Weisshorn-Nordgrat im Winter

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Mit 2 Bildern.Von Emil Meier.

( 3. April 1938. ) Einen wunderbaren Hochwinter verbrachten Max Bachmann1 ) und ich Sonntag für Sonntag auf stets neuen, erfolgreichen Skifahrten in der 3000er Zone des Bündnerlandes. Mit zunehmender Tageslänge schraubten wir auch automatisch die Tourenpläne immer höher. Schon lange ist es das Wallis, das uns durch den Reiz des grossartigen Erlebens anzieht.

Endlich, knapp vor Torschluss einer wochenlangen Schönwetterperiode, reisst unsere Geduld ab, es gilt, einen alten Traum zu verwirklichen.

« Abgemacht » hallt es noch durchs Telephon, das uns auf über 100 km Distanz verbindet, und bald beginnt Max die romantische Fahrt mit seinem ausgeleierten, vorsintflutlichen Velo. In Zürich steigert die rote Aufschrift « Ohne Halt bis Bern » den Auftrieb noch mehr, der sich unser an diesem lachenden Vorfrühlingstag bemächtigt hat. Rechtzeitig lässt uns die Lötschbergbahn ins Wallis hinabrollen. Während uns das Rhonetal mit einer ungeahnten Blütenpracht überrascht, finden wir in den höheren Regionen die erwarteten Verhältnisse bestätigt: es liegt sehr wenig Schnee, die Felsgipfel bieten einen sommerlichen Anblick.

Da heute noch das Refuge Tracuit erreicht werden soll, fahren wir in einem Privatauto von Sierre nach dem schmucken Ayer. Hätten wir nicht einen den Einheimischen gleichfarbigen Teint aufweisen können, so wären wir wohl vollständig für verstörte Ausländer gehalten worden. Hier herrscht ja längst keine Skisaison mehr, und etwas vorzeitig hält der Frühling seinen Einzug im vielbesungenen Val d' Anniviers.

Eine halbe Stunde vor Zinal ist endlich die Schneegrenze erreicht. Von Zinal ( 15.30 ) aus wählen wir den sicheren Winterzugang in Anbetracht des unbekannten Gebietes und der bald einbrechenden Nacht. In weitausholender Schleife, die Zinalgletscherzunge berührend, spuren wir flüssig nach der Alpe Arpitetta.

Noch können wir im Halbdunkel erkennen, dass wir zu hoch angestiegen sind. Sofortige Rückfahrt auf den Fellen korrigiert den Abweg. Dann beginnt eine rabenschwarze Nacht. Heimtückische Löcher und Rinnen unterbrechen den Weg und lassen ihn endlos erscheinen. Mit Mühe finden wir den Übergang über Roc de la Vache nach der Alpe Combasana. Zur allgemeinen Orientierung leistet der Kompass nützliche Dienste, im täuschenden Laternenlicht jedoch nehmen Kleinigkeiten, wie Steinblöcke und Lawinenschollen, gespensterhafte Formen an und veranlassen uns zu Umwegen. Nebst dem gewichtigen Sack machen sich allmählich auch die strengen Arbeitstage der vergangenen Woche bemerkbar. Alle diese Umstände sind daran schuld, dass wir erst gegen Mitternacht am Col, wenig später auch am Refuge anlangen.

Nicht lange können wir die spannungslose Stille der leeren Hütte geniessen. Bei beginnendem Tagesgrauen ( 5.45 ) spuren wir schon über den Turtmanngletscher. Leichter Pulverschnee gestattet zügiges Gleiten. Nur mit leichtem Ballast ( wir glauben noch am gleichen Tag wieder ins Refuge zurückzukehren ) legen wir mühelos die Serpentinen in den zum Bieshorn hinaufreichenden Gletscherarm. Auf der Kote 3700 stecken wir die Ski in den Windharsch und eilen steigeisenbewehrt auf den besonnten Gipfel ( 8.45 ).

Wir stehen gebannt still und bestaunen die messerscharfe Linie des Weisshorn-Nordgrates. In göttlicher Erhabenheit schwingt er sich über der schaurigen Nordostflanke zu jener Spitze empor, deren makelloses Weiss dem Berg den Namen gegeben hat. Unbeschreiblich ist dieser Anblick I Gerade gegenüber wirkt der schwarze, eisgepanzerte Koloss des Brunnegg-hornes furchtbar abweisend. Wir glauben uns in eine andere Welt versetzt. Allmählich kommen wir wieder zur Besinnung. Frisch nehmen wir den gigantischen Prachtskerl in Angriff. Es ist schon reichlich spät für unser Unternehmen. Das erste Gratstück wird daher im Sturm genommen und elegant seine zwei Absätze überwunden, bis der Grand Gendarme Halt gebietet ( 11.30 ). Er zeigt sich seines Namens würdig. Die übliche Umgehung erweist sich nach einem längeren Versuch wegen der vorhandenen Eisverhältnisse als aussichtslos. Eine grössere Traversierung in aussergewöhnlich hartem, sprödem Eis würde zu viel Zeit kosten, wir müssen deshalb den grossen Aufschwung direkt überklettern. Es geht hart auf hart, doch Max gelingt der Aufstieg unmittelbar neben der Kante.

