Winterfahrten auf Bernina und Roseg

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von C. J. Kollmus.

Die nach dem Regen vom 15. Februar 1928 im Engadin sehr misslich gewordenen Schneeverhältnisse brachten es mit sich, dass ich mich mehr den Hochgipfeln zuwandte, als ursprünglich bei meinem Aufenthalt in Pontresina gedacht war. Der schöne Pulverschnee hatte sich in eine steinharte Eisdecke verwandelt, auf der man bequemer Skeleton als Ski fahren konnte. Zudem hatte eine Fahrt über den Piz Kesch von Madulein nach Bergün den Hunger nach Grossem gereizt. Am Abend des 24. Februar betraten wir die Bovalhütte und nächtigten geruhsam. 4 Uhr früh verliessen wir sie und krochen auf behaartem Schneeschuh bei Laternenschein den Hang vor der Hütte hinunter nach der Moräne und über den Gletscher. Nach einer Stunde war der Schnee schon so hart, dass wir uns rasch entschlossen, auf die Ski zu verzichten und die Steigeisen anzuschnallen. Eine Spur erleichterte den Aufstieg, obschon uns der grosse Bruch in der Dunkelheit wenig gefiel. Die Schneebrücken waren diesen Winter durchwegs sehr dünn und spröde und verlangten grosse Aufmerksamkeit. Am Ende des übelsten Spaltengewirrs oberhalb des « Labyrinths » genossen wir die erste Rast und weckten die steifen Finger zu neuem Leben. Dann ward ein flotter Gang zum Crastagüzza-Sattel hinauf getan, und um halbneun standen wir im rosigen Morgenstrahl. Die Freude hierüber dauerte nicht lange. Denn als wir dem Südgrat der Bernina zustrebten, überfiel uns ein eisiger Wind und liess uns während der folgenden. Wanderung keine Ruhe mehr. Schmal ist der Firngrat, aber an sich nicht schwierig. Wo er uns all zu scharf dünkte, schlugen wir Stufen. Heftiger und unregelmässig stiess der grobe Wind. Vorsichtig näherten wir uns der Spitze. Stehe fest, mein Fuss, sonst...

Der Genuss auf dem Gipfel war kurz, aber nicht ohne Reiz. Einige Minuten tranken wir, an die Eisenstange des Signals festgeklammert, von der herrlichen, wolkenlosen Sicht ins Unbegrenzte... Der Wind sprang nach Westen um und gestattete uns, auf der Ostseite hinter einer Gwächte Schutz zu finden und einige Aufnahmen zu machen. Doch ach, wir froren zu sehr und mussten von hinnen. Wozu steigt man auf die Berge? Die Frage ärgerte mich, denn die Antwort « zum Vergnügen » kam mir heute etwas fade vor.

Der Abstieg auf derselben Spur verlief trotz der kümmerlichen Schneebrücken glatt, und schon gegen 2 Uhr standen wir wieder bei unsern Schneeschuhen unten. Ich glaube schier, sie haben ein wenig gelacht. Denn sie hatten schön warm gehabt und im stillen gedacht: « Es ist lieb vom Wetter, den Schnee zu formen nach eigener Lust, sonst hätten wir unsere Herren heute bis an den Südgrat der Bernina tragen müssen und wieder hinunter; aber man kann ja den stolzen Berg auch ohne uns im Winter erledigen, sogar bei scharfem Wind, zitternden Gliedern und in 6 Stunden und 10 Minuten! Nun, dafür wollen wir unsere lieben Herren um so schneller nach Morteratsch hinunter fördern zu einem kühlen Trunk Bier. » Wirklich, in 20 Minuten langten wir schon auf der Bahnstation an. Trotz Missgeschick hatten wir das schöne Gefühl, etwas geleistet, erfahren und erlebt zu haben. Muss es denn allemal etwas Aussergewöhnliches sein mit « Berg und Mensch », bis man davon etwas sagen darfErmutigt durch diese Bergfahrt und das fortwährend sehr schöne Wetter, zog ich am 29. Februar mit den Führern Kaspar und Ulrich Grass aus Pontresina nach der Coazhütte, welche heute an Stelle der alten Mortelhütte steht, um den Piz Roseg am folgenden Tag zu besteigen. Ein niedliches und bequem eingerichtetes Heim für Bergsteiger und Skifahrer, im Winter leicht heizbar und sicher vor Lawinen. Der Mond stieg herauf und spendete ein unvergesslich schönes Bild der Rosegwelt.

