Wetterhorn-Nordwand

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON P. H. GIRARDIN, BIEL

Mit I Bild ( 95 ) Der Juni 1957 war nicht eben günstig für Hochgebirgstouren. Am Samstag, den 29., schwankten wir noch, mein Kamerad Claude Soltermann und ich, was für eine Fahrt wir unternehmen sollten. Nach kurzem Unterhandeln einigten wir uns aber für die Nordwand des Wetterhorns; es ist zur Hauptsache Felskletterei, für welche die herrschenden Bedingungen gut zu sein schienen. In der Folge sollten wir aber das Gegenteil erfahren. Um 1 Uhr mittags zogen wir, von Kopf bis Fuss wohl ausgerüstet, auf unser Abenteuer aus.

In Grindelwald machen wir die letzten Einkäufe - geräucherten Speck und Metatabletten - und begeben uns zur Sesselbahnstation, die zum First hinaufführt. Während der Fahrt erhebt sich, gutes Wetter verheissend, der Gletscherwind und nötigt uns, den Pullover überzuziehen; übrigens ist die Sonne unter dem Horizont verschwunden. Um 18 Uhr erreichen wir die obere Station. Ein Alphornbläser entlockt seinem Instrument ein paar wehmütige Töne, um dann mit den letzten Touristen zu Tal zu fahren.

Auf dem Fussweg, der den Berg entlang führt, haben wir Gelegenheit, « unsere » Wand, die vor uns 1400 m hoch emporragt, zu studieren. Sie ist schwarz vor Nässe, was uns aber nicht sehr beunruhigt. Wir erkennen das dreieckige Firnfeld an ihrer Basis, die beiden Felsbänke, die die ganze Flanke quer durchziehen, die Schlüsselstelle und die Pargätzivariante, die unter dem Pfeiler, der die Ostwand stützt, erkennbar ist.

Es ist fast Nacht, als wir beim Hotel Grosse Scheidegg ankommen. Man schaut uns komisch an mit unseren Duvetjacken, und wir begeben uns sogleich in den Heuschober, der uns als Schlafraum dienen wird, und bereiten uns das Abendbrot. Bevor wir uns zur Ruhe legen, erkunden wir noch den Anmarschweg über die Moräne.

Sonntag, 30. Juni. Tagwache um 3 Uhr. Unsere erste Sorge gilt dem Himmel. Die Wolken, die ihn noch am Abend überdeckt haben, sind verschwunden. Das Wetter könnte nicht schöner sein.

Wir essen nur wenig und brechen um halb vier Uhr auf. Auf dem Fussweg verscheuchen wir ein paar Gemsen. Da, wo die Moräne die Wand erreicht, machen wir halt und seilen uns schweigend an, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend.

Es ist 5 Uhr, als wir den ersten schrägen Riss angehen, von welchem ein dünner Wasserstrahl herabkommt und in unsere Ärmel sickert. Wir schenken ihm nicht viel Aufmerksamkeit; denn wir kommen auf dem nicht sehr steilen Fels rasch vorwärts und erreichen das dreieckige Firnfeld.

Hier beginnt eine lange Querung nach rechts. Obwohl der Fels glatt und nass ist, haften unsere Vibramsohlen gut, und wir gelangen bald zur ersten schwierigen Stelle. Es ist eine vollständig durchnässte Mauer, deren Griffe mit schlüpfrigen Flechten gepolstert sind. Ein Haken, ohne Zweifel von den Erstbesteigern zurückgelassen, hilft mir, eine mehr gefährliche als schwierige Stelle überwinden.

Platten, Mauern und lose Blöcke folgen sich bis zur berüchtigten « Faille », einem zwei Meter breiten Spalt, der die Flanke auf etwa 100 m Länge durchzieht. Ihr Grund, etwa 10 m unter uns, ist mit feinem, sauberem Kies bedeckt. Ein Wasserfall, der von der Wand über uns herabstürzt, durchnässt die « Faille » in ihrer ganzen Länge. Unsere Kletterschuhe bleiben im Sack und, auf dem Rand der Spalte gehend, kommen wir zu zwei Kaminen. Ein Haken auf unserer Höhe lässt uns annehmen, dass unsere Vorgänger vom unteren Teil des Spaltes aus durch diesen Kamin aufgestiegen sind. Ein grosser Schritt und die ungemütliche Überquerung eines Schneepfropfens bringen mich zum Haken, wo ich mich sichern kann. Das Wasser, das mir ständig in die Augen rinnt, ist nicht dazu angetan, mir das Durchkommen in diesem teuflischen Kamin zu erleichtern Immerhin ist er mit guten Griffen ausgestattet. Beim Ausgang bietet sich eine gute Plattform, wo ich Claude sichere. Als er endlich auftaucht, begrüssen wir uns mit erleichtertem Auflachen.

Schnaufend kommen wir bald zum Punkt, wo man einem neuen grossen, schrägen Riss folgt, den man nach links über Platten und Geröll traversiert. Kaum haben wir die ersten Schritte gemacht, erschreckt uns ein unheimliches Pfeifen, gefolgt vom Gepolter der auf den Fels aufschlagenden Steine. Als der Alarm vorüber ist, machen wir uns rasch aus der Gefahrenzone hinaus.

