Wetterhorn-Nordwand

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Die Wetterhorn-Nordwand

Von Fred Müller

Mit 1 Bild ( 22Bern )

Das Wetterhorn bricht vom Nordgipfel in einer 1400 m hohen Wand zur Grossen Scheidegg ab. In der untern Hälfte ist diese gewaltige Felsmauer durch eine Anzahl abschüssiger, durch Steilstufen voneinander getrennter Bänder gekennzeichnet. Weiter oben schwingt sie sich nahezu senkrecht empor und weist nur auf der Ostseite eine gewisse Gliederung auf.

An mehr oder weniger ernsthaften Versuchen einer Durchkletterung der Wetterhorn-Nordwand hat es namentlich in den zwanziger Jahren nicht gefehlt. Dem hartnäckigsten Belagerer, Dr. N. S. Finzi, ist es am 9. September 1929 in Begleitung der Walliser Führer Franz Biner und Joseph Knubel endlich gelungen, einen direkten Aufstieg von der Grossen Scheidegg zum Wetterhorn-Nordgipfel ( auch Scheidegg-Wetterhorn genannt ) zu finden.

Die Erstbegeher stiegen vom Hotel auf der Grossen Scheidegg rechts um den Schafhubel herum und folgten dann der Wasserscheide bis zum Fusse der eigentlichen Wand. Nun kletterten sie vorerst gerade hinauf, querten dann nach links zu einem kleinen Schneefleck, von wo sie schräg rechts aufwärts das mittlere Plattenband gewannen. An seinem westlichen Ende wurde die nächste Stufe mittels eines Kamins überwunden. Nach einem langen Quergang nach Osten kletterte die erste Partie wiederum in der Fallirne empor, um später allmählich rechts zum Scheidegg-Wetterhorn umzubiegen. Wegen vorgerückter Zeit verzichteten die Erstbegeher auf den Hauptgipfel und stiegen über den Hühnergutzgletscher direkt zur Glecksteinhütte ab.

Ein Jahr später erfolgte die zweite Begehung der Wetterhorn-Nord-wand durch den Führer Joseph Georges mit W. G. Standring. Diese Partie scheint im mittleren Wandteil etwas weiter rechts ausgeholt zu haben, sonst aber im grossen und ganzen der Route ihrer Vorgänger gefolgt zu sein. Obschon die Zweitbegeher die Grosse Scheidegg wegen schlechten Wetters erst um 10 Uhr 30 verliessen, gelang es ihnen doch noch, die Tour bis zum Hauptgipfel des Wetterhorns fortzusetzen, den sie um 19 1/2 Uhr erreichten. Ihre Aufstiegszeit von neun Stunden wurde bis zum Erscheinen dieses Artikels von keiner andern Partie unterschritten.

Die nächste Besteigung vollbrachte wiederum Joseph Georges mit Miss FitzGibbon. Es folgten bis zum Jahre 1943 vier oder fünf weitere Partien, die sich in der grossen Linie alle an die Route der Erstbegeher hielten, jedoch das Ziel nicht immer ohne Irrgänge erreichten. Die Aufstiegszeiten weichen denn auch erheblich voneinander ab; eine Seilschaft musste sogar biwakieren.

Es sei hier erwähnt, dass deutsche Bergsteiger versucht haben, die obere Wandhälfte in der Fallirne zum Gipfel oder über die sie westlich begrenzende Kante zu erklettern. Diese Versuche sind indessen gescheitert. Ob ein direkter Durchstieg unter Vermeidung des langen Querganges nach Osten möglich ist, wird die Zukunft zeigen. Auf jeden Fall müssten dabei ganz aussergewöhnliche Schwierigkeiten überwunden werden.

Am 15. August 1943, ungefähr um 5 Uhr früh, verbanden der Wengener Bergführer Hans Schlunegger und ich uns beim Einstieg mit dem Seil. Wir trugen beide Schuhe mit Vibramsohlen, die sich auf dieser Fahrt sehr bewährten und Kletterschuhe entbehrlich machten.

