Vrenelisgärtli

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON PAUL AEBLI, GLARUS

Mit 2 Bildern ( 46/47 ) Es gibt im Leben des Bergsteigers Momente, die für immer in der Erinnerung haften bleiben, als strahlende, rasch verklärte Höhepunkte im Erleben unserer so unerklärbaren Leidenschaft. Es können dies bedeutsame Momente sein: der Ausstieg aus einer schweren Wand oder kleine, unscheinbare Begebenheiten, ein kurzer, dem Alltag abgestohlener Tag in den heimatlichen Bergen. Mir scheint es, meine letzte Besteigung mit meinem Neffen, Mitte Oktober 1965, gehöre auch zu diesen Höhepunkten. Das Vrenelisgärtli, ein weitbekannter Gipfel, übt nicht nur auf die « Auswärtigen », sondern ebensosehr auf uns Glarner einen grossen Reiz aus.

Das Vrenelisgärtli ( 2904 m ), dieser stolze Berg, wurde im Jahre 1848 von den Herren Siegfried und Joh. Madutz zum erstenmal bestiegen. Dieser Gipfel gehört zur Glärnischgruppe und wird begrenzt durch das Klöntal—Rossmatter Tal-Gassenfurkel-Linthal.

Vom « Vrineli » - wie wir im Glarnerland sagen - leuchtet aus der Höhe von fast 3000 m die glitzernde Kante jenes Gletschervierecks in das Tal hinunter, das aus der Alpen lang gestrecktem Panorama zu allen Zeiten aufgefallen ist. Wohl schaut man es im Glarnerland vom Tal aus nirgends als den viereckigen « Garten », der es aus allen Spitzen und Zacken der Alpen heraushebt; so muss die Sage wohl eher ausserhalb des glarnerischen Gebietes entstanden sein. Die Sage von jener übermütigen Jungfrau, die trotz aller Abmahnungen « man muss Gott nicht versuchen » - versuchte, auf dem Gipfel einen Garten anzulegen. Ein kupfernes Sennkessi stülpte sie über den Kopf, um gegen den Schneefall gesichert zu sein. Als sie aber oben war, da fing es so heftig an zu stürmen und schneien, dass « Vriini » das Kessi vor Schwere nicht mehr vom Kopf nehmen konnte. Der nasse, schwere Schnee hat das Mädchen zu Boden gedrückt und eingeschneit. Georg Thürers Gedichtband « Vrinelisgärtli » enthält folgenden Vers:

Und niemert weiss es Zeiche Vum Vrineli sit due. Am Sunntig d'Lüüt, di bleiche, Erbätted: Gib em d' Rueh! A schüüne Summerabed Isch eim zwar tiggemal, Mä gsäch, wann alls vergraabed, Am Glärnisch nuch e Strahl. Ja, d'Rose sind 's vum Vrini Im höchste Gletscherfäld. Im Alpeglüeje gsihni Em Vrineli si Wait.

In einer schönen Mondnacht also machen wir uns auf den Weg, diesen sagenumsponnenen Gipfel über die Guppenwand zu besteigen. Der Marsch führt uns in drei Stunden von Glarus über Wiesen und durch Wälder nach dem schönen Dorf Schwändi, nach dem Guppen-Oberstafel, wo wir in der Alphütte Nachtquartier suchen. Am Morgen früh, um 5.30 Uhr, steigen wir guter Dinge weiter. Ein Pfad führt uns über Wiesen, Geröll und Fels auf das sogenannte Firnband vom Guppenfirn. Vor dem Einsteigen in die Guppenwand schalten wir eine Stärkungspause ein. Nun geht es in leichter Kletterei dem Gipfel entgegen. Die Südwand des « Vrinelisgärtli » bietet keine Schwierigkeiten, sie ist sozusagen überall gangbar. Nach vier Stunden reichen wir uns auf dem Gipfel die Hände. Wir nehmen uns reichlich Zeit, um die herrschende Föhnstimmung im Süden und die wuchtigen Schlechtwetterwolken im Westen zu bestaunen. So eine Gipfelrundschau ist jedesmal ein neues Erlebnis. Es ist herrlich, Zeit und Musse zu haben, es sich gemütlich zu machen. Wir kochen Kaffee, schauen in die Weite und bleiben für eine volle Stunde. Nun traversieren wir in einer Stunde zum Gipfel des Rüchen Glärnisch ( 2901 m ). Erste Ersteigung durch Oswald Heer 1832. Auch hier bleiben wir lange trotz der stets näherkommenden Schlechtwetterfront. Der Föhn packt zusammen, pflegen wir zu sagen. Mit neuem Unternehmungsgeist steigen wir auf den Glärnischfirn hinunter und erreichen nach einer Stunde die Glärnischhütte. Hier verweilen wir nicht lange, sondern steigen bald nach Käsern, wo wir uns bei Väterchen Gubser an einem Kaffee gütlich tun. Bereits ist es 16 Uhr, es regnet; wir marschieren frohgelaunt über herbstliche Wiesen und durch Wälder ins Klöntal hinein, dem sagenumwobenen Klöntalersee entlang. Es regnet weiter, über dem See liegt Nebel, der Weg ist voller Laub, die Dämmerung bricht herein, es wird Nacht. Diese schöne Stimmung beherrscht unsere Herzen vollkommen. Weiter folgen wir dem gut angelegten Wanderweg; Rhodannenberg erreichen wir bei Laternenschein. Nun geht es dem Löntsch entlang nach Glarus, wo wir um 19.30 Uhr, zufrieden über das grosse Erlebnis, eintreffen.

Noch einmal ziehen die Gedanken ins liebliche Tal, zwischen Glärnisch und Wiggis, wo wir solcher Grosse, Klarheit und Einfachheit begegnen durften. Auch auf den Bergen hält die Gottheit Schule.

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