Wunderberge im Herzen Australiens

GEORGE F. J. BERGMAN

AYRES ROCK UND MT. OLGA Mit 5 Bildern ( 66-70 ) In der Mitte des vorigen Jahrhunderts war das Innere Australiens noch völlig unerforscht und selbst nach der Eröffnung der Überland-Telegraphenlinie von Adelaide nach Darwin im Jahre 1872 war die Struktur des Landes westlich dieser Linie kaum bekannt. Anno 1872 sandte der berühmte deutsch-australische Naturforscher Baron Ferdinand v. Müller seinen Freund, den englischen Journalisten W. E. P. Giles \ aus, um von Alice Springs, das damals nur ein kleiner Knotenpunkt an der Telegraphenlinie war, gegen Westen vorzustossen. Giles erreichte südwestlich von Alice Springs einen grossen Salzsee, den er Lake Amadeus 2 nannte. Im Süden des Sees sah er eine phantastische Felsgruppe, von ihm « Mt. Olga » 2 benannt, liegen, doch gelang es ihm nicht, den See zu überqueren, und er musste unverrichteter Dinge umkehren. Ein Jahr später kam er wieder, und diesmal stand er am 14. September 1873 vor dem Mt. Olga. Doch wie gross war seine Enttäuschung, als er Spuren von Kamelen und Pferden fand, die davon zeugten, dass ihm ein anderer Forscher zuvorgekommen war. Nach Giles Rückkehr hatte die Südaustralische Regierung, um nicht hinter den « Victorians » zurückzustehen, eine eigene Expedition ausgerüstet und den Landmesser W. C. Gosse 3 mit der Führung betraut. Gosse, ein ausserordentlich tüchtiger Landmesser und gründlicher Forscher, nahm drei afghanische Kameltreiber und einen jungen Eingeborenen auf seine Reise mit, die sich alle aufs beste bewährten. Alle Transporte haben sich, was nicht allgemein bekannt ist, in Zentral- und Westaustralien bis zur Ankunft des Automobils meist auf Kamelen abgespielt, und auch heute kann man in entlegenen Gebieten noch gelegentlich Kamelkarawanen sehen. Glücklicher als Giles, gelang es Gosse, den Lake Amadeus an seinem östlichen Ende zu überqueren. Er setzte seinen Weg über Sanddünen und leichtes Mulgagebüsch,4 nach Süden fort. Ein Hügel schien dem anderen zu gleichen. Am 18. Juli 1873 machte er jedoch eine eigenartige 1 William Ernest Powell Giles, geb. 1836 in Bristol, gest. 1897 in Coolgardie.

2 Benannt nach dem König und der Königin von Spanien, « zu Ehren dieser grosszügigen königlichen Förderer der Wissenschaften » ( Giles ).

3 William Christie Gosse, geb. 1842 in Hoddesdon ( England ), gest. 1881 in Adelaide.

4 Acacia aneura.

Entdeckung. Da sah er einen sehr breiten Hügel, der ganz anders aussah als die übrigen, mit Spinni-fexgras * bewachsenen Kämme.

Am 19. Juli 1873 schrieb Gosse in sein Tagebuch 2:

« Als ich mich diesem Hügel näherte, bot sich mir ein ganz eigenartiger Anblick dar, denn sein oberer Teil war voll von Löchern oder Höhlen. Als ich jedoch aus den Sanddünen heraus und etwa 2 Meilen von ihm entfernt war und der Hügel zum ersten Male deutlich in mein Blickfeld kam, wer beschreibt mein Erstaunen, als ich entdeckte, dass dieser Hügel in Wirklichkeit ein gewaltiger Felsblock war, der sich schroff aus der Ebene heraushob. Die Löcher, die ich gesehen hatte, waren riesige Höhlen. Ich nannte ihn Ayres Rock, nach Sir Henry Ayres 3. » Und er fuhr fort:

« Dieser Felsberg ist sicherlich die wunderbarste Naturformation, die ich jemals gesehen habe. » Gosse hatte Ayres Rock, den grössten Monolithen der Welt, den Wunderberg des fünften Erdteils, gefunden.

