Wir suchen... und finden den Weg

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

( Aus dem Buche « On High Hills », 1927. ) Deutsche Fassung von Henry Hoek.

Von Geoffrey Winthrop Young.

Sucht, Ihr alle, die stark seid, die Kühle des Morgens, der Berge Wind!

Durch Sonne und rauschenden Regen führt noch immer der " Weg für jeden, der « Mann » ist — der Weg zu beglückendem Schauen, zu frohem Gesang:

Geht ihn! Ihr, die Ihr stark seid.

Es ist nun einmal so: Der Körper des Menschen wird sehr verschieden durch die Höhe beeinflusst. Die einen fühlen sich « oben » leistungsfähiger und die anderen « unten » — eine ganz prosaische Sache, nur abhängig vom Stoffwechsel und Luftdruck. Die Alpen haben mich gelehrt, dass ich persönlich zu einer Menschenart gehöre, die über zweitausend Fuss hoch freier atmet und klarer denkt. Über fünftausend lebe ich kräftiger; und zwischen acht- und vierzehntausend fliesst der Strom meines Lebens so rasch und klar, wie ich es in den Ebenen nie für möglich gehalten. Mein Gedächtnis, sonst ein armes Lichtlein, brennt wie ein Höhenfeuer im Wind; die Gedanken jagen sich; jeder Entschluss wird sofort zur Tat. Ein neues « Ich » lebt dort oben. Die Berge haben es erzeugt. Und das ist wohl der Grund, dass ich mich in ihnen « wie zu Hause » fühle, ganz gleich, wie fremd mir die einzelnen Gipfel sind, die ich gerade sehe. So war es in meinen Jugend-tagen. Jeden Versuch, dem Verhältnis zwischen Berg und mir einen erklärenden « Namen » zu geben, hätte ich damals entrüstet von mir gewiesen; ich hätte solchen Gedanken ausgetrieben durch ein tagelanges strenges Klettern. Dieses Heimatsgefühl nahm ich dahin als etwas Natürliches, für mich natürlich, wie für alle Bergsteiger, sobald sie in eine gewisse Höhe kommen; sofern mir dieses Gefühl überhaupt bewusst wurde.

Scheinbar unabhängig von dieser körperlichen Veränderung entdeckte ich, sobald ich in den Bergen war, eine merkwürdige geistige Beeinflussung, die ich später « das Gefühl der aufgereihten Perle » genannt habe. Es war nicht das gewöhnliche freundschaftliche Erleben der Berge und ihrer Bewohner, das der Bergsteiger immer wieder an sich selbst beobachtet — nicht diese « Sympathie », die vielleicht durch Lesen erworben wird, vielleicht auch ihren Grund hat in einem ererbten Gedächtnis. Ich hatte vielmehr den Eindruck, dass durch die Form der Gipfel, dass im Atem der hohen Gletscher, dass in der Art, wie Schnee und Fels sich anfühlen, irgendein Wille zum Ausdruck käme — ein Wille, dem meinen verwandt; ich hatte den Eindruck, dass hier eine Welt, eine mir verwandte, wenn auch harte Welt sei, zu der ich recht eigentlich gehörte. Ich konnte dieses Gefühl des « Antwortens » meines inneren Ichs nur vergleichen mit den Empfindungen einer Perle — vorausgesetzt, dass Perlen empfinden könnend —, die gedacht hatte, dass sie nach ihrem eigenen Willen sich bewege und hin und her schwänge — und die dann, wenn die Schnur, zu der sie gehört, in dünnerer Luft stärker gespannt wurde, plötzlich entdeckte, dass sie aufgereiht war; aufgereiht auf einer Schnur, die ihr mitten durch das Herz ging. In solchen Augenblicken muss die Perle, ihr selbst unerklärlich, schwingen mit jedem Zittern der Schnur; und dieses Zittern der Schnur, oder mit anderen Worten das tiefe Gefühl meines Einsseins mit den Bergen, schien einmal ein Teil meines Wesens, ein Teil der Perle zu sein und mich andererseits zu verbinden mit der unendlichen Grosse dieser Erfahrung.

In doppeltem Sinne also fühlte ich, dass ich zu den Bergen gehörte und die Berge zu mir. Was noch zu tun übrig blieb, das war « mein Recht geltend zu machen ». Aber — und das war eine schwierige Sachesowohl das Geltendmachen wie das Ausüben dieses Rechtes muss erst gelernt werden. Der Liebhaber der Berge wird als solcher geboren; der Bergbesteiger muss sich selbst formen. So wie ich fühlte, mag vielleicht ein Mensch fühlen, der als Kind aus dem Lande seiner Geburt und seiner Sprache entführt wurde und in späteren Jahren wieder dahin zurückkam. Land und Leute sind ihm fremd, und dennoch gehören sie zu ihm. Die Worte, die er hört, haben heimischen Klang und scheinen eine vergessene Erinnerung zu wecken; aber das, was sie ausdrücken sollen, das entgeht ihm schmerzlicherweise.

