Wandlungen

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Ernst Mumenthaler

Betrachtungen eines Altveteranen Mit 1 Bild ( 159 ) ( Bern ) Das Leben gleicht zwischen Auf- und Niedergang einer Flasche köstlichen Weins. Wenn es hoch kommt, schenkt es das Glas wohl achtmal voll, je ein Glas für zehn währende Jahre. Durst und Geschmack bestimmen die Eile, das Mass des schlürfenden Trunkes. Doch, ob er süss, ob sauer auf den Gaumen wirkt, getrunken muss sein, jeder Tropfen ist Dank, ist Herzblut der Freude. Nur Toren trinken ihn gierig. Eine zweite Flasche aber wird nicht aufgestellt. Das Sonnengold des Lebens erlischt mit dem Bodensatz der Flasche. Ausgetrunken, ausgekostet! So sind wir Menschen denn Zecher des göttlichen Lebens. Wir trinken die Jahre mit jubelnder Lust und schmerzendem Ach, bis wir am Leerwerden der Flasche den Wandel des Zeitlichen erkennen und von fernher des Todes Schalmeien hörbar werden. Dann, ja dann möchte man selber als goldfunkelnder Tautropfen in den Becher der Ewigkeit gekeltert werden.

Meine Flasche geht zur Neige. Bald wird sie ausgetrunken sein. Es reut mich nicht! Doch heute noch koste ich den duftenden Wein. Dankbar und froh. Heiter schweifen die Gedanken zurück, eilen voraus, wo das Sonnenlicht in Abendschatten verdämmert.

40 Jahre und mehr Zugehörigkeit zum Schweizer Alpen Club schenkten manch frohes Besinnen. Seine geistigen Grundlagen sind bindende, verpflichtende Macht, sich einer Ideologie einzuordnen, die auch im Alltag Wert und Ziel behält. In währenden Jahren wird seine Bruderschaft Reichtum und Mitte ernster Freundschaft. Er und die Berge prägen alpin-durchsäuertes Denken und Gewissen, festigen, vertiefen die Liebe zur Bergwelt, zur Heimat.

Die nachstehenden Betrachtungen sind Dank und Ausfluss solchen Ideengutes.

I

Merkwürdig! Wenn ich in meine Berghose schlüpfe, ziehe ich einen gänzlich veränderten Menschen an. Die Muskeln straffen sich, das Herz schlägt freudig, erwartungsfroh, und das aus allen Dünnungen meiner Joppe tränende Selbstbewusstsein steht wieder auf sichern Sohlen. Die sonderbare Umwandlung der Gefühle liegt nicht etwa an der Hose selber, die kein Staatsstück mehr ist. Die Runen der Wanderfahrten sind in sie eingekerbt, sie ist wie das Gesicht eines alten, wettergebräunten Holzers runzelig, verwittert und passt zum abgebrühten Schlamphut, Zeuge so mancher Fahrt. Nun sind meine eigenen Gesichtszüge im Laufe der Jahre ebenfalls faltig, die Kurven um Augen und Mund ausgeprägter, das Gesicht schmäler, das Haar auf dem Kopfe dünn geworden. Das Leben hat seine Schriftzüge hineingemeisselt, doch die Augen leuchten noch glücklich, denn in meiner Berghose fühle ich mich wie zu Hause, ist sie doch Wohnstatt und treue Begleiterin auf bergwärts führender Fahrt.

Zwar ist es nicht mehr ganz so wie in jungen Jahren, die traumhaft weit zurückliegen. Damals spielte das Zeitmass im Wettstreit der Kameraden noch eine gewisse Rolle, wollte man das Ziel innert festgesetzter Frist erreichen. Man freute sich seiner Kraft, auch ohne Höchstleistungen zu vollbringen. Der Rucksack wog schwerer als heute, wo die Fracht nach Pfund und Gramm bemessen werden muss. Die Spannkraft des Körpers ist nicht mehr die nämliche, obwohl die Organe noch gut funktionieren. Man steigt besinnlicher bergan, lässt die Augen öfters nachdenklich rundum schweifen und freut sich an Dingen, an denen man früher achtlos vorüberging. Der Drang, hohe, schwierigere Gipfel zu besteigen, hat pian piano abgenommen, leichtere erfreuen auch, man will mit wachen Augen geniessen, die Schönheit der Berge mit verlangender Seele suchen. Hand in Hand mit der körperlichen Leistung schenken sie immer noch lebensfrohe Gedanken, wie sie fern von ihnen sich gleichermassen nicht melden. Wann immer das erkennbar Schöne, Interessante der alpinen Umwelt zudem beispielsweise mit photographischen Mitteln festzuhalten, selber Schönes zu schaffen gesucht wird, erzielt man doppelten Gewinn.