Er ist der wuchtigste der drei Inselberge im Herzen Australiens, die in einer Linie südlich vom Lake Amadeus liegen, in ihren Formen aber grundverschieden voneinander sind. Mt. Conner ist ein Tafelberg, Ayres Rock ein isolierter, abgerundeter Felsdom und Mt. Olga eine phantastische Felsgruppe von 28 Monolithen.

« Ayres Rock, Mt.Olga und Mt.Conner », schrieb Finlayson4, « bieten Anblicke, die zu den hervorragendsten auf dem ganzen Erdteil gehören, und besonders von Ayres Rock kann man mit gutem Gewissen sagen, dass dieser Felsberg eines der grossartigsten Naturdenkmäler der Welt darstellt. » Ayres Rock ist von Osten nach Westen l3/5 Meilen 5 lang und 7/s Meile breit und erhebt sich 1100 Fuss über der Umgebung. Wie die anderen zwei Inselberge, besteht er aus uraltem cambrischen, angeschwemmten Felsgestein. Das rote Trümmergestein ist so fein, dass es leicht mit Granit verwechselt werden konnte. Seine Wände sind nahezu senkrecht, in manchen Teilen überhängend, und der Eindruck seiner Höhe wird durch das völlige Fehlen von Vorbergen oder auch nur Hügeln in seiner unmittelbaren Umgebung nur noch verstärkt. Die riesigen Höhlen, die bis hoch in die Wände hinein sich erstrecken, sind von Sand- und Staubstürmen hervorgerufen worden 6.

Gosse stand staunend mit seinen Afghanen vor diesem Berge. Doch Gosse, der sicher als Landmesser vorher Berge bestiegen hatte, war, obwohl er, wie viele seines Berufes, sich dessen kaum rühmte, ein guter Bergsteiger und ein Mann der Tat. Am 19. Juli 1873 erreichte er den « Rock », und am nächsten Tage hatte er ihn bereits mit einem seiner Afghanen, Kamram, auf dem leichtesten und bis heute üblichen Anstieg an der Nordwestseite « über einen Sporn, der weniger steil als der Rest des Felsens war », erklettert. « Nachdem wir zwei Meilen », so notierte er in sein Tagebuch 2, « barfuss über scharfe Felsen geklettert ° waren, erreichten wir den Gipfel und hatten eine Aussicht, die uns für unsere Mühe belohnte. » Im Osten sah er den Mt. Conner, und 30 Meilen westlich lag der Mt.Olga, von dessen Existenz er schon durch die Ergebnisse der Giles-Expedition im Vorjahre erfahren hatte.

Einige Tage später setzte sich seine Kamelkarawane wieder in Bewegung, und am B. August 1873 erreichte er den Mt.Olga. Hier fand er eine vollkommen anders geartete Felswelt. Gosse war, 1 Triodia Spinnifex.

2 W.C.Gosse's Explorations 1873, gedruckt als South Australian Parliamentary Paper No. 48, Adelaide 1874.

3 Sir Henry Ayres ( 1821-1897 ) war damals Premierminister von Südaustralien.

4 H. Finlayson, Hon. Kurator des Südaustralischen Museums, « The Red Centre ».

5 Englische Meilen.

6 Ch. F. Laser on, « The Face of Australia ».

7 Gosse schrieb « scramble », was eigentlich nicht « klettern », sondern « krabbeln » bedeutet, und ich kann aus meinen eigenen Erfahrungen bestätigen, dass dies wohl die bessere, wenn auch nicht gerade schönere Übersetzung sein dürfte.

im Gegensatz zu dem Journalisten Giles, kein Mann von grossen Worten. Er notierte lediglich, dass er am 12.August 1873 « einen der höchsten der Dome » zu ersteigen versuchte, dass er jedoch nach 900 Fuss sah, dass er « nicht sicher war, ob er wieder herunterkommen würde, und deshalb umkehrte ». Er hatte gut daran getan, denn der Felskoloss war etwa 1200-1500 Fuss hoch gewesen. Giles war zwar sehr enttäuscht, dass ihm Gosse zuvorgekommen war, doch war er vom Mt. Olga tief beeindruckt.

