Zeichensteine

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Wenn wir unsere Bergtäler durchwandern, treffen wir überall an den Alpwegen, an Blöcken oder auf besonderem " Helgelistock » Kreuze und Täfelchen, die uns daran erinnern, dass hier einmal ein Mensch sein Leben lassen musste.

Sebastian Bumann Birchi 1732—1801 verunglückt bim Holzen. vier Vaterunser. R. I. P.

Zierliche, eisengeschmiedete Ständerkreuze, hinter vergittertem Fensterchen in einen Pflock eingelassene Marienfigürchen und Heiligenbilder und daneben ein längst unleserlich gewordenes Zettelchen oder ein verrostetes Blechtäfelchen, auf dem nur noch mühsam einige Buchstaben gedeutet werden können — solche Zeichen sind es, die uns daran ermahnen sollen, dass auch wir mitten im Leben vom Tode umgeben sind. Die Alpleute erfahren dies ja mehr als wir, denn ringsum drohen Steinschlag und zur Winterszeit die Lauenen, die schon so manches Leben gefordert haben. Im Volksmund leben diese Unglücksstätten weiter, und immer wieder findet sich ein Gross-müetti, das die Kunde vom bösen Geschehen weitergibt, und ein Kindeskind, das ein Wegzeichen erneuert. Am Kässpeicher zu Porthüsler im Etzlital sind noch heute drei Kreuze angenagelt, mit jedem Speicherneubau wieder unterm schützenden Vordach angebracht, die uns berichten, dass vor bald zwei Jahrhunderten drei Wanderer über den Krüzlipass kamen und vom Schneegestöber unterm Rossboden überrascht wurden. Mit aller Mühe und Not seien sie bis Porthüsler gekommen, wo sie erschöpft zusammenbrachen, unter schützender Tanne sich zum ewigen Schlafe hinlegten und erst im Frühling aufgefunden wurden, als der Föhn das Apern brachte.

Hinter Spiringen liess vor Jahren der Pfarrer des Dorfes eine Votivtafel in der Wegmauer anbringen, die uns nun Kunde gibt vom Spitzenbergsturz. Wie mancher Wanderer schritte hier nur vorüber, das gigantische Trümmerfeld zu seinen Füssen, aber nicht ahnend, dass noch vor wenigen Jahrzehnten Wiesen und Wald die nun rauhe Berglehne bedeckten!

« Hier verloren am hl. Pfingstsonntag 29. Mai 1887 durch einen Bergsturz das Leben Joh. Jos. Gisler und seine Frau Franziska und seine Schwester Anna Josefa Gisler und Johann Anton Gisler und seine Schwester Agata und Wwe. Magdalena Mattli, geb. Gisler.

Joh. Jos. und Joh. Anton Gisler bekamen sie am Tage nachher und Frau Franziska Gisler geb. Gehrig etliche Tage nachher, die anderen drei Leichen sind noch unter dem Schutte.

Gewiss ist der Tod, aber ungewiss die Stunde, wann er kommt, tief in der Nacht, zu einer Zeit, da wir ihn am wenigsten erwarten. » Ich möchte nun aber nicht auf alle diese Erinnerungstäfelchen eintreten, obgleich recht wertvolle darunter sind, sondern heute nur auf die « Zeichensteine » zu sprechen kommen, die ich bisher im Urnerland finden konnte.Vielleicht weiss der eine oder der andere der verehrten Leser ein Ergänzen, für das ich ihm recht dankbar wäre.

Auf der Göscheneralp liegt am Fussweg zur Dammahütte am rechten Eingang ins Wintergletschertal ( auf der linken Talseite ) eine granitene Felsbank, an der vor Jahrhunderten eine Reihe von Daten und Zeichen und Buchstaben angebracht und in jüngerer Zeit zum Teil nachgemeisselt worden sind, während die übrigen nur schwach erkenntlich und wie eingeätzt scheinen. Bemerkenswert sind die beiden Jahreszahlen 1660 und 1767. Die Felsbank, die den Namen « Zeichenstein » trägt, ist heute Eigentum der Naturschutzkommission Uri, ein Geschenk der Korporation Uri. Die Herkunft der Zeichen konnte mir niemand sagen. So erlaube ich mir eine Deutung. Die beiden Jahreszahlen fallen in Vorrückungszeiten des Rhonegletschers und lassen sich, wenn man nach den bisherigen Beobachtungen über die Bewegung der Gletscher rückwärts rechnet, ebenfalls als Jahre festlegen, die in Vor- rückungsperioden der Gletscher fallen. Die in nächster Nähe liegenden Grund-moränen- und Stirnmoränenüberreste zeigen überdies, dass der Wintergletscher noch vor wenigen Jahrhunderten bis zur Göscheneralp vordrängte. Ob nun diese Zeichen, Buchstaben und Jahreszahlen nicht von Wallfahrten herstammen, von Prozessionen der Göschenertaler, um Gott anzurufen, dass er Dorf und Weiden in seinen Machtschutz nehme? Dabei hätten sich wahrscheinlich die Pfarrherren, Alpvögte, Dorfältesten usw. auf dem Stein verewigt, denn die Buchstaben und Zeichen entsprechen noch den heute vorhandenen Namen und Hauszeichen der Talleute. Das Auftragen der Initialen und Zeichen erfolgte mit einer ätzenden Farbe, denn sie sind tief ins Granitgestein eingedrungen und im Vergleich zur Umgebung heller1 ). Eine andere Deutung geht dahin, dass sich hier Wallfahrer verewigten, die von Urseren über die Alpligenlücke und Winterlücke ins Göscheneralptal, durchs Voralp und übers Joch ins Meiental und über den Stössifirn nach Engelberg gingen. Der Volksmund erzählt noch von solchen Fahrten der Reälpler, und die Initialen S, N und R müssten dann als Simmen, Nager und Regli gedeutet werden. Den Stein aber als « Gletscherstein » zu betrachten, scheint mir eher der Wirklichkeit zu entsprechen.

