Warum?

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Von P. Eggenberg

( Heiligenschwendi, Thun ) Warum ich schon wieder den Bergen entgegenziehe, fragst du mich mit vorwurfsvollem Blick. Ja, warum? Wie oft habe ich mich selber schon gefragt, wo das urhaft mächtige Drängen seinen Ursprung hat, dass es imstande ist, Haus und Heim vergessen zu lassen, ja selbst die Liebe zu übergehen und einem zum Berg hin zu zwingen.

In den stillen, hellen Nächten, wenn mir der Mond durchs Geäst des Apfelbaumes auf meinen Schreibtisch hereinleuchtet, hat das Warum seinen Ursprung. Da kommt es über mich als stummes Sehnen, das ganz langsam zum Müssen heranwächst. Hin zum Berg mit seinen unbeschreiblichen Schönheiten, dem unergründlich blauen Himmel über Gletschern und Gipfeln, den duftenden Bergweiden mit den unzähligen kleinen und kleinsten Blümchen, der wohltuenden Stille.

Wie ein sanftes Lied klingt da das Ahnen dieser Hehre durch die Seele, wachsend mit jedem Tag. Und ganz langsam verliert dadurch der Alltag seine Macht.

Wehe aber, wenn eines Nachts der Wind an den Fensterläden zu rütteln beginnt und pfeifend durchs Dachgebälk jagt! Da weicht das Lied einer wilden Sinfonie, und jeder neue Windstoss, der peitschend ans Haus schlägt, durchdringt mich wie ein Trompetenstoss und zwingt jeden Gedanken in mir hin zum Berg, aber zu einer andern Schönheit als in den stillen Mondnächten. Felswände türmen sich vor mir auf, wildgezackte Gräte drohen herunter, und über die Gipfel hin fegt der heulende Sturmwind Strähnen von Schneestaub und Eiskristallen. Da fühle ich in mir eine unbändige Kraft, ein alles erfüllendes Wollen — und jetzt muss ich gehen, muss ich kämpfen, wagen und siegen! Nicht, um wieder einen Gipfel erobert zu haben, sondern um mich an die Schöpfung zu verlieren und in der Gefahr wieder zu finden.

Jeder Berg bedeutet Gefahr, der leichte wie der schwere. Ein Wetterumschlag, und schon kann ein « Gipfelchen » zur Hölle werden. Und in dieser absoluten Abhängigkeit von der Natur, dieser Losgelöstheit von Menschen-willen, liegt vielleicht ein Teil der Antwort auf das Warum verborgen. Diese Gefahr, der wir da droben überall in die Augen sehen, ob bewusst oder unbewusst, führt uns zum Ursprung allen Seins zurück: Zum Lebenwollen!

Wer denkt bei luftigster Kletterei, während sich die Hände fast fest-saugen am Gestein, noch an seine Steuererklärung oder seinen Zahltag? Wer am steilen Eishang, während sirrend der Pickel das Eis splittern lässt, an Glück und SorgenDa gibt es nur noch das Eine, das jeden Pulsschlag erfüllt: Lebenwollen — und das heisst nichts anderes als Sieg!

Und doch steckt nicht das grosstuerische Gebaren dahinter, wie so viele Menschen vermuten; denn nie wird einem die eigene Kleinheit und Schwachheit eindrücklicher, zwingender in die Seele geschrieben als zum Beispiel Die Alpen - 1Ü44 - Les Alpes6 WARUM?

während eines Sturms in den Bergen. Da, dieweil man um jeden Meter kämpft, ob im Auf- und Abstieg, wenn einem wütende Luftstösse umzuwerfen drohen und höhnisch ganze Schwaden Eiskristalle ins brennende Gesicht peitschen und Wangen und Hände vor Kälte hart werden, denkt man nur mit Schauern an die Grosse der Natur und die Allmacht, die hinter dieser Schöpfung stehen muss.

Und jedesmal, wenn dann wieder ein Berg, sei es ein neuer oder ein alter, bewältigt ist, so erfüllt mich eine tiefe Dankbarkeit und Befriedigung — und das Bild der Berge wird zum vollen Orgelspiel Gottes.

Darum!

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