« Der Anblick dieser Berggruppe », schrieb er später 1, « ist aufs äusserste wunderbar und spottet jeder genauen Beschreibung. Sie besteht aus mehreren riesigen, festen, mächtigen, runden Blöcken von nacktem rotem Konglomeratgestein, zusammengesetzt aus unzähligen Massen von runden Steinen aller Arten und Grossen, die alle wie Pflaumen in einem Pudding zusammengemischt und in mächtigen runden Formen auf dem Boden aufgesetzt worden sind. Da sind abgerundete Minarette, riesige Kuppeln, unförmige Dome. Es sind enorme Gedenksteine sehr früher Erdzeitalter. Ich bin sicher, dass dies eine der unglaublichsten geographischen Formationen auf dem ganzen Erdball darstellt. Diese gewaltigen runden Steinfiguren sehen aus wie die Rücken einiger unförmiger, kniender, rosafarbiger Elefanten. » Er umwanderte die Berggruppe, und jedesmal bot sich ihm ein anderes, unerwartetes Bild dar. Auf einmal « schienen sie wie fünf oder sechs gewaltige, rosenfarbige Heuschober auszusehen, die, Halt suchend, sich gegeneinander lehnen ».

Der australische Geologe Laseron schrieb über den Mt.Olga 2: « Das ist sicher einer der merkwürdigsten Berge der Welt. Eine Reihe von riesigen Monolithen formen eine Art Kreis, wobei vier der höchsten nebeneinander an der Südwestseite stehen. Sie erheben sich direkt aus der Ebene. Der höchste ist 1500 Fuss hoch. Alle haben runde Gipfel und glatte, ungefüge und nahezu senkrechte Wände und sind voneinander durch enge Schluchten getrennt. Die Konglomeratblöcke stammen wahrscheinlich von den älteren Musgrave Ranges oder ähnlichen Felsformationen weiter im Süden. Am Meeresboden rollend, wurden sie durch feinen Sand zusammenzementiert und zu festem Trümmergestein erhärtet. Viele Erdzeitalter gingen vorbei, bevor sie an die Oberfläche kamen. » Ayres Rock und Mt. Olga waren also entdeckt, Australien jedoch um diese Zeit noch kein Touristenland, und obwohl Giles Mt.Olga und Ayres Rock, den er am 9. Juni 1874 auf seiner nächsten Zentral-Australienreise besuchte, in seinem Buch 1 in glühenden Farben geschildert hatte, war er, ebenso wie der früh verstorbene Gosse, samt seinen Bergen sehr bald vergessen.

Ayres Rock blieb ein Sammelplatz, ein heiliger Berg für die Ureinwohner, an dem die Stämme ihre Jugend in die Geheimnisse der Rasse einweihten und in dessen Höhlen sie geheimnisvolle Malereien hinterliessen. Der weisse Mann war viele hundert Meilen entfernt und hatte kein Interesse für diese merkwürdigen Berge. Jahrzehnte vergingen, und nur hier und da kam ein Missionar mit seinem schwarzen Helfer von der deutschen Mission in Hermannsburg am Finke River in wochenlanger Kamelreise zum « Rock », um Gottes Wort zu predigen. Es ist nicht bekannt, ob einer von ihnen je Ayres Rock erstiegen hat. Die zweite bekannt gewordene Ersteigung durch einen Weissen fand nahezu 60 Jahre nach der Erstersteigung statt. W. McKinnon, ein Polizeiinspektor in Alice Springs, erstieg auf der Suche nach einem eingeborenen Verbrecher den Rock am 7. März 1931 inmitten grösster Sommerhitze und wiederholte die Ersteigung am 19. Februar 1932 3. Es ist mir berichtet worden, dass McKinnon auch vor einigen Jahren die Erstersteigung des höchsten Mt.Olga-Gipfels vollbracht hat.

