Warum jagen wir?

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Niklaus Oeler, Linthal GL

1 Überreste, die einem gefühlsmässig früheren, primitiven Menschheitsstadium entsprechen.Die Red.

Sicher sind Sie - ungeachtet ob Sie nun klettern, hochgebirgsbergsteigen oder Expeditionsalpinismus betreiben - auch schon gefragt worden: ( Warum tun Sie das?> Wobei vielleicht noch die Bemerkung fiel:

Die Antwort für alle, die an diese Frage gleich noch jene des Nichtverstehenkonnens anfügen, Messe sich auf einen einfachen Nenner bringen: Wer nicht verstehen kann ( oder eher: nicht verstehen will ), der soll auch nicht fragen! Für diejenigen aber, die sich um ein Verständnis bemühen wollen, sei der Versuch einer Antwort gewagt. Dabei ist der Schreibende nicht der erste, der dies unternimmt. Ganze Bücher, nicht nur Aufsätze und Zeitungsartikel, sind in den letzten Jahren hierzu erschienen; vor allem seit im ganzen deutschen Sprachraum öffentlich diskutiert wird, ob Jäger Sadisten, perverse, mit attavisti-schen Relikten1 versehene Charaktere seien. Allgemein ausgedrückt: seit die nichtjagende Bevölkerung, und damit ihr überwiegender Teil, Sinn und Bedeutung der Jagd zunehmend in Zweifel zieht. Im Kanton Genf hat die Auseinandersetzung um Jagd und Geisteshaltung der Jäger bekanntlich zur Abschaffung der offiziellen Jagd geführt. Inoffiziell geht sie aber durch staatliche Organe weiter. Wildschweinen wird es eben nie gelingen, zwischen den gepflegten Parks von Diplomaten-villen, Schrebergärten und intensiv bewirtschafteten Äckern zu unterscheiden.

Zweifellos haftet der heutigen Jagd oft bloss noch ein sportlich-gesellschaftlicher Charakter an. Dann wird auch der technische Aufwand zu weit getrieben: vom Sprechfunk über modernste Munition, Zielfernrohr, Hoch-leistungsspektiv bis zum Allradfahrzeug oder bisweilen sogar zum Helikopter setzt man alles ein. Dass es aber ohne Jagd in unsern Kulturlandschaften letztlich nicht mehr geht, haben schon vor dem Fallbeispiel Genf alle Nationalparks der Welt, einschliesslich des Schweizerischen, bewiesen. Wer kennt schliesslich nicht die zwei verschieden dargestellten Nahrungspyramiden, wo bei der einen die Grossraubtiere wie Adler, Luchs, Uhu, Wolf und Bär an der Spitze stehen, während bei der andern ( die zumindest für Mitteleuropa und damit auch in unserem Alpenraum Gültigkeit hat ) der Jäger an die Stelle dieser verschwundenen Raubtiere tritt. Hier soll er dann für das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Pflanzenfressern und Kleinraub-tieren sorgen. Sozusagen als ein von der Natur letztlich selbst vorgesehener, unumgänglicher, weil ökologischer Faktor - wenn auch nur in Stellvertreterfunktion? Als einzige Alternative bliebe folglich nur die Wiederausset-zung jener Grossraubtiere, die bei uns spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet sind! Wer aber möchte Wolf und Bär in unseren Wäldern begegnen? Ganz abgesehen davon, dass sich in unserer überzivilisierten Kulturlandschaft, wo die Erschliessung durch den Tourismus immer noch weiter fortschreitet, keine ihnen zusagenden Lebensräume mehr finden lassen. Und der Luchs, das zeigten die Vorkommen in östlichen Ländern lange vor seiner Wiederansiedlung in Obwalden, vermag allein ein Überhandnehmen der Scha-lenwildbeständeHuftiere ) nicht zu verhindern. Also doch Jagd?

Es ist unbestritten, dass uns jagen Freude macht. Das war schon bei frühen Jägerkulturen so. Aber auch ( Primitive ), d.h. ursprüngliche Jäger, sind keine Sadisten gewesen, die sich an den Leiden sterbender Tiere erfreuten. Das Quälen galt nie als Ziel der Jagd. Wie anders sind kultische Handlungen ( z.B. der Bä-renkult ) steinzeitlicher Jäger nach erfolgreicher Jagd zu interpretieren, wenn nicht das Töten von uns verwandten Wesen ihr Gewis- Quellenangabe:

( Rettet die Wildtiere ), Pro Natur Verlag, Stuttgart 1980.

sen belastet und Furcht vor Vergeltung erzeugt hätte? Vom Wunsche, sich mit den Seelen der zur Strecke gebrachten Tiere zu versöhnen, um so ihrer Rache zu entgehen, haben wir uns längst weit entfernt. Der gewollte Tod eines Rindes, Schweines oder Huhnes bereitet uns keine Gewissensbisse. Wir überlassen das Töten professionellen Metzgern. Die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Tier - es von eigener Hand töten müssen! -kennen wir heute überwiegend nicht mehr.

