Weisshorn

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Schlag 5 Uhr waren wir bei Hegetschweilers Platte, wo es wie unter einer Dachtraufe regnete. Das Visitenbuch lag wirklich in seinem Zinkfutteral unterhalb der Gedenkplatte in einer Felsspalte. Ich konnte mich hier auf den ersten Blick auch nicht recht auskennen, der Gletscher hatte sich sehr verändert, er war bedeutend abgeschmolzen, niedriger als vor zwei Jahren. Man steht nahezu auf der Horizontale von 3000 m, gegenüber dem östlichen Fusse des Piz Urlaun. Selbst während dieses heissen Tages waren weiter oben nicht unerhebliche Veränderungen auf dem Gletscher vorgegangen, indem Schneebrücken, über welche unsere Vorgänger gegangen, eingestürzt waren und wir zur Umgehung der Klüfte gezwungen wurden.

Nachdem wir unsere Namen ins Visitenbuch eingetragen, ging 's abwärts. Zuerst durch eine Art Kamin, durch welches das Schmelzwasser in Strömen floss; dann über die gelbe Wand mit Aussicht auf den Absturz des Bifertengletschers zur Rechten. Im spitzen Winkel der Schneerunse zeigten sich noch einige Schwierigkeiten wegen mehrerer in der ganzen Breite durchziehender Schrunde ( 1861 keine Spur davon ). Um 7 Uhr hatten wir unsere Clubhütte am Grünhorn in Sicht, standen aber noch auf der Höhe des Gletschers, der hier noch einmal steil abstürzt. Die Situation war gegen 1861 so verändert, dass ich sie nicht mehr erkannte. Der Absturz war bei 100 Fuss hoch, und wir vollzogen den Hinunterstieg durch den Bergschrund, wobei das Seil gewissermassen als Handlehne diente. Nach dieser ausserordentlich misslichen Deszension, wobei aber Eimer Vater und Sohn bewiesen, dass ihnen Gletscher- und Bergschründe nicht bange machen, erreichten wir um 7% Uhr gerade bei einbrechender Nacht unsern Pavillon auf dem Grünhorn.

Weisshorn 4512 m.

Eine Überschreitung.Von Alfred Sturm.

Mit 4 Bildern.

Weisshorn-NordgratEr hat in den Kreisen der Aktiven guten Klang und verbürgt eine Bergfahrt ersten Ranges. Eben deshalb wollten wir von Zermatt aus einen würdigen Anlauf zu ihm über das Zinalrothorn nehmen. Daraus sollte nichts werden, denn in den Felsen des Eseltschuggen mussten wir und mit uns mehrere Partien an jenem Augustmorgen des vergangenen Sommers wegen allzu heftigem Schneetreiben umkehren.

Die Alpen — 1938 — Les Alpes.26 Die Wetternachrichten am nächsten Tage lauteten zwar auch nicht gut; immerhin schien die Sonne, und sie war es, die uns noch am Nachmittag hinauf zur " Weisshornhütte trieb. Der Anblick des Zinalrothorns ist von hier aus besonders eindrucksvoll, und es war uns auch jetzt noch nicht gleichgültig, dass wir auf den Weg über seinen Gipfel hatten verzichten müssen. Die Nacht auf der Weisshornhütte Hess uns nicht recht zur Ruhe kommen. Der Wind griff heftig in die Flanken des kleinen Hauses und behauptete sein Recht bis zum hellen Morgen.

Der neue Tag zeigte ein gutes Gesicht, aber keiner von uns hatte Lust, mit dem Übergang zur Hütte am Col de Tracuit früh zu beginnen. Jedenfalls war es längst 8 Uhr vorbei, als wir die Weisshornhütte verliessen. Unser Weg führte hinauf über den Fluhgletscher, hinab über den kleinen namenlosen Gletscherhang, der mit seinem Ausläufer die unteren Biesgletscherbrüche erreicht, vorbei an der Unglücksstelle von Frau Noll-Hasenclever und hinauf auf den Felsrücken des Nordostsporns des Weisshorn-Ostgrates. Das im Clubführer als « unteres Band » bezeichnete Schuttcouloir lag prall in der Morgensonne und war stark vom Steinschlag bestrichen, weshalb wir es vorzogen, durch die äusserst brüchigen Felsen nordöstlich des oberen Couloirs zu steigen. Damit war der Nachteil verbunden, dass wir allzu hoch über dem Biesgletscher den scharfen und steilen Rücken des Nordostsporns erreichten, dessen Abwärtsbegehung gar nicht einfach ist. Die ebene Querung des Biesgletschers war ein Genuss, insbesondere für das Auge. Im Verein mit dem Bieshorn und seinem Ostnordostgrat bilden hier der lange Weisshorn-Nordgrat auf der einen und der Weisshorn-Ostgrat auf der anderen Seite ein nach Ostnordost offenes Rund, das den ganzen Zauber hochalpiner Märchenwelt birgt.