Als wir kurz nach 4 Uhr die Ski über den steilen, hartgefrorenen Hang auf den Vadret da Roseg hinabtrugen, ging eben der Mond unter. Wir querten den Gletscher in südöstlicher Richtung auf den Sellagletscher zu, schafften uns ohne Zeitverlust durch dessen untern Bruch und stiegen nun zumeist an der rechten Seite des Gletschers ( im Sinne des Aufstiegs ) bis ungefähr eine Viertelstunde unter den Sellapass hinauf. Hier querten wir den Gletscher nach links, standen um 7 Uhr am Fusse des Piz Roseg, löschten die Laterne und zogen die Steigeisen an.

Gleich zu Anfang des ersten, steilen Eishangs ein dünn überdeckter Schrund. Als der vorangehende Kaspar mit dem Pickel auf die Decke klopfte, fuhr die ganze Brücke mit Gepolter in die dunkle Tiefe. Wir wichen nach links aus. Mitunter Stufen schlagend, gewannen wir langsam den Einstieg in die Rinne unter P. 3599. Sie war ziemlich eisfrei, so dass wir P. 3599 in leichter Kletterei erreichten. Von hier aus wandten wir uns nach rechts gegen die steil aufstrebende Kuppe des ersten Roseggipfels. Beständiges Hacken tat not, nicht zuletzt auch des Abstieges wegen. In der Mitte dieses Steilhanges zwang uns eine riesige Spalte stark nach links, bis wir eine fadenscheinige Brücke fanden, über welche wir den oberen Rand gewinnen konnten. Um 10 Uhr standen wir auf der Eiskuppe des Roseg, 3927 m. Die Fernsicht nach allen Seiten hin war ganz klar. Über den Tälern lagen Nebelmeere und Dunst. Die Tiefblicke auf Sella- und Tschiervagletscher waren einfach überwältigend. Und gerade vor uns, am Ende des scharfen Verbindungsgrates, baute der Roseg seinen kraftvollen Hauptgipfel auf. Heute gab es hier oben fast keinen Wind. Das enthob uns der Sorge um den Gang über den Grat. Wir liessen die Rucksäcke auf der Kuppe liegen, stiegen Stufen schlagend erst ein Stück abwärts und gelangten bald auf schmaler Eiskante, bald über kleine Felsen auf den Hauptgipfel, 3942 m. Es war 1050.

Bequemen Ruhesitz bot die Rosegspitze auch nicht. Aber eine Viertelstunde doch gönnten wir uns stehend den Genuss der packenden Rundschau. Der Anblick des Scerscen und der Bernina allein schon lohnt reichlich eine Besteigung unseres Berges auch zu dieser Jahreszeit; denn wer sieht nicht gern ein stolzes Haupt aus gleicher Höhe, und sei es auch nur einige Minuten lang 1 — Rasch gewannen wir den kuppeligen Vorgipfel wieder, rasteten nun etwas gemütlicher und länger im strahlenden Licht, bis Leib und Seele gesättigt waren. Als wir unsre Ski wieder anschnallten, war die Luft fast drückend warm. Dennoch blieb der Schnee hart bis ans unterste Ende des Roseggletschers. Die Abfahrt über den spaltenreichen Vadret da Sella verlangte grosse Vorsicht, und die andauernden Stemmbogen-Ghristianias spendeten den schon etwas mitgenommenen Knien nur ganz geringe Erholung. Trotzdem erreichten wir das Restaurant Roseg schon um 318 Uhr.

Auf Wiedersehen im nächsten Winter, du unvergleichlich schöne Berninawelt!

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