Zermatter Bergfahrten

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Hans Friij von Tscharner.

Mischabel g rat —Täschhorn—Domjoch—Dom.

Am 18. August 1932 lauteten die Witterungsberichte äusserst günstig, und wir konnten annehmen, für zwei Tage sicheres Wetter zu haben. Da der verlockende Weisshorn-Nordgrat, der auf meinem Wunschzettel stand, heuer nicht sehr einladend aussah, entschied ich mich für das Täschhorn, meinen letzten Zermatter Viertausender, der mich schon fünfmal zum Rückzug gezwungen hatte. Eine solche Anzahl von Schlappen musste gründlich ausgewetzt werden, es konnte aber, da der Teufelsgrat der Verhältnisse wegen auch nicht ratsam erschien, nur der Mischabelgrat mit anschliessendem Übergang zum Dom in Betracht kommen. Allerdings war der Grat Täschhorn-Dom trotz der vorgerückten Jahreszeit noch tief verschneit, doch sagten wir uns, dass es nach einem Younggrat und einem Marinellicouloir unbedingt gehen müsse. Keiner von uns ahnte aber, dass diese Unternehmung weit mehr in Anspruch nehmen würde als die beiden andern.

Um Zeit zu gewinnen, hatten wir beschlossen, auf der Moräne des Weingartengletschers zu biwakieren. Meine Führer hatten daher ihren Neffen als Träger bis zum Schlafplatz mitgenommen. Über die herrliche Täschalp und die unvermeidliche Moräne waren wir bei Anbruch der Dunkelheit im Weingartenkessel angelangt und richteten unter dem Schutze eines Felsblockes unsere Behausung ein. Während Felix kochte und Karl mit dem Träger Wasser holte, untersuchte ich beim Laternenschein die verschiedenen Steine nach ihrer Härte und Schärfe für ein « sanftes » Lager. Alle waren reichlich hart und spitz. Da die Kocherei ziemlich lange währte, kam auch allmählich der Mond hervor und erlaubte uns, die Kerzen zu löschen. Tageshelle herrschte im Weingartenkessel und gespensterhaft leuchteten die silber-durchfluteten Flanken des Teufelsgrates.

Nach dem köstlichen Mahle beschäftigte uns die Zubereitung des Schlafplatzes. Unter den Steinen lagen immer wieder Steine. Schliesslich glaubten wir doch das Richtige gefunden zu haben: Karl und ich im Schlafsack, die beiden andern in Decken. Um mein Bett zu ebnen, hatte mir Felix meine Schuhe unter den Rücken geschoben; ich fand dies ideal und freute mich auf die Mondscheinnacht.

Gewiss, es hätte ganz romantisch werden können da oben, aber bald fing dieser, bald jener Stein zu drücken an. Um die Gewichtsverteilung zu ändern, wurde ein Schuh, der unter den Schulterblättern lag, in die Nierengegend gerückt, dann kam er wieder an die alte Stelle zurück, weil es doch besser war, später warf ich ihn weg, dann holte ich ihn wieder; kurzum, ich wälzte mich während dreier Stunden im Mondlicht auf Steinen und Schuhen herum und beneidete Karl, der wie ein Murmeltier neben mir im Sacke schlief. Doch beim Erwachen würde er schon seine Knochen spüren. Gott sei Dank konnten wir uns nicht über die Temperatur beklagen, es war warm, aber keineswegs föhnig. Wie froh war ich auch, dass es diesmal nicht dem Teufelsgrat galt, für den wir auch schon zweimal ausgezogen waren; denn unaufhörlich stürzten Steinlawinen vom Strahlbett hinab.

Als wir um 2 Uhr losgingen, mussten wir zu unserem grossen Ärger feststellen, dass sich fünf Minuten über unserer Schlafstelle ein schon öfters benutzter Biwakplatz befand, dazu noch mit weichem ausgeglichenen Boden. Der Schnee trug gut und bald hatten wir die zum Mischabelgrat heraufziehende Rippe erreicht. Wir liessen diese vorerst noch rechts liegen und stiegen den linken aperen Gletscherarm empor. Zuhinterst im Kessel zwang uns der grösste Schrund, der mir bis anhin begegnet ist, zu einer weiten Schleife, die uns wieder in die Nähe der Rippe brachte, deren tiefsten Schneesattel wir um 4 Uhr erreichten. Rasch wurde ein Schluck Kaffee getrunken, worauf Felix einen gewaltigen Juchzer ausstiess, das verabredete Zeichen für den Träger, der keine Uhr bei sich hatte und um 4 Uhr nach Zermatt absteigen wollte.