Du drängender Impuls jugendfrischer Wanderjahre, wohin bist du entschwunden? Du entglittest wie eine glückliche Erinnerung an frohe, festliche Tage, die so manchen Freudentrunk stolzer Befriedigung schenkten, obwohl die Zahl meiner Hochtouren nicht gross ist. Im Erleben der Bergnatur zählt jedoch nicht die Elle, zählt das Gewicht. Sie hat in ihrer unveränderlichen Grosse und Schönheit sich meiner veränderlichen Natur, in jungen und alten Tagen, als Quelle reinen Genusses erwiesen. Im Gleichmass der Schritte und Gedanken mit vertrauten Wahlgenossen wirken die Berge ein Glücksgefühl, das als Sonne über dem Leben des Alltags steht.

Die Kurve des Lebens steigt aufwärts und gleitet nieder, was blüht, muss welken und vergehn. Hauptsache aber ist, dass das Herz fest, froh und getrost werde. Dann wird auch das Letzte gelassen hingenommen. Aller Abstieg ist Abschied, heisst Trennung und Einsamwerden. Keiner hält das flüchtige Leben zurück, es enteilt, zerrinnt wie Wasser zwischen den Fingern, fliesst, und alle Gegenwart ist Vergangenheit, Wandlung.

II

0 Wanderlust, du seltsames Feuer, aus welchen Bronnen der Seele geisterst unruhvoll du empor? Bist du ein Ton, der aus der Versunkenheit des Blutes in die Gegenwart heraufklingt, eine an die Pforte meines Herzens pochende Kraft, ein Lockruf aus geheimnisvollen Waldesdichten abgeschiedener Bergesklüfte, wo einst der Jagdspeer das Leben beherrschte? Ich weiss es nicht. Doch du sprichst vernehmlich, willig öffne ich die Sinne deinem Locken und Rufen, denn deine Stimme ist mir vertraut, Stimme eines Genius aus Vorweltgründen, Quelle, die an die Ufer meines Daseins rinnt. Jene Wälder aus sagenhafter Vorzeit, wo der freie Mann noch frei jagte, sind verschwunden, und das, was von ihnen sich bis in die Neuzeit verjüngte, ist gelichtet, verarmt und entzaubert bis an die Flanken der schweigenden Berge.

Es ist nicht mehr das gleiche Wandern, Pirschen, wie ehedem aus ge-zwungenem Zwang, im Bestreben, sein Leben, das der Familie und der Sippe in der Sorge um Nahrung, im Kampf gegen Feindmächte zu fristen. Aber der Wandertrieb ist noch da, drängt sich unerbittlich an die Oberfläche des Bewusstseins, hat sich im Wandel der Zeiten jedoch unendlich verfeinert, Lustgefühle und triebhafte Freude erweckt. Die Erkenntnis des Naturschönen und Erhabenen, die sich namentlich im Kampf um den Berg verdeutlicht, schenkte eine Fülle geistiger Genüsse, die unsere Voreltern nicht kannten.

Das Wandern und Bergsteigen hat sich zu einem ästhetischen Begriff, zu einer seelischen wie körperlichen Notwendigkeit gewandelt. Für den Asphalt-menschen insbesondere bedeutet es eine heilsame Entspannung vom Druck lastender Sorgen. Je mehr seine natürliche Veranlagung durch äussere, gebieterische Umstände gehemmt wird, die mit seinem Wünschen und Wollen in Konflikt stehen, desto gewaltsamer verlangt, schreit Körper und Geist nach wenigstens zeitweiser Befreiung von aller Gebundenheit an Menschen und Dinge. Das Wandern und Bergsteigen erlöst ihn aus diesem Zwiespalt der Empfindungen. Es führt ihn in eine Welt ungewohnter Eindrücke, in eine Atmosphäre geistiger Losgelöstheit, die alle Nötigung zu beruflich gebundener Gedankenarbeit aufhebt und seinen Intellekt für das Erleben der Bergnatur freigibt. In dieser ausgeglichenen, andersartigen geistigen Bereitschaft wird der Mensch auch für das rein Menschliche der Kameradschaft und das Schöne in der Natur empfänglich.

