Vulkane und Ausbrüche

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VON HAROUM TAZIEFF, PARIS

Die Vulkane säumen bestimmte schwächere Zonen der Erdkruste, auf Hunderte und manchmal Tausende von Kilometern Länge. Die bekannteste dieser Vulkanreihen ist der Feuerkranz des Pazifiks. Doch es gibt noch andere: im Schosse der Weltmeere, im Innern Afrikas, am Rande gewisser Bereiche des Atlantischen und des Indischen Ozeans, in dem tiefen Graben des Mittelmeers. Man zählt derzeit, in diesen verschiedenen Regionen zu langen Ketten aufgereiht, über sechshundert tätige Vulkane Hinzuzurechnen ist ausserdem eine Menge von erloschenen Vulkanen, richtiger gesagt: als erloschen geltender, denn es erweist sich hie und da als ziemlich vermessen, einen in einem tätigen Gebiet liegenden Vulkan als ausgebrannt und « tot » zu erklären. Als der Ahne des heutigen * Der Verlag Albert Müller AG, Rüschlikon-Zürich, hat uns aus dem Buche: Haroum Tazieff « Tore der Hölle » den Abdruck eines Auszuges aus dem Kapitel « Vulkane und Ausbrüche » gestattet. Viele Berge sind durch Vulkane entstanden und werden noch heute durch sie gebildet. Diese Schilderungen Tazieffs dürften deshalb für unsere Leser, die das empfehlenswerte Buch nicht kennen, von besonderem Interesse sein.M. Oe.

Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. explodierte, Herculaneum, Stabiae und Pompeji begrabend, galt er seit langer Zeit als harmlos geworden. Die verkohlten Überreste, die viele Jahrhunderte später freigelegt wurden, zeugen von den schrecklichen Enttäuschungen, denen die Vertrauensseligkeit des Menschen in dieser Beziehung ausgesetzt ist.

Vulkane, bei denen bloss noch Dampf- und Gasaushauchungen den Fortgang der vulkanischen Tätigkeit zwischen zwei Eruptionsepochen anzeigen, werden als ruhend bezeichnet, und man spricht dann, je nach der chemischen Zusammensetzung und der Temperatur dieser Exhalationen, von Fumarolen-, Solfataren- oder Mofetten-Tätigkeit beziehungsweise -Stadium. Solche Aus-hauchungen, mehr oder minder heiss, von zeitlich und örtlich veränderlicher Zusammensetzung, treten da nur träge, dort mit Ungestüm aus.

Der Vesuv schlummert seit seiner grossen Eruption im Jahre 1944, der Hekla auf Island seit der von 1947, der Mont Pelé auf Martinique seit 1929, der Vulcano auf den Liparischen Inseln seit 1890. Die meisten Essen, die den Feuerkranz des Stillen Ozeans bilden, ruhen zwischen ihren heftigen Paro-xysmen. Auf Grund erdmagnetischer Messungen sowie systematischer Beobachtungen von Temperatur und Zusammensetzung der Exhalationen dieser schlafenden Vulkane ist es möglich, Ausbrüche voraussagen und durch rechtzeitige Evakuierung der bedrohten Bevölkerung gar manches Leben zu retten. Die Holländer auf den Sundainseln, die Japaner in ihrem Inselreich, in Kamtschatka die Russen haben auf diese Weise den Verlust Tausender von Menschen vermieden.