Das folgende Stück bis zum eigentlichen Mischabelgrat muss ich als lang und eintönig bezeichnen: schlechter Fels und etwas Eis, mit weichem Schnee bedeckt, wechseln ab, ohne jedoch Schwierigkeiten zu bereiten. Ziemlich hoch über uns am Hauptgrat kletterte eine Saaserpartie. Wilde Juchzer wurden ausgetauscht: man kennt sich nicht, und doch fühlt man sich durch das gemeinsame Streben nach dem Ziel verbunden. Nach zwei Stunden erreichten auch wir den Hauptgrat und blickten staunend auf das schöne Saas-Fee hinab. Eine längere Strecke über Wächten und leichte Grattürme brachte uns an den Fuss des Gipfelbollwerks. Trotz der schlechten Verhältnisse ging es ganz gut, überhaupt habe ich diesen Grat als sehr lange, aber leichte und landschaftlich grossartige Tur empfunden. Der Tief blick nach Saas, der Ausblick in die Südwand unseres Berges, sowie der Rückblick auf den von hier aus schöngeformten Alphubel verschafften uns einen seltenen Genuss. Vergebens suchten wir die Route Young-Ryan in der Südwand, alle Rippen und Couloirs schienen in Überhänge auszulaufen.

Endlich kurz vor 10 Uhr setzte ich meinen Fuss mit freudigem Gefühl auf den Gipfel des Täschhorns 4498 m. Selten habe ich eine solche Genugtuung verspürt und leise sagte ich: Jetzt habe ich dich doch! Das prächtige Die Alpen — 1936 — Les Alpes.2 Wetter und der schöne Aufstieg im Mondschein stimmten mich versöhnlich, so dass ich dem Berge meine fünf Rückzüge, die er mir aufgezwungen, gerne verzeihen konnte. Mein erster Blick hatte dem Grate zum Dom gegolten, und ich sah, dass es sehr harte Arbeit geben würde. Die Saaser-partie hangelte bereits zum Domjoch hinab. Unliebsam machte sich die grosse Hitze bemerkbar, und unser Trinkstoff ging zur Neige, auch mit dem Obst war ich nicht gerade sparsam umgegangen, und in Gedanken rechnete ich aus, bis zum wievielten Turm des ungeheuer langen Grates die Birnen ausreichen würden. Es hat dann doch noch bis zum Dom gelangt.

Bald schon mahnte Felix zum Aufbruch. Leider befand sich der scharfe Gratkamm, der uns zum Domjoch bringen sollte, in solch schlechtem Zustand, dass wir nur selten an den festen Plattenkanten hinabhangeln konnten und des öfteren zu heiklen Traversen gezwungen wurden. Schneebedecktes Eis lag auf den Platten und Wächten aller Grossen krönten den Felsenkamm. So wurde dieses Gratstück, eine ausgesprochene Felspartie, zu einer Eistur. Kurz vor dem Domjoch musste ein Turm auf der Saaserseite umkrochen werden, was mit allerhand Schwierigkeiten verbunden war.

