Weisshorn-Schalligrat

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Mit 3 Bildern ( 104—106 ) Ostersamstag 1949 verlassen wir ( Hans Rein, Ernst Schulthess und J. N. ) morgens die Weisshornhütte, um, wie wir zunächst glauben, eine Rekognoszierungsfahrt in Richtung Schallijoch zu unternehmen. Wir möchten gerne wissen, ob der Zustand des Gletschers und der Felsen eine Begehung des Schalligrates gestattet. Nach ca. einstündigem Anmarsch über den Schalli- gletscher erreichen wir den Fuss eines steilen Couloirs, durch welches, laut den Angaben des Walliser Führers, eine Route zum Joch führen soll. Das Couloir sieht zwar, im Lichte alpiner Vorsichtsregeln betrachtet, nicht sehr zweckmässig gebaut aus, doch kann es uns einen grossen Umweg über den stark zerschrundeten Gletscher ersparen. Die Mahnung des Führers, dasselbe « möglichst rasch zu durchsteigen », lässt sich nur schwer in die Tat umsetzen. Insbesondere eine felsige Steilstufe in ungefähr halber Höhe, von der der sonst guttrittige Schnee nahezu verschwunden ist, bereitet etwelche Schwierig-, keiten und muss in heikler Kletterei, mit den Steigeisen an den Füssen, umgangen werden.

Am obera Ende des Couloirs betreten wir den Gletscher wieder. Er macht uns weniger durch seine Steilheit und seine Spalten zu schaffen als vielmehr durch die energielähmende Bruthitze, die nun, im späten Vormittag eines strahlend klaren Tages, hier herrscht. Um die Mittagszeit sind wir zu einer längeren Rast mitten auf dem Gletscher gezwungen. Nur wenig erfrischt brechen wir wieder auf und nähern uns einer Gletschermulde in der Fallirne des Schallijoches. Es bieten sich von hier aus zwei verschiedene Aufstiegsmöglichkeiten: einerseits ein direkt dem Joch zuführendes, ca. 250 m hohes Couloir, das ein wahres Sammelbecken sämtlicher alpiner Gefahren ( Hitzschlag inbegriffen ) darstellt, andererseits eine weite Umgehung in der SO-Flanke des Schalligrates, welche zweifellos zeitraubender und keineswegs viel sicherer als das Couloir sein dürfte. Trotzdem scheint Hans Umgehungs-gelüste zu hegen. Auf meine energische, vor allem auf kräfteökonomischen Überlegungen beruhende Intervention hin, wird aber beschlossen, den « Hitze-tod » lieber im Couloir als in den Flanken zu erleiden.

Im Couloir ist der Schnee trittig, aber zu weich. Besonders Ernst, mit seinen « Gruber-Spezial, Modell Riese Goliath », sinkt unbarmherzig tief ein. Sonst verläuft die etwas riskante Unternehmung zwischenfallslos, und am frühen Nachmittag stehen wir auf dem Schallijoch.

Auch ohne gemeinsame Besprechung sind wir uns, jeder für sich, unterwegs darüber einig geworden, dass wir uns diesen « Schinder » nicht noch einmal gönnen möchten, und es wird daher beschlossen, den Nachmittag auf dem Joch zu verbringen, nachts hier zu biwakieren und anderntags den Grat in Angriff zu nehmen. Das Wetter ist prachtvoll und scheint zudem beständig, mit Proviant und Material sind wir einigermassen versehen — so ist unser Beschluss durchaus zu verantworten.

Mit Essen, Schlafen, Sockentrocknen und Biwakbauen vergeht, die Zeit rasch, und kurz nach dem Sonnenuntergang, den wir von unserem hohen Beobachtungspunkt aus restlos geniessen können, verkriechen wir uns im Zeltsack. « Da aber wird ein Heulen und Zähneknirschen... » Trotzdem überstehen wir die Nacht leidlich, und es scheint mir sogar, dass ich mitunter etwas schlafe. Durch energische Stösse bereitet leider Ernst, der wie ein har-punierter Walfisch im Sack umherrollt, diesen kurzen Schlafanfällen jeweils ein jähes Ende...

Der Ostersonntag begrüsst uns anfänglich mit ziehenden Nebelschwaden, die sich aber nach Sonnenaufgang lichten und den Blick auf die erhabene Umgebung unseres Schlafzimmers freigeben. Wir brechen verhältnismässig spät auf, in der Absicht, die Sonne etwas auf die Felsen des Grates wirken zu lassen, ohne vorderhand zu ahnen, dass uns diese Verzögerung von anderthalb bis zwei Stunden im Abstieg zu einem neuerlichen Biwak verhelfen wird.