Die Ungeduld, mit der er bestrebt ist, Silbe um Silbe, Wort um Wort, die Sprache wieder zu lernen, die es ihm ermöglichen soll, zum vollen Genuss seines « Milieus » zu kommen — das alles ist ähnlich meiner Ungeduld, mit der ich anfing zu lernen, wie man diese Berge ohne unnötige Gefahr besteigt; anfing zu lernen, wie ich mir dieses Land, zu dem ich gehörte, mir erobern könnte — diese Bergwelt, deren Geschichte ich so genau kannte, und deren Formen, deren Schweigen, deren Freundschaft und Feindschaft, wie ich im Innersten fühlte, mein eigentlich Reich waren und von jeher gewesen waren.

Eines aber, so glaube ich wenigstens, wusste ich von Anfang an: Wie hart und schwer ich auch arbeiten würde, um mir mein Recht auf diese Berge zu verdienen, wie sehr es mir auch gelingen möchte, mich vertraut zu machen mit den Schwierigkeiten und Gefahren der Alpen — schliesslich würde ich dennoch « die Perle auf der Schnur » sein. Und wenn ich auch die einzelnen Gipfel mir erobern würde — nie würde es mir gelingen, die manchmal freundlichen, oft weniger freundlichen Beziehungen zu verstehen, geschweige denn zu beherrschen, die da bestanden zwischen meinem Bergsteigen und der vibrierenden Schnur meiner Bergsehnsucht.

Die Berge ändern sich nicht. Unsere Liebe zu den Bergen bleibt. Aber die Art und Weise, wie wir die Berge besteigen, muss sich ständig ändern, wenn wenigstens die Kunst des Bergsteigens — und das ist ganz etwas anderes als « Liebe zum Berg»für die kommenden Geschlechter ihren Reiz behalten soll. Der Mensch will Hindernisse überwinden, wenn er um ein Ziel wirbt. Ist der Widerstand nicht gross genug, die ganze Kraft des Willens in Anspruch zu nehmen und den Einsatz der ganzen Persönlichkeit zu verlangen, dann wird der Erfolg nicht allzu hoch eingeschätzt und das Abenteuer verliert an Reiz.

Bevor wir, das heisst meine Zeitgenossen, am Ende des vorigen Jahrhunderts kamen, waren alle grossen Berge von unseren Vorgängern schon erobert. Unsere Generation las vom Berge, sah ihn wohl auch im goldenen Dufte grosser Entfernung und konnte immer noch unter Umständen an das Leuchten der Märchenlampe auf dem Gipfel glauben. Aber sobald man sich dem Berge näherte, sobald der Vergleich sich aufdrängte zwischen dem, was man gelesen, und dem, was man sah, und öfter noch als Folge irgendeines leichten und langweiligen Aufstieges, verlor die leuchtende Lampe der Phantasie an Kraft, wie ein Holzfeuer seinen Glanz und seine Farbe verliert im Scheine der Sonne; und das Abenteuer wurde zum alltäglichen Erlebnis.

Nur natürlich, dass das Bedürfnis nach Helden- oder, in unserem Falle, Bergverehrung — einer der lebenswertesten Instinkte jeder Jugend — sich und seinen Kreuzzug zu schützen suchte. Ich persönlich kann mich nicht an die ausgesprochene Absicht erinnern, bekannte Berge auf neuem Wege zu besteigen. Aber mit dem Anblick jedes neuen schönen Gipfels kam auch jedesmal ein Widerwille, die grosse und edle Begeisterung, die er uns einflösste, auf abgegriffenen Felsen und in zerspurten Schneerinnen zu betätigen. Ein neuer Gast, der voll Verehrung sich nahte, durfte sicherlich um eine frische Seite im Gästebuch bitten, um dort seine rührende Liebeserklärung abzugeben. Wer nicht kam, um nur das Glück der altbekannten Bergschönheit zu geniessen, sondern wer das Geistige suchte in der Gestalt jeder Bergform, der durfte nichts übersehen, weder was sein verehrendes Werben zu stören vermöchte, noch was irgendwie beitragen könnte zur Wärme des gegenseitigen Verhältnisses.