Im Domjoch hielten wir eine kleine Rast. Hitze und entsetzlicher Durst quälten uns, und ich beneidete unsere Vorgänger, die den Dom schon zur Hälfte erklommen hatten. Ein ebenes Gratstück, das grösste Vorsicht erheischte, da es « corniches à 1a Viereselgrat » trug, das heisst beidseitige Wächten, brachte uns an den Grataufschwung des Domes. Mit einem Schlage waren wir vom faulsten Gestein, das mir je begegnet, umgeben, dazu kam der Umstand, dass auch da viele Felsteile unter Schnee lagen. Die Tritte unserer Vorgänger liessen alle nach, und des öfteren brach uns einer nach links oder rechts aus. Auf halber Höhe habe ich einen grossen Turm, der überklettert werden musste, in sehr unliebenswürdiger Erinnerung. Er nahm viel Zeit in Anspruch und war meines Erachtens die schwierigste Stelle des Grates. Bei gewöhnlichen Verhältnissen würde dieser Übergang vom Täschhorn zum Dom sicher nur die Hälfte unserer Zeit beanspruchen. Felix hatte vor Jahren einmal nur 2% Stunden gebraucht; doch waren wir froh, abends 5 Uhr den Gipfel des Dom 4554 m unter den Füssen zu haben. Unsere Vorgänger waren schon verschwunden.

Vor sechs Jahren, bei einem meiner missglückten Angriffe auf das Täschhorn, war ich bei Schneesturm auf dem Dom gewesen und hatte mir die Aussicht im Gedächtnis ausmalen müssen. Heute trübte nicht das leiseste Wölklein den Ausblick. Wenn auch kein in der Nähe liegender Berg einen besonders interessanten Anblick gewährt, da man auf alle niederschaut, so ist trotzdem die Rundsicht einzigartig, zumal heute, da wir bereits abendliche Beleuchtung genossen. Leider hatten wir keine Zeit zu verlieren, weil wir danach trachten mussten, die Domhütte vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen.

Der Abstieg liess sich zuerst ganz gut an, dann mussten wir uns in das Unvermeidliche fügen und im weichen Schnee hinunterschwimmen, wobei wir, um uns zu erleichtern, lästerlich fluchten, da jeder Tritt uns bis zu den Hüften einsinken liess. Kaum hatten wir das Festijoch hinter uns, als die ganzen Seraks des Dom unter mächtigem Gepolter hinuntersausten, aber einige Meter über unserer Spur stehen blieben. Um 8 Uhr erreichten wir die Hütte.

Als wir am nächsten Morgen nach Randa abstiegen, leuchteten die Berge wieder in strahlender Pracht und machten mir den Abschied schwer.

Weisshorn-Nordgrat.

Der Morgen des 10. August 1933 sah mich mit meinen Unzertrennlichen, Felix und Karl, auf der staubigen Strasse zwischen Ayer und Zinal. Dr. Glanzmann war in Begleitung von Lerjen und Joseph Aufdenblatten auch zur Stelle. Der selten begangene Nordgrat des Weisshorns war unser Ziel. Die glühende Hitze und der Gedanke an den mühsamen Aufstieg von Zinal zum Col de Tracuit drückten uns ein wenig. Dazu musste bei jedem Schritt eine Staubwolke verschluckt werden. Langsam begann ich in meinem Innern einen düsteren Plan auszuarbeiten. Man hatte mir einmal von der Möglichkeit gesprochen, den Col de Tracuit mit Maultieren zu erreichen; hier in Zinal würde uns ja niemand kennen. Doch was würde mein Freund dazu sagen, er würde mich auslachen. In Gedanken sah ich schon das Ziel meiner Sehnsucht, ein strammes Maultier, vor mir stehen, doch wagte ich nicht ein Wort hervorzustossen. Die Hitze und der Staub steigerten sich zur Unerträglichkeit. Da, plötzlich traute ich meinen Ohren kaum: « Lieber Hans-Fritz, ich spüre schon noch etwas von meinem Fieberanfall. » Das war Wasser auf meine Mühle. « Lieber Alberto, » erwiderte ich, « Du tätest besser, ein Maultier bis zum Col de Tracuit zu mieten, auch ich würde dann eines nehmen, denn meine Verletzung vom Bietschhorn her macht sich noch bemerkbar. » Wohl war ich drei Tage zuvor auf dem Bietschhorn gewesen, jedoch ohne mich zu verletzen, aber etwas musste doch auch bei mir als Vorwand gelten.

Das Ergebnis dieses kurzen Gespräches war, dass wir beide nach dem Mittagessen in Zinal « hoch zu Ross » zum Col de Tracuit hinaufritten. Ein drittes Maultier trug alle Führersäcke. Nach einem Milchgelage auf der prächtigen Alp Combasana stiegen wir 10 Minuten unterhalb der Col de Tracuit-Hütte aus dem Sattel und gelobten uns gegenseitig auf Ehrenwort, niemandem etwas über unsere Reiterei zu verraten. Ich werde also die Folgen dieses Wort-bruches zu tragen haben.