Zunächst umgehen wir mit Steigeisen die untersten Gratzacken in der SO-Flanke und betreten den eigentlichen Grat etwa 150 m über dem Joch am Fuss eines plattigen Aufschwunges. Der Charakter der Kletterei wird für die nächsten vier bis fünf Stunden bestimmt durch den Wechsel von aperen Aufschwüngen und Türmen mit dazwischenliegenden, tief verschneiten flacheren Gratpartien, wobei die letzteren ebensoviel Zeit, aber weit mehr Vorsicht erfordern als die ersteren.

Zu Beginn des zweiten Gratdrittels macht uns ein etwa 30 m hoher, steiler Plattenturm etwas Mühe.Vom führenden Hans an der östlichen Kante angegangen, erweist er sich von dieser Seite als unbegehbar. Wir bewältigen ihn durch die Risse in der Mittelflanke, dessen Überwindung eine herrliche Kletterei in gutartigem Urgestein vermittelt.

Überhaupt zeigt sich der Grat, wo er nicht unter dem Schnee verschwindet, als äusserst fair, dabei nie langweilig und stellenweise von grossartiger Ausgesetztheit. Die Tiefblicke nach West und Ost, die der wandernde Nebel zeitweise freigibt, fesseln durch Weite und Wildheit, wie dem ganzen Berge eine elementare Wucht eigen ist, die ihren Eindruck auf uns nicht verfehlt Und uns bei jedem Tritt in Fels und Schnee fühlen lässt, dass wir uns auf einem « grossen » Berge bewegen.

Unser Vorrücken gestaltet sich nicht sehr rasch, aber stetig. Als Höhenmesser dienen das Zinalrothorn und die kühne Gestalt der Dent Blanche, die indessen beide noch keine Neigung zeigen, sitìh zu « ducken ». Der Nebel hüllt zeitweise Grat und Wände ein, so dass wir nur ein kurzes Wegstück, etwa von der Ausdehnung unserer Seilschaft, überblicken können. Raum und Zeit scheinen dann für Augenblicke zu zerfliessen, und es kommt uns vor wie wenn wir uns schon ewig auf diesem Grate bewegten und doch nie zu unserem Ziele kämen. Auch das stete und regelmässige Tempo, mit dem sich Hans an der Spitze den Weg über den Grat bahnt, trägt viel zu diesem Gefühl einschläfernder Monotonie bei. Zerreisst der Nebel für kurze Zeit, so können wir aber feststellen, dass wir dennoch vorwärts gekommen sind.

Mit zunehmender Höhe beginnt der Schnee tiefer zu werden, und nur noch ganz steile und nach Süden geneigte Felspartien sind schneefrei. Unter diesen Umständen werden viele sonst wohl harmlose Gratstücke zusehends schwieriger und erfordern eine aufmerksame Behandlung.

Unterdessen nähern wir uns dem letzten Gratdrittel. Ich schätze die Tageszeit auf etwa Mittag, muss mich aber nach einem Blick auf die Uhr belehren lassen, dass es schon halb 3 ist. Ernst beginnt etwas von einem zweiten Biwak zu murmeln. Mir scheint das reichlich pessimistisch. Bis zum Gipfel dürften uns jetzt noch ca. 250-300 m Höhe fehlen. Das sollten wir in anderthalb bis zwei Stunden bewältigen können!

Vorläufig arbeiten wir uns an einem steilen, leidlich aperen Aufschwung empor, der westlich von einem wilden, nahezu senkrechten Plattenschuss begrenzt wird. Der Nebel, der dessen Verlauf gegen unten verhüllt, verstärkt nur noch den Eindruck unermesslicher Grosse. Der Aufschwung wird oben von Grattürmen gekrönt, die uns zum Ausweichen in die SO-Flanke zwingen. Wir ziehen wieder die Steigeisen an und traversieren mit einigem Abstand von der Grathöhe die SO-Wand. Der Tief blick ist eindrucksvoll. Die Flanke wird zusehends steiler und felsiger, so dass wir uns in mühseliger Steigeisenkletterei über eine Mischung von Schnee, Eis und Fels wieder auf die Grathöhe zurückarbeiten müssen.

