Weissmies-Nordgrat

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9Von S. Walcher

( Wien ) Zermatt — Saas-Fee. Welche Gegensätze, und doch eine Welt, eine Welt erhabenster Schönheit. Herrisch und kalt steht über dem Tal der Visp das Matterhorn, Sinnbild des Herrschers, abgerückt vom königlichen Gefolge, sich seiner Einsamkeit, Grosse und Macht voll bewusst.

Eingebettet zwischen sanften, sich weitdehnenden, blendend weissen Gletschern liegt, wie eine frühlingsgrüne, mit Krokus bestandene Wiesenmulde, das liebliche Saas-Fee. Wer des Märchens Reich leibhaftig zu schauen begehrt, der komme, wenn über der sanften Mulde wolkenlos der Himmel blaut, wenn an den Hängen die rote Rose des Berges blüht und dich das Leuchten der Firne zwingt, die Augen zu schliessen, dass du es besser hören kannst, das Lied der saugen Mädchen, wie es klagend und lockend, werbend und schmeichelnd leise aus dem Rauschen der lichten Lärchen klingt, aus deren Gezweige wie goldner Regen die Strahlen der Sonne fallen. Und findest du drüben ein lautes, geschäftiges Treiben, steht dort scheinbar alles im Banne des Riesen, heisst dort fast jeder Wunsch nur « Matterhorn », hier in stillen, weiten, lichtdurchfluteten Räumen öffnen dir gütige Feen die Tore zu deines Wesens innerstem Reich, dass du im Glänze der Gestirne und in des Mondes zauberhaftem Scheine, wenn er, segnend wie einer Mutter Hand, auf den Firnen liegt, deiner Seele wahre Heimat erahnend schauen kannst.

Auch dieses Märchenreich umstehen gewaltige Berge; mir aber war immer, als riefen sie mich nicht zum Kampfe mit Eis und Fels, als riefen sie: « Komme und schaue von unseren Höhen des Tales Kleinod wohlgeborgen in unserem Schosse, schaue des Südens seengeschmücktes Paradies und freue dich, Wanderer, göttlicher Schönheit und Ruhe. » In Saas-Grund fanden Otto Guberner und ich freundliche Aufnahme und eine über alles Lob erhabene Bewirtung. Schon am nächsten Tag nach unserer Ankunft aus Visp stiegen wir hinauf zur Weissmieshütte. Mit jedem Schritte bergwärts bekamen wir mehr zu sehen. Voll Verlangen hingen unsere Blicke am Dom und Täschhorn, wanderten über die vielen Gipfel des Nadelgrates und ruhten lange auf den leuchtenden Höhen des Alphubels und Allalinhorns; den ganzen Nachmittag taten wir nur eines: schauen.

Am nächsten Tag waren wir gegen den Abend etwas müde von einer Fletschhornüberschreitung zurückgekommen. Mehr Zeit, als mich der Augenschein vermuten Hess, kostete uns der Aufstieg über den Südwestgrat, und Sonne und Schnee hatten uns tüchtig warm gemacht.

Am Morgen des nächsten Tages fiel uns das Aufstehen etwas schwer. Wir gaben der Versuchung nach und blieben liegen und trösteten uns mit dem Gedanken, dass wir den Gipfel des Weissmies auch noch nach einem späteren Abgang von der Hütte erreichen würden.

Als es heller Tag war, die Sonne schien und kein Mensch mehr in der Hütte weilte, schulterten wir unsere Säcke und gingen. Kein Verlangen nach Kampf und Sieg trieb uns, keine Schwierigkeiten und Gefahren zwangen unsere Gedanken in die Bahnen der Pflicht und lenkten unsere Blicke ab von der strahlenden Schönheit des frühen Vormittages. Wunschlos sassen wir wenige Stunden später am Gipfel, tranken « was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt », blickten hinab in die grünen Täler und auf das weite Nebelmeer, das weithinaus die Ebene Italiens deckte. Regungslos schien es zu sein, und doch rückten seine Wogen immer näher, stiegen immer höher, bis sich, Schaumspritzern gleich, einzelne Nebelstreifen lösten und jäh aufwärts tanzten zu den Bergen. Da standen wir auf und begannen den Abstieg.