1 Ernest Giles, « Australia twice traversed ». London 1889, siehe auch Geoffrey Rawson, « Désert Journeys », London 1948. Dieses Buch enthält Karten von Gosses und Giles'Kundfahrten.

2 Ch. F. Laseron, « The Face of Australia ».

3 Arthur Groom, « I saw a Strange Land », Sydney-London 1950. Eine neue Route durch eine steile Schlucht in der NW-Flanke wurde im August 1956 von Donald Merchant aus Adelaide gefunden.

Und dann kamen langsam Mitglieder gelehrter Gesellschaften, Anthropologen, Geologen und Botaniker und schliesslich auch Touristen. 1948 besuchte Arthur Groom, ein einsamer Wanderer und Schriftsteller, diese Gegend und schrieb ein Buch « I saw a stränge Land » i, das viel zur Kenntnis dieser Berge beitrug. Er wanderte mit dem alten eingeborenen Führer « Tiger », den ich, freundlich grinsend, im Palm Valley in den Krischauff Ranges nahe der Hermannsburg-Mission wiederfand. Bis 1948 hatten nur ungefähr 30 Personen den Ayres Rock bestiegen.

Grooms wundervolles Buch hatte in mir das Verlangen erweckt, diese seltsamen Berge zu besuchen. Doch trennten mich Tausende von Meilen von diesem Ziele, und eine Expedition auszurüsten ging weit über meine finanziellen Verhältnisse. Da kamen mir im Juli 1956 zwei glückliche Zufälle zu Hilfe. Ein australischer Freund hatte in einem Photowettbewerb zwei Luftfahrkarten gewonnen und bot mir eine davon an, und fast gleichzeitig erfuhr ich, dass seit letztem Jahr die Touristen-Autobus-Firma Tuit in Alice Springs ein ständiges Camplager in der Nähe vom Ayres Rock errichtet hatte und fünftägige Touren dorthin unternahm. Unser Entschluss stand rasch fest: Wir fahren zum Ayres Rock!

Wir flogen von Sydney über Adelaide nach Alice Springs, und am 22.Juli 1956 fuhren wir mit zwei Autobussen in die Wüste hinaus. Bald hinter Alice Springs hörte die gute Strasse auf und ein Wüsten-«Track » begann, der von einer Farm-«Station » zur anderen schliesslich nach 276 Meilen zum « Rock » führte. Nach ein paar Stunden kamen wir zu einer Wegtafel, die uns anzeigte, dass es von hier 1000 Meilen nach Süden nach Adelaide und 1000 Meilen nach Norden nach Darwin ging. Und so befanden wir uns wirklich « im Herzen Australiens ». Dieses Herz ist jedoch keineswegs « tot », wie man so häufig liest. Im Gegenteil, Alice Springs, heute eine kleine, aufblühende Stadt, ist von einer Reihe von « stations », Gutsbezirken, umgeben, auf denen Rinder- und Pferdezucht betrieben wird. Jährlich werden von dort etwa 40 000 Rinder nach Adelaide verfrachtet.

Dafür ist das Herz Australiens rot. Der Erdboden und die hügeligen, zerrissenen Berggruppen, die wir kreuzen, die McDonnell, Waterhouse und James Ranges, schimmern in der Sonne von tiefem Lila über alle Schattierungen von Rot bis zu Hellgelb, so wie sie die eingeborenen Maler von der Hermannsburg-Mission, Albert Namatjira und seine Genossen vom Arunta-Stamme, in ihren Landschaftsbildern gemalt haben.