Ist das Weisshorn von allen anderen Seiten gar nicht weiss, so rechtfertigt es aber von hier aus seine Bezeichnung vollauf. Wer das Horn von dieser Nordostseite aus nicht gesehen hat, dem sind die Schönheiten dieses einzigartigen Gebildes verschlossen geblieben. Auf solch prachtvoller Route besteht nur die Gefahr, die Zeit zu vergessen. So konnte es uns nicht überraschen, dass es schon bald 15 Uhr war, als wir im Biesjoch 3549 m standen.

Von hier führt der interessanteste Weg zur Tracuithütte über das Bieshorn 4161 m. Der Ostnordostgrat, der vom Joch aus in zwei grossangelegten Schwüngen gleichmässig und ausgesetzt zum Vorgipfel hinaufzieht, zeigte Spuren vom gleichen Tage. Die Partie hatte scheinbar Freude daran gehabt, den Weg über die fast ununterbrochene Wächte so scharf zu nehmen, dass man zeitweilig durch ihre Pickelspuren hinunter in den Biesgletscher sehen konnte.

Kurz nach 17 Uhr standen wir auf dem Hauptgipfel des Bieshorns und hatten nunmehr den Weisshorn-Nordgrat in seiner ganzen Länge so vor Augen, wie es besser nicht zu wünschen war. Der Anblick vermittelte uns gleich die Überzeugung, dass ein gutes Stück Arbeit bevorstand, dass insbesondere die Kletterei und Eisgeherei am « Grossen Gendarm » nicht zu unterschätzen war. Der übrige Teil des Grates wurde kurz überflogen, ohne dabei die wunderbaren Formen, die geradezu elegante Linienführung im oberen Gratabschnitt zu tibersehen. Auch die beiden oberen Schalligrattürme waren deutlich zu erkennen. Kurz war der Aufenthalt, denn ein eisiger Nordwind verjagte uns bald vom Gipfel. Schnellen Schrittes zogen wir durch die Nordwestflanke hinunter in den Turtmanngletscher und hinüber zur Tracuithütte auf rund 3300 m, wo wir zu Beginn der Dämmerung einkehrten. Leider war dieses kleine, mit äusserst geschickter Raumverteilung gebaute und wunderbar gelegene Schutzhaus restlos « ausverkauft », so dass für uns nur noch die Holzbänke übrigblieben. Das Lager war hart und als Vorbereitung für die Begehung des Weisshorn-Nordgrates unzureichend. Die schlecht verbrachte Nacht auf der Weisshornhütte, der ausgedehnte Bummel zur Tracuithütte, dazu noch die Überschreitung des Bieshorns liessen den Körper ein paar Stunden gesunden Schlafes begehren. Davon war aber keine Rede. Wir entschlossen uns daher für einen Ruhetag. Dieser Tag war sonnig und fast wolkenlos.

Als wir und mit uns eine Zürcher Seilschaft am nächsten Morgen gegen 330 ujjj. vor dje Hütte traten, wetterleuchtete es über den Turtmann- und Bruneggletschern. Über uns war der Himmel leicht mit stahlgrauen, stellenweise rötlich angestrahlten Wolken überzogen. So gingen wir mit gemischten Gefühlen hinaus in die dunkle Nacht. Immerhin war der Schnee auf dem unteren Turtmanngletscher fest, wenn auch in höher gelegenen, geschützten Mulden der Fuss durch die Decke brach. Trotz grosser Dunkelheit kamen wir schnell voran. Unser Weg führte links an den Firnhängen der Tête de Millon 3698 m vorbei. Der Bergschrund unterhalb des Weisshornjochs war kaum angedeutet. Bis hierher hatten die uns folgenden beiden Zürcher Kameraden gut Schritt gehalten. Mit bezackten Füssen stiegen wir in den Hang ein, der hinauf zum Weisshornjoch führt. Im unteren Abschnitt waren die Firnverhältnisse recht gut, während im mittleren Teil der Wand schalenförmige, hohle Eisflächen begangen werden mussten, die hie und da Stufen erforderten. Diese Eisverhältnisse verschlechterten sich mit jedem Meter, den wir an Höhe gewannen. Gleichwohl zog unsere Partie regelmässig und leichtfüssig ihre Kehren und stand bald am ersten Felskopf oberhalb des Jochs, während unsere Zürcher Kameraden tief unten im Hang mühsame Stufenarbeit erledigten.