Was ist das nur für eine geheimnisvolle Kraft, die den Willen zur Tat zwingt, ohne sich um die Stimme der Vernunft zu kümmern? Und welcher Bergsteiger kennt nicht die Ruhe und Gelassenheit, die manchmal, unbegreiflich woher und wieso, zu uns kommt und uns gerade in Augenblicken grösster Gefahr handeln lässt, als befänden wir uns in völliger Sicherheit? Wir hatten beide über die Richtung des Abstieges kein Wort gesprochen und blickten uns nur stumm an, als wir an unseren Aufstiegsspuren vorbeischritten und uns dem Nordgrat zuwandten.

Phantastisch wälzten sich jetzt die Wogen des Nebelmeeres von Süden heran, aber immer noch standen triumphierend die sonnenhellen Gipfel der Berge über dem grauen Gewoge. Ottos Augen leuchteten. Wundervolle Kletterei brachte uns Seillänge um Seillänge tiefer. Wohl waren manchmal die feinen Risse der grossen Platten mit Eis ausgefüllt, wohl zwangen uns manchmal schwierige Stellen zur grössten Vorsicht, aber was war das alles gegenüber der Schönheit des Gangs durch eine Welt unvorstellbarer Grosse und Erhabenheit. Waren uns darum vielleicht selbst die Götter neidisch? Soeben noch türmten sich rund um uns leuchtende Wolkenberge, soeben noch hing der Himmel grundlos blau über uns, und soeben noch durchströmte uns der Sonne heisses Licht; nun ist plötzlich alles grau, und kalt pfeift der Wind aus der Tiefe herauf. Aber merkwürdig! Selbst als der grelle Schein ferner Blitze uns umzuckte, der Donner dumpf rollte und aus dem Grau, das uns umfing, lustig weisse Flocken tanzten, fasste uns weder Unruhe noch Bangigkeit. Langsam und sicher kletterten wir über die Türme und Schneiden des Grates tiefer, und nichts vermochte in uns die Freude zu dämpfen, die uns die Gnade einer Stunde schenkte.

Aber, wie gekommen so zerronnen! Auf einmal zerriss ein greller Schein vor uns das ziehende Grau, doch war es keines Blitzes tödlicher Strahl, sondern der Sonne lebendiges Licht. Wer kann es beschreiben, dieses unvergleichliche Gewoge und Getriebe wallender, ziehender, fallender und steigender Nebel, des Lichtes Fülle, der Schatten Dunkel, der Sonnenstrahlen Blitzen, des Himmels Leuchten und die tausend Farbtöne des wieder alles verhüllenden, grauen Nebels!

Als wir unten standen am Ende des Grates, war der Himmel über uns wieder wolkenlos. Durch eine Rinne stiegen wir hinunter zum Gletscher. Da hörte ich über mir Gepolter und Ottos lauten Ruf: « Achtung, Steine! » Aber es war schon zu spät. Fast im gleichen Augenblick, als ich den Ruf hörte, erhielt ich einen Schlag auf den Kopf und taumelte gegen die Wand. Als ich nach einiger Zeit die Augen öffnete, drehten sich vor mir die Felsen ganz wunderlicherweise im Kreise, und lautes Brausen füllte meine Ohren. Etwas später löste sich aus diesem sonderbaren Wirrwarr langsam Ottos besorgtes Gesicht, und ich fühlte des Blutes Wärme auf der Stirne. Dann aber, nach einer kurzen Rast, war alles bald wieder in Ordnung. Sacktuch und Hut bedeckten Loch und Kopf, und etwas taumelnd noch, sonst aber ganz munter, stieg ich das letzte Stück zum Gletscher hinab.

Zwischen mächtigen Granitblöcken lag ein kleiner, samtweicher, grüner Wiesenfleck. Blaue Gentianen und die zarten roten Blüten des stengellosen Leinkrautes schmückten ihn. Dort liessen wir uns nieder und rasteten, bis der Sonne letztes Licht glutrot auf Fels und Firn lag. Still blickte ich hinauf zu den Türmen des Grates, und da war mir, als sähe ich, wie sie sich wandelten zu Stufen einer goldenen Stiege hinauf zum weit offenen Tor einer geheimnisvollen, blauen Wunderwelt.

WEISSMIES-NORDGRAT

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