Zum zweitenmal haben wir die Wand durchquert. Eine Leere von 800 m gähnt unter uns. Vor uns ist die Schlüsselstelle. Die Ersteigung ist schön und schwierig. Sie ist mit zwei oder drei Haken ausgestattet. Unser Dreissigmeterseil genügt nicht; ich muss meinen Kameraden zehn Meter nachsteigen lassen, bevor ich ihn auf einer guten Plattform sichern kann Während Claude nachkommt, gewahre ich, dass das Wetter ändert. Vom First her tönt erstes Donnergrollen.

Von der Pargätzivariante trennen uns noch eine steinige Passage und ein langer Firn. Von Zeit zu Zeit fallen nicht weit von uns grosse Eisbrocken von einem weiter oben liegenden Firnfeld herab, und man hört sie lange weiterkollern, bis ihr Lärm im Rauschen der Wasserfälle untergeht. Von der Gefahr beeindruckt, begeben wir uns so rasch als möglich auf weniger gefährliches Gelände. Kaum sind wir aus der Gefahrenzone heraus, bestätigt uns ein fürchterlicher Lärm, dass Eile not tat.

Ohne Steigeisen nehmen wir den Firn in Angriff, der sich gut anlässt bis in die Nähe der Felsen, wo der Schnee zu Eis wird. Ein feiner Regen beginnt, und Nebel hüllt uns ein. Indessen haben wir aber den « Pargätzisteig » erreicht und benützen den ersten Absatz zu einem Halt; denn der Hunger macht sich bemerkbar. Während wir etwas zu uns nehmen und eine Zigarette rauchen, entdecken wir durch ein Loch im Gewölk das Hotel Grosse Scheidegg. Rings um dasselbe wimmelt es von Sonntagstouristen.

Die Pargätzivariante ist ein Grat von gutem Fels. Leider müssen wir ihn in dichtem Nebel erklettern. Die heiklen Passagen folgen sich ohne Unterbruch. Sie sind aber wundervoll. Schade, dass das Wetter nicht besser ist; es müsste ein begeisterndes Gelände sein! Am Ende des Grates verschlechtern sich die Bedingungen wieder. Geröll, Wasser, Schnee und Eis. Am ganzen Grat haben wir keinen einzigen Haken gefunden, und da wir zu weit hinaufgeraten sind, schlagen wir einen solchen ein, um uns zehn Meter auf einen mit losem Eis bedeckten Hang abzuseilen. Wir geraten gerade unter einen Wasserfall. Noch nie sind wir so oft geduscht worden wie heute! Eine leichte Querung bringt uns in die Ostwand.

Es ist schon 16 Uhr; aber wir hoffen, die letzten 400 m der Flanke in einer Stunde überwinden zu können. So erlauben wir uns einige Minuten Rast, die wir zu einem eingehenden Studium des Terrains, das noch vor uns liegt, benützen. Links ist Schnee, auf dem wir mit den Steigeisen rasch vorwärtskommen können, rechts sind wasserüberrieselte Platten, von Schneeplätzen unterbrochen. Wir entschliessen uns für den Schnee. Aber im Augenblick, wo wir uns aufmachen, fegt genau da, wo wir durchwollen, eine Lawine herab. Ein Sturz an dieser Stelle hätte uns ins Leere hinaus und einige Tausend Meter weiter unten auf die Weiden der Schwarzalp hinabgeworfen! Wir ändern natürlich unsern Plan und klettern weiter über die Platten, die sich als sehr heikel herausstellen, da eine Sicherung unmöglich ist. Um 20 Uhr stehen wir endlich auf dem Gipfel und drücken uns die Hand. Wir haben fünfzehn Stunden in der Flanke zugebracht.

Da wir noch nichts über den Abstieg wissen, ziehen wir es vor, vor Einbruch der Dunkelheit unser Biwak einzurichten. Die Stelle liegt auf der Ostseite; zwanzig Schritte trennen uns vom ungeheuren Abgrund der Nordwand. Der geräucherte Speck, Brot und Nescafe bilden unser mageres Nachtessen. Einige Zündhölzchen, die die Duschen trocken überstanden haben, erlauben uns, die Kocher in Betrieb zu setzen. Mit beginnender Nacht legen wir uns zur Ruhe, und nur das Klappern unserer Zähne bricht die Stille dieser sternklaren Nacht.

Am Montagmorgen um 6 Uhr, nachdem wir ein paar Biscuits gegessen haben, beginnen wir den Abstieg. Die aufgehende Sonne vermag unsere nassen Körper noch nicht zu durchwärmen. Wir folgen der Route, die bald dem leichten Gipfelgrat entlang, bald in die Ostflanke führt, bis wir die Scharte erreichen, von wo uns ein 200 m langes Couloir zum Hühnergletscher hinabführt. Der kleine Hängegletscher ist rasch überquert. Die wärmende Sonne erlaubt uns nun, unsere Hemden auszuziehen. Dann folgen wir eine Zeitlang dem Westgrat. Dort, wo er ganz nahe an den Firn herankommt, ist die letzte schwierige Strecke. Wir holen fürs Abseilmanöver unsere Seile aus dem Sack und lassen uns langsam drei Seillängen hinab.

Die Fahrt ist beendet. Über grosse Schneefelder erreichen wir die Glecksteinhütte. Auf dem Abstieg nach Grindelwald fangen unsere heissen Füsse in den nassen Schuhen an zu schmerzen; aber was bedeutet das im Vergleich zum Glücksgefühl, das wir nach dem Gelingen dieser Hochtour, die uns seit langem im Sinne lag, empfinden.Übers.: F. Oe.

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