Weissmies-Nordgrat
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Weissmies-Nordgrat

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Begierig musterten wir die nähere und fernere Umgebung. Während des Aufstiegs waren wir nicht frei von Besorgnissen wegen des Wetters gewesen. Der Himmel war zwar grösstenteils wolkenlos, aber hie und da streifig, die Spitzen derMischabelhörner mit leichten Fahnen geziert, der Gipfel des Laquinhorns in eine dunkle Wolke gehüllt, die uns einmal einen Graupelgruss sandte, so dass meines Gefährten Pessimismus sich in düstern Prophezeiungen erging. Jetzt konnten wir erkennen, dass unsere Besorgnisse überflüssig gewesen. Die Nebelkappen der Nachbarspitzen waren bereits von der Sonne verzehrt oder in Auflösung begriffen, der Horizont auf allen Seiten völlig klar. Ungehindert schweift das Auge nach Osten hin über die breite Simplonfurche zu den Tessiner Bergen, den Höhen des Gotthard und den schimmernden Gipfeln der stolzen Bernina; im Westen begrenzt der mächtige Wall, der das Gebiet der Saaser- und der Mattervisp trennt, das Gesichtsfeld. Aber diese gewaltige, aus Eis und Fels erbaute Riesenmauer mit ihren himmelragenden Hörnern, ihren blinkenden Firnschneiden und trotzigen Zackengraten, von den Strahlen der Morgensonne vergoldet, ist ein so wunderbares Schaustück, dass das Auge diese Beschränkung gern erträgt, denn Schöneres zu schauen kann es doch nicht hoffen. Und welchen Kontrast bildet mit dieser übermächtigen Hochgebirgswelt dort im Südwesten die lachende italienische Ebene, die so gern nach spröder Frauen Art ihre Reize mit einem Schleier verhüllt, zu so früher Stunde aber dieses Toilettestück noch nicht angelegt hatl Da liegt er zu unsern Füssen, der schöne Langensee; gerade in die Bucht von Pallanza mit den herrlichen borromeischen Inseln schauen wir hinein. Die beiden kleineren Wasserbecken sind wohl der Lago d' Orta und Varese, vielleicht auch ein Stück des Luganersees, und jener aus der Ebene hoch emporragende Gipfel, auf dem mit dem Zeiss deutlich ein Gebäude zu erkennen ist: wer kann es anders sein als der tessinische Rigi, der Monte Generoso, 32 von dem ich vor Jahren zaghaft und ehrfürchtig hinaufschaute zu den schimmernden Höhen des Wallis, ohne zu ahnen, dass sie mir dereinst Vertraute und Freunde sein würden.

Lange standen wir in Schauen versunken...

Mit dem Seil verbunden, denn schon das nächste Gratstück versprach ordentliche Arbeit, machten wir uns 7 Uhr 10 auf den Weg. Weg ist allerdings ein hier nicht wohl anwendbarer Ausdruck, denn mit dem Gehen hat es nach wenigen Schritten sein Ende. Der Grat verschmälert sich zu einer gewaltigen, nach der Ostseite überhängenden, nach Westen hin stark geneigten und völlig glatten Platte, deren obere Kante in der für den Weissmiesgrat charakteristischen Weise scharf gezahnt ist. Ist diese Schneide auch nicht messerscharf, wie der in solchen Fällen übliche Ausdruck lautet, so bedürfte es doch der Kunst eines Blondin, um sie aufrecht zu überschreiten. Auch ein Ritt über den Plattenrand dürfte nicht angenehm sein, würde jedenfalls die unteren Hüllen des Körpers stark mitnehmen, mehr empfiehlt es sich zweifellos, die Strecke, wie wir es machten, durch Seithangeln im Langhang zurückzulegen. Nach Überwindung dieser Stelle standen wir vor dem ersten bedeutenderen Gratabbruch, einer plattigen Kante mit wenig Griffen und Tritten.