Schon die ersten 30 m bieten interessante Kletterei in einem steilen Riss. Der Fels ist hier, wie übrigens in der ganzen untern Wandhälfte, fest und zuverlässig. Wir stiegen noch einige Minuten gerade hinauf, um nachher auf einem breiten Schuttbande ostwärts zu dem schon in der Beschreibung der Erstbegeher erwähnten Schneefleck zu queren. In prächtiger Kletterei überwanden wir hiernach schräg rechts aufwärts verschiedene Steilstufen und gelangten so bei einem verrosteten Haken mit Abseilschlinge, der Zeugnis von einem missglückten Besteigungsversuch ablegt, auf das mittlere Plattenband ( Punkt 1 des Bildes Nr. 22 ). Bis hierher benötigten wir genau zwei Stunden.

Wie alle früheren Partien wandten auch wir uns hier nach Westen. Schon nach kurzer Zeit befanden wir uns beim Eingang einer tiefen, von einer gewaltigen abgesprengten Platte und der eigentlichen Wand gebildeten Schlucht von anfänglich 1—2 m Breite. Der Boden dieses Riesenspaltes von beträchtlicher Länge besteht vorerst aus feinem Sand und ist vollkommen eben. Allmählich steigt er an, und dem Begeher stellen sich einige Hindernisse in den Weg. Vom westlichen Ausgange bis zum Ende des Plattenbandes sind es nur noch wenige Schritte. Zwei Kamine ermöglichen die Überwindung der nächsten Steilstufe. Wir benützten den rechten, der leichter aussieht, als er ist und das Aufseilen der Säcke erforderlich machte. Wie ich seither erfahren habe, soll der linke Kamin einfacher und vor allem weniger ausgesetzt sein. Beide führen zu Punkt 2, von wo man im Osten am Ende der nächsten Plattenzone zwei weitere ausgeprägte Kamine erblickt, die äusserst abweisend aussehen. Sie durchschneiden die senkrechte Wand unterhalb Punkt 3. Ein direkter Quergang zu ihrem Fuss wäre leicht möglich. Diesen Weg dürften die Erstbegeher und sicher auch andere Partien eingeschlagen haben. Gestützt auf die allerdings nicht ganz klare Routenbeschreibung der Partie Georges-Miss FitzGibbon im « Alpine Journal » ( Bd. XLIII, S. 175 ) glaubte ich, die beiden erwähnten Kamine durch einen weiteren Anstieg schräg rechts aufwärts mit anschliessender Querung nach Osten auf dem oberen Bande vermeiden zu können. Schlunegger war zwar anderer Meinung, doch nach einigem Zögern willigte er schliesslich in meinen Plan ein. Bald gelangten wir in übelste Platten von erheblicher Neigung, die keine Sicherungsmöglichkeiten mehr boten. Einmal musste Hans über 40 m voraus, bis er überhaupt nur einigermassen stehen konnte. Dies war das schwierigste und bei weitem unangenehmste Stück des ganzen Aufstiegs. Schliesslich kamen wir zu einer senkrechten Stufe, die sich wohl nur unter reichlicher Verwendung von Mauerhaken überlisten liesse. Auf eine solche Abwechslung verzichteten wir gerne, ganz abgesehen davon, dass wir gar nicht über das nötige Material verfügten. Es blieb uns nichts anderes übrig, als auf einem Band leicht absteigend ostwärts den beiden Kaminen zuzusteuern, wobei wir erst noch über ein kleines Wändchen abseilen mussten. Diese unnötige Variante kostete uns mehr als zwei Stunden.