Es hatte kurz vor unserer Ankunft geregnet. Das hatte zur Folge, dass die « Wüste » in voller Blüte war. Weite gelbe Felder einer Cassia-Art, unzählige Arten von Strohblumen, violette Parra-keelias, blühendes Strauchgebüsch tauchten immer wieder zwischen den hellgrünen Spinnifef-büschen auf. Känguruhs aller Grossen und Farben, von Schwarz bis Hellrot, hüpften davon oder blieben neugierig stehen. Schneeweisse Ghostgums 2 ragen über die niedrigen Mulgabüsche hinaus. Wir queren die trockenen Flussbette der Finke- und Palmer-Flüsse und sitzen oft im Sand zwischen den mächtigen weissgrauen Rivergums 3 fest. Das war der Nachteil des Regens. Mehrere Male muss ein Bus den anderen aus dem aufgeweichten Boden herausziehen. Es ist bereits Nacht, als wir an den Salzseen. Ausläufer des Lake Amadeus, die feenhaft im Mondlicht schimmern, vorbeifahren. Gegen 10 Uhr erreichen wir Curtin Springs, die letzte « station », ein einsames Farmhaus. Man kann sich von der Grosse dieser Farmbezirke kaum einen Begriff machen. Curtin Springs, eine « kleinere » Station, umfasst « nur » 1204 Quadratmeilen... Von dort nehmen wir frisches Fleisch mit, und kurz hinter der Station wird haltgemacht und ein mächtiges Holzfeuer angezündet.

1 Arthur Groom, « I saw a Strange Land », Sydney-London 1950. Eine neue Route durch eine steile Schlucht in der NW-Flanke wurde im August 1956 von Donald Merchant aus Adelaide gefunden.

2 Eucalyptus Papuanus.

3 Eucalyptus rostrata.

Riesenbeefsteaks werden über dem offenen Feuer auf einer alten Bettdrahteinlage gebraten. Dann geht es weiter. Gegen 2 Uhr morgens taucht auf einmal zu unserer Rechten eine gewaltige Felsmasse auf, der « Rock »! Der Mond scheint in die tiefen Schluchten der Nordseite hinein und gibt die scharfen Konturen des Kolosses wieder. Wir wenden uns zur Westseite des Felsens und erreichen nun endlich das Lager, wo ein warmer Tee und ein gutes Mahl auf uns warten. Die meisten Teilnehmer haben kaum je ein Zelt gesehen, noch viel weniger in einem geschlafen. Den Verhältnissen entsprechend ist das Lager wirklich gut ausgestattet, doch viele der Herren und Damen haben sich offenbar etwas anderes darunter vorgestellt und machen nun, als die durchwegs gute Verpflegung die Gemüter beruhigt hatte, gute Miene zum bösen Spiel.

Am Morgen - die Nächte sind hier sehr kalt im Winter, und der Morgen ist taufeucht - stand, etwa 1 ½ Meilen entfernt, der Rock vor uns, ein überwältigender Anblick. Wir machten uns nach dem Frühstück sofort auf und marschierten in kleinen Gruppen zu seiner Basis. Je näher wir kamen, desto mehr wuchsen die Höhlen des Berges. Manche glichen riesigen Taubenschlägen, aus denen Tausende von Vögeln ein- und ausflogen, andere wieder sahen wie Tropfsteinhöhlen aus und wieder andere wie gewaltige Galerien. Da waren Gebilde, die einem menschlichen Gehirn glichen, und andere, die einem Totenkopf ähnelten. Der ganze Rock war auf seiner Westflanke von Höhlen durchfurcht. Schon die erste Höhle, die wir betraten, enthielt eingeborene Malereien. Die Zeichnungen, meist in Schwarz, Gelbweiss und Ocker gehalten, sind grösstenteils das Werk des Pidjendadjara-Stammes 1. Wir entdeckten sehr bald, dass sich die meisten Malereien unter den Aushöhlungen der zahlreichen mächtigen Felsblöcke befanden, die um den Rock herumliegen und als Unterkunft gedient hatten. Es ist sehr schwer, das Alter der Zeichnungen festzustellen. Es sind alte und neue Zeichnungen vorhanden, das Werk vieler verschiedener Hände, und viele alte Zeichnungen sind von neuen « Malern » übermalt worden. Sie sind ausserordentlich primitiv. Man bemerkt besonders Abbilder der Tiere, die in den vielen Legenden um den Berg eine Rolle spielen \ der Schlangen, Beutelratten, der grossen Eidechsen oder der Tiere, die die hauptsächlichste Nahrung lieferten, wie Emus und Känguruhs. Während in früherer Zeit keine menschliche Darstellung erlaubt war, sieht man, dass offenbar « modernere », wahrscheinlich christianisierte Eingeborene auch primitive menschliche Figuren wiedergegeben haben.