Aus einiger Entfernung sah die Stelle recht bös aus, und ich äusserte die Vermutung, dass es die Platte sei, die uns einer der Supersaxo als schwerste Stelle des Anstiegs bezeichnet hatte. Freund Lorenz schien nicht derselben Meinung zu sein, wenn er auch als höflicher Mann seinen Zweifel nicht äusserte, sondern sich mit einem einfachen « Möglich » begnügte. War sie es, dann war die Fahrt nicht so schwer, wie wir erwartet, denn beim Näherkommen zeigte sich, dass die Neigung der Platte nicht so bedeutend war, wie es geschienen, und dass man sich trotz der spärlichen und kleinen Anhaltspunkte ohne besondere Anstrengung hinauf drücken konnte. Aber sie war es nicht, denn als wir den nun wieder gangbaren Grat ein Stück weit verfolgt hatten, den nächsten grösseren Zahn unschwer auf der östlichen Seite umgehend, erschien ein Gebilde ähnlich dem vorigen, aber eine in jeder Beziehung vermehrte und verbesserte Auflage desselben. Ein kurzer Kriegsrat wurde gehalten. Lorenz schlug vor, auf der Westseite hinüberzuqueren zu einem schräg aufwärts-ziehenden Schneestreifen. Aber abgesehen davon, dass der erste Quergang schon recht misslich war, konnten wir nicht beurteilen, ob von dem oberen Ende des Schnees über die glatten Platten der Grat sich wieder gewinnen liesse, ich war deshalb mehr dafür, den direkten Aufstieg zu erzwingen, wofür eine seichte Verschneidung rechts der Gratkante die Möglichkeit zu bieten schien. Nachdem durch die Verknüpfung zweier Seile der nötige Aktionsradius geschaffen war, begann ich, den ganzen Körper eng an die Platte geschmiegt, um jede Rauhigkeit des Steines auszunutzen, mich aufwärts zu schieben. Die Verschneidung ist so flach, dass sie für ein Emporstemmen nicht ausreicht; glücklicherweise finden sich von Zeit zu Zeit Risse und Vorsprünge, die Fingerspitzen und Schuhkanten notdürftigen Halt geben. Oben sind ein paar ordentliche Griffe, vermittels deren das letzte Stück leichter und sicherer gemacht werden kann. Immerhin ist die Stelle recht anstrengend und schwierig. Nachdem ich auf dem oberen Gratvorsprung festen Fuss gefasst und den überanstrengten Lungen eine Ruhepause gegönnt, nahm ich das Seil ein, und Lorenz stieg nach. Auch er keuchte und pustete ordentlich, als er nach zehn Minuten oben war.

Wir standen nun unter dem Kopf des ersten grossen Turms, der an der kleinen Firnhaube, die ihn ziert, kenntlich ist. Die Gratkante bis zu seinem Gipfel weiter zu benutzen, schien nicht ratsam, empfehlenswerter jedenfalls ein in der östlichen Flanke schräg aufwärtsführendes Band, dessen Begehung keine Schwierigkeiten bietet, jedoch wegen der brüchigen Felsen Vorsicht erfordert. Auf dem Gipfel des Turms erblickten wir zum erstenmal unser heutiges Ziel, den Weissmiesgipfel. Er war noch recht weit entfernt, und unser Grat führte, wie wir mit Bedauern feststellten, nicht direkt, sondern im weiten Bogen nach Südost zu ihm hin. Wundervoll ist der Blick rückwärts auf den Doppelgipfel des Laquinhorns, dessen prächtiger Südgrat sich in seinem ganzen Verlauf verfolgen lässt. Eine Kombination desselben mit dem Weissmiesnordgrat muss eine der allergrossartigsten, auch noch innerhalb der Grenzen des Möglichen liegenden, allerdings an Ausdauer und Schnelligkeit der Teilnehmer sehr hohe Anforderungen stellenden Alpenfahrten ergeben.

Leicht und luftig wurde nun die Schneide des Turms; ein kurzer Ritt über eine aufrecht stehende Platte brachte willkommene Abwechslung. Dabei bot dieser an sich schon reizvolle Höhengang ein Wandelpanorama von unvergleichlicher Schönheit. Im Westen fügten sich an Nadelgrat und Mischabelkette nach und nach Alphubel, Allalinhorn, später auch Rimpfischhorn, Strahlhorn, Monte Rosa. Zwischen Alphubel und Täschhorn guckte der Kopf des Matterhorns hervor, aber, wie die anderen gelegentlich sichtbaren Zermatter, ohne besondere Wirkung. Im Osten erschaute das Auge ein schier zahlloses Heer von Gipfeln, aus dem als markante Punkte Bernina, Disgrazia, Presanella hervorragten. Dazu der Tiefblick nach rechts auf die grünen Wälder und Matten von Fee, nach links in die italienische Ebene, die sich allmählich mit Dunst überzog. Über grobe Blöcke gelangten wir leicht hinab in die Scharte hinter dem Turm.

