Wanderungen in den Karpaten

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Von Fritz Mollet

Mit 1 Bild ( 103Küchberg, Zürich Wer östlich der Donau aus der Ungarischen Tiefebene zum Schwarzen Meer gelangen will, hat noch einmal einen Gebirgszug zu überschreiten, der dort, wo die Hauptbahnstrecke hinüberführt, von Norden kommend, fast rechtwinklig nach Westen umbiegt. Das ist der Gebirgszug der Karpaten. Lange Zeit Grenzwall zwischen Europa und Asien, trotzdem die Geographen diese Rolle dem Ural zuschreiben. Hier standen und starben die Vorposten der Westländer. Über seine Pässe flutete die Masse der Steppenvölker nach Westen, neue Heimstätten suchend oder auch nur auf Beute ausgehend, und über dieselben Pässe marschierten europäische Heere nach Osten in den Tod. Heute liegt dieses Grenzgebirge weit hinter dem Stacheldraht, der sich von Stettin nach Triest zieht. In dem erwähnten rechten Winkel aber liegt Siebenbürgen, einst eines der schönsten Länder der alten Donaumonarchie, später Zankapfel und Ausbeutungsobjekt von Balkanstaaten, heute ein Teil des Niemandslandes zwischen zwei Welten und Kriegen.

Vor Jahrhunderten haben ungarische Könige zur Verstärkung des Grenzschutzes aus der mittleren Rheingegend deutsche Siedler ins Land gebracht. Ritterorden haben an den Passübergängen feste Burgen gebaut, deren sieben dem Lande seinen Namen gaben. Deutscher Bauernfleiss hat in Jahrhunderten wilden Wald in fruchtbares Land verwandelt. Und deutsche Verblendung hat es in kaum einem Jahrzehnt verspielt und volkseigene Stämme dem Untergang preisgegeben.

In wachsenden Wellen steigen die Karpaten gegen Osten und Süden an, um auf der andern Seite in den Ebenen der Moldau und des Donautief-landes zu verebben. Formen und Gesteine erzählen von einem alten Gebirge, das vielfach in Falten gekrümmt, in Schollen zerrissen und von Wind und Wetter der Jahrtausende wieder abgetragen und zerfurcht ist. Ehe sich hier Menschen gerauft, haben die Naturkräfte ihre Schlachten geschlagen.

Lange bevor man das Gefühl hat, in ein Gebirgsland zu fahren, steigt die Bahnlinie allmählich an. Zuerst durch ausgedehnte Kornfelder und zwischen flachen Rebhügeln, in die sich hier und dort ein Dorf duckt; eng zusammengebaut und auch noch um die einzelnen Höfe Mauern, als müssten sie sich auch heute noch vor Mongolen und Türken fürchten. Ab und zu hält der Zug in einer kleinen Stadt mit sauberen Häusern, wie sie einst auch am Rhein gebaut worden sind, mit reinlichen Strassen und einem alten deutschen Namen, den man heute nicht mehr nennen darf. Langsam weicht das Gold der Felder dem satten Grün saftiger Wiesen und dem Lichtgrün buchen-bestandener Hügel. Neben den schwarzen Büffeln weiden hier braunweiss gescheckte Rinder, die auch einst aus dem Westen kamen. Wieder über eine Zeit wird das Grün des Waldes dunkler und die Täler enger. In Fichtenkronen fängt sich der Rauch der Maschine, und aus dem Wagenfenster sieht man über dem Walde kahle Kuppen, felsdurchsetzte Grasrücken, wo Schafe und Gemsen die Weide teilen. Dann geht es wieder talwärts. Aber die Landschaft hat sich in eigenartigerweise gewandelt: wo bei der Bergfahrt üppige Buchenwälder die Bahn begleiteten, sind nun kahle, teils sandige, teils schiefrige Erhebungen, mit Steppengras und Heidekraut bewachsen, wo nicht der Regen breite lehmige Bachrunsen ausgefressen hat. Selten ein paar Akazien oder an feuchten Stellen ein Erlengestrüpp. Und ärmlich wie die Landschaft sind die durchfahrenen Dörfer mit ihren lehmverputzten, schiefen Blockhäusern. Erst tief unten ist das Land wieder fruchtbar und nicht zu übersehen in der Weite seiner Korn- und Maisfelder. Auch Wein wächst hier wieder, aber er hat keinen Vornamen wie seine Brüder im Westen. Und wie mit dem Wein ist es mit den Bergen und, je weiter man nach Osten kommt, mit den Menschen: du heissest « Bruder » oder « Väterchen ».

