Wir und unsere Berge

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Josef Menth.

Wir lieben unsere Berge. Jedermann liebt sie, denn das gehört heutzutage fast ein klein bisschen zur guten Mode, zum guten Schweizerton. Wer da nicht mitmachen kann, der sagt es wenigstens niemandem; denn die Liebe zu den Bergen verleugnen wäre gleichbedeutend mit der Preisgabe des guten Schweizernamens. Genug, wir lieben sie. Warum?

Sommer für Sommer bringen uns die Zeitungen Nachrichten von den Opfern, die die Berge gefordert haben. Winter für Winter lesen wir in der Presse vom « weissen Tod », der unerbittlich seine Ernte eintut unter den Besten, den Jüngsten unseres Volkes. Dann erhebt sich wohl hier und dort ein leiser Vorwurf, und Schmähungen werden laut über die Leichtsinnigen, die um eines Augenblickserfolges willen ihr Leben achtlos wegwerfen. Nicht genug daran, setzen sie unbekümmert ihre liebsten Angehörigen in Angst und Schrecken. In ganz unverantwortlicher Weise denken sie weder an sich selbst noch an die Eltern, die sich in banger Sorge um das unsichere Schicksal ihrer Söhne grämen. So ungefähr klingen die vielleicht gutgemeinten Die Alpen — 1940 — Les Alpes.36 Vorwürfe an die Adresse derer, die der Todesschlaf im kalten Gletscher-grabe umfangen hält, die unter stäubender Lawine vergraben dem Frühling entgegenschlummern oder mit zerschmetterten Gliedern am Fusse turmhoher Felswände liegen, gebrochen am Körper, aber mit reiner Seele. Sie hören die Anklagen nicht mehr; und wenn sie sie hörten, so müssten sie zur Antwort geben: « Woher nehmt ihr das Recht, so über eure Mitmenschen zu urteilen? Ihr, die ihr nie unter dem unbezwinglichen Banne der Berge gestanden? » Es mag ja manch leichtsinniger und unerfahrener Gipfelstürmer unter den Opfern der Berge sein, manch einer, der in sträflichem Übermut die Geister der Alpenwelt, die Hüter hehren Alpenfriedens zu grausiger Rache heraus-forderte.Vielleicht zog ihn alles andere als die Liebe in die verlassenen öden Bergregionen hinauf. Aber die sind nicht die Opfer der Berge, sondern die Opfer eigener Grossmannssucht und eitler Prahlerei. Aber die andern? Sollen wir darum über alle den Stab brechen? Das kann nur, wer nie in seinem Leben dem Zauber der Berge unterlegen ist, wer nie vom frischen Bergquell Labung getrunken, wer nie den stahlblauen Himmel, den nur die silberblinkenden Eisgipfel so rein und scharf zu zeichnen imstande sind, über sich sah, wer nie in glühendem Sonnenbrand über Fels und Moräne kletterte, wer nie in nadelstechigem Nebel endlos über Trümmerfelder irrte. Denn er kennt die unwiderstehliche Macht der Berge nicht.

Unbezwingbare seelische Macht schlägt lautlos ihre Fesseln ums Herz des Bergfreundes. Wenn draussen über einsam schäumendem Wildbach die gurgelnden Wellen ihr hundertstimmiges und doch so eintöniges Lied raunen, wenn singend durch die verwetterten Tannen und Arven der kalte Bergwind streicht und droben am metallschwarzen Firmament die flimmernden Gestirne ihre ewig unwandelbaren Bahnen ziehen, dann offenbart sich ihm in hehrer, majestätischer Stille die Seele des Berges, dann durchflutet ihn in weihevoller Stunde das innige Verstehen der Bergnatur.

Die gewaltige Ruhe, welche Gipfelwelt und Firmament umwebt, dringt ein in unser Herz mit elementarer Wucht. Etwas erwacht in uns, auf das die Kleinlichkeiten des alltäglichen Lebens keinen Einfluss haben können. Wie eine morsche Hülle streifen wir in solchen Stunden Missgunst, Neid und wie die tausend allzu menschlichen Dinge alle heissen, ab. An der stillen, majestätischen Grosse kann nur das Gute und Edle in uns sich emporwinden und Kraft und Mut schöpfen für lange Wochen des grauen Alltags. Das macht uns die Berge lieb, dass sie die bedrückende Erdenschwere und den Staubgeruch streitender und feilschender Kreaturen von uns nehmen, auf dass wir befreit uns fühlen von dem Herz und Seele versteinernden Materialismus unseres zwanzigsten Jahrhunderts.

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