Winter in Lappland
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Winter in Lappland

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON ANDRÉ GUEX

Mit 3 Bildern ( 83-85 ) ...Und wir gehen weiter, den Lauf des Vaskojoki entlang. Mit Getrampel und Schellengeläute tauchen plötzlich drei Frauen auf mit sechs Rentieren und sechs Schlitten, unterwegs nach Inari, um - Gott weiss, welche Ein- oder Verkäufe zu besorgen. Sie sind noch weit vom Ziel, aber die Lappländer kennen weder Tag noch Nacht, weder Stunde noch Uhr. Nach einem Halt und einem Palaver, in dem sie Angela genug Geheimnisse anvertrauen, um einen siebten Schlitten zu beladen, galoppieren sie weiter nach Osten, während wir uns wieder auf den Weg nach Westen machen, jetzt ihren, auf dem harten Schnee kaum sichtbaren Spuren folgend. Manchmal verlässt ihr Weg den Fluss, steigt auf das Ufer hinauf, einen Mäander abkürzend. Manchmal verliert er sich, und wir bleiben allein, die Sonne nach unserem Weg fragend. Am Himmel ziehen sehr langsam blauge-ränderte Kumuluswolken dahin. Manchmal erscheint eine galoppierende Rentierherde. Man hört das Geräusch ihrer gespaltenen Hufe, man hört sogar ihren Atem, denn sie nähern sich mit Neugier bis auf zwanzig, sogar bis auf zehn Meter. Eines der Tiere hält an, betrachtet uns eine Weile und galoppiert dann weiter, um die anderen einzuholen, die schon den Fluss verlassen haben und im Wald verschwinden. Der Tag geht zur Neige, die Sonne verdunkelt sich, die Schatten werden länger und die Rentiere verkürzen ihren Schritt. Müdigkeit und Kälte. Eine neue Herde kommt uns entgegen, bei unserem Anblick bleibt sie stehen und stiebt dann aber eilig auseinander, mit grösster Eile davonlaufend. Ein Renkalb bleibt vor Überraschung stehen, geht weiter, kehrt im Trab zurück, mit dem Grunzen eines Ferkels, Zeichen von Unruhe. Jetzt findet es die Spuren, folgt ihnen aber in der Gegenrichtung. Es ist verloren, zum Tode verurteilt. Die Jährlinge haben nicht Kraft genug, um den Schnee bis zu den Flechten wegzuscharren. Darum verlassen sie kaum die Beine ihrer Mütter. Wenn sie die Mutter verlieren, so sterben sie. Wie wir am Flussufer den braunen Hof von Heikkilä entdecken, ist es schon Abend. Wir treten ein. Die Gesichter der Lappen zeigen bei unserem Eintreten keine Überraschung, keine Neugier. Niemand steht auf, um uns zu empfangen. Kein Wort * Auszug aus dem Buch « Finlande », das im Verlag « Rencontre » September 1965 erscheinen wird.