Im Gegensatz dazu kennen andere Vulkane nur sehr selten eigentliche Ruhezeiten zwischen zwei Eruptionen. Das Effusivgestein bleibt hier während der Phasen, in denen es nicht hervortritt, in unmittelbarer Nähe der Oberfläche. Manchmal hebt die Gärung schon nach einer ziemlich kurzen Pause wieder an, als Vorspiel zu einem neuen Ausbruch. Der Schlot des Strombolis enthält ständig schmelzflüssige Lava; der Schub der magmatischen Gase schleudert sie in die Luft empor, und zwischen den einzelnen Explosionen vergehen jeweils kaum einige Minuten. Der Kilauea auf Hawaii, der Sawai auf der gleichnamigen Samoainsel, der Kljutschewskoj in Kamtschatka, der Niragongo in den Virunabergen des Kongogebiets, der Erebus auf der Rossinsel in der Antarktis weisen als eigentümliche Besonderheit einen See feuriger Lava auf der Sohle ihres Kraters auf. Diese Vulkane rechnet man zum sogenannten Hawaii-Typus. Jahrelang ist der Lavasee in dauerndem Aufruhr; sein Spiegel hebt und senkt sich, und an jenen Stellen der Oberfläche, wo die aus der Tiefe empor-gedrungenen Gase durchschlagen, sprühen Fontänen bis zu mehreren Dutzend Meter Höhe empor. Steigt der Spiegel des Feuersees, so kommt es vor, dass die Lava den Krater bis an den Rand füllt und überfliesst, oder dass der Ringwall des mächtigen Kegels sich unter dem Druck der intratel-lurischen Kräfte spaltet und die austretende Lava über die Flanken hinabströmt. Man nennt das eine effusive Eruption.

Ebenso wie verschiedene Vulkantypen existieren, gibt es nämlich auch verschiedene Ausbruchs-Typen.

Die hawaiianischen Vulkane, jene Islands, desgleichen die meisten im Herzen der Weltmeere bestehenden fördern sehr dünnflüssige Schmelzen, die hie und da riesige Flächen bedecken. Dagegen sind die Laven der Vulkane am Rande der Weltmeere rund um den Pazifik, auf den Kleinen und Grossen Antillen, im Sunda-Archipel bedeutend zähflüssiger, erstarren rasch und können sich nicht über so beträchtliche Flächen ausdehnen. Diese auf der besonderen chemischen Zusammensetzung der Schmelze beruhende Zähflüssigkeit behindert den Aufstieg der Gase durch das Magma und ihren allmählichen Austritt. Daher stauen sie sich unter enormem Druck, bis - sobald die Wider-standsgrenze des vulkanischen Gebäudes überschritten ist - die Explosion erfolgt, immer sehr heftig, manchmal mit vernichtender Gewalt.

.'Als Beispiel von Eruptionen dieses Typs seien die des Merapis und des Papandajans auf Java erwähnt, die des Temboros auf der Sundainsel Sumbawa im Jahre 1815, die den Vulkan um 1500 m erniedrigte und über 60 000 Menschen das Leben kostete, vor allem aber die des Krakataus, eines Inselvulkans in der Sundastrasse, im Jahre 1883, bei der zwei Drittel der Insel in die Luft gesprengt worden sind. Der Donner der Explosion wurde bis nach Australien vernommen, mehr als 4000 km weit. Eine Rauch- und Aschensäule stieg bis zu 30 km hoch an und war noch in 700 km Entfernung sichtbar, um sich dann in eine Wolke zu verwandeln, die im Laufe der folgenden Monate mehrmals rund um die Erde kreiste.

Die Kunde von dieser Katastrophe, bei der 50 000 Menschen umgekommen sind, erfüllte die Welt mit Bestürzung. Weniger als 20 Jahre später sollten die Verheerung von Martinique und der Untergang der Stadt St-Pierre eine noch grössere Erschütterung verursachen.

Der Untergang dieser Stadt ist wahrlich eine seltsame Geschichte, die als Illustration menschlicher Verblendung dienen könnte!

Seit einem halben Jahrhundert lebte der kleine Antillen-Hafen am Fusse der Montagne Pelée, und die manchmal um deren Gipfel geisternden Rauchfahnen wurden kaum beachtet. Die Erinnerung an den übrigens ziemlich schwachen Ausbruch von 1851 war im Gedächtnis der Menschen, die das milde Klima sorglos machte, längst verblasst. Man war an diesen Vulkan gewöhnt, der den Hintergrund der Stadt bildete: Als Ausflugsziel beliebt, wurde er an Sonntagen von fröhlichen Karawanen bestiegen, denen es besonderes Vergnügen bereitete, nach einem 8 km langen Aufstieg über die hügeligen, grasbewachsenen Flanken am Rande des Kraters zu picknicken. Das war damals die Einstellung der Einwohner von St-Pierre, insgesamt rund 30 000 Menschen, darunter etwa 7000 Weisse.

