Zoologischer Streifzug mit Jung England durch die Schweizeralpen

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II.

Den zweiten Teil unserer Bergreise sollte ich vielleicht besser unbeschrieben lassen. Denn allzuoft schon habe ich das Lob von St. Antönien gesungen und den Ruhm der grandiosen Kalklandschaft von Partnun verkündet. Wenn die Feder dennoch weitergleitet, dankt sie es der drängenden Fülle der Erinnerungen, die mich mit jener Gegend von Jugend an verbinden, und der Erkenntnis, dass der Rätikon in seiner Eigenart und Schönheit neben jedem andern Abschnitt der Alpen gar wohl bestehen kann. Er übertrifft sogar an Wechsel der Stimmung im Gang der Jahreszeiten und mit der stets sich ändernden Beleuchtung gar manchen Teil des Hochgebirges. Jeder Besuch von Partnun bringt neue Bilder und löst neues Fühlen aus. Die Landschaft veraltet nicht. Die hohe Freude, meinen jungen Kameraden selbst Geschautes zu zeigen und sie tief Empfundenes nachempfinden zu lassen, sie mir innerlich zu verbinden, konnte ich mir nicht versagen.

So ward der altvertraute Weg von neuem betreten. Er steigt immer noch steil und steinig durch grüne Wiesen empor, von Dalvazza nach dem weitblickenden Kirchlein von Pany. Breitausladende Schirme des Bergahorns beschatten ihn; an seinen Seiten stehen wetterbraune Prätigauer Häuser, aus deren engen Fenstern das glühende Rot der Nelken quillt und das Feuer der Geranien.

Allmählich öffnet sich die Sicht über das liebliche Tal der Landquart mit seinen sanften Hängen, den dunklen Tannenforsten und den stattlichen Dörfern bis zu den Bergen von Davos und zu den Gletschern der Silvretta. Später führt die kleine Strasse am Rand einer tiefen Waldschlucht dahin und folgt endlich in gemählicher Steigung dem rauschenden Schanielenbach, dem Ausfluss des Partnunersees. Dem Bach sprudeln aus allen Tälchen und Runsen klare Quellen entgegen, und von allen Hängen fliessen ihm silberne Wasserfäden zu.

An einer Strassenecke ändert sich unvermittelt das Bild. Der Wald tritt zurück, und in weitem Talkessel liegt auf abfallendem Mattengrund, hinter einen mächtigen Lawinenbrecher geduckt, die Häusergruppe von St. Antönien.

Der Kirchturm reckt sich wie ehedem spitz in die Höhe, als wollte er wetteifern mit der aus Felsbändern und Rasenhalden zusammengefügten Pyramide des Schollbergs. Noch hängt unter dem vorspringenden Dach des Pfarrhauses die grosse Glocke, und über das holprige Pflaster von einst führt immer noch der Weg zum Wirtshaus. Alt und vertraut öffnet sich das holzgetäferte Schenkzimmer. Die blank gescheuerten, schweren Schiefertische stehen an ihrem Platz; auf dem Gesimse liegt die mächtige Bibel, und an der Wand hängt immer noch der vorsintflutliche Barometer, von dem die Sage ging, er habe stetig steigend Noah in seiner Arche lange vor der Taube mit dem Ölblatt die Besserung des Wetters angezeigt. Freundschaftlich, wie vor Jahrzehnten, war auch der Empfang und kräftig der Handschlag. Der Zeiger der Zeit schien um eine gute Spanne zurückgedreht, und beim Becher und Mahl erwachte die alte, sonnigwarme Stimmung.

Sie wuchs weiter auf dem Spaziergang nach Partnun. Die Schroffen der Scheienfluh stiegen in die Höhe, und die Sulzfluh enthüllte ihren hellgrauen Felsenleib, der wie ein gigantischer Löwe die Alptrift bewacht. Und nun lag fern am Hang, im Sonnenschein leuchtend, die kleine Herberge, umgeben von niedern Hütten und Ställen. Jauchzend schwang unser junge Fahnenträger sein Banner, und auch droben auf der Alp ging das Fähnlein hoch und flatterten Tücher, zum Zeichen, dass wir erwartet und in alter Freundschaft willkommen seien. Aus den Höhlen und Klüften der Fluh erhoben sich die Schwärme der Alpendohlen. Sie umflogen wie dunkle, durchsichtige Schleier Felszahn und Kuppe und senkten sich in reissendem Fall uns entgegen zutal. Die lauten Vogelstimmen klangen hundertfach wie ein hellströmender Gruss.

Endlich stand die mit Alpenrosengrün und dunkelblauem Eisenhut festlich umkränzte Türe von Partnun vor uns offen; über ihr prangte in lapidaren Buchstaben das einladende Wort « Willkommen ». Wir waren zu Hause im alten, trauten Heim, an dessen vier Wänden die Jahre vorübergehen, scheinbar ohne Spuren zu hinterlassen.

