, die er je gesehen. Daher bin ich natürlich besonders gespannt!

Doch wir bewegen uns nur knapp am Westrand dieser mächtigen Bucht entlang, in die dutzende, vom Inlandeis der Lauge Koch-Kü-ste gespiesene Gletscher ihre bis zu 30 und mehr Kilometer breiten Zungen ins Meer hin-aussenden. Leider bleiben sie aber im Nebel verborgen. Einer der Riesengletscher, der Pa-kitsup Sermerssua, der allerdings schon etwas nordwestlich vom Cape York liegt, scheint ( Hoflieferant ) für mächtige Schelfeisplatten zu sein. Dieser Gletscher verfügt über eine Stirnbreite von 5V2 Kilometern und ist zudem von seiner Ausflusskante ( Barriere ) über eine Länge von 31/2 Kilometer gegen das Festland zu vom Meerwasser unterspült. Hier findet sich auch die Erklärung, warum der nördliche Teil der Baffin-Bay und die Melville-Bucht oft mit riesigen Schelfeisplatten -wie man sie sonst nur aus der Antarktis kennt - übersät ist. In die Bucht einzudringen, die schon vielen Schiffen und deren Besatzungen zum Verhängnis wurde, wäre glatter Wahnsinn, um so mehr, das sie ja nicht direkt auf unserem Kurs liegt.

Wegen Eis und Nebel fahren wir nun nicht mehr direkt auf Cape York zu, sondern drehen leicht nach Westen ab, um anschliessend wieder mehr nördlich auf die Carey-Inseln zuzuhalten und passieren die Breitengrade von Thule4 und Dalrymple-Rock5.

Wir bewegen uns jetzt im Areal der , dem sogenannten

5 Thule, die USA-Airbase. Das eigentliche Thule ( Qanaq ) liegt nordöstl. von Northumberland.

6 Diese geht von der NO-Ecke der Bylot-Insel bis in die Gegend des Cape York auf Grönland und im Norden läuft sie zwischen Cape Sabine und Cape Toney auf Inglefield Land in eine Spitze aus.

ters soll ein grosser Teil dieser Wasseroberfläche von nur dünnem Packeis bedeckt sein, das unter der Frühlingssonne dann sehr rasch zu schmelzen scheint, so dass sich hier eine liebliche, tiefblaue Wasserfläche präsentiert, während die umliegenden Gebiete noch in vielen Metern dickem Packeis starren. Eines der vielen Geheimnisse der Arktis!

Am selben Tag:

Nach etwa 2 Vi Stunden Landaufenthalt nehmen wir Kurs auf Cape Alexander, auch Grönlands benannt. Urplötzlich lichtet sich der Grundnebel, unser Schiff schwimmt jetzt in prächtig blauem Wasser. Die Sonne scheint sommerlich warm, die Sicht ringsum ist ausgezeichnet. Auf Backbord im Westen in leichtem Dunst und zartestem Hellblau Clarence Head und Cape Combermere mit den Thorn-dike Peaks auf Ellesmereland. Erneut muss ich feststellen, wie schwierig es ist, in diesen Breiten mit ihrer reinen, keimfreien Luft Distanzen zu schätzen! Was ich für 30 Kilometer halte, liegt laut Karte in einer Entfernung von 60 und mehr Kilometern! Genau dieselbe Erfahrung machte ich seinerzeit auf Höhen von 4000 Metern im Tibet. Alles wirkt so nah und klar wie die Berge bei uns während einer Föhnlage! Die Landschaftsszenerie entwickelt sich nun von Minute zu Minute grossartiger und fesselnder. Das Fahrwasser vor uns wimmelt von kleinen und grösseren Packeisschollen, Eisbergen und Eisbergruinen. Wir nähern uns jetzt der grossen Insel Northumberland' und passieren auf Steuerbord eine mächtige Schelfeisplatte. Anschliessend folgt eine neuerliche Slalomfahrt um Eisberge herum. Direkt vor uns, etwas östlich die kleine Insel Hokluyt. Dazwischen jedoch erhebt sich eine riesige Eisbergruine von kühnster Form! Dank Radar können wir direkt auf diese zuhalten, bis der Bug nur wenige Meter vor der bläulich schimmernden Eisflanke stillsteht. Wir drehen gleich rechts bei und lassen diesen blendenden arktischen Eisriesen backbordseits an uns vorbeiparadieren.