Ayres Rock und Mt. Olga liegen auch heute noch in einem etwa 6500 Quadratmeilen grossen « Eingeborenen-Reservat », das nur mit Erlaubnis des « Aborigine Weifare Boards » betreten werden darf. Sie befinden sich jedoch am Rande des Reservats, und die Eingeborenen sind schon seit Jahren zumindest im Winter, wenn die Touristen den « Rock », den die Ureinwohner « Ooolra » nennen, besuchen, verschwunden und haben sich entweder in die Missionen nach Hermannsburg und Ernabella begeben oder in die entlegenen Petermann- und Mussgrave Ranges zurückgezogen.

Wir eilen von einer Höhle zur anderen. Wir klettern in die grosse « Malahöhle », einst ein berühmter Zeremonienplatz, hinein und sehen, etwa 30 Meilen entfernt, den Mt. Olga liegen, der von hier wie eine mittelalterliche Burg aussieht. Und da ist auch der sogenannte « Känguruhschwanz », eine enorme zungenartige, von der Wand abgesplitterte Felsplatte, die jedoch oben und unten immer noch mit dem Felsen verbunden ist. Wir entdecken zahlreiche Wasserlöcher an der Basis des Berges, und Wasser zusammen mit reicher Vogelwelt haben zur Folge, dass Ayres Rock ein wahres Paradies für den Botaniker darstellt. Nahezu 600 verschiedene Blumen-, Strauch- und Baumarten sind zwischen Ayres Rock und Mt. Olga gefunden worden 2.

1 Charles P. Mountford: « Brown Men and Red Sand ».

2 Für nähere botanische Angaben siehe Douglas Kempsley, « Blossoms of Ayres Rock » in « Wildlife and Outdoors », Melbourne, Februar 1953.

Der nächste Tag ist der Besteigung des Berges gewidmet. Die beiden Chauffeure, freundliche, junge Männer, amtieren als Führer, d.h. sie gehen voran und helfen besonders dem « schwächeren Geschlecht », das sich in der Mehrzahl befindet. Wir steigen natürlich auf der « normalen », von Gosse entdeckten Route hinauf, die sicher auch den Eingeborenen bekannt gewesen sein muss, da sie einen bezeichnenden Namen - « Tjinterintjinteringura » -1 dafür hatten. Ich zweifle nicht daran, dass sich dem geübten Bergsteiger mit Seil und vielleicht auch Haken, an der Süd- und Ost-Süd-Ost-Seite auch noch weitere Anstiege bieten, während die nahezu senkrechten Nordwände wohl jedem Versuch einer Begehung trotzen würden. Der Anstieg über den Nordwestsporn ist weniger eine Kletterei als ein « Plattengehen »; man könnte den ganzen, etwa 1000 Fuss hohen Hang als eine einzige Riesenplatte bezeichnen, über die man mit Gummisohlen oder auch barfuss emporklimmt. Zuerst nur sanft geneigt, ist der Hang in seinem mittleren Teil sehr steil, so dass die Reibung allein nicht mehr genügt und man von den Händen Gebrauch machen muss. Danach flacht er sich jedoch rasch ab, und nach etwa 35 Minuten ist die Höhe erreicht. Der Anstieg ist nicht schwierig doch zweifellos gefährlich, da er die ganze Zeit hindurch völlig exponiert ist, keinerlei richtige Haltepunkte bietet und im Falle eines Ausrutschens den Sturz der ganzen Partie zur Folge haben könnte. Dass man, wie in unserem Falle, eine Reihe völlig bergunerfahrener Personen dort hinauf- und, was noch viel gefährlicher war, an der Handherabschleppte, war sicherlich ein grosser Leichtsinn.