Leider verschlechterte sich die Wetterlage derart, dass wir am nächsten Morgen um 1% Uhr die Tracuithütte verliessen, um wenigstens über das Bieshorn nach St. Nikiaus abzusteigen. Der Himmel war pechschwarz, und der Schnee trug nicht, so dass wir bei jedem Schritt bis zu den Knien einsanken. Zahlreiche verdeckte Schrunde nötigten uns, langwierige Umwege zu machen. Endlich um 5 Uhr erreichten wir den Gipfel. Das einzige, was wir sehen konnten, war der Weisshorn-Nordgrat, der in dieser düsteren Beleuchtung doppelt abschreckend aussah. Das Abschreckende schien uns jedoch gerade anzuziehen. Fast eine Stunde lang hielten wir Kriegsrat, was anzufangen sei. Schliesslich siegte der Mut über die Vernunft, und der Nordgrat wurde zur beschlossenen Sache. Unser Beschluss liess sich darauf begründen, dass das Barometer in der Hütte eigentlich kaum gefallen war.

Der Abstieg zum Weisshornpass sowie der Aufstieg über das erste Viertel des Nordgrates bereiteten uns keinerlei Schwierigkeiten. Interessanter wurde es bei den vier kleinen Türmen, die wir alle überkletterten. Zwei davon hielten uns längere Zeit auf, da beinahe senkrechte Gratabbrüche von beträchtlicher Höhe abwärts bewältigt werden mussten. Am nördlichen Fuss des von allen Seiten gut sichtbaren grossen Turmes angelangt, erblickten wir eine Spur von Vorgängern, die links in die Flanke ging. Obgleich wir uns eigentlich vorgenommen hatten, den grossen Turm zu überschreiten, folgten wir den undeutlichen Tritten. Bald befanden wir uns in elenden Verhältnissen. Unheimlich steil schoss die Flanke zum Biesgletscher hinab, so dass bei diesem Quergang übelster Sorte jegliche Sicherung illusorisch war. Jeder Stein gab nach, und unter dem durchweichten Schnee beglückte uns blankes Eis. Langsam, öfters eine Viertelstunde für eine Seillänge brauchend, rückten wir vor. Endlich, nach zwei aufregenden Stunden, erblickten wir schräg über uns den südlichen Fuss des Turmes. Ein Blick nach oben genügte uns, um des Sieges gewiss zu sein. Eine lange Stufenleiter führte bis zum Gipfel. Auf der Grathöhe angekommen, bückten wir staunend hinab in die furchtbare Westflanke unseres Berges. In schwindelerregender Tiefe, unmittelbar unter uns, lag das Eifischtal. Wir gönnten uns hier eine längere Rast und stiegen dann in etwas über einer Stunde die prächtige Himmelsleiter zum vielbegehrten Weisshorngipfel hinan, 4512 m. Kaum ordentlich oben, gab es sofort neuen Kriegsrat. Wir fühlten uns in Form und hätten gar zu gerne noch den Schalligrat im Abstieg gemacht, doch dieses Mal siegte die Vernunft, denn das Wetter sah noch immer recht unsicher aus. Für mich ein schwerer Schlag, denn es waren heute genau sechs Jahre her, dass mir auf dem Weisshorngipfel der Schalligrat der unsicheren Witterung wegen durch die Lappen ging. Doch die Freude, diesen unvergleichlichen Berg über seinen schönsten Grat erreicht zu haben, siegte schliesslich, und es entwickelte sich eine gemütliche Gipfelrast, wobei unser « führendes Jodlerquartett » meisterlich konzertierte.