Jetzt, wo wir uns dem Cape Alexander nähern, werden wir buchstäblich von Eis aller Arten umarmt. Zweifellos sind der Bamse-, Bu-, Child-, Storm- und der Dodge-Gletscher, die sich alle als mächtige, viele Kilometer breite Eisströme vom Inglefield-Inlandeis in diesen Teil des Smith-Sundes ergiessen, die ( Lieferanten ) dieser unvorstellbaren, fast endlosen Eiswüste. Mitten im Sommer sehen wir uns hier vom tiefsten Winter umgeben!

Die unterschiedlichen Eis-Sorten Nachdem wir nun so schön tief im Eis drin stecken, scheint es mir an der Zeit, dieses ( Kälteprodukt ) etwas genauer vorzustellen.

Bis jetzt sind wir auf unserer Fahrt mit Ausnahme von ( Pfannkucheneis ) ( Pancake-Eis ) allen Eisarten begegnet. Da nun einmal auf einer solchen Arktisfahrt ein grosser Eisberg nebst dem Packeis dem Touristen den gewaltigsten Eindruck hinterlässt, soll gleich mit dieser Art begonnen werden.

Eisberge und Schelfeis Eisberge bestehen im Unterschied zu Meereis - also Packeis - aus Süsswassereis. In der Region, in der wir uns jetzt aufhalten und noch weiter bewegen werden, entstehen sie aus den abgekalbten Gletscherenden der riesigen 7 Zwischen dem Murchison- und Hval-Sund.

Cape Sparbo auf Devon-Island am Jones-Sund, dort wo der Dänische Polarforscher Cook 1908/09 überwinterte, nachdem er angeblich den Nordpol als erster erreicht hatte. Im Vordergrund einer der auf dieser arktischen Insel zahlreichen grösseren Tundraseen im Abendlicht.

Eisströme, die vom Inlandeis von Grönland und Ellesmereland als Talgletscher der Meeresküste zufliessen. Bei den Eisbergen handelt es sich demnach, genau wie beim sog. Schelfeis, um Inlandeis. Dieses bricht entweder direkt an der Küste ab oder aber erst nachdem sich die Zunge viele Kilometer weit ins Meer hinausgeschoben hat. Dort wird es dann durch den Auftriebseffekt ( Gezeiten ) des Meerwassers abgedrückt oder ( gekalbt ). Die Eisberge unterscheiden sich daher vom Schelfeis lediglich durch ihre Form und Grösse. Während die Eisberge oft in allen nur erdenklichen Phantasiegestalten auftreten und in blendend weisser, bläulich, grünlich bis stahlblauer Farbe dahintreiben, zeigen die oft kilometerlangen Schelfeisplatten meistens nur eine leicht bläulich oder grünlich schimmernde Tönung. Auf ihren Oberflächen finden sich nicht selten ganze Stein- oder Schuttmo-ränenreste, oft sogar grössere Süsswasser-seen.

Im allgemeinen ist von einem Eisberg nur etwa der siebente oder achte Teil seines Volumens über Wasser sichtbar. Dieser Anteil des Ausmasses zwischen dem sichtbaren und dem unter Wasser liegenden Teil bildet jedoch keine Konstante. Er richtet sich ganz nach der spezifischen Beschaffenheit des Eises und diese sich wiederum nach seiner Homogenität. Der Durchschnittswert des spezifischen Gewichtes der westgrönländischen Eisberge wird mit 0,90 angegeben; jenes des kalten Seewassers mit 1,027. Entsprechend diesen Mittelwerten taucht also ein Eisberg bis zu sieben Achtel seiner Masse unter seine Brandungslinie. Es sind aber schon besonders schwere Eisberge beobachtet worden, von denen neun Zehntel ihres Volumens unter der Wasseroberfläche lagen. In Eisbergen ist Luft aus vergangenen Jahrtausenden eingeschlossen. Während der Umwandlung von Firn zu Eis wurden Luftbläschen eingepresst, die in der langen Gletscherwanderung vom Nährgebiet ( Akkumulationszone ) zum Zehrgebiet ( Ablationszone ) und schliesslich während der horizontalen Fliessbewegung einem enormen Druck ausgesetzt waren. Daraus erklärt sich die variable Homogenität der Eismasse und somit auch ihr variables spezifisches Gewicht und schliesslich das über Wasser liegende unterschiedliche Volumen eines Eisberges oder einer Schelfeisplatte.