Oft mache ich im Aufstieg Halt, um die Landschaft zu betrachten. Der Ausblick ist über alle Massen eindrucksvoll. Die weite rote, mit grünen Mulgabäumen bedeckte Wüste dehnt sich endlos zu den fernen Petermann- und Mussgrave-Ranges aus. Mt. Olga erhebt sich wie die Riesenruine eines Schlosses, und Mt.Connor ist, etwa 90 Meilen entfernt, deutlich sichtbar. Die Salzseen schimmern weiss wie Spiegel herauf. Drei mächtige Adler kreisen dauernd um uns herum. Einer -er hat wohl eine Spannweite von mehr als 6 Fuss - kommt so herab, dass ich annehme, er werde jeden Augenblick in unsere Gesellschaft hineinstossen. Aber er fliegt mit den anderen davon, hinein in die Adlerhorste in der Nordwand des Felsens.

Der Grat wird langsam mehr und mehr zu einem Gipfelplateau. Dieses Plateau ist von tiefen Furchen durchzogen, deren Rippen man dauernd auf- und abklettern muss. Nach 45 Minuten ( vom Ausgangspunkt ) erreichen wir, 22 an der Zahl, den Gipfel, auf dem sich in dem von Gosse errichteten Steinmann eine Flasche und ein paar Sardinenbüchsen befinden, in denen die Ersteiger ihre Namen verewigt haben. Überall sind auf dem Plateau tiefe Wasserlöcher zu finden, in denen klares Regenwasser aufgespeichert ist. Nahe dem Gipfel befinden sich auch einige Mulgasträucher und ein wettertrotzender alter Corkwoodbaum 2. An der Nordostseite des Plateaus bemerken wir sogar eine kleine Baumoase. Lange rasten wir hier, bis ein plötzlich aufkommender heftiger Wind uns vertreibt. Nach Beobachtungen von Meteorologen macht sich der Berg, der während des heissen Tages enorme Wärmemengen aufspeichert, sein « eigenes Wetter » 3. Der Abstieg, besonders das steile Stück, benötigt wegen der infolge von Verwitterung häufig abblätternden Stein-plättchen grosse Vorsicht, und wir sind froh, als endlich alle glücklich den leichten unteren Teil des Abstiegs erreichten.

Der Nachmittag wurde der Nordflanke des Berges gewidmet. Hier ist ausser einer sehr langen und tiefen, der sogenannten « Alten Weibshöhle » besonders die in einer gewaltigen Schlucht be- 1 « Der Bachstelzenweg ».

2 Hakea lorea.

3 « Ayres Rock, the Mountain that makes its own weather » in « Wildlife and Outdoors », Melbourne, Februar 1953.

findliche ständige Quelle mit kleinem Teich, die von den Eingeborenen « Kapi Mutiguluna » genannt wird, und die Gosse, der sie entdeckt hatte, « Maggie Springs » nannte, bemerkenswert. Es war ein unvergessliches Erlebnis, als wir, ein kleiner Kreis der Jungen und « noch immer Jungen », in der Nacht zum Rock fuhren, um für das Lager Wasser zu holen und dort lange im Mondschein auf den Felsen sassen und sangen.