Einen schönen Berg auf noch nicht begangenem Wege zu besteigen, war daher schon bald weniger ein geplantes Tun als vielmehr eine Vorsicht des Instinktes. Später sodann, aber genau so ungewollt, machte ich die Entdeckung, dass dieses prickelnde Gefühl des Neuen und Ungewissen auch auf andere Weise zu finden ist als gerade nur durch das Suchen neuer Wege. Der Faktor des Unbekannten kann auch von der menschlichen Seite herkommen.

Abwechselnd mit oder ohne Führer zu klettern, bald mit einem Gefährten, der Eindrücke und Gefühle eines Bergtages mit mir zu teilen verstand, bald auch mit einem, dessen grösseres technisches Können mir die Freiheit gab, in meinen eigenen Gefühlen zu schwelgen — das waren alles verschiedene Mittel, die es erlaubten, die ganze Atmosphäre einer Tour so zu gestalten, dass das Abenteuer immer gleich neu blieb.

Die Periode dieser Versuche und dieses Suchens, das mehr unbewusst als absichtlich geschah, dauerte lang. Während eines Sommers standen neue und schwere Fahrten im Vordergrund; Fahrten, die ich nur mit Hilfe von tüchtigen, wenn auch nicht übermässig phantasiebegabten Führern machen konnte. Denn der verführerische Reiz des Alleingehens, diese Abkürzung des Weges zum ungestörten Empfinden, lockte mich immer weniger, je mehr mir die Gefahren hoher Berge bewusst wurden. Und dann folgte vielleicht in der nächsten Saison die Reaktion; und ich fand mehr Freiheit, mehr Spass und mehr Genuss auf leichteren Fahrten in der Gesellschaft guter Freunde; und was uns an bergsteigerischem Können abging, das war eben recht, um ganz gewöhnlichen Touren die notwendige Abenteuerlichkeit zu verleihen. Schliesslich fand ich heraus, dass es, für mich wenigstens, der beste und erfreulichste Plan sei, beides zu vereinigen. Das Tor zur Poesie des Abenteuers öffnete sich mir erst kurz vor den Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit. Und die Gefährten, die mich in Sicherheit bis zu diesem Punkte brächten, ohne die schöne Welt auf der andern Seite des Tores zu stören, mussten gleichzeitig bergtechnisch auf der Höhe sein und zum mindesten so verständnisvoll, dass sie schweigen konnten. War dieser Punkt in ansprechender Gesellschaft einmal erreicht, arbeitete die Maschine des Körpers zufriedenstellend und waren alle Sinne wach und gespannt, dann konnte es geschehen — manchmal sogar für lange Stunden —, dass die « Schnur der Perle » sich zitternd spannte oder dass das Tor aufsprang... Ich überlasse dem Leser die Wahl des Bildes. Und aus der Schönheit von Schauen und Fühlen, aus der fast schmerzlich starken Freude zu leben, kam die beseligende Gewissheit, dass in beiden Welten alles aufs beste eingerichtet, dass es mir nicht besser gehen könnte, dass wir drei nur eine grosse Einheit seien — alle und alles gleich glücklich.

Während einer jener frühen Perioden der Reaktion und des Überdrusses der « ungemischten Gefühle » kämpften wir zu dritt eine ganze, heisse und schwüle Sommerwoche lang gegen unsere Faulheit. Die Gipfel der Mischabelkette über uns hatten etwas schwer Bedrückendes, und giftig und ungesund lag die Luft in der windlosen Tiefe des Tales. Ein paarmal brachen wir aus, sogar bis « Claras » Kaffeehütte neben dem Gletscher. Levi und ich rannten über den Egginergrat und unternahmen eine wilde Klettertour über das Mittaghorn; nur etwas grössere Versuche, unsere Willenslosigkeit los zu werden. Als Generalkur beschlossen wir endlich, entweder über die Südlenzspitze oder über das Nadelhorn nach Zermatt zu gehen. Und dann reichte unsere Energie gerade noch aus für die bescheidenere Überschreitung des Alphubeljoches!

Was waren das für endlose Hänge! Was für gleichförmige, langweilige Schneewellen! Man verlegt sein Gewicht auf den rechten Fuss und ist keinen Augenblick sicher, wo man Halt finden wird; man versinkt bis zum Knöchel, bis zum Knie, bis zur Hüfte beinahe; man muss eine verzwickte Bewegung machen, um das Gleichgewicht zu wahren; dann wird der linke Fuss schwerfällig in einer Art Kreisschwung vorgeworfen und man fühlt, wie auch er kraftlos versinkt, und gleichzeitig versucht man, mit einem Ruck den rechten nachzuziehen; manchmal gelingt es — manchmal nicht... Es ist eine bis aufs äusserste verlängerte Qual, raffinierter als irgend etwas aus den Zeiten der Inquisition. Dieses halbe Haltfinden und halbe Versinken erwürgt Kraft und Hoffnung, und jeder neue Schritt ist neue Verzweiflung.