Den Abstieg über den Ostgrat nahmen wir von der gemütlichen Seite, obgleich auch da nicht alles nach Wunsch ging und öfters blankes Eis zutage trat. Dazu bescherte uns der Wettergott in kurzen Abständen alle Register seines grossen Könnens: Sonnenschein, Regen und leichter Schneefall lösten sich alle fünf Minuten ab. Am Felsgrat angelangt, mussten wir die grösste Vorsicht walten lassen, da die Schneegrätchen zwischen den einzelnen Türmen heute messerscharf waren und die Tritte auszubrechen drohten. Die kleine Abseilstelle liess uns nicht ahnen, dass sie einige Tage später der ungewöhnlichen Führerlaufbahn eines Franz Lochmatter ein jähes Ende bereiten werde.

Gegen Abend besserte sich das Wetter merklich. Nach kurzem Halt in der Weisshornhütte und einem Glase Milch auf der Jazzalp erreichten wir, die letzten Minuten mit der Laterne gehend, um 9 Uhr Randa, wo uns die freundliche Bahnhoffee, mit der wir uns seit Jahren von der Bahn aus « bewinken », reichlich bewirtete. Doch die Reise war noch nicht zu Ende. Mit Pferd und Wagen, unter der Leitung von Dr. Seilers bestem Stallmeister, fuhren wir in der jetzt ganz klaren Mondnacht nach Zermatt zurück, wo wir genau um Mitternacht ankamen. Böse Zungen werden behaupten, dass wir die ganze Überschreitung zu Maultier, Pferd und Wagen gemacht haben; wir werden aber immer entgegnen können, dass zwischen dem Maultierritt und der romantischen Wagenfahrt das Weisshorn in seiner ganzen Grosse, der Nordgrat in seiner ganzen Länge und der grosse Turm in seiner ganzen Steilheit standen.

Gabelhorngrat1 ).

Am 24. August verliess ich um 11 Uhr nachts mit meinem Freunde Eduard Wyss aus Bern und meinen Führern das Trifthotel mit der Absicht, vom Untergabelhorn aus über das Distelhorn und Mittelgabelhorn das Obergabelhorn zu erreichen. Wir hatten absichtlich eine so frühe Stunde zum Aufbruch gewählt, um diese äusserst lange Überschreitung in aller Gemütlichkeit ausführen zu können. Das Wetter liess keinen Wunsch aufkommen. Gleich am Anfang beging ich die grosse Unvorsichtigkeit, eine Melodie vor mich hinzupfeifen, die uns während des ganzen Tages nicht mehr in Ruhe liess; immer kam sie wieder, wenn sie zufällig vergessen war, pfiff sie der andere. Dazu war es eine so blöde Melodie: « Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt, heididel, heididel dum dum. » Und dies während nahezu 25 Stunden.

Nach gemütlichem Marsche und zwei längeren Rasten erreichten wir bei Tagesanbruch den Gipfel des Untergabelhornes. Etwas erstaunt sahen wir uns gegenseitig an, der Grat zum Obergabelhorn erschien uns heute länger als je. Kurz darauf nahmen wir den Bandwurm in Angriff. Über das Distelhorn gelangten wir in vier Stunden auf das Mittelgabelhorn. Schnee und Felspartien wechselten miteinander ab. Auf Schwierigkeiten stiessen wir nirgends, jedoch erheischte das schlechte Gestein bei jedem Tritt grösste Vorsicht. Noch immer schien das Obergabelhorn kaum näher kommen zu wollen. Um 10 Uhr standen wir am Obergabeljoch. Wir hatten beschlossen, den Gipfel über den Südostgrat zu gewinnen, ohne in die Flanke oder in den « alten Weg»2 ) einzubiegen. Die erste Schwierigkeit bereitete uns der Bergschrund; denn es galt, ihn zu überspringen, aber auch zugleich sich an seinem oberen Rande an fast senkrechte, mit Eis überzogene Felsen zu klammern. Felix sprang als erster hinüber und blieb wie eine Katze an den Felsen kleben. Langsam und mit äusserster Vorsicht arbeitete er sich daran empor, bis er eine zuverlässige Stelle zu unserer Sicherung gefunden hatte. Wir folgten ziemlich schnell nach, da uns die gute Sicherung das nötige Zutrauen gab. Nach Erklimmung des ersten Felsbollwerkes hatten wir es mit einem Schneegrätchen allererster Schärfe zu tun. Wyss photographierte uns in allen möglichen und unmöglichen sensationellen Stellungen. Leider kam ihm später beim Herausnehmen des Filmes Licht in den Apparat, so dass alle Mühe umsonst gewesen war. Nach einem viereckigen Turm folgten nochmals zwei Schneegräte, die womöglich noch übler als der erste waren. Da aber die Verhältnisse ausserordentlich günstig waren, verloren wir nicht zuviel Zeit daran. Anschliessend folgte die Erkletterung zweier grosser Felsbollwerke, deren jedes fast eine Stunde in Anspruch nahm. Es galt immer, jeden Stein zu prüfen, denn an jeder schwierigeren Stelle war es stets der Felsblock, an dem man sich halten wollte, der losliess. Dem zweiten Felsbollwerk folgte ein unersteiglicher roter Turm, der rechts umgangen wurde. An seinem Fusse, auf einem schmalen Gesimse, stärkten wir uns zum letzten Ansturm. Der Hut meines Freundes wollte nicht mehr mitmachen und sauste in die Tiefe, so dass die Wiederholung unserer Überschreitung zumindest schon einen Hut wert wäre! Auch brauche ich wohl nicht zu erwähnen, dass wiederum die verderbliche Melodie von der Dorfmusik gepfiffen wurde.