Am vierten Tage fahren wir im Morgengrauen zum Mt. Olga hinüber. Näher und näher kommt die Felsenburg. Kleine Wälder von Desert-Oak-Bäumen \ die wie Trauerweiden aussehen, geben der Landschaft ein unerwartetes Gepräge. Die eigentlichen Riesendome der Gruppe sind hinter den östlichen Kuppen, die nur etwa 400-500 Fuss hoch sind, verborgen. Je näher man jedoch kommt, desto gewaltiger werden die roten Felsmassen. Wir biegen in ein breites Felstal zwischen zwei Domen ein. Ein kleiner Bach strömt aus einer Schlucht heraus und liefert so ausgiebige Bewässerung, dass man glaubt, sich in einer grünen Oase zu befinden. Vögel aller Arten, Schwärme grüner Budgerigars und grauer Papageien schwirren durch die Luft, und der wundersame Gesang einer Drosselart lässt uns aufhorchen. Wir rasten inmitten eines Feldes duftender wilder Hyazinthen unter schattigen River-Gum-Bäumen und halten dort ein kurzes Mahl. Dann folgen wir dem Wasserlauf aufwärts in den wilden Kessel der Wulpaschlucht. Es ist hier wie in einem verwunschenen Lande. Der Mt.Olga, von den Eingeborenen « Kuttatuta » genannt und wegen seines Wassers gepriesen, ist wohl eines der merkwürdigsten Berggebilde in der ganzen Welt. Die Landschaft wechselt ständig. Während wir immer tiefer in die Schlucht eindringen, erheben sich vor und hinter uns bis zu 1500 Fuss hohe, unglaublich steile Wände, die einen nahezu zu erdrücken scheinen. Vogelruf echot von einer Wand zur anderen. Die Eindrücke sind beinahe beängstigend, und alles erscheint unwirklich in dieser roten Felseinöde. Es ist schon Nachmittag, und während auf der einen Seite die Wände in hellem Rot in der Sonne erglänzen, ruht die andere Seite bereits in tief purpurnem Schatten. Der Fels ist so zu einem Pudding-Konglomerat zusammengebacken, dass man glauben möchte, man habe von Menschenhand gefertigte Betonplatten vor sich. Das Trümmergestein des Mt. Olga hat jedoch nicht die Festigkeit und Einheit wie beim Ayres Rock Unzählige Blöcke sind abgespalten, und weite Schutthalden zeugen von der zerstörenden Gewalt des Wetters. Die Wulpaschlucht verlassend, wenden wir uns einem Pass zwischen zwei Domen zu und steigen im Schatten zu ihm hinauf. Wieder erwartet uns ein neues Bild. Vor uns liegt ein breiter Kessel und um ihn herum sechs der kleineren Dome. Sie sehen wie enorme rote Brotlaibe aus, die man nebeneinander in eine grüne Schüssel gelegt hat. Alle sind oben abgerundet, und der Wind hat Samen von Spinnifexgras auf ihre Gipfel getrieben und ihnen damit eine grüne Krone aufgesetzt. Wir steigen ins Tal hinab und erreichen, einen der Dome umwandernd, unseren Ausgangspunkt. Wie gern hätten wir hier unser Zelt aufgeschlagen, die einzelnen Dome erforscht und wenn möglich erstiegen. Doch leider müssen wir ins Lager zurück, das wir erst in der Nacht erreichen.

Nun heisst es vom Ayres Rock Abschied nehmen. Im Dunkeln verlassen die Autobusse das Lager, um von einer Anhöhe, etwa 5 Meilen vom Rock entfernt, den Sonnenaufgang zu erwarten. Es ist ein einzigartiges Erlebnis. Blutrot flammt der Felsen, der wie ein vorsintflutliches Ungetüm in der Wüste geschlafen hat, in den ersten Sonnenstrahlen auf, und ich verstehe mehr denn je, was ein australischer Reiseschriftsteller sagen wollte, als er schrieb 2: « Ayres Rock ist der Riesen-edelstein im Herzen Australiens, der geheimnisvolle Felsen, den, einmal gesehen, man nie vergessen kann. » 1 Casuarina Decaisneana.

1 Frank Clune: « Land of my birth », Sydney 1949.

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