10 Die Alpen- 1965 - Les Alpes145 wird ausgesprochen, aber sogleich steht eine der beiden Frauen auf, schenkt uns Kaffee ein und trägt bald danach den Tisch auf: Brot, Rentierherz, Kartoffeln, geräucherter Fisch und als Getränk einen roten, süssen Sirup. Anwesend sind die Grossmutter und eine Tochter und die Schwiegertochter mit ihren zwei Kindern. Ein junger Mann, ihr Sohn, einer von ihren sieben Söhnen, befindet sich auch hier, mongolischer oder eher südlicher Typ, mit schwarzen Augen und wilden Haaren. Er ist jedoch nur während einer Stunde da; dann geht er wieder in den Wald zu seinen Brüdern. Die Herde versammelt sich, die Treiber haben an die fünftausend Tiere auf dem Vaskojoki zusammengejagt. Bald werden sie in einen etwa 50 km nördlich gelegenen Pferch getrieben. Der Sohn ist fort. Ein anderer Lappländer ist mit seiner Frau eingetroffen. Er ist sehr gross, schlank, geschmeidig, sie klein und rund, das Gesicht in ein goldfarbenes Kopftuch eingewickelt, in einem schweren Otterpelzmantel, blauem Kleid mit roten Manschetten und Gürtel. Er, der Fischer, Jäger, Holzhauer, Bauer und Hirte zugleich ist, trägt auch einen Pelzmantel, der an der 5. Avenue seine zwanzig-oder dreissigtausend Franken wert wäre! Nun ist es an ihnen zu essen. Er hat seine viereckige Mütze neben sich gelegt. An den Beinen trägt er die Karvakenkä, Schuhe aus Rentierfell mit aufgestülpten Spitzen, die in den Backenriemen geschoben werden, einzige Bindung der lappländischen Ski. Die Karvakenkä sind mit weichem warmem Sumpfgras gefüttert und mit roten Wollbändern an den Knöcheln geschnürt. Sobald sie gegessen haben, gehen der Mann und die Frau wieder in die Nacht hinaus. Wohin gehen sie? Sie sagen es nicht, man fragt sie auch nicht. Treten sie ein, so brauchen sie Unterkunft, essen sie Fleisch, so haben sie Hunger, sind sie wieder weg, so müssen sie anderswohin. Die jahrtausendealte Gastfreundschaft verlangt nach keiner Erklärung und stellt keine Fragen. Es ist das gute Recht für den Vorüberziehenden, einzutreten, zu essen und zu schlafen. Sogar für einen Fremden, den man nie mehr sehen wird, für mich zum Beispiel, bei dem zu Hause man nie anklopfen wird, und selbst spätabends. Lange Zeit liege ich in der Nacht wach, auf einem Rentierfell. Seufzer und das Geräusch von Händen, die man reibt, um sie zu erwärmen, haben mich geweckt. Der späte Gast ist beinahe ein Greis. Er schneidet sich Kleinholz, facht das Feuer an und bleibt bis zur Morgendämmerung bewegungslos auf dem Stuhl sitzen. Im Hohen Norden, wo man gleichfalls jeden Abend aus dem Vergehen des Tages das Gestern und das Morgen zu deuten versucht, da findet man noch die alten Eigenschaften der Urmenschen: Geduld, Heiterkeit, Ruhe, Ausdauer; auch die Unbekümmertheit und eine Art von Frohmut und guter Laune, die in Stimme und Lachen zum Ausdruck kommen. Die fröhliche Laune kommt auch den Hunden zugute, die kommen und gehen, um eine Zärtlichkeit bitten, ein Stück Zucker ablehnen oder wieder im gestreckten Galopp den Schlitten eines fünfjährigen Kindes auf dem Fluss ziehen und dabei ganz ungestüm jaulen. Man sagt, die Hunde hätten einen guten Geruchsinn. Ich glaube, dass sie vor allem die Laune der Leute spüren, mit denen sie leben müssen. Sie sind gutmütig, weil man zu ihnen gut ist und gern lacht.

Heute bringen mich die Lappen zum Lachen. Mit viel Fröhlichkeit erzählen sie die Geschichte von einer Bärenjagd, wobei ich schwer habe, sie zu verstehen. Aber Angela übersetzt mir das Erzählen bruchstückweise ins Deutsche oder Englische, ja sogar Französische. Es handelt sich um einen in seinem Loch schlafenden Bären, den man vor einem Monat unweit von hier entdeckt hatte. Sofort haben die Lappländer ein Inserat an eine Stockholmer Zeitung geschickt: « Wer will einen Bären erlegen? » Einige Tage später tauchte ein « Millionär » auf. Man führte ihn zum Bären, den man mit Stockhieben aufweckte. « Und während sich der Bär die Augen rieb, » so fuhr der Erzähler fort, « hat der Millionär geschossen... Und auch das Fell haben wir ihm verkauft! » - Aber auch im Hohen Norden stirbt alles Mystische. Die Zeiten sind vorbei, wo sich der Mann, der einen Bären erlegt hatte, drei Tage lang keinem Weib nähern durfte, wo das Rentier, das den Bären zum Lager geschleift hatte, ein ganzes Jahr lang nicht mehr zu arbeiten brauchte, und wo das in Stücken zerschnittene Fleisch durch den Rauchfang in das Zelt geworfen wurde, damit der Bär als Gabe des Himmels erscheine. Langer Tag, unendlicher Marsch. Wie die Stunden vergehen, so dreht sich langsam unser Schatten um uns. Unermüdlich folgen wir dem Fluss bis zur Stelle, wo er nach Süden abbiegt, während wir Richtung Westen weitergehen, zum Pyhäjärvi-See und zur norwegischen Grenze. Nach so vielen Stunden lasten selbst die leichten Birkenski schwer an den Füssen, Lenden und Beine bitten um Gnade. Wir sind aber von der Vorstellung besessen, dass sich der Boden unter unseren geräuschlosen Schritten nach Osten fortbewegt, unserer Gehrichtung entgegengesetzt. Es ist als ob ein dumpfes, aber hartnäckiges Sinnen uns die Einöde grosser Höhen, den Frieden der Hochplateaus, die grenzenlose Tundra und die Sümpfe und Wälder Lapplands aufsuchen liesse, um die wilden und schweren Existenzbedingungen unserer Vorfahren zu erleben, deren Blut noch in unseren Adern kreist. Ein langer Marsch auf einem Walliser Gletscher hatte mir einmal das seltsame und ergreifende Gefühl gegeben, es lebten noch ganz tief in mir meine Ahnen aus der grauen Vorzeit, die, so wie ich, auf den einsamen Eisflächen gingen, Rentiere jagend oder selbst verfolgt werden. Bin ich nicht hergekommen, und werde wiederkommen, um das noch einmal zu erleben?