Was sucht der Mensch da oben? Es ist so wenig und so viel, was ihn beglückt, was ihn befreit. Ist es die Berührung mit der Urkraft der Berge in Mühe und Not, ist es Lebensdrang und Kraftentfaltung, das Überlisten-wollen von Gefahren und Schwierigkeiten oder das Suchen nach dem Unendlichen, dessen Leuchtspur die Berge erfüllt? Alle Analyse der Ursachen des Bergfiebers ist eitel. Alles ist unser, jeder Schritt in ihre Räume irgendwie Opfergang unerfüllbaren Sehnens. Unsere Blicke wollen die Berge in ihren Höhen und Weiten forschend umfassen, in die Tiefe dringen, wo Flüsse silbern sich durch grüne Auen winden, die Sonne über Hütten am tannen-bestockten Bord ihre Strahlen ergiesst und am Himmel Wolkenschiffe segeln und verschwinden. In jedem Menschen wohnt ein starkes Schönheitsverlangen, das er irgendwie zu befriedigen sucht. Ihm trägt die Bergnatur in der Fülle ihrer abwechslungsreichen Formen und Erscheinungen weitgehend Rechnung. So wird eine Gipfelrast auf hoher Zinne zum Erlebnis, dessen Zauber alle Herzen sich öffnen. Nun bleibt der Naturgenuss allerdings nicht auf diese Freuden allein beschränkt. Wo immer der Mensch seine Unrast noch nicht in die stille Beschaulichkeit und Ursprünglichkeit der Natur hineingetragen hat, kommt ihr Friede uns entgegen. Da kann der steinige Fussweg mit dem sprudelnden Bächlein zur Seite zum Erlebnis, die sprossende Blumenpracht zum Entzücken, der Bergwald zum heiligen Hain werden, denn in seinen Baumkronen wohnt das geheimnisvolle Flüstern und Raunen und durch seine Lichtungen locken weißschimmernde Gipfel und Grate.

Der Reiz einer Bergfahrt wird sodann durch das mannigfaltig pulsierende Leben in der Natur erhöht, Leben, das geschäftig im Grase kriecht, flüchtend den Weg kreuzt, in den Lüften und Bäumen sich tummelt. Die jubilierende Vogelwelt im Frühling, das am Waldessaum äsende Reh, tragen zum freudigen Erleben unendlich viel bei, so auch, wenn das vor seinem Bau höckelnde Murmeltier den Menschen meldet oder das leichtfüssige Grattier in eleganter Flucht den Schutz der Felsen aufsucht.

Obwohl das Tier in engerm Sinne sich nicht als Landschaft begreifen lässt, so kann es anderseits vom Landschaftsbegriffe unserer Vorstellungswelt nicht getrennt werden. Die Wechselbeziehungen zwischen Tier und Landschaft sind so enge, dass ohne es das Gleichgewicht der Natur gestört würde. Die Tierwelt ist der geringere Bruder des Menschen, die ihm nach Mass und Vernunft zur Pflege und Hut anvertraut ist. Sie ist Symbol des Lebens, der ewig neuschaffenden Natur, doch nach dem Willen des Schöpfers dienstbar ihrem berufenen Gestalter, dem Menschen. So haben sich bestimmte, wild-arme Gebiete der Schweiz, die dem Zugriff des Menschen durch Jagdbann entzogen waren, nur durch die dem Bergwild gesetzlich gewährte Ruhe und Pflege im Laufe der Jahre wieder besiedelt. Das Dämonische im Menschen, der aus Eigennutz und Verantwortungslosigkeit die Wildbahn auspülverte, fand im verantwortungsbewussten, schöpferischen Geist den die Naturkräfte unterstützenden Gegenspieler, die Kraft zur Wiederinstandsetzung des verloren gewesenen Gleichgewichtes.