Packeis Im Gegensatz zum vorgängig geschilderten Eis besteht das Packeis aus gefrorenem Meerwasser. Eis, das sich an der Meeresoberfläche der Arktis und Antarktis in einem einzigen Winter gebildet hat, wird als einjähriges Packeis bezeichnet. Dieses Packeis, im Frühling z.B. in Buchten als bezeichnet, ist weniger hart als zweijähriges oder mehrjähriges Eis. Die pro Jahr zunehmende Härte erklärt sich dadurch, dass das Eis den Salzgehalt des Meeres in sich aufnimmt, wobei die salzgesättigten Wasserteilchen infolge der Marina Peninsula mit Südost-kap und Prices Charlotte Monument ( kleine Felspyramide rechts ) von Coburg-Is-land. Im Vordergrund Rest einer Tafeleisscholle mit kleinen Süss-wassertümpeln.

Auf der Fahrt zum Cape Alexander, der NW-Ecke von Grönland, begegnen wir phantastisch geformten Eisbergruinen. Dabei liegt noch etwa das Achtfache ihrer bereits so imponierenden Ausmasse unter dem Wasser. Diese Eisberge stammen von Gletschern, die vom Inglefieldland in den nördlichen Teil des Smith-Sundes fliessen.

Schwerkraft unter die gefrierende Oberfläche sinken. Ist das Packeis mehrere Jahre alt, somit sehr hart, zeigt es äusserlich den Charakter von Süsswasser, seine Farbe ist dann leicht bläulich bis stahlblau, letzteres besonders dann, wenn es sich um mehrfach über-und untergeschichtetes, sehr altes Packeis, sog. Presseis, handelt. Die Dichte des Packeises oder Treibeises wird in Zehntel seiner Meeresbedeckung angegeben und bestimmt damit auch die Schiffbarkeit des betreffenden Gebietes.

Treibeis Schliesslich sei noch das Treibeis erwähnt. Darunter versteht man Reste von ( Pfannkuchen ) ( Bayen-Eis ), dünnem Packeis, Schlak-keneis, Eisbergruinen, Schelfeissockeln-Eis, das durch Wind- und Wasserdrift in Buchten hinein und hinaus und mit dem Westgrönland-strom zuerst nach Norden, später im Labra-dorstrom nach Süden im offenen Meer herumgetrieben wird.

Weiter nordwärts Nach unserer um die Eisberge südlich Hokluyt nehmen wir direkt Kurs auf Cape Alexander, dem westlichsten Punkt von Grönland. Schon taucht er auf, der 350 Meter hohe markante Felsen des Kaps, nördlich und südlich eingerahmt von mächtigen Glet-scherbarrikaden. Ich habe mir allerdings dieses Kap ganz anders vorgestellt; eher wie eine riesige Eisbastion. Wir umfahren diese ( Grön-land-Westspitze ), drehen leicht östlich ab und gleiten in sehr respektabler Entfernung an der über 50 Meter hohen und mehr als 2 Kilometer breiten Eisbarriere des Dodge-Gletschers entlang. In der Hartstene-Bay8 lassen wir die Anker fallen. Eine grossartige Landschaft. Im Osten als Buchteinrahmung die unmittelbar dem Meer entsteigenden Tafelberge von In-glefield-Land, im Westen in etwa 40-50 Kilometer Distanz der im späten Abendlicht von Ellesmereland hinüberschimmernde Wywille Thomson-Gletscher mit dem Cape Isabella. Wieder dieses sonderbare, zarte durchsichtige Licht! Wir erklettern die blanken Granitfelsen östlich der Hartstene-Bucht, eine arg 8 Diese liegt unweit am Eingang des West-Ost verlaufenden Foulke-Fjords, an dessen Nordufer sich auch die nördlichste Eskimosiedlung - Etah - befindet.

