Wie unsere Altvordern die Lawinen beschrieben

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Mit 1 Bild ( 23Von Max Oechslin

( Altdorf ) Wenn wir diese Doppelnummer unserer SAC-Zeitschrift « Die Alpen » dem Thema der Lawinen widmen, so wollen wir nicht nur festhalten, wie die Forscher der Gegenwart sich bemühen, das Naturwunder Schnee zu erforschen und die Entstehung der Lawinen zu ergründen, sondern auch einen Blick rückwärts tun und in einigen alten Büchern nachlesen, was unsere Altvordern über die Lawinen schrieben. Es ist ja ein gar wunderliches Ding, der Schnee, dieses chemische Gefüge von zwei Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff, das sich als H2O festhält und als Schneekristall märchenhafter Formen, als zähflüssige Masse und als Eis sich zeigt, die verschiedensten Eigenschaften aufweist und doch immer nichts anderes als H2O ist! Schnee, der uns die Freuden sonniger Wintertage bringt, Schnee, der aber so oft Not und Unheil und Verderben in unsere Bergtäler trägt, wenn er zur Lawine sich ballt.

Lawine!

In dieses eine Wort fügt sich die unerbittliche Gewalt der Hochgebirgsnatur.

Am 6. November 1530 wurde im Pfarrhaus des Klostergutcs zu Zürich, in das Huldrych Zwingli seinen Mitkämpfer Peter Simler als Pfarrer eingesetzt hatte und der sich mit Verena Huser, der Schwester des Schultheissen zu Winterthur, vermählt hatte, Josias Simler als erster Sohn geboren. Heinrich Bullinger, der erfolgreiche Lehrer im Kloster zu Kappel, war Taufpate und stand dem Forscher und Wissenschafter Simler bis zu dessen frühem Tod ( 1576 ) väterlich zur Seite. In Basel und Strassburg studierte Josias Simler Naturwissenschaften, Mathematik und Astronomie, wurde bereits 1549 nach Zürich berufen, um den erkrankten Konrad Gesner im Unterricht zu vertreten. 1552 wurde ihm eine Lehrstelle am Carolinum in Zürich übertragen; an dieser Schule wirkte er bis zu seinem Tod. Zwei Jahre vor seinem Tod, 1574, erschien sein umfassendes Werk über die Alpen, « De Alpibus Commentarius », eine Geographie unserer Alpenwelt. In diesem Buche hat Simler ein besonderes Kapitel geschrieben, das die « Schwierigkeiten und Gefahren der Reisewege in den Alpen und wie man sie bewältigt » beschreibt. Eingehend schildert er « die Schmalheit der Alpenstrassen », die « Gefahren von schlüpfrigen Stellen und an Abstürzen, beschreibt Steigeisen, die « soleas ferreas » ( Eisen-Sohlen ), die Hirten und Jäger anziehen, um ungehindert die gefährlichen Wege begehen zu können, die « Gefahren durch das Eis », der Gletscher mit den verborgenen Spalten, die gewaltigen « Schneelagen », beschreibt die « Holzreifen », die man sich an die Füsse bindet, um « auf diese Art die Spur des Trittes zu vergrössern, so dass man nicht einsinkt und nicht tief in den Schnee fällt », ein Instrument, das Xenophon schon für die alten Griechen erwähnt habe.

Dann bespricht Josias Simler die Lawinen. Die Beschreibung ist es wert, vollständig wiedergegeben zu werden, denn sie gibt uns ein gutes Bild von der damaligen Anschauung über die Lawinen, in der manche Weisheit festgehalten ist, die man glaubt, erst in unserm Zeitalter gefunden zu haben. So schreibt Simler:

« Die grösste aller Gefahren ist das Abgleiten des angehäuften Schnees, das die unsrigen Löuwinen, die Räter Labineae nennen, Bezeichnungen, die zweifellos von labare ( gleiten ) herrühren; auch der deutsche Ausdruck Lawine ist eine Entstellung von Labineae. Es genügt eine geringfügige Ursache, um die Schneemassen in Bewegung zu setzen; so wenn sie an einem steilen und baumlosen Hang durch einen vorbeifliegenden Vogel, durch irgendein anderes Tier, durch heftigen Wind oder durch Geschrei vorübergehender Menschen erschüttert werden. Im letzteren Falle gibt die Luft durch Zurückwerfen des Schalles, was man Echo nennt, den Anstoss, dass sich der Schnee in Bewegung setzt. » - Simler hält hier diesen labilen Zustand der Schneeschicht fest, der durch einen kleinen äussern Einfluss zum Abgleiten der Schneemassen gelöst werden kann. Skifahrer lösen ein Schneebrett aus, durch Sprengung bringen wir eine absturzbereite Schneeschicht zum Abgleiten.