III Ihr, meine Wanderschuhe, die ihr mir treulich dientet, werdet ihr weiterhin noch meine Füsse umgürten oder werde ich euch bald endgültig ausziehen müssen? Es ziehen die Jahre und eilen die Menschen wie Schatten vorüber, doch die glücklichen, mit wertvollen Kameraden verlebten Stunden lächeln lange noch zurück. Manch froher Geselle schritt beim Klang hart-greifender Nägel mir zur Seite, sank frühzeitig ins Grab, wer wird mir beim letzten Hahnenschrei der dahinwelkenden Jahre und Kräfte den letzten Becher reichen?

Eine Bergfahrt ist, je nachdem, ein Wagnis. Ihr Gelingen hängt vom Zusammenspiel der körperlichen und geistigen Kräfte, von der willigen Einordnung des Einzelnen in das massgebende Ganze ab. Versager gefährden es. Disziplin ist unerlässlich. Doch genügt das alpine Leistungsvermögen allein nicht immer. Eine gewisse geistige Bereitschaft, nämlich, alles zu tun, was die Harmonie der Kameradschaftsgruppe erhöht, ist vonnöten. Jede Bergfahrt ist ein festliches Anliegen, das einen jeden angeht. Man tritt sie deshalb mit gehobenen Gefühlen und sonntäglichen Gedanken an. Sie bilden die seelenverknüpfende, das Wesen der Kameradschaft hebende, befruchtende WANDLUNGEN Macht. Im Miteinandergehen im gemeinsamen Erleben wird der persönliche Wert des Einzelnen gewogen. Zu Freud oder zu Leid. Wer in den Bergen sich als treu und zuverlässig erweist, der verleugnet seine ethische Gesinnung auch im Alltag nicht. Die alpine Schulung ist daher ein wichtiger Erziehungs-faktor. Das Gut einer treuen Freundschaft steht als Leuchtturm über den Wechselfällen des Lebens.

Tastend suchen viele nach Anschluss, zögernd nach Freundschaft. Sie ist nicht Zufall, vielmehr Geschenk, das irgendwie verdient oder erkämpft werden muss, eine Kraft, die Herz zum Herzen drängt. Geheimnisvoll oft sind solche erwählte Menschen zusammenführende Wege. Dieses Finden, Zueinanderwollen entspringt, wenn man es recht bedenkt, weniger dem eigenen, selbstsichern Wissen und Dünken. Richtunggebend ist eine ausser dem eigenen Bewusstsein stehende überpersönliche Macht, die dem Unzulänglichen unseres Vermögens die Wege ebnet. Menschen ohne Freunde sind erschreckend arm. Wahrscheinlich fehlt es ihnen an dem « Ding an sich », nämlich, sich in dienender Liebe selbst zu verschenken. Liebe, Freundschaft, Treue sind geistige, wie auf ehernen Tafeln in die Herzen eingeschriebene, oft schicksalsbestimmende Werte. Sie machen das Leben reicher, sind Kraft und Bestand, Halt und Würze in der Dynamik der vorübergleitenden Jahre. Männerfreundschaft ist ein köstliches Gut. Der Freund wird wie ein gutes Buch, das man immer wieder zur Hand nimmt, ehrfürchtig darin blättert und vertrauliche Zwiesprache mit ihm hält, ein sursum corda auf dem steinigen Wege des Lebens. Als Freund eines Freundes ertragen sich die dunkeln Tage leichter, verschwindet die Sonne nicht ganz hinter den Nebeln lastender Sorgen. Kummer, Freude, Zweifel und alle Begeisterung lassen sich mit ihm bereden, teilen.