Freude einerseits und Gewissenskonflikte beim Töten von Tieren anderseits, vorab bei frühen Jägerkulturen, sind ein augenfälliger Widerspruch. Die Jagd vereint ganz offensichtlich viel Gegensätzliches. Das scheint in der Natur der Sache zu liegen. Die Freude kommt nicht vom Akt des Tötens, sondern vom Akt des Jagens, dem Aufsuchen und Nachstellen des Wildes, das freilich ohne den Tod des Tieres - seine Erbeutung - unvollständig bleibt.

Die erwähnte Freude wurzelt in der Tiefe menschlichen Erlebens. Wer dem wilden Tier nachstellt, wird wieder Teil der Natur, wenn auch nur für begrenzte Zeit. In diesem Naturzustand fühlt sich der Mensch dem Tier ebenbürtig und während der Dauer des Jagens von seinem Anderssein befreit. Auch in den meisten heutigen Jägern schwingt im Unterbewusstsein die Freude an der ( natürlichen ) Welt, abseits technischer Zivilisation mit. Dazu kommt natürlich die Lust an der eigenen Geschicklichkeit und Fertigkeit bei der Waf-fenhandhabung, beim Lesen von Fährten und Spuren und bei der Überlistung des wachsamen Tieres.

Wohl die tiefsinnigsten, geistreichsten und überzeugendsten Gedanken zur Jagd und der ihr innewohnenden Leidenschaft finden sich in den ( Meditationen zur Jagd ) des bereits oben zitierten spanischen Philosophen J. Ortega y Gasset. Nach ihm sind Reiterei, Stierkampf, Tanz und Jagd Ausdruck und Verlangen der Volksseele - einer Volkseele, die vielleicht mehr aus den frühen Tagen der Menschheitsentwicklung bewahrt hat als der Körper - vielleicht auch mehr als manch einer eingesteht oder wahrhaben möchte.

UT Q6TNoch umfängt mich dunkle Nacht, als ich

.,frühmorgens leise die Hütte verlasse. Klarer

Qj0PP1513C|C1Sternenhimme1 und ein kalter Lufthauch emp-

fangen mich. Auf den Bergmatten liegt starker Frost. Langsam steige ich das schmale, steinige, vom Gewitterregen ausgewaschene Willy Bruni, Niederried BEBergweglein gegen die Schatthütte empor.

Kurz bevor ich sie erreiche, erleuchtet die erste fahle Morgenröte den ganzen Alpenkranz ringsherum. Ein prächtiger Septembermorgen kündigt sich an! Tiefe Freude erfüllt mein Herz, und gleichzeitig lasse ich die urtümlich wirkenden Formen der umliegenden Berglandschaft auf mich einwirken.

Dann fällt mein Blick auf den unter den Flühen weit sich hinziehenden, gerölldurchsetz-ten Hang, wo frühmorgens meistens ein Rudel Gemsen seine Äsung sucht. So auch heute. Ich fühle, dass ich mir nun in aller Ruhe meine Gemse aussuchen kann, macht es doch kaum den Anschein, als ob mir ein anderer Jäger in die Quere kommen werde. Doch zuerst muss ich mich etwas ausruhen, denn das Herz pocht stark vom Aufstieg - oder ist es etwa das Jagdfieber, das jetzt über mich kommt? Ich stelle mich an die Hüttenwand, so dass ich meinen Feldstecher auf dem Dach auflegen kann, um ganz ruhig die Tiere anzusprechen. Zunächst scheine ich mir einen recht bequemen Standort ausgesucht zu haben, doch nach längerem Beobachten beginnt die morgendliche Kälte sich allmählich unangenehm bemerkbar zu machen. Abwechslungsweise stecke ich meine klamm gewordenen Finger in die Hosentasche. In der Hoffnung, mich damit etwas aufzuwärmen, nehme ich einen braven Schluck aus dem .