Damit war der Weisshorn-Nordgrat und zugleich eine Höhe von rund 4100 m erreicht. Bis hierher mochten wir etwa drei Stunden benötigt haben. Die Dämmerung war längst vorbei, aber auch unsere Hoffnung auf das für eine so überaus lange und schwierige Bergfahrt erforderliche Schönwetter. Immerhin: noch war es trocken und dazu recht luftig; vielleicht war doch noch eine Besserung möglich. Sollte es wirklich anders kommen, so war uns der Rückweg sicher. Ausserdem waren wir vorzüglich ausgerüstet und körperlich in guter Verfassung.

In dieser Stimmung standen wir am Anfang eines grossen Grates, schauten hinauf über die erste Firnschneide und den anschliessenden Felsgrat zum « Grossen Gendarm », dessen Aufbau allein einen Gipfel ersten Ranges verkörpert, und weiter über die lange obere Firnschneide mit ihren zahllosen kleinen und grossen Aufschwüngen hinauf zum Punkt 4512 m, dem weissen Haupt unseres Berges. Aber auch hinunter glitt das Auge über die unheimlichen Flanken rechts und links des Grates, im Westen hinab in den Weisshorngletscher und das Val de Zinal, im Osten hinab in den Biesgletscher und das Nicolaital.

So zeigte uns der Berg noch einmal alle seine Reize, insbesondere die Eleganz seines formenschönsten Zuganges, den Nordgrat, mit dem phantastischen Wächter in der Mitte, dem grossen Turm.

Bei diesen grossartigen Eindrücken konnte unter uns über die Fortsetzung der Bergfahrt kein Zweifel mehr sein, und bevor wir noch einander die Meinungen austauschten, lag die untere Firnschneide des Grates hinter uns. Die Wächten waren nicht einheitlich; bald zeigten sie hinaus nach Osten, bald nach Westen, ein sicheres Zeichen für die Eigentümlichkeit der hier herrschenden Windverhältnisse. Selbst auf kurzen Strecken musste von der einen Seite auf die andere hinübergewechselt werden.

Der nun beginnende Felsgrat wurde mit Ausnahme einiger kleiner Türme in seiner ganzen Länge bis hart an den « Grossen Gendarm » auf der Schneide überschritten. Das Gestein ist durchweg gutartig; auch die grossen lockeren Felsplatten liegen so günstig, dass sie angesichts ihres enormen Gewichts für Tritt und Griff ziemlich sicheren Halt bieten. Soweit dieses Gratstück nicht auf seiner Schneide aufrecht begangen wird, bietet es eine herzerquickende, geradezu erholende Kletterei. Die vom Bieshorngipfel gut sichtbaren Abseilstellen empfindet man als eine willkommene Abwechslung. Der Grat zeigt hier zwei senkrechte Abbruche, die vom Bieshorn aus gesehen die Gestalt von Treppenstufen haben. Es folgt ein kurzer First, von dem man in eine Scharte hinabsteigt. Hieran schliesst sich der ziemlich stark zerfallene Gratteil, welcher zu den ersten und stabilen Felsen des « Grossen Turmes » führt. Der Gipfel dieses Turmes hat von Westen aus gesehen die Form eines Raubvogelkopfes. An seinem Fuss sind wir in die Ostflanke hinübergewechselt. Hier kamen wir in ziemlich schwierigen Fels. Ein alter Haken gab uns die Gewissheit, dass ein Weg vorhanden war. Wir verschwanden in einer Nische und sammelten uns kurz danach auf einer kleinen Firnterrasse in der Ostwand. Auf diesem windgeschützten Plätzchen wurde eine Pause eingelegt. Es war inzwischen 10 Uhr geworden. Drüben auf einem kleinen Felszacken, den wir vor etwa einer Stunde begangen hatten, sahen wir die beiden Zürcher Kameraden.

