Wege zur Ferienzeit

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Annelise Rigo, Leysin

Baumstrunk - unendliches Spiel der Natur 1 Wasserleitung im Wallis, manchmal auch oder genannt.

Steiniger Weg oder Schafspur, schmaler Pfad entlang einer Suone ', wo feuchte Grashalme die Beine streifen oder mühsame Spitzkehren am sonnendurchglühten Berghang; wieviele Pfade, um zu den Gipfeln zu gelangen, wieviele Landschaften - Schritt für Schritt erlebt-; Ausblicke, die sich plötzlich an einer Wegbiegung auftun, Felswände und Grate, Verheissung schöner Aufstiege! Wieviele Farben und Bilder, die vor dem inneren Auge vorbeiziehen!

Zu beiden Seiten des Pfades begleiten Blumen unsere Schritte, jede ein Kleinod von vollkommener Schönheit, jede Blüte die Krone einer Königin der Wiesen. Die Silberdistel öffnet ihren weissen Stern, Hahnenfuss strahlt wie zahllose Sonnen, Vergissmeinnicht wechseln von Blau zu Rosa. Glockenblumen - ich glaube, ihr Geläut zu hören -, dann Leimkraut, hier ein Schwärm Wollgras mit weissem Flaum, dort ein Trupp des stachligen Benedik-tenkrautes. Diese und andere, weitere Erinnerungen steigen in mir auf... Zerzauste Blüten des Nelkenwurz, der rote Schaft eines Wei-denröschens. Zehn verschiedene Grüntöne beleben einen einzigen Hang, von der zartfar-bigen Weidefläche bis zum frischen Gras an den Ufern des Wildbaches, von schimmernden Büschen zum Moos der Felsen, von dunklen Tannen bis zu den helleren Lärchen. Weiter oben grau: Fels, Geröll, schmutziger Schnee. Und darüber beherrschendes Blau, ein Himmel wie ein unendlicher Enzian.

Doch selbst noch so farbenprächtige Bilder genügen nicht, euch auf meine Ferienwege zu versetzen. Dazu gehören auch die Augusthitze, das Gewicht des Rucksacks, das die Füsse am Boden kleben lässt, während der Geist sich schon bis zur Höhe des Hanges aufschwingt, vor allem gehören aber all die verschiedenen Düfte des Gebirges dazu.

Wacholder, ein Duft des Mittelmeers, auch der Geruch der Schafe versetzt euch nach Südfrankreich. Der mit Tannennadeln übersäte Boden und ein harzbedeckter Baumstamm in der Sonne duften dagegen viel näher und vertrauter. Dann wieder begleiten uns Alpenrosen mit schon rötlich gefärbten Blättern ein Stück des Weges. Ein Fest zum Riechen, aber auch für den Gaumen. Heidelbeeren im Überfluss färben uns die Finger und Einer Suone entlang...

lassen uns im Mund einen zuckrigen Geschmack, einen Hauch von Wildnis. Erdbeeren sind im August kaum noch zu finden, doch die Himbeeren schmelzen auf der Zunge, ihr Duft erfüllt die Luft.

Die Pfade der Ferien, dazu gehört auch die ganze Musik, die unseren Schritten ihren Rhythmus gibt. Heerscharen von Insekten summen, schrillen und vibrieren betäubend um uns, Geräusch der Flügel und Flügeldek-ken, hundertfach widertönend und verstärkt, Trommelschlag, der unaufhörlich den Takt hämmert, irgendwoher tönt das warnende Flöten eines Vogels; Harfenklänge des Windes, Glocken einer Schafherde. Als der Weg einen Wildbach entlang führt, begleitet ihn die Stimme des Wassers, gewaltig brausend hier, heiter singend dort, wirres Geschwätz, das Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.

231 sich zu einem schönen reinen Ton wandelt. Schnelles Piano des Bächleins, voller Orgelton des Wasserfalls, beharrlicher Paukenschlag des Sturzbachs - die Melodie des Wassers trägt uns, und manchmal strömt unser Blut im gleichen Mass wie dieses Blut der Erde, unsere Schritte nehmen seinen Takt auf.

Es ist heiss, der Rucksack schwer, immer und immer noch eine Windung - wann sind wir endlich am Ziel? Mit der Müdigkeit wächst auch die Ungeduld, der Reiz des Weges verliert seine Macht, wenn die Schatten wachsen. Es ist die Stunde der Fragen und Zweifel: Warum diese Anstrengung bis zur Atemlosigkeit? Was ist der Preis? Denn wenn die Hütte einmal erreicht ist, wird sie auch nur eine Zwischenstation sein; morgen wird die Kletterei von neuem beginnen, höher und höher, bis zum Gipfel. Doch in solche Gedanken versunken sind wir Schritt um Schritt schliesslich ans Ziel gelangt, ruhen uns aus, wenden uns zurück: Die weit ausgebreitete Landschaft vor unseren Augen lässt mit einem Schlag alle Müdigkeit und alle Fragen nichtig werden.

Morgen, übermorgen werden wir von neuem einen dieser Wege ziehen, die das Gebirge so reichlich für alle jene bereit hält, die bei jedem Schritt noch staunen können.

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