Jede Landschaft hat ihr eigenes Antlitz. Jedes Auge sieht dieses Antlitz anders, weil es nie nur schauender Spiegel ist, sondern am Bilde dieser Landschaft mitgestaltet gemäss der Eigenart seines Trägers. Anders sieht das Auge des Bauern, anders das des Jägers. Jugend und Alter, Mann und Frau sehen verschiedene Bilder. Denn Schauen ist Zwiesprache mit den Dingen ausser uns, und wir gehören als Partner dieser Zwiesprache mit all unsern Besonderheiten mit dazu. Aus der Vielfalt der Dinge sprechen uns jene an, die eine Saite unseres Wesens in Schwingung zu versetzen vermögen, und diese Musik ist das Bild der Landschaft Immer sind die Dinge in ihrer Vielfalt da; zur Landschaft werden sie durch das schaffende Auge.

Wir wollen die Karpatenlandschaft betrachten mit den Augen des Gastes und Wanderers. Wir wollen sie erzählen lassen von ihrem Werden, Leben und Schicksal. Was Natur und Menschen geschaffen, wie sie ihre Geschöpfe geformt. Und einen Blick werfen von der Höhe in das Land, aus dem sie aufsteigt. Von Namen und Wegen soll nicht die Rede sein, das haben andere gut und ausführlich besorgt.

Wer aus den Alpen kommt, muss zunächst seinen von dort gewohnten Maßstab ändern. Denn die Höhe der Karpaten überschreitet kaum die Schneegrenze, und nur wenige Schroffen und Wände locken den Kletterer. Bergsteigen ist hier eine völlig andere Sache als in Fels und Eis. Es gibt kaum das grosse Ringen mit dem Berg, auf dass er einen segne; es fehlt aber auch der Missbrauch des Gebirges zur Befriedigung privater Eitelkeit. Es ist ein Wandern mit seinen eigenen Gesetzen, nicht immer leichter als Bergsteigen, immer aber ebenso beglückend für den, der dieser Landschaft in der rechten Weise entgegentritt. Ihre Mannigfaltigkeit ist andrer Art, aber nicht geringer als die der Alpen. Und es liegt ebenso an Wetter und Jahreszeit, ob eine Fahrt vergnüglicher Spaziergang oder letzten Einsatz fordernde Angelegenheit sei. Im Schneesturm fallen die Unterschiede dahin.

Wo Fels und Gestein zutage treten, lesen wir unmittelbar im Buch der Geschichte dieses Gebirges. Wir wissen aber auch, dass die Menschen aus seinem Innern Erze, Kohle, Gold, Salz und an seinem Südrand Erdöl gewinnen. Wo Kohle liegt, da war einst Wald; das öl wiederum stammt aus Meeresablagerung. Über den Kohlenflözen liegen wieder Hunderte von Metern starke Kalkbänke und -schollen, die aus dem Meer durch Naturgewalten aufgefaltet und übereinandergeschoben worden sind. Land und Meer haben also um den Besitz dieser Landschaft gekämpft. Dazu ist an andern Stellen die Tiefe aufgebrochen; Basalte und kristalline Schiefer erzählen davon, und irgendwo verraten Bächlein und Quellen durch ihren Geruch nach Schwefel vulkanische Erde. Wasser, Wind und Gletscher haben Täler gefurcht und diese wiederum mit Gestein der einst höheren Berge erfüllt. Und als dieser Kampf ruhiger geworden und die obersten Schichten an Wind und Wetter zerfallen waren, da war die Zeit reif für den Wald, der viele weitere Jahrtausende uneingeschränkt Land und Gebirge bedeckte. Auch heute breitet sich dieser Urwald noch über weite Gebiete der Karpaten.