Wir haben nun entschieden das Gefühl, dass sich der Gipfel hier irgendwo in der Nähe befinden sollte. Nur der Gipfel selbst scheint davon nichts zu wissen und entzieht sich hartnäckig unseren Blicken. Zu seiner Verteidigung hat er noch einige ganz grobe Brocken vorgeschickt. So z.B. eine ca. 10 m hohe, nach Westen geneigte Platte, die an ausgesprochenem Griffmangel leidet und zudem bis zur halben Höhe unter einer Naßschneeschicht verschwindet. Sie bietet Hans Gelegenheit, zu zeigen, dass der gute Kletterer viele verwandte Züge mit dem Zauberkünstler aufweist. « Keine Hexerei — lauter Geschwindigkeit » — und schon ist er oben und nimmt uns nach. Von hier leitet ein tief verschneites Flachstück zu einem fast senkrechten Turm über, in dem wir den Gipfel vermuten. Er wird etwa in der Mitte von einer Verschneidung durchzogen, welche der einzig mögliche Weiterweg zu sein scheint. Ein Gewitter, das sich schon seit einiger Zeit in unserer westlichen Nachbarschaft bemerkbar machte, scheint gerade auf diesen Augenblick gewartet zu haben, um sich unserem Grat zu nähern. Dies verleiht uns Flügel — und die Verschneidung liegt in kürzester Zeit hinter uns.

Sie endete allerdings nicht auf dem Gipfel, wohl aber auf dem letzten Turm davor. Von hier aus überblicken wir eine tiefe Scharte und jenseits einen Turm, aus dem seitlich eine Holzstange herausragt — augenscheinlich der Überrest eines ehemaligen Gipfelsignals. Nach Schlagen eines Sicherungshakens erreichen Hans und Ernst den Grund der Scharte und beginnen den letzten Aufstieg. An mir wäre es, nach den Regeln sauberer Alpinistik, den Haken herauszuschlagen und dann frei die Scharte zu erreichen. Dieses Programm lässt sich aber, angesichts des verschneiten Zustandes der Felsen, leider nicht verwirklichen. Ich muss den Haken sitzen lassen und ihn zum Abseilen in die Scharte benützen. So bleibt er einsam zurück, ein stummer Zeuge mangelnden Heldenmutes...

Das Gewitter hat sich inzwischen irgendwo zerschlagen; nach Westen zu brodeln sonnenbeschienene Nebelschwaden, im Osten stehen klar die Gipfel der Mischabel, als wir uns abends halb 7 Uhr auf dem Gipfel die Hände reichen. Für weitergehende Gemütsbewegungen bleibt uns leider wenig Zeit. Ein Stückchen Schokolade wird rasch zerkaut, die Eisen angezogen, und nach einer kaum fünf Minuten währenden « Gipfelstunde » befinden wir uns alsbald in eiligstem Abstieg über den Ostgrat.

Die Schneeverhältnisse sind ausgezeichnet, und in weniger als einer Stunde erreichen wir den Beginn der Felsen. Ohne die Eisen auszuziehen, versuchen wir unser rasches Tempo auch im Fels beizubehalten, in der Hoffnung, vor dem Eindunkeln noch gangbares Gelände zu erreichen. Ein bequemer Schlaf in der Hütte erscheint uns im Moment als etwas höchst Begehrenswertes. Bei Einbruch der Dunkelheit befinden wir uns indessen noch hoch oben am Grat und sind froh, wenigstens einen einigermassen passablen Biwakplatz zu finden. Er liegt etwas unterhalb der Grathöhe in der O-Flanke des sog. « Gendarmen ».

Entgegen unseren Erwartungen verläuft dieses zweite Biwak nicht unangenehm, und am Montag morgen schälen wir uns kurz nach dem frühen Sonnenaufgang schon aus dem Sack, um in guter Verfassung den Abstieg fortzusetzen. Er beginnt mit dem Abseilen vom Gendarm, bereitet aber in der Folge keine grösseren Schwierigkeiten mehr. Immerhin zwingt der verschneite Fels zu vorsichtigem Gehen.

Je tiefer wir kommen und je mehr wir uns der Hütte nähern, um so mehr beginnt sich das « Fleisch » zu melden. Seit dem Aufbruch vom Schallijoch haben wir keinen Tropfen Flüssigkeit mehr zu uns genommen ( unser unzureichender Metavorrat war auf dem Joch ausgegangen ) und kaum etwas gegessen. Auch Müdigkeit stellt sich schlagartig ein.

Wir verlassen den Grat und steigen in ein Couloir ein, welches uns in die Gletschermulde westlich der Weisshornhütte geleiten soll. Der Schnee ist oben für Steigeisen gut, wird aber gegen unten zusehends weicher, bildet Stollen und lässt uns den Abschluss unserer Tour sauer verdienen. Auf dem Gletscher angelangt, legen wir das hier nicht mehr benötigte Seil ab und streben in verschärftem Tempo der Hütte zu, die wir nach über zweitägiger Abwesenheit ebenso müde wie zufrieden betreten.

Zeiten: Weisshornhütte ab 07.10, Schallijoch 13.40, Schallijoch ab 07.30, Gipfel 18.30, Biwak 20.20, Biwak ab 05.45, Weisshornhütte 09.00.

Feedback