zerrissene Gebirgslandschaft am Mount Aubrey und Heywood Hill, zwischen dem 78. und 79. Breitengrad und staunen über die mannigfaltige Flora ihrer Tundra.

Drei Stunden nach Auslaufen aus Hartstene sitzen wir unerwartet in dichtestem Pack- und Presseis fest. Weiter nordwärts vorzudringen wäre Herausforderung des Schicksals! Das Eis hat uns besiegt. Wie sie höhnisch über die hochaufgetürmten Kämme des über- und untergeschobenen Presseises huschen, die Strahlen der eben wieder aufgegangenen Sonne, und wie knirscht, ächzt und kracht es an den Kabinenwänden! Immerhin sind wir damit rund 20 Kilometer über Cape Herschel vorgedrungen. Auf der Höhe von Cape Grinnel angelangt, nur etwa 8 Seemeilen ( 15 km ) vor unserem gesteckten Ziel - Pim Island auf Ellesmereland -wo sich prähistorische Eskimo-Siedlungsüberreste befinden sollen, drehen wir bei 78° 38'Nord und 74° 15'West nach Süden ab. Die höchste erreichte Breite entspräche - auf Spitzbergen übertragen - etwa dem Helis-Sund, dem oder Cora-In-sel in der Ekman-Bay im Eisfjord.

Wieder gegen Süden Trotz stetigem Durchschlängeln zwischen Eisbergen und Presseisschollen verläuft die Südfahrt ereignislos, bis wir nachmittags zwischen 77° und 75° 30'wieder in eine phantastische Eiszone geraten. Buchstäblich finden wir uns von Eis jeder Grösse und Art ( eingerahmt ), und dies ausgerechnet im ( eisfreien ) North-Water der ( Polynya>! Über uns ein fast tiefblauer Himmel, und welches Panorama in NW und SW! Eine hocharktische Szenerie, wie man sie sich kaum vorstellen kann. Im NW die mit Inlandeis überdeckten, sanften Bergkuppen der Südostspitze von Ellesmereland mit dem Cape Norton Shaw und den Stewarts-Is-lands, im Südwesten die leuchtenden Gletscher von Coburg-Island und der Treuter-Mountains auf North Devon. Unglaublich, grossartig, diese wunderbar zarten bläulichen Farben! Wir müssen erneut zahlreichen Eisbergen ausweichen; spitz und senkrecht aufgerichtet ragen sie wie Orgelpfeifen, oder gleich südmarokkanischen Kasbahburgen oder zerfallene Schlossruinen, steil in die Höhe. Immer deutlicher entsteigt nun dem Meer vor uns die fast 40 Kilometer lange Co-burg-lnsel. Blickt man rückwärts nach Norden, scheint die ganze Kulisse am Horizont aus einer einzigen ungeheuren zusammenhängen- den Eismasse zu bestehen. Jetzt zeigt sich auch, dass Coburg-Island eine Gebirgslandschaft für sich darstellt und fast ringsum von Eis blockiert ist. Urgestein und Eis beherrschen die ganze Runde; es scheint, dass wir dem Höhepunkt unserer Arktisfahrt zusteuern! Im Osten vor Grönland lagert sich bereits wieder die berüchtigte Nassnebelbank. Wir suchen die lockersten Stellen im Eis und lassen nordöstlich, nahe von Cambridge-Point, die Anker fallen. Feierliche Stille liegt über diesem Land, die dunkelrotbraunen Berge vor uns erglühen in der langsam absterbenden Nachmittagssonne. Auf den Felsleisten der Insel hocken sie zu Hunderttausenden, die arktischen Vögel, die von uns und unseren Zodiacs kaum Notiz nehmen.