Während ich noch beim offenen Rucksack sass und seinen kostbaren Inhalt gebührend würdigte, hatte Freund Vollmer guten Sicherungsstand bezogen und Freund Brundobler den Weiterweg schon angetreten. Die ungemein harte Eisarbeit, welche bei der Fortsetzung der Querung auf etwa zwei Seillängen nun zu leisten war, beanspruchte viel Zeit. Überhaupt war es das härteste Stück Arbeit am ganzen Grat. Die Eisverhältnisse liessen sehr zu wünschen übrig. Von Firn fehlte jede Spur; dagegen lag eine steil in den Hang eingebettete Wassereisfläche vor uns, die von Schmelzwasser aus den über uns liegenden verschneiten Felsen herrührte.

Am Ende dieses Querganges fanden wir einen hochsitzenden zweiten Haken. Er ist hier ein willkommener Ersatz für den auf der nun zu über- windenden grossen Platte fehlenden Griff. Auch die folgenden grossen Platten sind arm an Griffen und Tritten. Dafür ist der Fels fest und bietet zwar eine sehr ausgesetzte, dafür aber um so schönere Kletterei. Am Südgrat des « Grossen Gendarm », kurz unterhalb seines Gipfels, kamen wir wieder zusammen. An dieser Stelle mündet die Youngroute in den Nordgrat.

Für unsere Zürcher Kameraden befestigten wir die Reepschnur an einem stabilen Block und liessen sie zur Erleichterung des Weges über die Platten hinunter. Damit war die Rechnung mit dem Wächter im Nordgrat gemacht und der Weg zum Gipfel stand offen. Einen Teil der nun beginnenden langen Firnschneide konnten wir übersehen. Wir stiegen hinab in den Sattel und gingen die zahlreichen kleinen und grossen Aufschwünge an. Gratkopf um Gratkopf verschwand hinter uns. Bald musste nach links, bald nach rechts von der Gratkante gewechselt werden, eben weil die Wächten auch hier nach verschiedenen Richtungen zeigten.

Waren wir bis in den Sattel südlich des « Grossen Gendarm » gut voran gekommen, so hatten wir jetzt unter dem starken Tiefdruck zu leiden. Das bleierne Gefühl im Körper und die Atembehinderung hemmten das Tempo wesentlich. Schon krochen die grauen Gespenster aus dem Biesgletscher zu uns herauf, und vom Ostgrat war schon nichts mehr zu sehen. Die Sonne? Sie hatte uns den ganzen Tag über sehr kümmerlich bedacht und war längst hinter einer Wolkenbank verschwunden.

Als wir in den oberen tiefen Firnsattel, in der Mitte dieses Gratabschnittes, hinabstiegen, begann es zu schneien, und bald darauf waren von meinen Seilgefährten nur noch die Umrisse schwach zu erkennen. Bei solch miserablen Verhältnissen standen wir um 2 Uhr mittags auf dem Gipfel, ohne es recht zu wissen. Nur der Umstand, dass es nach allen Seiten hinab und nirgends mehr weiter hinauf ging, verriet uns, dass wir auf dem Weisshorndach standen. Da tauchte auch für einen Augenblick wie ein Gespenst der obere Schalligrat-turm auf. Das war alles, was wir vom Gipfel aus sehen konnten.

Das Schneetreiben hatte stark zugenommen. Unsere Hoffnung, den Schalligrat im Abstieg zu begehen, war dahin. Ohne Aufenthalt liefen wir den im Verhältnis zum Nordgrat leichten und breiten Firnrücken des Ostgrates, der nur auf kurzer Strecke eine wirkliche Firnschneide hat, hinunter, um die Felsen zu erreichen. Unsere Freude, bald wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen, war sehr schnell zunichte. Der Felsgrat trug so viel Neuschnee, wie er gerade noch zu fassen vermochte. Das Gestein war mit einer feinen Eisschicht überzogen. Damit hatte sich der so harmlose und gefahrlose Felsabschnitt im Ostgrat in einen recht schwierigen und tückischen Zustand verwandelt. Also gab es eine winterliche Begehung im Sommer.