Blendend weisse Schneefelder in leichtem Nebel haben einen merkwürdig entnervenden Einfluss, der noch nicht ganz erklärt ist. Es gibt Tage im Schnee, wo jeder Schritt ein scharfes Vergnügen ist, wenn wir uns der endlosen Rundsicht entgegenarbeiten, Tage, an denen wir versinken und uns wieder herausarbeiten mit verbissenen Zähnen, voll Kampfesfreude, ganz gleich, ob dies das hundertste oder das tausendste Mal geschieht — es gibt aber auch Tage mit ganz dem gleichen Schnee, an denen unsere Knochen weich werden wie Butter, das Blut nur noch laues Wasser ist und der Gedanke an den nächsten Schritt uns mit Grausen erfüllt. Ich habe nie herausgefunden, warum gerade ein bestimmtes « Verhältnis » zwischen den Zuständen von Schnee, Licht und Bergsteiger gelegentlich so entnervend wirkt.

Hundert Schritte und eine Rast; ein tödliches Einerlei ohne Ende. Wir krochen knurrend vorwärts. Der weisse, faule Schnee schien gelb zu werden vor unseren blutunterlaufenen Augen. Fünfzig Schritte und eine Rast — immer kraftloser wurden wir. Endlich zwanzig laut gezählte Schritte und eine Rast, um irgendwo in diesem nichtssagenden Weiss einen Punkt zu suchen, der unserer müden Trostlosigkeit das nächste Ziel sein könnte.

Langsam wuchs der schwarze Riesenleib des Matterhornes und die leuchtende Pyramide des Weisshorns in den Himmel und grüssten uns über der Senke des Passes. An ihren Gräten hingen Wolkenfetzen, die trüb-grau erschienen im Gegensatz zum blendenden Schnee. Diese beiden Gipfel haben das Vorrecht und den Vorzug, ihre Schönheit allmählich zu enthüllen. Sie sind um so wunderbarer, je höher der Standpunkt, von dem aus man sie sieht. Bei ihrem Anblick verloren wir an jenem Tage auch den letzten Rest von Selbstachtung. Gänzlich aufgelöst warfen wir uns oben hin. Und wie ich meine Freunde betrachtete, konnte ich kaum glauben, dass sie jemals zur Klasse der Vertebraten gehört hätten; sie lagen wie versengte Mücken im Schnee, oder — vielleicht besser noch — wie umgeworfene Vogelscheuchen.

Ganz langsam, im kühlen Passwind, begann uns hie und da wieder ein Knochen zu wachsen, und wir setzten uns wenigstens. Und nachdem wir stundenlang gegessen, fanden wir auch die Sprache wieder und ein Restchen von Lebenskraft. Die nötige Energie für den Abstieg aber zogen wir aus dem Anblick einiger Führerpartien, die an uns vorbeiwankten. Die ganz gebrochenen Touristen schwankten in der Hitze zwischen ihren gelangweilten Führern, die mechanisch und unentwegt voranschritten; mit gelbem Neid sahen sie unsere zwanglose Faulheit, die wir schamlos genossen. Um diesen Pass, den wir später immer das « All-müde-Joch » nannten, zu überschreiten, brauchten wir siebzehn Stunden. Mehr hat wohl noch nie jemand benötigt.

Die Gipfel um Zermatt aber rüttelten uns wach — das ist so ihre Art. Kaum hatten wir einen kurzen Blick getan in die Schaufenster von Zermatts Hauptstrasse, so zogen wir schon kurz entschlossen über den Furgggrat; wir hofften, das Matterhorn von Italien her zu überschreiten und wollten sogar, wenn möglich, die bis dahin unerstiegene Südwand versuchen. In Breuil engagierten wir Henri Carrel als « Träger », und dann jagten wir gedankenlos und unvorsichtig wie junge Lämmer hinauf zur italienischen Hütte. Es ist mir nie gelungen, in dieser Hütte eine gute Nacht zu verbringen. Ein grausiger Sturm überfiel uns. Das Herdfeuer wurde ausgeblasen; auf dem Fussboden häufte sich der Triebschnee. Die ganze Nacht sassen wir zusammengedrängt in einer Ecke; vor schneidender Kälte konnten wir nicht schlafen. Auf ihrer verblüffend schmalen Felsleiste schüttelte sich die Hütte wie ein kranker Vogel auf seinem Ast; sie stöhnte, dröhnte und krachte zwischen ihren Stahltrossen und drohte jeden Augenblick hinuntergerissen zu werden, zusammen mit den Schneeschwaden und mit uns, in das tosende Dunkel über Italien.