Im Laufe des Nachmittags änderte sich das Wetter, unmerklich, aber sehr rasch. Die Sonne verfinsterte sich. Eine düstere Dämmerstimmung überfiel uns. Der Wind tauchte in den Wald und schüttelte die ächzenden Bäume. Der Nebel verengte den Horizont, so dass er zum Greifen nahe erschien. Hinter uns verwehte der wirbelnde Schnee unsere Spuren sogleich wieder. Dann legte sich der Wind, der Horizont weitete sich wieder, die kümmerlichen Bäume, oft mit abgebrochenem Wipfel, liessen sich in der Einöde wieder sehen. Die gebrochenen, ausgetrockneten Baumstämme liegen am Boden oder erheben ihr graues Gerippe, Feuervorrat für die Biwaks von Hirten und Jägern. In diesen Ländern wohnt eine tiefe Sehnsucht. Das Gefühl der Unendlichkeit ist auf die Dauer schwer zu ertragen. Man darf sich nicht täuschen, hinter dem lustigen Geschwätz der Lappen, ihrer singenden Stimme, ihrem spöttischen Lächeln verbirgt sich manchmal eine Art Verlorenheit. Die Gegenden, die man am meisten liebt, die Wüsten, die Meere, die Steppen, töten oft diejenigen, die sie lieben.

Seit langem haben wir den Kompass herausgenommen. Bei stockfinsterer Nacht erreichten wir die wenigen Bauernhöfe von Angeli und das Ufer des Inarijoki, von einem hohen Zaun umgeben, damit die finnischen Rentiere nicht nach Norwegen wechseln und die norwegischen nicht die finnischen Flechten äsen kommen.

So geht es tagelang. Am nächsten Morgen hat der Ostwind den Himmel reingefegt, den Nebel verjagt, und der Himmel hat wieder seine Lavendel- und Bernsteinfarben angenommen. Von Angeli aus gehen wir in nördlicher Richtung, denn eine grosse Herde näherte sich, aus den verschiedensten Weiden der Höhen kommend, und bald ist die Einöde mit von weither eingetroffenen Pulkas, Schlitten, Pferden und Zugrens bevölkert. Wie nur erkennen sie, bei der innehaltenden unglaublichen Geschwindigkeit ihres Vorwärtsdrängens, die richtigen oder falschen Fährten?

Als wir den Pferch erreichten, war er leer gewesen, aber der ganze Wald ringsherum war bewohnt. Zelte, angebundene Rentiere, Männer, Frauen, innert zwei Tagen errichtete Hütten, eine Bretter-baracke mit einem kreischenden Grammophon, wo man essen, trinken und im Kartenspiel sogar Rentiere einsetzen konnte, sogar solche, auf die man erst wartete. Mitten in einer Gruppe fuchs-magerer Lappen spielt ein speckfeister, kranzbärtiger Metzger mit grossem Einsatz. Er ist selbstsicher, gewinnt und lacht. Wenn morgen die Rentiere kommen, wird er wenigstens tausend Tiere mitnehmen: das Fleisch für Konserven, die Häute für Fell, die Köpfe für die aasfressenden Nerze. Er wird sie bis zur Strasse treiben lassen, dort abstechen und auf Lastwagen abführen. Wenn die Rens kommen!