Es mochte etwa die Hälfte dieses Abschnittes hinter uns liegen, als wir der enormen Schneemassen überdrüssig wurden und in die weniger beschneiten Felsen der Südwand einstiegen. Das bocksteife und schwere Seil hatten wir längst ablegen müssen. In diesem schwierigen — weil brüchigen — Fels kamen wir gut abwärts. Aber auch damit hatte es bald ein Ende, denn hoch oben vom Grat herunter drangen Notrufe zu uns. Es konnte niemand anders sein als unsere beiden Zürcher Kameraden; sie waren offenbar sehr weit zurückgeblieben, was bei den schlechten Verhältnissen ohne weiteres zu erklären war. Wir hatten nicht erwartet, dass sie bei den ungünstigen Eisverhältnissen am « Grossen Gendarm » und dem hereingebrochenen Witterungsumschlag die Tur fortgesetzt hätten. Wenn diese Seilschaft gleichwohl bis dahin tapfer durchgehalten hatte, so ist das besonders zu würdigen. Bei uns gab es lange Gesichter. Es war schon 17 Uhr vorbei, und es schneite heftiger als zuvor. Eine klare Verständigung war nicht möglich. Nur soviel konnten wir vernehmen, dass es nicht mehr weitergehe. Also mussten wir das gute Stück Wand wieder hinauf. Ein Glück, dass wir alle drei in guter Verfassung waren. Um 1930 Uhr waren alle fünf « Weisshornmänner » mit total vereisten Kleidern am Grat versammelt und hielten « Kriegsrat ». Aber das Biwak war trotzdem fällig. So krochen wir einige Meter unterhalb der Gratschneide in unsere Zeltsäcke. Das Aneroid zeigte knapp 4000 m Höhe. Die Schneeflocken hatten sich in Firnkörner verwandelt und trommelten lustig auf den Zeltsack. Gegen 24 Uhr wurde es plötzlich hell, als sei es frühmorgens. Es war der Vollmond, der uns beinahe aus dem Sack herausgelockt und zur Fortsetzung des Abstieges verführt hätte. Aber noch während der Beratung trommelte es von neuem auf das Zelt. Es wurde auch merklich kühler. So hiess es durchhalten und wach bleiben, denn die Temperatur war stark zurückgegangen, gegen 4 Uhr morgens so erheblich, dass das Kondenswasser gefror.

Nun kam kurz nach 5 Uhr der wohlverdiente Lohn: das Schneetreiben hatte aufgehört. Drüben am Monte Rosa stieg die Sonne empor. Ihre Strahlen spendeten zwar noch keine Wärme; dafür belebte uns die Fülle des ersehnten Lichtes und der helle Glanz der tief unter uns liegenden Gletscherwelt. Frei glitt der Blick über die eindrucksvollen Höhenzüge vom Süden nach Osten und hinaus nach Norden. Das Bild, das sich uns in jener Morgenfrühe von diesem 4000 m hoch gelegenen First der Erdkruste darbot, war einfach phantastisch. Das Matterhorn —-welch faszinierender Obelisk! Die Dent d' Hérens, der Freund Vollmer und ich einige Tage vorher den Weg über die Nordwestwand und den Westgrat abgerungen hatten, sah etwas gedrückt aus; sie ist trotzdem ein schöner und bergsteigerisch wichtiger Berg. So sind wir nach einem beissend kalten Biwak doch noch auf unsere Kosten gekommen.

Noch einmal versuchten wir, den Grat zu begehen, aber es hatte bei der enormen Schneeauflage wenig Sinn. Nach ein paar Seillängen stiegen wir erneut in die von Couloirs durchsetzte Südflanke und standen nach einigen Stunden vorsichtigen Kletterns im gut zugedeckten Schalligletscher.

Damit war die Gefahrenzone hinter uns. Ein kurzer Bummel brachte uns zur Weisshornhütte. Drüben in der Domgruppe spannen die Nebel neue Pläne, diesmal nicht für uns. Als wir von der Hütte zu Tal stiegen, waren die Gipfel ringsum wieder verhangen. Eine erlebnisreiche und eindrucksvolle Bergfahrt hatte ihr Ende gefunden.

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