Wie der Gast aus Hügel- und Tiefland immer wieder zu den Bergen zurückkehrt, weil sie ihn in seiner Tiefe angesprochen haben, so ist auch der, der jahrelang in den Karpaten gelebt hat, in ganz eigener Art dem Walde verfallen. Und in beiden Fällen bleiben alle hierfür erbrachten Erklärungen verstandesmässiger Natur an der Oberfläche. Weder Hygiene noch Ästhetik können darauf eine Antwort geben. Die Bergsteiger sprechen dann von einem geheimnisvollen « Es », das sie treibt, und sie werden von keinem verstanden, der nicht selber Bergsteiger ist. Seine eigene Höhe und seine Sterne trägt der Bergsteiger zur Höhe der Berge und ihren Sternen. Der Wanderer im Walde sucht Antwort auf seine eigene Tiefe, und der Wald versagt sie ihm nicht. Hier findet er wieder das Geheimnis des selbstverständlichen Lebens, das ihm der Alltag mit seinen Bindungen und Wirrnissen verschüttet hat, den Grund, aus dem sein eigenes Leben quillt und in den auch sein Sterben münden wird. Wo der Wald zu dir redet, da ist alles erfüllt, und du bist nicht mehr einsam.

Zugleich aber lernt der Wanderer, dass er hier nur Gast und Fremdling ist bei den Menschen, die selbst Geschöpfe des Waldes sind, den Bauern und Hirten, denen der Wald in ganz anderer Art Heimat und Schicksal ist. Wie es schönstes Geschenk für den Bergsteiger ist, eines grossen Führers Zuhörer oder gar Freund zu sein, so reich macht den Wanderer in den Karpaten die Freundschaft eines echten Jägers und Hegers. Und je reifer beide sind, um so weniger ist die Rede von ähnlichen äusseren Leistungen. Hier stehen sich zwei Menschen gegenüber, die um die andersartige Tiefe und Herkunft des Partners wissen. Das macht eine solche Freundschaft so fruchtbar.

Der Wald ist nicht kleinlich. Ernährt er seine eigenen Geschöpfe, so gibt er auch seinen Menschen Holz für ihr Haus und Weide für ihr Vieh. Heimat und Schutz ist er Bauern und Hirten, und diese finden es in der Ordnung, wenn einmal die Wildschweine in ihren Acker geraten oder der Bär sich eines ihrer Schafe holt. Kampf gehört ebenso zu ihrem Leben wie alles andere.

Lange Zeit herrschte Gleichgewicht, und die alte Monarchie sorgte für seine Erhaltung durch wohlgeführte Verwaltung und durchdachte Gesetze. Bis jene andern kamen, die den Wald nach Kubikmetern massen. Aus den Städten, wo auch der Mensch nach seiner Eignung zur Ausbeutung gewertet wird. Die Maschinen und Kolonnen fremden Gesindels brachten und tiefe Breschen in den Wald schlugen, damit sie ihre eigene Welt bauen konnten, wieder aus der Substanz des Waldes, aber zu Staub zerschliffen und mit den Zeichen der Oberfläche bedruckt. So sieht sie auch aus.

Wohl verhielten Gesetze die Raubgesellschaften zur Wiederaufforstung. Auf den kahlgeschlagenen Hängen wurden in regelmässigen Abständen junge Fichten gepflanzt. Dies war das Billigste an Geld und Phantasie. Dem Gesetz war Genüge getan, und die Fichten gingen ein. Dennoch ist der Wald der Stärkere: indessen sich niemand um die geschlagenen Breschen kümmert, schickt er Millionen geflügelter Samen aus den benachbarten Beständen. Gute und böse, er hat es nicht eilig. Mögen jahrzehntelang sich Kraut und Dorngewächs breitmachen, Jungholz wird sich wieder durchsetzen, und einmal wird auch wieder Hochwuchs darausragen. Die Menschen sind zurzeit anderweitig beschäftigt, mit eigenem Kraut und Dorngeschlinge. Und das Gebirge kommt dem Walde zu Hilfe, mit Felsriegeln Zugang und Abfuhr hemmend. So wird der Wanderer noch lange unberührten Wald finden, wie der Bergsteiger auch heute noch Berge findet, die des Schmuckes von Seilbahnen samt ihrem Zubehör an Publikum und Kassieren entbehren.