Der zürcherische Forstmeister Cramer sagte vor Jahrzehnten in lapidarem Satze: « Wenn die Zwetschge reif ist, fällt sie vom Baum. » So rutscht die Lawine ab, wenn sie « reif » ist, und fliegt dann zufällig ein Vogel vorbei, oder ertönt der Knall einer Peitsche, so sind es Flügelschlag und Widerhall, welche die Lawine auslöstenWeiter schreibt Simler: « Durch solche Erschütterungen, mögen sie noch so schwach sein, häuft sich der in Bewegung gesetzte Schnee zunächst zu einem Ball, der durch das Herabwälzen so gross und unförmlich wird, dass weitere Umdrehungen behindert werden. Alsdann gleitet er mit ausserordentlicher, ständig zunehmender Gewalt und sich immer vergrössernd herab, so dass er Felsen, Bäume, Steinböcke und andere Tiere, Menschen und Hütten, kurz alles, was sich auf seiner Bahn befindet, bis zum Fusse des Berges mit sich reisst. Die so niedergegangenen Schneemassen bedecken oftmals mehrere Morgen Landes; sie stürzen mit einem Getöse herab, dass die Erde zu beben scheint und man, ohne von dem Vorgang zu wissen, aus der Ferne das Rollen des Donners zu vernehmen glaubt. Indessen gehen diese Lawinen weder an allen Orten noch zu allen Jahreszeiten ab, sondern nur an baumlosen Steilhängen, am häufigsten dann, wenn durch Wärme des Frühlings der Schnee schmilzt und erweicht, oder wenn im Herbst und Winter grosse Mengen von Neuschnee plötzlich auf vereistem und schlüpfrigem Altschnee ins Gleiten kommen, oder endlich bei heftiger Kälte und klarem Himmel. » - Simler hat hier Lawinen festgehalten, die wir als Naßschnee- und Trockenschneelawinen bezeichnen; als Gleitschicht der Schneebrettlawinen. Und weiter: « Man unterscheidet zwei Arten von Lawinen: die eine, wenn frischgefallener, weicher Schnee sich ballt und abrutscht, die andere, die durch alten Schnee gebildet wird und noch ein Stück der Erddecke mit sich fortreisst. Die letzteren sind grösser und richten mehr Schaden an, als die ersteren. Vor einigen Jahren ging im Rheinwaldtal in Rätien nahe der Rheinquelle eine gewaltige Lawine nieder, verwüstete einen Wald riesenhafter Fichten und riss die Stämme mit sich fort. Dabei wurden sechzig oder mehr Schweizer Soldaten, die auf dem Marsche durch die Alpen begriffen waren, von den Schneemassen verschüttet. Indessen bleiben zuweilen Menschen, die von einer Lawine erfasst wurden, noch unter dem Schnee am Leben, werden durch Einheimische aus dem Schnee ausgegraben und gleichfalls aus der Unterwelt zurückgerufen. Dies kommt dann vor, wenn die Schneemasse nur aus frischgefallenem Schnee besteht und jemand nahe dem Talgrund, wo sie zum halten kommt, begraben wird. Wenn ein Verschütteter die Hände in dem noch nicht verhärteten Schnee bewegen und sich vor dem Gesicht ein wenig Raum schaffen kann, so dass er noch zu atmen vermag, kann er zwei und selbst drei Tage am Leben bleiben. Wenn Lawinen niedergegangen sind, so erkundigen sich die Gebirgsbewohner sofort, ob an diesem Tage irgendwelche Reisende den Marsch angetreten haben, berechnen die abgelaufene Zeit und ermitteln auf diese Weise, ob sie in die Lawine geraten sein möchten. In diesem Falle machen sich die erprobtesten Leute alsbald daran, den Schnee umzugraben, um festzustellen, ob nicht jemand verschüttet worden sei, dem sie helfen und das Leben retten könnten. An ebenen Örtlichkeiten und in den Tälern kommen die niedergegangenen Schneemassen zum halten, stauen sich an und sperren zuweilen den Lauf der Gebirgsbäche, in deren Bett sie geraten. Wenn die Leute das Hindernis nicht beseitigen, durchbricht zuweilen das auf-gehaltene und gestaute Wasser unter nicht geringer Gefahr für die Bewohner den Damm.