Das nächste Felsbollwerk, das dem roten Turm folgte, wurde wieder über den Grat erklettert, einige Stellen waren äusserst steil. Oben angelangt, führte eine kurze Kletterei zur berüchtigten Gabel, die uns aber heute keine Schwierigkeiten bereitete, so dass wir einige Minuten später, um 2% Uhr, auf dem Gipfel des Obergabelhornes standen. Kaum konnten wir es fassen, dass diese langwierige Kletterei endlich ein Ende gefunden hatte. Eine ganze Stunde gönnten wir uns trotz der vorgerückten Tageszeit auf diesem herrlichen Gipfel, dessen besonders schöne Aussicht schon oft gerühmt worden ist. Für meinen Freund war es eine besondere Genugtuung, da ihn das Obergabelhorn schon öfters abgewiesen hatte. Auch glaubte ich zu beobachten, dass er neue Eindrücke für seine alpine Schriftstellerei sammelte. Mit Stolz betrachteten wir den ganzen Grat bis zum Untergabelhorn, der von oben herab noch bedeutend länger aussieht.

Zum Abstieg wählten wir den herrlichen Arbengrat und legten ihn ziemlich schnell hinter uns. In der Flanke, die zum Arbengletscher hinabführt, bezähmten wir jedoch unsere Eile. Gemächlich bummelten wir zum Gletscher hinab. Der mühsame Abstieg über die Moräne wurde uns durch den herrlichen Blick auf das im Abendrot erstrahlende Gipfelpaar Dent d' Hérens-Matterhorn zu einem wahren Genüsse, besonders meinem Gefährten, der seinerzeit die erste zusammenhängende Überschreitung beider Gipfel gemacht hatte x ). In den unteren Regionen eilte mein Freund voraus, da er am nächsten Tage nach Breuil zu Guido Rey wollte. Wir aber zogen in der Dunkelheit zu Frau Biner nach Kalbermatten; denn was ist schöner als ein frischer Trunk nach herrlicher GipfelfahrtVom Turm in Zermatt schlug es gerade 12 Uhr, als wir uns auf dem Kirchenplatze trennten. Einsam widerhallten meine Schritte auf der Dorfstrasse und vergnügt pfiff ich vor mich hin: « Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt, heididl, heididl, dum dum. »... Die Zeit ist um, der Vorhang gefallen, wieder befinde ich mich im Alltag, im Getöse der Stadt, doch lange noch lebt die Erinnerung fort an jene Stunden auf hohen Bergen. Und zu was anderem ziehen wir immer wieder in die Höhen, als um Erinnerungen zu sammeln, die niemand uns nehmen kann, die wir erträumen und in denen wir weiterleben mit der Gewissheit, dass einst übers Jahr, wenn Gott will, wieder Tage anbrechen, an denen wir emporsteigen über jähe Grate und schroffe Wände, durch Nacht zum Licht, an die Pforten des ewig Freien.

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