Auf seinem Weg zur Höhe durchschreitet der Bergsteiger auch in den Alpen einen Wald, der dem Karpatenwald in mancher Beziehung ähnlich ist. Gerade in den tiefer gelegenen Regionen, wo einsichtsvolle Hege für naturgemässe Mischung in Art und Wachstum gesorgt hat, spricht ihn das Geheimnis an, das eine Summe von Einzelbäumen erst zu einem neuen Lebewesen, eben dem Walde, werden lässt. Auch höher oben, wo schon der Kampf mit den Naturgewalten in den Vordergrund tritt, ist es nicht viel anders als in den Schluchten und Windbrüchen der Karpaten. Und doch besteht ein wesentlicher Unterschied, und dieser Unterschied ist beim Menschen zu suchen. Der Bergsteiger, der bewusst Anteil nimmt an der Erschliessung des Gebirges, der auch teil hat an der Führung des Weges, den er beschreitet, der fühlt sich kraft seiner Erziehung auch irgendwie als Schützer des Waldes. Er schreitet darin wie in seinem Garten, wo er jeden Baum und Strauch kennt. Ausserdem hält er sich nicht auf, weil sein Ziel ja über dem Walde liegt. Er durchschreitet ihn auf ganz bestimmtem Weg. Ganz deutlich wird diese Einstellung bei nächtlichem Aufstieg, wo der Schein der Laterne sozusagen die Welt nach aussen abschliesst und das Gehör ausser dem Knirschen der Schuhnägel oder dem taktmässigen Aufschlagen der Pickelspitzen kaum einen Käuzchen- ruf wahrnimmt. Der Karpatenwanderer aber steht zum Walde von Anfang an so, wie der Bergsteiger über dem Walde zum Berg: er schaut nach Durchpass aus und sucht sich Rechenschaft zu geben, wie es wohl jenseits der nächsten Talbiegung aussehen wird. Mit hellwachen Sinnen sieht er nieder-getretene Stauden und Spuren am Boden und prüft die Streichrichtung des Windes. Vielleicht hat er sich jenseits oder über dem Walde ein Ziel gesteckt, aber seine Halte sind nicht Rasten auf zielstrebigem Marsch. Er steht eine Viertelstunde am Austritt in eine Senke, um kurz darauf von einem hier gewählten Standpunkt stundenlang eine Lichtung oder einen Windbruch unter den Augen zu halten. Ja, er richtet sich sogar für die Nacht ein, wenn ihm der Ort das Bild freilebenden Wildes verspricht. Er lernt aus dem Abstreichen eines Vogels auf das Vorhandensein andrer Lebewesen in dessen Nähe schliessen. Geräusche und Licht werden vermieden. Die Nacht redet mit tausend Stimmen zum Lauschenden, und langer Übung bedarf es, Entfernung und Sinn dieser Geräusche zu erkennen. Oft geht es ihm wie dem Bergsteiger, der nicht sagen kann, warum er diesen Eisturm nach links umgeht, und doch genau weiss, dass dort ein Weiterkommen möglich sein wird: scheinbar belanglose Zeichen und Geräusche bestimmen sein Verhalten, ohne dass der Waldgänger dafür eine Erklärung geben könnte.

In den Alpen erlebt das Auge den Anbruch des Tages, in den Karpaten tut dies das Ohr. Nicht nur das Erwachen der vielen Vogelstimmen kündet den nahen Morgen; das Knistern der Zweige, von fallendem Tau beschwert, verstärkt sich, Tropfen schlagen mit leisem Staccato aufs Blattwerk, und vielleicht steht auch ein kaum merklicher Wind auf und streicht flüsternd durchs Gezweig.