In jungen Jahren werden Freundschaften leicht, mitunter für das Leben geschlossen, wie oft aber nur flüchtig erfasst. Der Jugend tritt das Leben mit vollen Händen entgegen und streut Gaben und Blumen aus. Man empfängt sie wie selbstverständlich und lässt sie wieder entgleiten. Im bestandenen Alter, das den Wandel alles Zeitlichen erfahren hat, geizt man um seine Freunde, betreut sie mit Sorge. Ein toter Freund wird nicht mehr ersetzt. Hinter jedem Entschlafenen schleicht das Gespenst des Einsam-werdens. Wem daher das Glück geschenkt ist, dann noch Jugend- oder bewährte Freunde zu besitzen, dem ist Heil widerfahren. Da erhalten die Worte eines biblischen Weisen ( Sirach IX, 14/15 ) volle Bedeutung: « Gib einen alten Freund nicht auf, denn du weisst nicht, ob du so viel am neuen kriegst. Ein neuer Freund ist neuer Wein, lass ihn alt werden, so wird er dir wohl schmecken. » IV Die Ertüchtigung der Jugend in systematischen Leibesübungen liegt in deren Interesse. Das Stählen des Körpers, der Muskeln und des Willens ist Voraussetzung für körperliche Leistungen. Eine innert vernünftigen Grenzen betriebene Schulung der Glieder erhält gesund, schenkt Frische, Lebensmut und Zuversicht zu sich selber. Die Geschmeidigkeit des Körpers in Verbindung mit einer harmonischen Entwicklung des Geistes sollte sich überdies in den Dienst der Schönheit stellen. Ohne Schönheit verkümmern wir. Sie ist für unsere sittliche Erziehung unerlässlich, Anmut auch für den Jüngling erstrebenswert. Der Spieltrieb ( Turnen, Schwimmen, Wandern, Skifahren ) fördert sie. Das Bergsteigen sodann ist ein Bewegungstrieb, der Körper und Geist günstig beeinflusst. Dem Menschen, als Ebenbild Gottes, liegt die Pflicht ob, sich schön und gesund zu erhalten. Die sitzende Lebensweise, zu der die Mehrzahl der Männer verurteilt ist, verlangt gebieterisch nach einem Gegengewicht. Bhythmische Bewegungen befriedigen dieses Bedürfnis. Das Wandern kommt den Forderungen einer harmonischen Entwicklung von Körper und Geist weitgehend entgegen, ist es doch an keine räumlichen Grenzen gebunden, ihm frommt Weite und Abwechslung des Schauens. Durch Wandern und Bergsteigen wird ein elastischer Körper herangebildet, und die Einwirkung der schönen und erhabenen Gebirgsnatur auf das Gemüt ist ein Wertfaktor, der den Geist anregt und produktive Gedanken schenkt. So wohnt z.B. im Klettern, als Glied einer Seilschaft, ein hohes erzieherisches Moment inne, indem der Einzelne lernt, sich verant-wortungsbewusst für sie einzusetzen. In Fels und Eis kommt ihm das Bewusstsein der Muskelkraft, seiner körperlichen Gewandtheit zum frohen Bewusstsein. In gesunden, jungen Menschen entfacht das Bergsteigen überdies eine Begeisterung, wie sie ein anderer Spielbetrieb nicht ebenso zuwege bringt. Die Begeisterung, sich und seine ganze Kraft für ein Wagnis einzusetzen, ist ein Splitter des in jedem Menschen wohnenden Forschungs- und Ent-deckerdranges. Ob ein Ziel hoch oder niedrig, schwer oder leicht gestellt wird, so beseelt den Bergsteiger bis ins Alter der Götterfunke freudig bewegten Erlebenwollens einer Gipfelfahrt und der kraftvollen oder listigen Bezwingung ihrer Schwierigkeiten. Selbst die Lust an der Gefahr lässt ihn an ein allfälliges tragisches Versagen kaum denken, denn in allen lebt ein starkes, zuversichtliches Hoffen.

