Weisse Ostern in den Ötztaler Alpen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON GEORGES PERRIN, VEVEY

Mit 5 Bildern ( 21-25 ) « Das Ötztal ist ein wunderbares Gebiet für Frühlingsskitouren », hatte mir ein Bündner SACler, ehemaliger Sektionspräsident, geschrieben. Er hatte recht, denn dieses an Italien grenzende österreichische Land ist der massig vergletscherte Nordhang eines grossen Alpenmassivs. Es gibt zwar dort weder Matterhorn, noch Weisshorn, noch irgendeinen so charakteristischen Gipfel, aber eine Menge von beinahe gleichhohen Erhebungen. Der höchste Punkt der Ötztaler Alpen ist die Wild-Spitze mit ihren 3774 Metern. Nach dem um 23 Meter höheren Grossglockner ist sie der zweithöchste Berg Österreichs.

« Das Bergland » Ötztal liegt im Herzen Tirols. Neun Mitglieder unserer Sektion Jaman des SAC wählten es als Ziel einer Frühlingsklubwoche, die uns allen in bester Erinnerung blieb, obschon das sehr unbeständige Wetter nicht erlaubte, das ganze Programm zu verwirklichen. Mit Ausnahme von zwei Gipfeln, die nicht erreicht wurden, konnte die grosse geplante Tour immerhin fast in ihrer ganzen Länge durchgeführt und das Hauptziel, die Wild-Spitze, bei ausgezeichneten Verhältnissen erreicht werden.

Unseren Befürchtungen zum Trotz standen uns die Türen der zahlreichen Hütten des ÖAV weit offen. Die Hüttenwarte waren sehr liebenswürdig und boten uns überall gute Unterkunft und ausgezeichnete Kost zu sehr erschwinglichen Preisen. Hier sei erwähnt, dass die SAC-Mitglieder dort keine Gegenseitigkeit geniessen; sie werden, im Gegensatz zu den Mitgliedern des französischen und italienischen Alpenklubs, als Nichtmitglieder betrachtet. So war es also vielmehr aus freien Stücken, dass die Hüttenwarte unsere Platzreservierungen vormerkten.

Am Freitagabend von Vevey abfahrend, durchqueren wir mit unsern Wagen die Schweiz und erreichen beim Morgengrauen das Fürstentum Liechtenstein. Auf dem Arlberg weht ein kühler Wind, und zwei Schneemauern von 1,5 Meter beiderseits der Strasse laden uns keineswegs zu einem Halt ein. Landeck ist die erste grosse Ortschaft im Tirol, vom Inn durchflössen, dessen Name sofort ans Engadin erinnert, und bald sind wir beim Eingang ins Ötztal, ein langes Tal mit reizenden Ortschaften und zahlreichen Dörfern. Gegen 10 Uhr erreichen wir Sölden, die wichtigste Ortschaft des Tales, und parken die Wagen in einem kleinen Lärchenwald.

Bald führt uns das Postauto über eine 13 Kilometer lange, enge Strasse nach Obergurgl, einem 1930 Meter hoch gelegenen, modischen Kurort mit zahlreichen Beförderungsmitteln.

Schwer beladen machen wir uns sofort auf den Weg, die Seilbahn, die uns die Strecke etwas verkürzt hätte, mit Verachtung beiseite lassend. Der lange Aufstieg, durchquert von zahlreichen mehr oder weniger benützen Abfahrten, ist eine gute Einführung in die bevorstehende Woche. Auf halbem Weg wird uns ein willkommener Tee in der Karlsruher Hütte serviert. Nun geht es über den Gletscher; ein Steilstück wird in mehreren Kehren überwunden. Eine neblige Nacht ist angebrochen, gerade geeignet, einigen Ängstlichen den Biwakschrecken einzujagen. Aber der Hüttenwart vom Hochwilde-Haus ist auf der Hut und schiesst drei oder vier Leuchtraketen, welche uns die Lage der Hütte in dieser weissen Unendlichkeit anzeigen. Bald ist diese zur allgemeinen Freude erreicht. Ein gutes Abendessen mit einem hochgeschätzten Tropfen Rotwein belebt die Lebensgeister wieder.

Sonntag: Es schneit. Im Programm steht der sich an der italienischen Grenze erhebende, 3482 Meter hohe Gipfel der Hohe-Wilde, mit Rückkehr in die Hütte für die Nacht. Aber jedermann ist froh über diesen erzwungenen Ruhetag, da wir noch müde von den Anstrengungen des Anmarsches sind. Am Nachmittag hellt das Wetter ein bisschen auf, und wir machen einen Abstecher in Richtung unseres Gipfels, bis zum Fuss des Annakogels.