Gegen Mitte April 1902 bemerkte man ohne allzu grosse Verwunderung, dass der Berg stärker zu rauchen begann. Die Wolke verdichtete sich und wurde ziemlich dunkel. Manchmal wirbelten die Schwaden ungestümer empor, und die Jugend, die, von der Seltsamkeit des Schauspiels angezogen, eifriger denn je zum Gipfel hinaufkletterte, berichtete von einem dumpfen, unterirdischen Rollen, das hie und da zu hören sei. Dann aber mussten diese Ausflüge eingestellt werden, eines feinen Aschenregens wegen, der den Aufenthalt am Kraterrand höchst ungemütlich machte. Das Rollen verstärkte sich, die Rauchsäule wurde dicker und immer schwärzer. Man sprach jetzt wieder von 1851... Nun, 1851 war die Stadt selbst nicht bedroht gewesen.

Zeichen von Unruhe zeigten als erste die Tiere. Sie begannen, die dem Krater benachbarten Hänge zu verlassen, und man beobachtete, dass die Schlangen und Eidechsen, die Spalten und Ritzen der alten Laven räumend, in die Plantagen einfielen und sich der Stadt näherten, während die Zugvögel die Gegend mieden. Gewisse merkwürdige Erscheinungen beunruhigten die Seeleute: bei Windstille auftretende Sturzwellen, unvermittelte Temperatursteigerung des Wassers... Der Aschenregen rieselte immer dichter auf die Felder nieder und erreichte schliesslich auch die Stadt, während die inzwischen gewaltig angewachsene Rauchwolke zu dem von plötzlichen Gewittern heimgesuchten tropischen Himmel aufstieg. Am 5. Mai, zweifellos zufolge des Einbruchs von Lava und Asche in einen kleinen See, der sich im Krater gebildet hatte, wälzte sich ein Strom heissen Schlamms die Hänge herab und drang in eine Zuckerraffinerie ein, 25 Personen tötend. Bald darauf kamen die Flüchtlinge scharenweise nach St-Pierre und schlugen Alarm.

Die Lage wurde ernst. Was unternahm die Obrigkeit? In erster Linie war sie um die gerade bevorstehenden Wahlen besorgt. Auf keinen Fall durften die Wähler die Stadt vor dem Wahltag verlassen... Man schlug beruhigende, auf dem Urteil einer « wissenschaftlichen Kommission » fussende Verlautbarungen an und Aufrufe, in denen an die Kaltblütigkeit der Bevölkerung appel- liert wurde. Die Gefahr verachtend, eilte Generalgouverneur Mouttet eigens von Fort-de-France herbei, um die Ängstlichen zu beschwichtigen. Das Ergebnis war, dass trotz des täglich stärker anschwellenden Dröhnens, trotz der unheilverkündenden, von zuckenden Blitzen erhellten Rauchschwaden und der Aschenwolke, die der Wind nach St-Pierre trieb, nur wenige sich zum Weggehen entschlossen. Die Stadt, ganz im Banne der Wahlleidenschaften, durchlebte fiebernd ihre letzten Tage.

Inzwischen fing der Krater an, glühflüssige Lava zu verströmen. Die Aschen, zu Tausenden von Kubikmetern je Sekunde ausgestossen, breiteten sich zu einem riesigen, schwarzen Schirm aus, der die Sonne verdeckte, fielen ohne Unterlass auf das ganze Gebiet nieder. Derweil die Stadt sich solcherart in eine Weltuntergangs-Dämmerung hüllte, wurde das brausende Grollen fürchterlich. Bald platzten noch gewaltige Detonationen dazwischen. Drei Tage lang wuchs die Bangigkeit mehr und mehr an, trieb die Einwohner auf die Strassen, stiess sie in die Kirchen und scheuchte sie wieder in ihre Keller. Dann liess ein Abflauen der unheimlichen Erscheinungen die Menge sich abermals der Politik zuwenden. Augenscheinlich war alles vorbei, der Vulkan beruhigte sich ja bereits wieder, es würde wie 1851 sein... Man versammelte sich vor den ermutigenden Anschlägen. Einige Leute zogen in Kutschen davon, andere schifften sich nach Fort-de-France oder Guadeloupe ein, doch nach wie vor legten Dampfer im Hafen an. 8 km von der Stadt entfernt stieg die schwärzliche Säule höher und höher, ständig dicker werdend und ununterbrochen von Blitzen durchzuckt. Sturzbach-artige Wolkenbrüche überfluteten die Stadt.