Ein weiterer Zeichenstein liegt unterhalb Wassen. Er trägt neben der Jahreszahl 1619 drei Hauszeichen und den Namen Jacobus Woher die auf der Nordwestseite des grossen, zum Teil von Rasen überdeckten Blockes angebrachten Initialen stammen, weiss niemand mit Sicherheit zu sagen. Wir müssen aber festhalten, dass hier der frühere Talweg zum St. Gotthard vorbeiführte. Ob dem Stein liegt eine kleine Terrasse ( heute von der Strasse fast ganz belegt ), die sicherlich zur Säumerzeit als Rastplätzlein diente, lag sie doch zur Sommerszeit im kühlen Schatten und Talwind ( Meienreusswind ) und bot einen freien Ausblick gegen Gurtnellen. Da hat nun vielleicht vor drei Jahrhunderten ein Säumer seinen Namen eingekratzt, weitere Zeichen kamen später hinzu Oder? Mag der Leser weiter deuten, die Hauptsache ist, dass wir auch bei diesem « Zeichenstein » ehrfürchtig halten und unserer Altvordern gedenken.

Im Riedertobel unterhalb dem Intschi ( Amsteg ), da ist noch heute der Erzstollen offen, in dem vor vier Jahrhunderten die « Stäger Goldgräber » nach Edelmetall gruben. 120 m tief kann man da in den Berg hinein, und wenn man mit der Lampe die Wand absucht, so findet man oben am Stollenende zwei Doppelkreuze nebeneinander eingehauen. Was sie wohl bedeuten? Das Hauszeichen eines ErzgrabersIn der Stuben ob Ried, gegenüber Intschi, ist ebenfalls ein Erzstollen, in den man noch vierzig Schritt eindringen kann. Beim Eingang ist die Jahreszahl 1778 eingemeisselt, was wohl besagt, dass in diesem Jahre ein Erzgraber hier der Arbeit nachging, denn nach altem, noch heute gültigem Bergbaurecht durfte ein Erzgraber Jahr und Tag sein Werkzeug im Stollen liegen lassen, damit kein anderer hier ebenfalls graben gehe. Das Anbringen der Jahreszahl mag dann gleichfalls als Datumdokument gegolten haben, das Namenzeichen als « steinerne Unterschrift ».

Nahe der Stuben, beim sogenannten Schniderplätz, ist noch heute deutlich erkennbar die Jahreszahl 1678 eingehauen, unterbrochen durch ein Zeichen, das einen Kelch darstellt, auf dem ein Kreuzstern steht. Revierförster J. M. Indergand, ein treuer Begleiter und eifriger Mitarbeiter auf all meinen urnerischen Bergfahrten, erzählte mir, dass noch sein Grossvater von diesem « Bodenzeichen » gesprochen habe, und sagte, dass hier ein Wildheuer beim Nachhausegehen verunglückt sei. Auf dem Schniderplätz hat er sein Leben ausgehaucht, das Zeichen im Stein gibt uns noch Kunde davon und sagt auch, dass der Geistliche ihm noch in letzter Stunde die letzte Ölung im Kelche gebracht hat, so dass er mit allem versöhnt hier sterben konnte.

Einen wertvollen Zeichenstein fand ich vor zwei Sommern im Alstafel oberhalb der Kühplanggenalp im Erstfeldertal. Dort liegt am Weg, der zur Kröntenhütte führt, ein mächtiger Kalkblock. Auf der andern Seite des Weges kauert das Grundgemäuer der Hütte, die in den 70er Jahren errichtet wurde, als man beim Schlossberggletscher das Eis ausbeuten wollte. Der rund 50 m3 fassende, längliche Block ist fast völlig im Boden eingewachsen. Auf der Ostseite trägt er die Jahreszahl 1668, daneben ein Kreuz und eine Acht, was den Monat August bedeutet, dann die Buchstaben A. M. ( A. Muheim, Müller oder Arnold M.und darüber A. D. ( Arnold D. oder A. Dittli, Danioth, Dennier ?) und einen Kreis, den man als 0 ansprechen könnte. Das Kreuz könnte auf einen Marchpunkt hinweisen, doch wäre kein Grund zu einer Marchung hier zu finden. Wie nun aber diesen Zeichenstein deuten? Geschah hier vor 250 Jahren ein Unglück, indem zwei Männer während der Alpzeit von einem Stein der Fulenwand erschlagen wurden? Ich nehme die Umgebung zur Deutung zu Hilfe. Nach der Bodenform und dem Moränenmaterial zu schliessen, hat der Schlossberggletscher hier vor Jahrhunderten einmal Halt gemacht. Ob nun vielleicht hier im August 1668 des Gletschers Ende lag und zwei Talleute ein Zeichen schlugen? Wir machen ja solche Dinge heute auch!