Für einige Zeit wird nun der Charakter des Grates ein anderer: die Neigung ist geringer, mehrfach sind kurze Firnschneiden dem Fels aufgelagert. Hinter dem ersten Firngrat erhebt sich wieder ein plattiger, turmartiger Grataufbau, der ähnlich wie der frühere, aber ungleich leichter, in einer seichten Verschneidung erstiegen wird. Auch der nächste Gendarm sieht schlimmer aus, als er ist; er gibt sich auf seiner linken Flanke eine Blösse, mit deren Benutzung er ohne Anstrengung zu erklettern ist. Nun folgt wieder ein längerer Firngrat, den wir aber nicht betraten, sondern in den Felsen der Westseite ohne Schwierigkeit umgingen, um erst am Ende des Schnees wieder auf den Grat zu gelangen.

Wir standen von neuem vor einem steileren Aufschwung des Grates, der weiterhin als schmale, vielgezackte Felsschneide zum Gipfel des grossen, spitzen Turmes verläuft, welcher unsere Blicke schon lange auf sich gezogen hatte. Gleich der erste Gendarm, den sich der Turm zum Wächter bestellt, ist ein trotziger Bursche, der nicht ohne Anstrengung besiegt wurde. Ein ganz sonderbares Gebilde ist der zweite, am ehesten noch einem schlecht-gefütterten, aufbäumenden Riesenross mit verstümmelten Vorderbeinen und abgeschlagenem Kopf vergleichbar. Vorsichtig schob ich mich auf dem mageren Rücken vorwärts, richtete mich langsam auf und erkletterte den langen Hals des Untiers, wo ich notgedrungen Halt machte, denn weit überhängend bricht der Fels etwa 8 m tief zur nächsten Gratscharte ab. « Geht's nicht weiter? » fragte Lorenz. Hinunterzuklettern war ganz unmöglich, nur das Seil konnte hier weiterhelfen, und trotzdem wir beide keine besondere Vorliebe für diese Art der Fortbewegung hatten, mussten wir uns dazu entschliessen, uns abzuseilen. Es ging das übrigens hier ohne alle Schwierigkeit und Gefahr, da der Hals des Rosses einen vorzüglichen Abseilblock bildet und die Höhe nicht beträchtlich ist, immerhin verging mit dem Los-binden und Wiederanseilen ziemlich viel Zeit, und für Eilige wird es sich daher empfehlen, den Zahn durch Absteigen auf der östlichen Seite zu umgehen, was ohne allzu grosse Schwierigkeiten möglich sein dürfte.Von der nächsten Scharte aus nahm Lorenz den eben überkletterten Gendarm auf; die Ähnlichkeit mit einem bäumenden Pferde war hier noch mehr ins Auge fallend.

Durch die Erfahrung gewitzigt, umgingen wir die beiden nächsten Zähne auf der Westseite; dann freilich hiess es wieder in zärtlicher Umarmung die Kante der folgenden Gendarmen zu umfassen und sich aufwärts zu pressen. Das oberste Stück konnte ich trotz mehrerer Angriffe nicht direkt von vorn nehmen, obwohl die Stelle gar nicht besonders schwierig ausgesehen hatte, da ein Überhang mich zurückdrängte und aus dem Gleichgewicht zu bringen drohte. Schon glaubte ich zurück zu müssen, da erspähte ich in der linken Flanke einen Riss, der den Füssen Stand gewährte. Mit beiden Händen einen festen Griff packend, pendelte ich im Langhang nach links hinüber und gewann in dem Riss einen festen Stand, von dem ich mich vollends hinaufziehen konnte. Lorenz, der als zweiter ein Zurückfallen nicht zu fürchten hatte, konnte den Gipfel des Turmes direkt von vorn ersteigen. Nachdem wir den schon erwähnten spitzen Turm erreicht hatten, wurde der Weg wieder leichter. Der folgende grosse Turm bestand aus groben Blöcken, die einen bequemen Übergang gewährten. Von seinem Gipfel aus konnten wir zum ersten Male die ganze Gratstrecke überschauen, die uns noch vom Gipfel trennte: sie war erheblich länger, als wir geglaubt, denn die beiden letzterstiegenen Türme hatten bis dahin den Bogen, den der Felsgrat macht, verdeckt, und der Ansatz des Firngrates erschien daher viel näher. Da der Plattenpanzer des nächsten Turmes wieder härtere Arbeit in Aussicht stellte und die vierstündige Gratkletterei recht anstrengend gewesen war, beschlossen wir, hier Mittagsrast zu halten.