Wenn du dann Glück hast, siehst du jenseits am Rande des dichten Unterholzes, wo ein Sumpfbächlein verschwindet, die dunklen Umrisse von Wildschweinen, die den schafgedüngten Boden nach Wurzeln und Maden durchwühlen. Scheinbar sorglos graben sie mit ihren Rüsseln in der Erde, aber immer wieder prüfen die Windfänge die Luft, und ständig spielen die Gehöre. Es ist auch möglich, dass du einem Rudel Rotwild zusehen kannst, das langsam, grasend die Senke heraufzieht, immer, wie jedes Wild, gegen den Wind und in vorsichtiger Entfernung von allzu dichtem Gestrüpp. Und im Frühjahr, wenn die Herden noch im Tal und Läger und Weideplätze leer und von unbetretenem Gras sattgrün sind, kommt auch wohl der Bär oder gar eine Bärin mit Jungen zu einer vegetarischen Mahlzeit. Immerhin, ganz vegetarisch scheint sie doch nicht zu sein: jeder lose Stein wird umgedreht und der Untergrund nach Würmern und Larven abgesucht.

Oft aber hast du umsonst gewartet. Der Wind hat dich verraten, oder du hast am Vortag unwissentlich den Wechsel gekreuzt. Dann bleibt dir doch das Lied des jungen Tages, hier wie im Hochgebirge. Und das erwachende Licht lockt dich hinauf zu den Höhen über dem Wald.

Bis dahin, wo der Hochwald allmählich in lichtere Bestände übergeht oder durch einen Saum von Latschen begrenzt wird, tut man gut, einem halbwegs getretenen Hirten- oder Jägerpfad zu folgen, um nicht Stunden im Kampf mit Dickicht und Fallholz zu verlieren. Zuweilen ist auch eine felsige Steilstufe, die Bruchstelle einer Kalkbank zu überwinden. Risse hierfür sind leicht zu finden. Dann steigst du über Gras und Gestein zur Kuppe. Und wenn du auch nicht darum hast kämpfen müssen, so ist der Rundblick doch nicht weniger schön.

Aber es ist eine ganz andere Handschrift der Natur, die wir hier oben lesen. Wo uns in den Alpen ein Heer von eigenwillig geformten Spitzen grüsst, schauen wir hier über ein Meer grüngrauer Wellen, die sich nur wenig voneinander unterscheiden. Natürlich haben diese Kämme und Kuppen ihre Namen, gibt es Karten, die uns ihre Ordnung weisen. Aber wir fragen nicht, wenn wir auf kargem Gras Rast halten. In einer Welt, wo man oft keine Uhr, dafür aber Zeit hat.

Und wiederum ist es nicht allein die andersartige Landschaft, die das Erlebnis dieser Bergrast bestimmt. Wohl lässt der Umstand, dass der Blick nicht an Form und Namen haften bleibt, die Landschaft weiträumiger erscheinen. Dazu aber kommt, dass zwischen dem Berg und dem Tal der Menschen noch der Wald liegt, eine ganze Welt mit ihrer Ewigkeit, die sich nicht mit Längen- oder Zeitmass erfassen lässt. Der Wanderer kommt schon als ein anderer aus dem Wald, als er das Tal des Alltags verlassen hat. Der Bergsteiger, der von ihm bekannten Gipfeln wie von Freunden umringt ist, findet in diesem Kreis Genügen, und selten schweift sein Gedanke zu den Tiefen jenseits dieser Hochwelt. Einer aber hat gerade von dieser Seite des Bergerlebnisses in unsterblichen Worten gekündet, Goethe. Aber er tat es nicht als Bergsteiger, sondern als Wanderer zwischen Süd und Nord. Solcherart nun berührt die Ferne des Tieflandes den Menschen auf der Höhe der Karpaten. Auch wenn der Blick in Dunst und Ferne erlischt, bleibt die Empfindung wach, dass dort im Osten sich unermesslich Land breitet, Felder und Steppen mit fremden Menschen, denen andere Maßstäbe des Fühlens und andere Gesetze des Handelns eigen sind, die uns beunruhigen, weil wir sie nicht verstehen können. Und wir suchen, wissend um die viel kleinere Welt im Westen, ein Gleichgewicht im Ozean.