Wer aufmerksam über den alten Gotthardweg von Amsteg ins Ried geht, der trifft hinter der Bristlaui ( beim Brunnentrog ) mitten im Wege einen flachen Stein, vom Holzreisten und den Schuhnägeln gehörig geglättet, auf dem die eingemeisselten Buchstaben Z. F. und die Jahreszahl 1906 zu lesen sind. Das F ist im Spiegelbild geschlagen, wie dies in Zeichen bei uns noch häufig geschrieben wird. Die Herkunft dieses « Zeichensteins » ist nun genau bekannt. Im Frühjahr 1906 fuhr die Bristlaui besonders gross und breit nieder, so dass der damalige Wegmeister Franz Zurfluh den aussergewöhnlichen Stand des Lawinenkegels mit diesem Vermerk festhielt.

Auf ähnliche Weise mag der Zeichenstein im Erstfeldertal entstanden sein.

Wer durch die Waldnacht zur Surenen hinaufsteigt, der trifft in der Gletti am Ausgang des Guggitales ennet dem heutigen Bachsteg einen über mannshohen, kubischen Flyschblock. Die Talleute nennen diesen Stein noch heute « Sennenstein », und wenn dieÄlpler im Frühling Nachschau halten, so durchschreiten sie die Waldnacht und bestimmen bei diesem Stein, wann zur Alp gefahren werden soll. Ältere Leute berichteten mir auch, dass hier die « Käseteilung » jeweils vor der Alpabfahrt stattgefunden habe.Vor vier Sommern kletterte ich einmal auf den Block und fand da zu meinem nicht geringen Erstaunen eine ganze Reihe von Zeichen und die Jahreszahl 152. und zwei Christuszeichen sowie Buchstaben, die von Jüngern Turisten herstammen. Leider weist der Block eine starke, schiefrige Verwitterung auf, so dass nicht nur die Jahreszahl, die volle vier Jahrhunderte zurückreicht, sondern auch Zeichen und Buchstaben zum grössten Teil unleserlich geworden sind. ( Die Zeichnung gibt nur die wichtigsten Initialen. ) Solche Sennensteine trifft man fast in jeder Alp. Sie bezeichnen jeweils die Stelle, wo die Älpler zu allfälligen Verhandlungen zusammenkommen oder dann beim Sonntags-rasten ihr Plauderstündlein halten. Auch wird von ihnen aus jeweils die Alpsegnung durch den Geistlichen vorgenommen oder allabendlich vom Älpler der Betruf gesungen. Der Sennenstein in der Waldnacht mag diesbezüglich noch besonders beachtet gewesen sein zur Zeit, da die Pfarrherren von Erstfeld noch die Versehgänge in der Surenen zu besorgen hatten und in der Blackenkapelle die Messe lasen. Heute haben die Klosterherren von Engelberg diese Arbeit übernommen.

So hat sicherlich auch der bescheidenste Zeichenstein in unsern Bergtälern seine besondere Lebensgeschichte. Und eine schöne Aufgabe wird es für uns Bergsteiger allezeit sein, diesen Zeichensteinen nachzuforschen, sie ausfindig zu machen und dann ihr Woher und Wozu zu suchen. Viel Wertvolles kann da noch gesammelt und aufgezeichnet werden, das sonst mehr und mehr in Vergessenheit kommt. Bergsteigen heisst ja nicht nur Gipfelsteigen, sondern vor allem auch Tälerdurchsuchen. Es liegt so unendlich viel Schönes und Grosses im intimen Dasein unserer Berge, so unendlich viel, das nahe amWege liegt, über den alljährlich Hunderte hinweggehen, aber unbeachtet und unerkannt bleibt, trotzdem es vollauf wert ist, gesehen zu werden.

Wo die Herrgottstannen stehen, da halten unsere Älpler ihre Rast. Möge diese Zeichensteinskizze eine Anregung und ein Hinweis dafür sein, dass auch wir Alpenklubisten auf den Bergpfaden dann und wann Halt machen und Umschau und Nachschau halten, um vom Gipfelstürmen loszukommen. Denn je länger ich da drinnen in den himmelragenden Bergen wohne, um so zahlreicher werden die Gipfelstürmer — um so seltener aber die stillen BergsteigerMax Oechslin.

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