In den Gegenden, die wegen der vom Gebirge niedergehenden Lawinen gefürchtet sind, gibt es im Talgrund weder Häuser, noch Hütten oder Viehställe, denn die Einheimischen pflegen sich da anzubauen und zu wohnen, wo sich eine nahgelegene Anhöhe zwischen ihnen und den Lawinenstrichen befindet. Im Kanton Uri, am Fusse des St. Gotthard, erstreckt sich ein ausgedehnter Wald herrlicher Fichten, der einem gegen die Lawinen errichteten Walle gleicht; denn in diesem Gebirgswinkel trifft man ausserdem keine Bäume und Wälder. Er ist in der Form eines Dreiecks angepflanzt; wenn auch die Lawinen für gewöhnlich die Bäume umlegen, besteht für diesen Wald keine Gefahr, niedergerissen zu werden, denn mit der, der Lawinenseite zugekehrten Spitze sucht er gleichsam die Gewalt der gleitenden Massen zu brechen; er verteidigt sich durch seine immer breiter und dichter werdende Form der Ausdehnung. » - Simler beschreibt hier den Bannwald ob Andermatt im Urserental, dessen Altwald noch heute als ein grosser, dreieckförmiger Wald am Gurschenhang ob dem Dorfe steht, seit Jahrzehnten durch Aufforstungen und Verbauungen erweitert. « Des öftern führen Strassen infolge der Enge der Täler, weil es sich nicht anders machen lässt, durch Gelände, das der Lawinengefahr ausgesetzt ist. Um sich vor der Gefahr zu schützen, müssen die Reisenden am frühen Morgen aufbrechen, wo diese noch geringer ist und schweigend und eiligst die gefährlichen Stellen passieren. Die Gebirgsbewohner, die diese Stellen genau kennen und an gewissen Anzeichen die drohende Gefahr ersehen, mahnen die Fremden zur Vorsicht. Wenn eine grosse Menge Schnees die Strasse verschüttet hat, schmilzt sie erst nach geraumer Zeit weg. Man muss sie überschreiten wie einen kleinen Berg oder einen kurz vorher im Wege entstandenen Hügel. Lawinen oder grosse Schneemassen, die von der Höhe herabstürzen, scheint Silius»Silius Italicus, 25-101 n. Chr., römischer Dichter zur Zeit Neros«in folgenden Versen beschrieben zu haben:

, Rings wo steiles Gestein, und die Höhe vom Eise geglättet / Jedes Ersteigen verwert, wird kaum durch die Hiebe des Schwertes / Möglich ein schlüpfriger Pfad; es verschlingt viel Männer der Abgrund / Unter geschmolzenem Schnee, und herab von der hohen Gebirgswand / Rollt sein frostiger Schutt und begräbt selbst ganze Cohorten. ' Der Dichter schildert mit grosser Anschaulichkeit, wie Hannibal die glatten und vereisten Hänge quert, die tiefer, weicher und zudem schmelzender Schnee bedeckte, in dem die marschierenden Soldaten versanken als wären sie verschlungen worden und wie dann von den Höhen herabkommender Schnee ganze Reitertrupps mit sich riss.»Hannibals Zug über die Alpen erfolgte anno 218 v. Chr., aus dem Isèretal über den Pass des Mont Genèvre oder Kleinen St. Bernhard ). « Aber derartige Unglücksfälle ereignen sich nur an sehr hohen Bergen und an steilen Hängen », schliesst Josias Simler sein Lawinenkapitel, « am häufigsten dann, wenn grosse Mengen Schnee auf Eis fallen, zu erweichen und zu schmelzen beginnen, so dass der angehäufte Schnee als Lawine abgeht. Dies hat wahrscheinlich Claudianus » -(römischer Dichter, im 4. Jahrhundert v. Chr.«mit folgenden Versen sagen wollen, wobei er zwar nicht vom Schnee, sondern vom Eise spricht:

.Manchmal schickt Verderben mit gleitendem Eise hernieder / Plötzlich ein Berg; da löst im laulichen Föhne sich tückisch / Los vom Felsberg der Grund. ' » So hat Josias Simler vor nahezu vier Jahrhunderten das Lawinen-Phänomen festgehalten. ( Dieser Hinweis ist der Ausgabe des Werkes entnommen: Josias Simler, De Alpibus Commentarius. Die Alpen. München 1931. Gesellschaft Alpiner Bücherfreunde. ) Zweihundert Jahre später hat Johann Conrad Fäsi, Pfarrer der Gemeinde Uetikon am Zürichsee, Anno 1765 seine « Genaue und vollständige Staats- und Erd-Beschreibung der ganzen Helvetischen Eidgenoßschaft, derselben gemeinen Herrschaften und zugewandten Orten » in vier Bänden herausgegeben. Bei der Behandlung des Gebietes des « Canton Bärn » lesen wir über die « Lauwin, Schneelauwin » ( Seiten 813-815, Band I ):