In der Nacht vom 7. zum B. Mai steigerte sich die Heftigkeit des Kataklysmus immer mehr, endlich die längst schwebende Panik auslösend. Bei Tagesanbruch drängten 40 000 Menschen -Männer, Frauen, Kinder, Schwarze und Weisse durcheinander - instinktiv dem Meer als einzigen Ausweg zu, hasteten zu den Kais und Landesteilen. Wieviele mochten in den zwei Dutzend dort vertäuten Schiffe Platz finden? Flammen schlugen nun aus der Kuppe des Berges, und ein unbeschreibliches, ohrenbetäubendes Brüllen schwoll über dieser reglosen, stummen Menge an.

Kurz vor 8 Uhr schwieg die Stimme der irdischen Urkraft, als wollte sie, dass alle diese Menschen Zeit fänden, an ihren Tod zu denken. Dann, plötzlich, mit einem Donnern wie von Tausenden feuernder Geschütze, barst der Gipfel des Vulkans, und eine Glutwolke brach hervor, die mit rasender Schnelligkeit hangabwärts Schoss. Zwischen Brandung und Berg gefangen, sahen die 40 000 die Feuerwand geradeswegs auf sich zurasen. Innert 3 Sekunden hatte sie die Anlagen des Forts und die Villen erreicht. Eine weitere Sekunde, und St-Pierre verschwand in der lohenden Gischt. Die Druckwelle, die die Glutlawine vor sich hin schob, wirbelte mit einem Stoss die ganze an den Kais zusammengedrängte Masse menschlichen Entsetzens ins Meer. Einen Augenblick später war das Wasser des Hafens kochend heiss, und in einer ungeheuren Dampfwolke kenterten die Schiffe, sanken oder flammten gleich Fackeln auf.

Unterdessen zerplatzen schlagartig die in den Lagerhäusern zu Tausenden aufgestapelten Rum-fässer, und der scheussliche Punsch ergoss sich über die verwüsteten Strassen, um in flammenden Bächen ins Meer zu rinnen.

Von den Tamarisken, den purpurnen Hibiskusblüten, den Gesichtern der jungen Mädchen, dem zarten Fleisch der Kinder, den'Runzeln der Greise, den Gedanken, Sorgen, Zärtlichkeiten und Zer-würfnissen, von der gesellschaftlichen Hierarchie und den Plakaten, mit denen die Stadt ihren lach-haften Willen kundgetan, von alledem blieb buchstäblich nichts. Am Nachmittag, als der Vulkfti, noch immer murrend, sich etwas beruhigte, wagten Mannschaften des Kreuzers « Suchet » in die vernichtete Stadt vorzudringen, in der da und dort noch Brände wüteten. Bloss drei Überlebende, entsetzlich verbrannt, fanden sie unter all dem Schutt; zwei starben beinahe sogleich, der dritte wenig später. Aber im Kellergeschoss des Gefängnisses war, weiss Gott welch lächerlicher Geringfügigkeit wegen, ein alter Neger eingesperrt worden, dessen verzweifelte Rufe nach zwei oder drei Tagen endlich von den noch immer die Trümmer durchsuchenden Matrosen vernommen wurden. Er war unverletzt davongekommen, und so konnte doch immerhin ein Mensch durch seine leibliche Anwesenheit bezeugen, dass St-Pierre existiert hatte.

St-Pierre, das ist die Stadt, deren sämtliche Einwohner gestorben sind, die an jenem Tag nicht hätten sterben müssen.

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