Man erwartet sie, und das Leben ist wie in einem Ameisenhaufen. Ein Händler ist eingetroffen, hat seinen Schlitten ausgeladen, die Socken, Unterhosen, Hemden und Wollsachen ausgelegt. Er preist alles an, wie alle « Billigen Jakobs » der Welt; manchmal lustig, aber fast immer ordinär. Und die Männer drängen sich, lachen, die kinderreichen Väter tasten, messen, kaufen vier Hemden, vier Hosen für Drei-, Vier-, Sechs- und Achtjährige, 10 Mark. Wenn die Rentiere kommen! Man erwartet sie. Die Nachrichten kursieren, sie seien zwanzig Kilometer östlicher, kämen aber bald an, schon morgen. Am nächsten Tag finde ich in der Richtung, woher sie auftauchen sollten, einen alten Lappen, der im Schnee kauert. Bei 30 Grad Kälte späht er bewegungslos den Horizont ab. Er will der erste sein, der die Tiere erblickt und die Nachricht bringt. Von allen Seiten kommen von trab-freudigen Rens gezogene Pulkas. Und plötzlich kommt, wer weiss woher, eine Nachricht: « Man warte nicht mehr auf die Tiere, sie hätten sich zerstreut, der Herdentreiber sei fort! » Schon beladen einige ihren Schlitten. Nichts Zuverlässiges ist zu erfahren. Bald sagt man das, bald etwas anderes! So muss es im Mittelalter gewesen sein.

Die Rentiere sind anderswo. Sie sind in Tirro, wo wir vor einer Woche vorbeigingen! Aber sind sie wirklich dort? Nirgends sind sie! Der « Billige Jakob » packt ein, denn er hat seinen Krimskrams günstig verkauft. Derweil Bauern und Händler weiter auf die Tiere warten. Aber plötzlich, ohne sichtlichen Grund, stehen in der Spiel- und Trankbaracke drei Männer auf und gehen weg, in der Absicht, den Hirten Beine zu machen und die Herde hierherzutreiben. Die Herde, die vor zehn Minuten nicht mehr existierte, die Herde, die in Tirro war...

Doch keine Ungeduld in dieser Unsicherheit. Gar keine! Wozu übrigens? Was ist die Zeit in diesem Land, wo Tag und Nacht monatelang dauern? Was haben sie anderes zu tun? Wohin die Rens gehen, gehen auch sie. Sind sie anderswo, gehen auch die Lappen anderswohin. Jeden neuen Ankömmling fragt man « Wo sind sie? Haben Sie sie gesehen? » Hier haben Zeit und Raum ihr Mass verloren. Es gibt keinen Markstein im Raum, keinen Markstein in der Zeit. Warum würde die Herde heute eher als morgen, morgen eher als in zehn Tagen kommen? Hier ist kein Land mit Kalender, Fahrplan und Wanduhr. Es ist aber ein Land, dessen Nächte von plötzlichen Nordlichtern phantastisch erleuchtet werden.

In den ersten Apriltagen sind wir wieder nach Süden unterwegs. Von Tag zu Tag wird die Sonne wärmer, und der Wald fängt wieder an, wie ein Bach zu singen. Aber die Birkenrinde ist noch steif und hart wie Blech. In zwei Monaten, wenn der Saft steigt, wird diese Rinde zum Wundverband gegen alle Verletzungen, die der Hohe Norden so zahlreich bringt.

Wir zogen unsere Spur im Pulverschnee, der für unsere schmalen Ski zu tief war; wir wurden in den Lagern der Hirten empfangen, die auf der Suche nach den Rentieren waren, sie haben uns Platz an ihrem Feuer und in ihrem Zelt gemacht. Der Kuukkeli, der einzige zutrauliche Vogel der Tundra, der einzige, der dem Menschen Gesellschaft leistet, der Vogel ohne Schrei, mit einer roten Kehle, gross wie eine Amsel, hat uns von Baum zu Baum begleitet. Das ist der einzige, der das menschliche Wesen ohne Furcht erträgt in diesem Land, wo alles vor ihm flieht und auch uns daran erinnerte, dass auch wir in diesen Einöden Parias sind, denn der Schatten der menschlichen Grausamkeit hat sich auf der ganzen Erdkugel verbreitet.