In den spätem, reifern Mannesjahren allerdings, wenn die erste Liebe zu den Bergen sich mit einem mehr verstandesmässigen Abwägen verbindet, tauchen in der Regel befremdend ernste, früher vielleicht nur schlummernde Gedanken auf. Dann ermisst und erkennt man neben den Sonnseiten die mit ihnen verschwisterten Schatten, denkt über sie hinaus und begegnet dabei unversehens der Allgegenwart des Todes, dessen Sense Menschen Schwaden- oder tropfenweise zum Opfer fallen. Sie prägt sich tiefer Veranlagten unmerklich und leise ins Gemüt und begleitet einen jeden als stummen Kameraden auf seinen Wanderungen. Der Bergfreund wird dabei auch inne, da ss die Jahre seiner Vollkraft begrenzt sind, verebben, er dem unerbittlichen Gesetz des Vergehens alles Naturgeschaffenen hörig ist. Die Veränderlichkeit des äussern Geschehens geht Hand in Hand mit der geistigen Wandlung des Menschen an sich, Unerahntes bemächtigt sich seiner Seele, und ein fremdartiges Sehnen und Fühlen dringt durch seine Herzenspforte. Gegen diesen Naturvorgang fruchtet weder Kraut noch Pülverchen, kein Trank noch Spruch vermag ihn zu bannen. Die Wanderfahrt des Lebens mündet unweigerlich in jene Stille ein, die Leid und Weh mit kühler Erde deckt.

Seltsam, dass gerade auf Bergfahrten im Schatten höchsten Erlebens solch scheinbar lebensfremde Gedanken ungerufen sich aufdrängen und daran erinnern, dass mitten im Leben wir vom Tod umfangen sind. Seine Allgegenwart verdunkelt mitunter selbst die lichtvollsten Phasen unserer berechtigten Berg- und Daseinsfreude. Es braucht nur irgendein Familienglied, ein trauter Kamerad abzuscheiden, so stehen wir mitten im Elend unserer leiblichen Nichtigkeit und erkennen, dass wir den nämlichen Weg auch einmal gehen müssen. Freund Hein ist überall zu Hause, er kennt einen jeden mit Namen, weiss seine letzte Stunde. Aller Lebensbejahung, der wir freudig huldigen, zum Trotz, sind wir uns der menschlichen Hinfälligkeit bewusst, weshalb wir es nicht für abwegig halten, solchen an sich im allgemeinen scheuen Gedanken Ausdruck zu geben. Hilflos sind wir in das Fliessen, das alles Bestehende bewegt und zu unbekannten Ufern trägt, miteingewoben. Das ist kein mechanischer, sondern ein höchst sinnvoller Vorgang, denn alles Geschehen wird durch eine ausserhalb unserer Erkenntnis stehende Macht geregelt und geordnet, eine Instanz des letzten kategorischen Imperativs. Das Bewegte, das uns Menschen lenkt und bedroht, ist mithin nicht möglich ohne diese letzte unbewegte Kraft, das Veränderliche nicht denkbar ohne ein Unverän-derliches, noch das Zeitliche ohne ein Ewiges. Damit gelangt man zwangsläufig in das Zentrum alles nüchternen Denkens und Überlegens, nämlich zu einem aus unserm Bewusstsein nicht wegzudenkenden persönlichen Gott. « Nur Toren sprechen in ihrem Herzen », betont Augustin, « es gibt keinen Gott. » Wir Bergläufer aber, die wir auf den Zinnen der Berge die Schöpfungswunder des allmächtigen Herrn der Welten erkennen, erfühlen seine Nähe am Schemel seiner Grosse und neigen uns in Demut vor seiner heiligen Majestät.

In diesem Herrn muss sich der Lebenskreis alles Seienden wieder schliessen, Bewegung, Zeit und Mass aufhören und alles Wünschen und Hoffen zur Ruhe kommen. In diesem Ursprung aller Dinge Verankerte werden innerlich getrost, weil sie an einen glücklicheren Anfang glauben und wissen, dass ihr unverweslich Geistiges in das Tor der letzten Wandlung eingehen wird, wo alle Gegenwart Endlichkeit bedeutet. Keiner lebt sich selber, ein jeder hat die ihm vom Schöpfer zugewiesene Aufgabe nach eigenem freiem Willen zu erfüllen und ist der Instanz seiner höchsten Gerechtigkeit verantwortlich. Dieser Überzeugung kann sich auf die Dauer nicht einer verschliessen. Deshalb kann kein Leben mit dem Tode auslöschen, sondern wird in neuer, vollkommener Gestalt erstehen und den Lohn seiner Lebensfrucht ererben.

Du hast Unsterblichkeit im Sinn; Kannst du uns deine Gründe nennen? Gar wohl! Der Hauptgrund liegt darin, Dass wir sie nicht entbehren können.

Goethe, Zahme Xenien

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