Mehr oder weniger programmgemäss9 nehmen wir nun Kurs auf Cape Sparbo, dem Überwinterungsort des dänischen Polarforschers Frederic Cook von 1908/09.

Im Kielwasser von Franklin und Amundsen in den Lancastersund Punkt Mitternacht stechen wir wieder in See, Kurs Lady Ann-Strait-Baffin-Bay-Lanca-ster-Sund, womit wir uns von nun an in ( historischem Fahrwasser ) bewegen: auf der Route von Sir John Franklins Schiffen und ( Terror ) ( 1845 ) und Roald Amundsens ( Gjöa> ( 1903 ). Eine imposante Eislandschaft umgibt uns. Im Westen die riesigen Hochlandglet-scher der Cunningham Mountains, im Süden, auf Bylot-Island, die Inlandgletscher der Byam-Mountains, die alle auf etwa 2000 Meter Höhe liegen. Wir folgen weiter dem Südkurs. Stunden später ankern wir vor den Wollaston-Inseln im östlichen Lancaster-Sund. Hier sind wir tatsächlich gar nicht mehr so weit vom Schauplatz des Franklin-Dramas von 1845/47 entfernt. Nur noch einige Stunden Westfahrt und wir wären vor der Beechey-Halbinsel in der -Bay am Nordufer der Barrow-Strait. Dort traf der englische Admiral Sir John Franklin jenen folgenschweren Ent- 9 Nachdem wir noch den ganzen Grisefjord auf Lincoln-land durchkreuzt haben.

schluss, mit seinen beiden Schiffen ( Erebus> und ( Terror ) und mit über 130 Mann Besatzung zu überwintern; ein Entschluss, der dann zwei Jahre später mit einer Katastrophe, der grössten bisher in der Arktis, endete.

Nach einer Zwischenlandung auf Pond Inlet steuern wir bei herrlichstem Sonnenschein und leichter, erfrischender Brise gegen Osten. Beim Passieren der SO-Spitze von Bylot-Island sehen wir den letzten Eisbär an der Küste hocken. Kaum reagiert er auf unsere Dampfpfeife - er denkt wohl: ( Haut's nur wieder ab, ihr frechen Eindringlinge in mein Reich - die Arktis. ) Mit Pond Inlet, das auf 74° 41'Nordbreite liegt, verlassen wir zugleich die eigentliche kanadische Hoch-Arktis, und leider haben sich damit auch meine anfänglichen Befürchtungen wegen der späten Abreise bewahrheitet. Das hochgesteckte Programm konnte bei weitem nicht erfüllt werden und wir kamen auch nicht mehr in den Genuss der Mitternachtssonne, die uns die Tage im hohen Norden bedeutend verlängert hätte. Auch das grandiose Farbenspiel der nächtlichen Sonne an den Bergen sowie auf den Gletschern, dem Packeis und der Tundra blieb uns versagt.

Schlussbetrachtung Wie vor dem Antritt einer grossen Reise, ist es auch am Ende einer solchen uns Menschen im allgemeinen immer etwas sonderbar zu Mute. Wir verbinden das Ende mit dem Anfang, wiederum den ersten mit dem letzten Zug, und endlich reihen wir das also Zusammengeschlossene - all das Erlebte und Gesehene, all das Erfreuliche und Enttäuschende -als bleibenden Schatz in unserer Erinnerung ein.

Während diesen Betrachtungen haben wir am Quai in Halifax angelegt. Bald werden wir Arktis-Freunde uns wieder in alle Himmelsrichtungen zerstreuen.

An einem Samstagabend sind wir in Reykjavik auf Island ausgelaufen und heute an einem Samstagmorgen legen wir in Halifax, auf Neuschottland, an. Dazwischen liegen Wochen höchster Spannung, Begeisterung und tiefstem, glücklichstem Erleben - aber auch schmerzlichste Enttäuschungen.

Schon liegt all das Schöne und Erlebte - die Arktis - wieder weit zurück, ist so fern! Aber wer weiss, vielleicht eines Tages...

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