« Ist ein grosser Klumpe Schnee der von den hohen Bergen in die anliegende Thäler zu grossem Schaden und Schrecken der Einwohner und der Reisenden herunter stürzt. Ein solcher Klumpe Schnee fällt senkrecht von den Bäumen, oder Felswänden, an denen er gleichsam hängt, herunter. Die Lauwe lauft dem Berge nach, und rollet sich in eine grosse Balle zusammen. Es giebt zweierley Arten von Lauwinen. Die einen nennt man Wind-lauwinen. Sie werden vornehmlich vom Wind erregt, welcher den eingefallenen annoch weichen Schnee von hohen Orten her bewegt, und zum Fall verleitet. Es kann aber auch seyn, dass diese Art von Lauwinen den Namen von ihrer Würkung her hat: Indem sie durch ihren Fall einen so starken Wind erregen, dass er auch von weitem alles darnieder wirft, die grössten Tannenbäume entzwey bricht, Menschen und Vieh ersteket, Hauser und Ställe über einen Haufen stürzet. Man nennt solche auch Staublauwinen, weil durch sie alles was in dem Thal befindet, mit einem Schneestaub überdeckt wird.

Die zwote Gattung nennt man Schloss- und Schlag-Lauwenen. Diese werfen sich nicht so fast durch den erregenden Wind, als vielmehr durch ihre eigene Schwere, alles was ihnen aufstösst, und Widerstand thut, darnieder. Sie bestehen nicht allein aus altem fest aufeinander liegenden Schnee, sondern auch aus Bäumen, Felsen, Steinen. Ja sie wikeln sogar den Grund mit in ihren Sturz ein, schleppen und reissen alles aus dem Grund mit sich fort. Sie werden deswegen auch Grund-Lawenen genennt. Reisende, welche das Unglück haben, von einer Lauwin dieser Art getroffen zu werden, werden von ihr so fest eingeschlossen, dass, wenn sie gleich den Kopf voraussen, oder frei haben, sie sich doch mit dem übrigen Leib nicht loswikeln können, sondern zu Grund gehen müssen; es sey dann, dass ihnen augenblickliche Hülfe wiederfahre. Die Wind-Lauwenen sind aber auf gewisse Art noch gefährlicher als Grund-Lauwenen, weil sie geschwind daherfahren, und zwar bald rechts, bald links, je nachdem der Wind ihnen eine Richtung gibt. Dieses ist die Ursache, dass die Reisenden sich nicht so leicht, wenn eine Wind-Lauwe daherfährt, mit der Flucht retten können. Weil aber der Schnee bei Lauwenen dieser Art nicht so fest auf einander, sondern lokrer ist, so kann man sich auch leichter aus demselben herauswikeln, wenigstens ohne Gefahr der Erstikung darin das Leben erhalten, oder Hülfe erwarten. Die Grund-Lauwenen sind hierin mit weniger Gefahr begleitet, weil sie nicht so geschwind wie die Wind-Lauwenen daherfahren, auch nicht, wie dieselben, einen so grossen Raum in der Breite und Weite einnehmen; und dass man ihnen, so man sie zeitlich wahrnihmt, noch ausweichen kann.

Diese Lauwenen versezen durch ihren Fall, Berg und Thal in Erschütterung; es entsteht auch in der Luft gemeinlich ein so starkes Gebrülle, als bey dem heftigsten Donner-Wetter. Aber eben dieses ist den nächsten Anwohnern der Berge, vornehmlich an den Orten, wo Land-Strassen angelegt sind, ein Merkzeichen, mit ihrer Hülfe zu eilen, die unter die Lauwinen verschüttete Landleute und Reisende ( wo möglich ) zu retten, sie aufzusuchen, oder ihnen Beystand zu leisten; wie denn dieses die Landes-Verordnungen in allen solchen Gegenden erheischen.

Es kann auch eine Lauwe von allem dem erregt werden, was mittel- oder unmittelbar durch eine Bewegung der Luft den an den Seiten der Berge hängenden Schnee erschüttert, und zum Abschlipfen veranlaset. Als z.B. ein frisch gefallener Schnee, der beweglicher ist als ein verlegener, die von Bäumen oder Felsen abfallende Schneefloken; die verfaulten Bäume, die vor Alter zerfallen; der Ton der Schellen, Gloken, der Feuer-Gewehre, der Schall der Rufenden, auch nur laut mit einander Redenden; der Regen, die Frühlings-Wärme, die Gems -Thiere, Schnee-Hühner und andere Vögel; jedes dieser Ursachen kann durch die

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