Schnell verstreichen so zwei Stunden. Bereits schiessen die ersten Sonnenstrahlen über den fernen Alpenfim und lassen das vor mir liegende, wild zerklüftete Bergmassiv aufleuchten. Für einen Moment wird es jetzt sogar noch kälter. Inzwischen habe ich eine Galtgeiss entdeckt, die etwas Abstand vom Rudel hält und auch von keinem Kitz begleitet ist. Diese soll meine Auserwählte sein, und ich entschliesse mich, sie wenn möglich in den nächsten Minuten zu erlegen. Schon acht Uhr. Die Sonne steht nun etwas höher und verbreitet eine angenehme Wärme. Wenn ich mich jedoch nicht bald beeile, muss ich riskieren, das ganze Rudel plötzlich aus meinem Gesichtskreis entschwinden zu sehen. Somit ist der Augenblick gekommen, die Gemse aufs Visier zu nehmen. Doch noch sind meine Finger von der morgendlichen Kälte etwas klamm. Statt einen Moment zu warten, ziehe ich durch - und weg ist der Schuss. Die Geiss zeichnet stark, wirft sich zu Boden, steht aber sofort wieder auf den Läufen, wendet und flüchtet den andern folgend, zu den Flühen empor. Es gelingt ihr jedoch nicht, das Rudel zu erreichen, und bald fällt sie ordentlich zurück. Mit der Schussabgabe muss etwas nicht gut gegangen sein. Tatsächlich - als sie nun verhofft, sehe ich deutlich, dass ein Vorder-lauf angeschossen ist. Sofort eile ich auf die nahe liegende Anhöhe, um von hier aus noch einen zweiten Schuss auf die Geiss abgeben zu können.

Den Martini-Stutzen im Anschlag und bereits gestochen, geht es aber anders als vorgesehen. Da die Gemse die Felsen bereits erreicht hat und immer weiter flüchtet, komme ich nicht mehr zur Schussabgabe. Kurz darauf entschwindet das Tier aus meinem Gesichtskreis. Ich merke mir die Richtung. Hoffentlich erwische ich sie in der Rothenfluh oben! Wie mir dabei zumute ist, wird niemand glauben. Ich schäme mich vor mir selbst. Doch da ich mir das eingebrockt habe, muss ich es auch wieder auslöffeln und alles menschenmögli-che unternehmen, um das Tier zu erlösen. Das heisst: jetzt gilt es, allein auf die Suche zu gehen, denn ein Hund, den ich anfordern könnte, findet sich nicht in der Nähe. All diese Gedanken gehen mir blitzartig durch den Kopf. Etwas aufgeregt stehe ich auf, hänge den Stutzen schneidig über die Schulter, und - ich vermag es kaum zu fassen - im selben Moment löst sich krachend ein Schuss aus meiner Büchse. Hätte ich einen Hut aufgehabt, ich glaube, die Kugel wäre glatt durch die Krempe gefahren. Tatsächlich muss ich vergessen haben, den Stutzen wieder zu sichern. Das ständige, den ganzen Tag über anhal- tende ( Läuten> im rechten Ohr ist mir bis heute in mahnender Erinnerung geblieben.

Unverzüglich beginne ich jetzt mit der Nachsuche. Anfangs entdecke ich hie und da einen Tropfen Schweiss im dürren Gras und weiter oben noch zweimal ein Wundbett. Aber danach verlieren sich bald jegliche Spuren. Kein Schweiss, kein Wundbett und keine Gemse lassen sich sehen. Ich befinde mich nun schon ziemlich weit oben in den Felsbändern. Somit bleibt mir nichts anderes übrig, als mit der Suche von vorne zu beginnen. Nun gut. Ich steige also zurück und verfolge nochmals meinen Weg durch die Fluh, bis ich erneut zum vorgängigen höchsten Punkt gelange - und wieder nichts!

Von Felsband zu Felsband mich talwärts bewegend, konzentriere ich mich auf das hier nicht ganz ungefährliche Gelände. Da ver- Junge Gemse nehme ich in unmittelbarer Nähe einen eigenartigen Laut. Erschrocken fahre ich zusammen. Was ist hier los? Ich blicke mich um und traue meinen Augen nicht: Ein paar Meter über mir reckt sich ein behörnter Kopf aus einem Felsloch — für einen kurzen Herzschlag meine ich gar, dem Teufel begegnet zu sein! Aber nein, es handelt sich bloss um meine so lange gesuchte Gemse, jene mit dem zerschossenen Lauf, wie ich alsbald deutlich feststelle. Doch blitzschnell, in ein paar Sprüngen, huscht sie über eine Felsplatte neben mir in die Tiefe. Aber auch ich reagiere sofort, eile über das Felsband, setze mich, den Stutzen im Anschlag, steche, und schon steht die Gemse etwa 30 Meter unter mir und äugt hinauf. Bevor sie noch weiter flüchten kann, erreicht sie die Kugel aus meinem Stutzen, worauf sie tot zusammenbricht. In diesem Moment fällt mir ein schwerer Stein vom Herzen. Noch lange sitze ich neben meiner Gemse und bin glücklich, dass die fünfstündige Nachsuche doch noch zum Erfolg geführt hat und ich das Tier erlösen konnte.

Es gibt aber noch ein Sprichwort, das da heisst:

Da dieser erlebnisreiche Tag bereits mehr als 20 Jahre zurückliegt, habe ich mich bei Gelegenheit entschlossen, dem Otto meine Sünden zu beichten, worauf er auf den Stockzähnen lächelte, einen zünftigen Zug aus seinem Tabakpfeifchen nahm und meinte:

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