Der Montag ist ein Prachtstag. Sonnenlicht überflutet den mächtigen Kessel des oberen Gurgltals. Unser heutiges Ziel ist der Schalfkogel, nachher die Abfahrt zur Martin-Busch-Hütte über den Schalfferner. Alle Hüttengäste stehen früh auf, und wir stellen fest, dass die meisten die gleiche Absicht haben wie wir. Die Vorausgegangenen haben eine gute Spur im tiefen Schnee angelegt. Wir überqueren den Gurglerferner in der Waagrechten und steigen dann in regelmässigen Kehren auf. Am Ende der Strecke verflacht sich der Hang, und das Schalfkogeljoch ( 3375 Meter ) wird ohne Mühe erreicht. Es weht ein frischer Wind, und wir halten uns nicht auf. Dem Beispiel der anderen Touristen folgend, verzichten wir wegen der grossen Neuschneemenge auf den 165 Meter höher gelegenen Gipfel. Die Abfahrt beginnt mit einem dem Zermatter Abhang des Adlerpasses ähnlichen Steilstück, dessen oberster Teil man zu Fuss zurücklegt. Auf dem flachen Gletscher angelangt, geniessen wir eine lange Rast im milden Sonnenschein.

Die Mannschaft von der Sektion Jaman hat die Ehre, die Piste für die lange Abfahrt zur Samoar-Hütte zu öffnen. Der Schnee ist so tief, dass jeder Sturz zum Problem wird. Plötzlich ist die Hütte in Sicht, aber um sie zu erreichen, muss man die Felle für einen halbstündigen Aufstieg anschnallen. Der Empfang in diesem riesigen und sehr modernen Unterkunftshaus, das den Namen eines ehemaligen Präsidenten und Ehrenmitgliedes des Österreichischen Alpenvereins, Martin Busch, trägt, ist sehr herzlich. Der Sonnenuntergang ist wunderschön, und unsre Blicke werden immer wieder von einem stolzen Gipfel, der Hinteren Schwärze, angezogen.

Dienstag morgen: einige Cirruswolken am Himmel. Frisch und munter brechen wir gegen 6.30 Uhr auf, Richtung Niederjoch. Nach einem gemütlichen Aufstieg über den gleichnamigen Gletscher erreichen wir die 120 Meter südlich der Grenzlinie auf italienischem Boden gelegene Similaun-Hütte. Eine reizende junge Südtirolerin serviert uns einen willkommenen Tee. Wir lassen unsere Säcke in der Hütte und steigen bald weiter. Der Gipfel des Similaun ( 3606 Meter ) wird leicht erreicht. Die Aussicht ist bemerkenswert, und wir erkennen unsere alten Bekannten, den Ortler, die Königsspitze und die Bernina.

Am Mittag sind wir wieder in der Similaun-Hütte, und einige Minuten später schnallen wir die Felle an, kehren auf österreichischen Boden zurück und besteigen innert einer knappen Stunde das Hauslabjoch. Von da an erreichen wir, uns zwischen den Gletscherspalten durchwindend, nach einer Schrägfahrt das Hochjoch und die Albergo Bella Vista ( 2842 Meter ), die ebenfalls in Italien, 700 Meter von der Grenze entfernt, gelegen ist.

Diese private Hütte mit zahlreichem Personal ist überfüllt; aber unsre Plätze sind reserviert.

Am Mittwoch in der Frühe hat der Tourenleiter grösste Bedenken. Das Wetter ist nicht günstig: Die Wolken hangen tief, die Temperatur hingegen ist viel zu hoch. Durchs Fenster der Hütte, von der aus man das italienische Schnalstal überblicken kann, sieht er, wie die Wolken bedenklich schnell zur Passhöhe in nördlicher Richtung steigen. Widerwillig muss er an diesem trüben Tag auf den im Programm vorgesehenen Weisskugel verzichten.

Da wir aber nicht untätig bleiben wollen, beschliessen wir, uns der fünf Stunden vom Hochjoch entfernten Vernagt-Hütte zuzuwenden. So wollen wir uns dem Hauptziel unserer Klubwoche in den Ötztaler Alpen, der Wild-Spitze, nähern. In jeder Hinsicht taten wir gut daran.

Gegen 8 Uhr brechen wir bei grauem Wetter auf. Der Schnee ist tief, und die Abfahrt vom Hochjochferner wird in vorsichtigem Tempo gemacht; von Zeit zu Zeit zählen wir unsern « Bestand » vorsichtshalber nach. Plötzlich erblicken wir an der anderen Flanke des Rofentales das grosse Hochjoch-Hospiz. Um es zu erreichen, muss man bis zum Fluss hinunterfahren und die gleiche Höhendifferenz an der anderen Seite wieder überwinden.

Bei dieser sympathischen Hütte angelangt, machen wir eine Stunde Teepause. Der Hüttenwart versucht uns zu überreden, für die Nacht zu bleiben, unter dem Vorwand, die Hütte, die wir erreichen wollen, sei überfüllt. Trotz seinem liebenswürdigen Empfang halten wir an unserem Entschluss fest und nehmen energisch einen Aufstieg von mehr als 600 Metern in Angriff. Von der Höhe, wo ein heftiger Wind weht, sehen wir in der Ferne unser Tagesziel, die Vernagt-Hütte. 300 Meter Abfahrt bringen uns rasch dorthin.