Da bist du nun allein mit dir über den grünen Wogen des Waldes. Ein Stück Menschheit, seine eigene Welt sozusagen von aussen betrachtend. Dort weit draussen, wo ein goldener Schimmer über dem Dunst der Felder liegt, wohnen sie, zu denen auch du gehörst. Gute und Böse, Kluge und Dumme; wie sie in ihrer Gesamtheit, bist auch du gewachsen, ist dir manches geglückt und vieles misslungen. Hier in diesem Gebirgsland wird es dir leichter, dich selbst zu erkennen, weil diese Menschen einfacher leben und handeln als in der Unrast des Tieflandes. Du siehst noch durch ihre Oberfläche ihre Sorgen und ihre Freuden, die im Grunde und vielleicht in andrer, weniger durchsichtiger Form auch die deinen sind. Verstehen der andern und Selbsterkenntnis gehen Hand in Hand. Beides kann dir das Gebirge schenken.

Zum Aufbruch mahnt allein die sinkende Sonne. Wir haben es nicht eilig; der Wald wird uns Schutz für die Nacht und Feuer für unser Mahl geben. Vielleicht finden wir in einer Hütte etwas Milch oder Schafkäse gegen ein wenig Tabak. Die Hirten sind gastfreundlich, und nicht ihretwegen, sondern im Hinblick auf die Mitbewohner ihrer Kleider und Lager ziehen wir es vor, die Nacht nicht bei ihnen zu verbringen. Gelegentlich laden sie dich auch zu einem Hammelbraten ein. Der Bär sei in der Nacht da gewesen, und das Tier habe abgetan werden müssen. Ja, es sind fromme Menschen; sie beten fleissig zum lieben Gott und manchmal auch ein ganz klein wenig zum Teufel. Woraus auch der Nutzen des Bären deutlich wird.

Einst gab es hier, wie in den Alpen, Menschen, die sich zusammentaten, die Schönheiten dieses Gebirges zu erschliessen. Sie beschrieben und bezeichneten Wege, errichteten Auskunfts- und Rettungsstellen und bauten Schutzhütten, die mit allem Nötigen wohl versehen waren. Damals als sie sich zusammenschlössen, war noch die alte Monarchie, und sie durften einen deutschen Namen führen. Sie nannten sich « Siebenbürgischer Karpatenverein ». Auch die Nachfolgestaaten anerkannten die fruchtbare Tätigkeit dieses Vereins — solange es sie selber gab. Dann kam der Zusammenbruch. Junge Leute, die oft genug selbst Gäste in diesen Schutzhäusern gewesen waren, stiegen in Horden hinauf, taten sich an den Vorräten gütlich und nahmen Geschirr und Decken mit. Das gehöre jetzt dem Volk. Womit sie sich selber meinten. Der Karpatenverein aber wurde als staatsgefährlich aufgelöst und Vermögen und Hütten beschlagnahmt. Das Zweite war des Ersten Zweck. Schicksal der Arbeit von Generationen, Schicksal von Völkern, die so unvorsichtig waren, ihr Haus in einen Lawinenzug der Weltgeschichte zu bauen.

Aber die Menschen dieses Gebirges sind hier ebenso verwurzelt, wie es etwa die Fischer an ihrer sturmgefährdeten Küste sind. Vom Walde wissen sie, dass sich die Wunden eines Windbruches wieder einmal schliessen werden, auch wenn zu Zeiten Hochstämme reihenweise geknickt im Kraut liegen. Am Feuer gehen die Geschichten um von alten Notzeiten, von Türken, Cholera und ungarischen Reitern. Immer wieder ist ein Teil am Leben geblieben; es wird auch jetzt nicht anders sein. Auch die fremden Soldaten werden eines Tages wieder abziehen. Man wird die Zigeuner in Behörden und Regierung erschlagen und abends um ein grosses Feuer die alten Tänze tanzen.

Dann werden aus fernen Gegenden wieder Menschen kommen, durch den Wald und über die Weiden zu wandern. Sie werden als Gäste am Herde sitzen, von der weiten Welt erzählen und — Tabak verschenken.

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