Die Rentiere, auf die wir gewartet hatten, die zum Stelldichein im Pferch nicht gekommen waren, an die wir kaum mehr glaubten, die haben wir eines Tages zu Tausenden in ihrem raschen und schweren Galopp vorbeiziehen sehen, sich mit einem Ruck aus dem tiefen Schnee reissend. Zu Tausenden galoppierten sie unter den Fichten. Es war vier Uhr nachmittags. Der ganze Vorbeizug dauerte nur drei bis vier Minuten. Bei einbrechender Nacht erreichen wir das Ufer des Vaskojoki und klopfen müde an die Tür der grossen Küche des Hofes von Heikkilä. An der Wand hängen Waffen an Elchgeweihen: eine Flinte, ein Karabiner, ein Revolver und das zweiläufige Zapfen-gewehr des fünfjährigen Knaben! Sechs, sieben oder acht Hunde begrüssen uns mit stürmischer Freude, um eine Liebkosung bettelnd.

Die Zivilisation wird zweifellos diese Einöden vernichten und verunmöglichen, das zu erleben, was man für Freiheit hält. Ihr braucht Holz? Nehmt es! Soviel ihr braucht. Noch mehr? Wozu denn? Aber sobald man das Leben dieser Menschen von nächster Nähe betrachtet, stösst man auf seine Widersprüche. Er will frei sein und glaubt frei zu sein. Er ist es schliesslich. Aber sogleich erfindet er sich Beschränkungen. Er hat für sich den weiten Raum und die Wälder, die sich noch auf lange Zeit des Menschen erwehren werden, denn sie sind zu weit von den Sägereien, zu weit von den Flüssen, zu weit von den Strassen entfernt, um ausgebeutet werden zu können. Sie liegen jenseits der von den Forstleuten als « Nullgrenze » bezeichneten Linie Der Mensch hat das Holz, er hat das Feuer, er hat die Sonne. Er hat all das, was von uns als Freiheit angesprochen wird, ohne dass wir dieses Wort genau definieren könnten. Wir haben daraus einen Gott gemacht, mit einem ebenso unbestimmten Umriss, wie es die Sonne des Hohen Nordens ist.

Der Lappe hat das Feuer, er hat das Holz, er hat die Weite. Und er läuft durch die Wälder, durch die Ebenen, durch die Weite, auf der Jagd nach den Rentieren. Nach seinen Rentieren, um sie zu zählen! Um sie zu kennzeichnen, um sie an diejenigen zu verkaufen, die sie auf der Stelle oder anderswo schlachten werden, des Fleisches, der Häute und der Köpfe wegen, der Köpfe, die sie den Nerzen zum Frass hinwerfen.

Das Rentierzeitalter! Ganz sicher! Das wilde Leben, zweifellos! Tugenden, die in den Städten seit langem blutleer geworden sind. Ich kenne einen siebzehnjährigen Jungen, der allein mit einer Herde von sechzig Rentieren lebt, allein und unbewaffnet, um die Rentiere gegen drei Wölfe zu schützen, welche die Jährlinge angegriffen und getötet haben. Die Wölfe selber hat er nicht gesehen, doch ihre Spuren. Seine Anwesenheit genügt, um die Tiere zu schützen, denn der Wolf fürchtet den Menschen. Mit siebzehn Jahren kann er die Einsamkeit ertragen und die Stimme des Waldes, die in der Sonne singt, aber in der Nacht grollt.

Wertvolle Tugenden. Aber letzten Endes steht das alles im Dienst eines Vermögens, also eines Egoismus, eines Interesses, das nach Rentierköpfen beziffert wird, und ein Vermögen bleibt, das man leicht realisieren kann.

Vielleicht können uns heute die unberührten Gegenden nichts anderes bieten, als das, wovon die zivilisierte Welt ein Zerrbild ist. Aber es bleiben noch der Boden, der Schnee, das Wasser und der Himmel, gegen die das Geld bis jetzt nichts anhaben konnte.

Morgen fliege ich ab. Und schon bevor ich es verlassen habe, spüre ich das Verlangen, das wiederzusehen, was mein Gedächtnis nicht festhalten konnte. Weder die Nordlichter, noch ein gefrorener Fluss, noch die Umrisse der Birken und der Fichten an seinen Ufern lassen sich genau festhalten. Man kann nicht ein Nordlicht, ein Ufer, eine Fichte, ein Rentier von einem anderen Nordlicht, einem anderen Rentier unterscheiden.

Im Lastraum der Caravelle Finnair nehme ich den Wunsch mit, die Wolken des arktischen Himmels wiederzusehen, die über das wunderbare weite Land segeln, das noch nicht verdorben, angesteckt und verflucht ist.

( Freie Übertragung aus dem Französischen von Nina Pfister )

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