Ohne Halt packte Hans den rechten Kamin an. Zuerst kann man an seinem Rande über gestufte Felsen hinaufklettern. Bald aber mussten wir in den brustbreiten Spalt hinein, der sich namentlich in seinem oberen Teil als richtiger Schinder erwies. Unter Zuhilfenahme der Ellbogen und Knie schoben wir uns irgendwie hinauf. Hier sausten erstmals Steine über unsere Köpfe hinweg in die Tiefe. In aller Eile begaben wir uns von Punkt 3 leicht absteigend um ein auffälliges Eck auf die sicheren Bänder bei Punkt 4. Dieser Platz ist so schön und wild, dass wir fast eine allzu lange Rast einschalteten.

Der linke der beiden erwähnten Kamine ist ebenfalls gangbar. Besser aber vermeidet man dieselben überhaupt, indem man sich bei Punkt 2 ostwärts wendet und etwas tiefer über gestufte Felsen direkt zu Punkt 4 emporklettert. Diese Route wurde von allen fünf Partien eingeschlagen, welche die Wand 1944 durchstiegen. Hans Schlunegger versicherte mir, er habe bei seiner letztjährigen Begehung auf diesem direkten Wege nicht annähernd die gleichen Schwierigkeiten getroffen, wie auf unserer Variante im Vorjahre.

Von Punkt 4 querten wir immer noch etwas absteigend weiter nach Osten, bis uns nur noch ein letzter Pfeiler von dem grossen Graben trennte, der die Wand unter dem Hängegletscher durchfurcht. Hier führt ein gestufter, leichter Kamin links empor. Schwierig ist dagegen die sich anschliessende lotrechte Stelle. In seiner ruhigen Art kletterte Hans hinauf. Nach etwa 30 m klinkte er einen Karabiner in einen alten, rostigen Haken ein, der wohl noch von den Erstbesteigern stammt. Zur Sicherheit schlug Hans noch einen zweiten Haken etwas näher bei seinem sehr dürftigen Standplatz, worauf ich nachgehen konnte ( Punkt 5 ). Weiter galt es, eine glatte Platte rechts, zu einem Bändchen leitend, zu überlisten, welches zu einem guten Rastplatz führt.

Hier legt sich die Wand zurück, und die Kletterei wird demzufolge einfacher. Leider wird gleichzeitig auch der Fels schlecht. Leichte Schroffen und Geröll liessen uns etwas zu weit nach rechts gehen, was einen neuen Quergang ostwärts nötig machte. Zum Schluss mussten wir einige Meter in eine Schlucht abseilen. In diesem Wandstück waren wir stark dem Steinschlag ausgesetzt. Nach Möglichkeit der Linie des geringsten Widerstandes folgend, gelangten wir schliesslich über gebrochene, wenig feste Felsen hinauf zum Scheidegg-Wetterhorn.

Nach einer ausgiebigen Ruhepause überschritten wir verschiedene Türme des Wetterhorn-Nordgrates. In der tiefsten Scharte schauten wir auf die Uhr. Der Besuch des Gipfels hätte höchst wahrscheinlich einen nächtlichen Abstieg zur Folge gehabt. Wir entschlossen uns daher, über Geröll und leichte Felsen nach Westen zum Hühnergutzgletscher und weiter auf kürzestem Weg zur Glecksteinhütte abzusteigen. Kurz vor der Hütte stiessen wir auf ein Rudel Steinböcke, die uns bis auf 10 m herankommen liessen.

Zusammenfassend möchte ich bemerken, dass die Wetterhorn-Nord-wand, auch wenn man durchwegs der einfachsten Route folgt, eine ganze Anzahl schwieriger Stellen aufweist. Die Kletterei ist aber nirgends extrem, so dass Haken, abgesehen von den bei Punkt 5 bereits vorhandenen, nicht erforderlich sind. Nicht zu unterschätzen ist die Steinschlaggefahr. Zum Schluss möchte ich der Hoffnung Ausdruck geben, diese erstklassige Felsfahrt möge nie durch Anbringen fester Seile zu einer mittelmässigen Angelegenheit erniedrigt werden, wie es leider am Westgrat des gleichen Berges geschehen ist.

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