Vor diesem grossen, hölzernen Gebäude versammelt, fragen wir uns, wie man uns empfangen werde, denn wir sind unser neun und haben keine Plätze reserviert. Einmal mehr ist der Empfang des Hüttenwartes, eines kleinen, rundlichen Tirolers, sehr herzlich. Die Gaststube, ganz mit Holz verkleidet und mit Schnitzereien verziert, ist sehr heimelig. Hier werden wir schöne Stunden verbringen, denn der Donnerstag wird zum Ruhetag erklärt, ganz einfach, weil es den ganzen Tag schneit. Jedoch unternehmen einige Kameraden am Nachmittag eine zweistündige Ausfahrt in wunderbarem Pulverschnee.

« Schnee bringt schönes Wetter », sagt das Sprichwort. Tatsächlich ist am Freitag der Himmel klar. Um 6.30 Uhr verlassen wir die Vernagt-Hütte Richtung Wild-Spitze, einem österreichischen Führer mit fünf Tessiner Touristen folgend. Unsere gemeinsame Spur zeichnet in der Landschaft eine zuerst massig, dann stark ansteigende Linie auf dem Grossen Vernagtferner. Eine steile Strecke hinauf zum Brochkogeljoch muss zu Fuss zurückgelegt werden. Jetzt sind wir auf der andern Flanke; nach einem Flachstück von 1,5 Kilometer sind wir am Fuss der Wild-Spitze. Ihr Gipfel mit einem grossen Kreuz hebt sich blendend weiss vom blauen Himmel ab, 400 Meter über uns. Der letzte Hang wird leicht überwunden. 100 Meter unter dem Gipfel lassen wir die Ski zurück. Einige finden die letzten Meter mit Blankeis etwas heikel; aber die Wild-Spitze ist erreicht und damit das höchste Ziel unserer österreichischen Klubwoche. Die Freude ist allgemein. Zahlreicher Wolken wegen ist die Sicht leider weniger gut als vorher.

Bald beginnt in bestem Schnee eine nicht endenwollende Abfahrt, mit 2600 Metern Höhedifferenz zwischen Wild-Spitze und Sölden und 14 Kilometern Horizontaldistanz. Eine kleine Gegensteigung von 70 Metern bis zu einer kleinen Passhöhe, dem Mittelbergjoch, unterteilt die Abfahrt bis zur Braunschweiger Hütte. Der Schnee ist weiterhin gut, und wir sind sehr bald auf dem flachen Gletscher versammelt, 80 Meter unterhalb der Hütte. Unter bleierner Sonne steigen wir rasch hinauf, in der Absicht, unsern brennenden Durst zu löschen. Die Braunschweiger Hütte ( 2759 m ) ist ein kolossaler Gebäudekomplex und gleicht mehr einem Hotel als einer Berghütte. Wie wir wieder herauskommen, stossen wir gegen eine dichte Nebelwand.

Welch rasche Änderung! Zum Glück haben wir uns die Spur gemerkt, die in einem weiten Kreisbogen zu einem 230 Meter höher gelegenen Übergang, dem Rettenbachjoch, führt. In einem Schnee, in dem man auf Schritt und Tritt tief einsinkt, wird die letzte, sehr steile Strecke zu Fuss gemacht.

30 Negribreen an der Ostküste von Spitzbergen Auf der Passhöhe, wo wir den Nebel hinter uns lassen, eröffnet sich vor uns das in Richtung Nordost geradlinig verlaufende Rettenbachtal. Wir lassen uns hinuntergleiten; der Schnee ist jetzt weich und tief, und Vorsicht ist geboten. Bald nach den ersten Chalets stossen wir auf die Abfahrtspiste vom Skilift Sölden-Hochsölden, zur grossen Freude unserer Pistenhengste.

Im kleinen Lärchenwald finden wir unsere treuen Wagen wieder. Nachdem wir uns notdürftig zurechtgemacht und das Material verstaut haben, kehren wir im nächsten Gasthaus ein. Dann verlassen wir die am heutigen Karfreitagabend stark besuchte Station.

Wir kehren in die Welschschweiz zurück, mit einem Abstecher über Innsbruck, Brennerpass, Bolzano, Col du Tonale, Veltlin und Lugano. Nach dem Centovalli und dem Simplonpass erreichen wir wieder die waadtländische Riviera.

Das Ötztal hat sein Versprechen gehalten. Die in diesem schönen Land mit so sympathischen und korrekten Einwohnern verbrachte Woche war für uns alle eine Entdeckung. In der Tiefe seines Herzens wünscht sich ein jeder von uns, bald wieder dorthin zurückzukehren.

( Übersetzung Nina Pfister )

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