Unterdessen hat sich der prachtvolle Morgenhimmel wesentlich verändert. Wolken umhüllen die benachbarten Gipfel, und unregelmässige Windstösse verkünden einen Wettersturz. Ungläubig klettern wir weiter und stehen um 14 Uhr im Sattel. Plötzlich setzt Nebel ein, im Nordsturm betreten wir den Weisshorngipfel ( 15.20 ).

An eine Rückkehr über den Nordgrat, wie ursprünglich beabsichtigt, ist nicht zu denken. Ringsum verschlechtert sich das Wetter zusehends, so dass wir sofort über den Ostgrat absteigen. Einige Aufhellungen erleichtern den Durchschlupf in den obersten Schrunden. Kaum sind wir an den Felsen angelangt, so beginnt schon leichter Schneefall. Wir versuchen einen Wettlauf mit der Nacht, aber um 19 Uhr überrascht uns die Dunkelheit, verbunden mit ausgiebigem Schneetreiben am Ostfuss mitten in einem Eishang ( ca. 3300 ). Oben heult der Sturm sein urgewaltiges Lied. Es ist unmöglich, die Weisshornhütte zu finden. Rasch suchen wir Schutz unter einem überhängenden Stein. Bei Laternenlicht kratzen wir uns eine Liegegrube. Im Toben der Elemente ist selbst der alte, zerrissene Schlafsack meines Freundes Max noch ein Königreich wert. Draussen herrscht eine durchdringende Kälte.

In der langen, nasskalten und stürmischen Nacht fegen häufige Schneerutsche über unseren Stein hinweg und pressen den ohnehin engen Platz immer stärker zusammen. In das andauernde Krachen abgehender Lawinen vermischt sich in den frühen Morgenstunden unser Zähnegeklapper. Mit Diskussionen über die Möglichkeit des Entrinnens aus dieser Falle halten wir uns gegenseitig wrach, während draussen der Sturm zu orkanartiger Stärke anschwillt.

Welches GlückEin klarer Morgen grüsst uns, als wir um 6.45 die steifen Knochen aus dem Sack strecken. Bei bissiger Kälte und mit knurrendem Magen ( wir besitzen keinen Proviant mehr ) traversieren wir nach dem Biesgletscher. Mit den Händen vor dem Gesicht kämpfen wir Schritt um Schritt gegen den Nordsturm. Um nicht umgeblasen zu werden, müssen wir uns bei den stärkeren Windstössen tief ducken. Erschöpft stehen wir um 9.30 auf dem Biesjoch, aber der Weg zu den Ski führt nur über dasBieshorn! Eine bittere Tatsache. Der Aufstieg durch die Ostflanke verlangt unsere letzte Energie.

Endlich bei der Skiablage angelangt schenken wir der Aussicht keine grosse Beachtung mehr. In stiebender, halsbrecherischer Abfahrt schwingen wir der Hütte zu, wo wir sofort mit unbändigem Heisshunger über die vollen Proviantkörbe herfallen ( 14 Uhr ). Zur Heimreise reicht es aber nicht mehr.

Am folgenden Tage scheint wieder ein Wettersturz in greifbarer Nähe, weshalb wir die Hütte fluchtartig verlassen. Diesmal benützen wir den Sommerweg. Hemmungslos schiessen wir die Combasanahänge hinab, bis wir nach Überschreitung der Schlucht in die Lawinenrinnen geraten. Diese sind jedoch gut ausgefüllt und bieten bei dem kalten Wetter keine Gefahr. Um 10 Uhr können wir von Ayer aus heimtelephonieren, dass das akademische Viertel ( in unserem Fall = 1 Tag Verlängerung ) in Kauf genommen werden Die Alpen — 1941 — Les Alpes.5 muss. Erst in der Talfahrt durchs Eifischtal weicht der Bann von uns. Bergwärts ziehende Viehherden, Enzianwiesen und blühende Kirschbäume lassen uns die Härten des Winterbiwaks vergessen. Wunschlos glücklich sind wir über die gelungene Fahrt, und nun fesseln unser Auge hundert Kleinigkeiten, die wir bei der Hinreise ausser acht gelassen hatten.

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