Bald nachdem wir uns gelagert, erschien eine Partie auf dem Gipfel des Weissmies; wir riefen sie an und winkten lebhaft hinüber. Sie konnten sich offenbar zuerst nicht erklären, woher die Rufe kamen, entdeckten uns aber schliesslich und anworteten. Behaglich auf den warmen Felsen ausgestreckt, genossen wir die Wonnen der Ruhe, bis aufsteigender Nebel und damit eintretende Kälte zum Aufbruch mahnten.

Um den nächsten, offenbar sehr schwierigen und nur mit grossem Zeitaufwand zu bezwingenden Turm zu umgehen, stiegen wir in der Westflanke in einem seichten Riss ein Stück ab und querten in der plattigen Wand auf schmalem Rande hinüber zu einem kleinen, schräg aufwärtsziehenden Schneefeld, wo zum erstenmal seit dem Betreten des Grates der Pickel in Tätigkeit treten musste. Aber schon nach wenigen Hieben versagten meine Arme infolge Muskelkrampf den Dienst, und ich musste Lorenz ersuchen, die Arbeit zu übernehmen. Da der Schnee auf den Platten sehr dünn war und deshalb nur kleine Stufen geschlagen werden konnten, war dieser Quergang etwas misslich und erforderte peinliche Vorsicht, zumal die Seilsicherung in solchen Fällen bekanntlich illusorisch ist. Damit waren aber auch die Schwierigkeiten der Fahrt endgültig vorüber. Leichte Felsen führten zum Grat zurück, den wir zwischen Firnaufsatz und Fels begingen, bis er in einen einfachen Blockgrat endete. So schnell es der Neuschnee, der hier zum ersten Male lästig auftrat, erlaubte, eilten wir darüber hin und standen bald am Ende der Felsen.

Der Firnhang, der jetzt zum Gipfel führt, ist sanft geneigt und bietet keinerlei Schwierigkeit; nur darf man sich nicht zu nahe der Ostkante halten, die in gewaltigen Wächten überhängt. Uns wurde das Fortkommen etwas erschwert durch den von der Mittagssonne stellenweise stark erweichten Schnee, mehr noch durch einfallende Nebel, welche die Orientierung erschwerten und uns wiederholt zu minutenlangem Warten zwangen, weil wir fürchteten, der Wächte zu nahe zu kommen. Fast genau zehn Stunden nach unserm Aufbruch von der Hütte erreichten wir den Gipfel, 4031 m.

Dass die hochgepriesene und nicht genug zu rühmende Weissmies-aussicht durch die plötzlich aufgestiegenen Nebel grösstenteils verhüllt wurde, Hess sich allenfalls verschmerzen, da wir sie vor acht Tagen in ungetrübter Reinheit geschaut und auch heute während unserer Gratwanderung der schönen Blicke gar viele genossen hatten; empfindlicher war mir, dass die Kälte uns der erhofften Gipfelrast nicht froh werden liess. Obwohl wir uns wegen des Abstiegs dank der vorhandenen Spuren keine Sorge zu machen brauchten, brachen wir doch schon um 3 Uhr wieder auf und stiegen auf dem uns bekannten Wege über die Westflanke ab. Dieser hält sich im oberen Teile des Berges in der Nähe des Südwestgrates und zieht dann im Bogen an riesigen Klüften entlang zu dem oberen Kopf der Felsrippe, die den Triftgletscher halbiert. Für gewöhnlich werden die Felsen nicht betreten, sondern man bleibt ( im Sinne des Abstiegs ) rechts von ihnen. Da aber die alten Stufen hier grossenteils abgeschmolzen und wir zu faul waren, neue zu schlagen, kletterten wir ein Stück in den Felsen abwärts, querten dann nach rechts zum gewöhnlichen Wege hinüber und stiegen zuletzt grade auf den Triftgletscher ab, der in seinem oberen Teile stark zerklüftet ist. Unterhalb Punkt 3300 lösten wir uns vom Seile, löschten den brennenden Durst mit zahl- losen Bechern Gletscherwassers und suchten dann einen Weg durch die Spalten, scharf ausspähend nach dem Punkt der rechten Seitenmoräne, wo der Pfad zum Hotel Weissmies ( jetzt Weissmieshütte ) ansetzt. Auf dem gut angelegten, fast horizontalen Wege erreichten wir das Gasthaus.

E. Niepmann* ).

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