Im arktisch-düstern Lichte des Morgens hingen kleine Eiszapfen an unseren bärtigen Gesichtern und rauhen Wollkappen und zerbrachen mit leisem Krachen. Mit metallischem Klingen fielen bei unserem Abstieg die Eisschollen unter dem Anprall des Sturmes von den Felsen. Zwei und eine halbe Stunde brauchten wir, um wie verängstigte Raupen die Platten hinab-zukriechen, die wir als fröhliche Schmetterlinge in zwanzig Minuten hinauf-gegaukelt waren. Wir kamen zum Col du Lion, und das grosse Südcouloir war eine starke Versuchung, einmal wegen des teilweisen Windschutzes, zum andern durch den schönen und sauberen Neuschnee. Ich stimmte für eine aufregende Abfahrt — die erste von drei herrlichen Abfahrten, die ich ihm verdanke. Mummery hat uns von den Freuden dieser Rinne erzählt, ein für allemal, und besser, als es je wieder geschehen könnte. Ist der Schnee gut, dann weiss ich nichts, was sich damit vergleichen lässt. Wir waren eingeschlossen zwischen schwarzen Wänden unter einem der grossartigsten Abstürze der ganzen Alpen. Das rasende Gleiten über dieses steil geneigte, nach unten sich verbreiternde Band seidigen Schnees erzeugt ein Zittern in den Füssen, das durch alle Nerven des Körpers bis in den Kopf sich fortpflanzt und eine unsagbare Freude ist.

Während einer solchen Abfahrt singt die Geschwindigkeit buchstäblich in uns; ihr Jubeln beginnt unter den gleitenden Sohlen und entzückt unser Ohr. Sobald die Woge der nachfolgenden Lawine uns zu nahe kam, sprangen wir zur Seite, sahen zu, wie sie an uns vorbeischäumte und nahmen dann unsere Fahrt wieder auf, diesmal auf dem noch glatteren Satin ihres Weges. Und schliesslich, wie jedesmal, erreichten wir den flacher geneigten kleinen Gletscher am Ende der Rinne und kamen mit einem Gefühl plötzlicher Ernüchterung zum Stehen.

Einige Tage muss Clague uns beide dann wohl allein gelassen haben. Denn meine nächste klare Erinnerung ist die, wie Levi und ich unsere Beine herabbaumeln lassen von einer sonnenwarmen Felsleiste hoch oben auf einem gewaltigen, wenn auch wenig ausgesprochenen Grat, der von dem erwähnten kleinen Gletscher hinaufzieht zum Pic Tyndall, dem untersten der Matterhorngipfel. Wir hatten es nicht begreifen können, dass diese Südwand des Matterhorns noch nie ernstlich versucht wurde; und tatsächlich ist der Grat, auf dem wir an jenem Tage sassen, seitdem auch bestiegen worden. Wir aber waren zu spät von Breuil aufgebrochen, und das war auch der Grund, warum wir schon sehr bald die Ursache für diese lange Vernachlässigung herausfanden. Allüberall lag loser Schutt in dieser riesigen Welt zerrissener Felsen. Ein immer schlimmerer Steinschlag ging über uns weg und fegte links und rechts durch die Rinnen. Die einzelnen Steilstufen gaben uns nur ungenügenden Schutz; und wenn das Klettern selbst auch nicht sehr schwierig war, so war es doch eine langsame und « unsaubere » Angelegenheit und darum um so gefährlicher. So sassen wir denn etwa in halber Höhe unseres Grates, waren einigermassen geschützt und hielten Kriegsrat. Ins Unbekannte weiter hinaufzusteigen war offenbar äusserst gewagt und könnte leicht ein sehr unbequemes Biwak zur Folge haben. Andererseits waren wir noch zu jung, um einfach zu bleiben, wo wir waren und zuzuwarten. Und das waren wohl Gründe genug zur Umkehr. Aber wahrscheinlich hat ganz gemeine Angst, hat die Höhe, die Ausgesetztheit und das gewaltige Ausmass dieser unfreundlichen Felsen uns ebenso beeinflusst. Oft seitdem habe ich, auf meinen Wanderungen zwischen Zermatt und Breuil, unseren damaligen Weg durch diese wilde und chaotische Wand mir angesehen, manchmal mit einem gewissen, schnell unterdrückten Stolz auf unsere jugendliche Frechheit, immer aber mit tiefer Dankbarkeit für unser Glück.Fortsetzung folgt. )

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