Abends warfen wir die Netze am Partnunsee aus. Doch statt des sonnigen Spiegels, den warmleuchtende Felsschroffen umgrenzen, empfing uns eine trübe Nebellandschaft. Es brauchte keine rege Phantasie, sich am Eingang der Unterwelt zu wähnen. Den Kahn verschlang, sobald er sich vom Ufer löste, das Nebeltreiben, und nur das leise Plätschern der Ruder verriet noch den Nachen Charons, der schweigende Schatten über den sonnenlosen Styx führte. Unwirklich tauchten Felsen auf und verschwanden wieder, drohend, wie im Sprung erstarrte Ungeheuer der Vorzeit. Über dem bleifarbenen See, dessen Fläche unbegrenzt im Nebel sich verlor, flatterte unstet, in vielfach gebrochenem Fluge eine Seeschwalbe. Jetzt blitzten das silbergrauweisse Gefieder, der rotgelbe Schnabel und die scharlachfarbenen Füsse aus der Nebelwand auf; dann bog der Vogel in spitzer Schwenkung plötzlich ab, um mit weitausholendem Flügelschlag den See zu queren und plötzlich an unerwarteter Stelle wieder aus dem Dunkel aufzutauchen, oder um sich in pfeilschnellem Tauchsturz auf die im Wasser erspähte Beute zu werfen. Es mag ein Versprengter gewesen sein, dessen Sommernest im Rhonedelta bei Villeneuve stand, oder auf einer Kiesbank im Bodensee, vielleicht auch ein Verirrter, der die Schar seiner nach dem linden Süden ziehenden Genossen auf dem langen Reisewege verlor. Uns ward der ruhelose Fremdling zum Unwetter verkündenden Sturmvogel.

Auch sonst fehlte es an kleinen zoologischen Überraschungen nicht, Das Netz holte aus dem See Unmengen glasheller Planktonkrebse; im flutenden Moos eiskalter Quellen kletterten und krochen grellrote nordische Milben, und über den Weg schlichen plump und schlüpfrig bedächtige Alpenmolche. Crusoë und Friday sammelten die unerwünschten, pechschwarzen Regen-propheten mit Feuereifer, um sie über das Meer in die angelsächsische Heimat zu entführen. Die Salamanderreise über den Kanal ging vortrefflich von statten, so meldete mir ein Brief. « But arrived in England », fährt das Schreiben fort, « they all succeeded in escaping. » Es gelang allen, auszureissen. Die Tierwelt Englands ward damit um einen interessanten Vertreter reicher, und die Zoologie der Zukunft wird sich umsonst den Kopf zerbrechen, wann, woher und wie der schwarze Hochalpensalamander in die niedrigen Gefilde Grossbritanniens gelangte. Keiner wird erraten, dass ein Bergspaziergang junger Cambridger Studenten mit einem alten Schweizer Professor so weit-tragende tiergeographische Folgen zeitigte.

Der von der Seeschwalbe und vom Salamander prophezeite Sturm blieb nicht aus. Vorerst allerdings merkten wir in der warmen Gaststube am blumengeschmückten Tisch von dem Unwetter gar wenig. Die ganze Bevölkerung der Alp Partnun war versammelt; die Becher leerten und füllten sich, und zum Klange der Handorgel erschallten rührsame Weisen und drehten sich tanzlustig die Paare im Kreise. Sogar Freund Albert huldigte statt der Muse des Gesangs derjenigen des Tanzes. Er vergass den « Ochsenwirt », kürte sich zum Reigen die schönste Maid und walzte, knixte und trottete glückselig strahlend über die schmale Landenge zwischen dem Tisch der Bauern und demjenigen der belustigten englischen Gäste. Das Quitschen der Harmonika und das Stampfen der Tänzer übertönte den Sturm, der in groben Stössen am Hause rüttelte, und der Pfeifenrauch und die triefenden Fensterscheiben hemmten jeden Ausblick in die regennasse Umwelt. Unsere enge Bühne war die niedere Stube, unser Tun Gesang und Tanz. Als aber endlich das Fest der ländlichen Musen abbrach und Ruhe im Gasthaus einkehrte, hatte sich der Wind zum rasenden Orkan gesteigert. Er sang sein heiser heulendes Lied, und wie eine den Gittern entsprungene Bestie warf er sich brüllend auf die seiner Wut preisgegebene Hütte.

Das Gebälk liess der Sturm in allen Fugen ächzen und stöhnen; er riss die Fensterladen auf und schlug sie donnernd wieder zu und hob gellend und zischend das Blechdach empor, um es tosend wieder fallen zu lassen. Tausend Dämonen jagten in wirrem Kampfgewühl durch die Luft, und mancher begehrte polternd Einlass. Die Betten zitterten, und die Schläfer rangen müde und fruchtlos um den erquickenden Schlummer, bis endlich der junge Morgen trüb und unbestimmt anbrach.

Alle Kletterpläne und gipfelstürmenden Absichten scheiterten am Sturm und am Wolkentreiben des erwachenden Tages. Von all den schönen Projekten blieb nur ein Nebelspaziergang über den Grubenpass nach Tilisuna übrig. Nur einmal enthüllte der Berg seine rauhe Schönheit und liess für Minuten das gigantische Halbrund der grauweissen Kalkbänke aus den zer-stiebenden Wolken bleich und gespenstisch hervortreten. Im treibenden Nebel versagte der menschliche Massstab. Es schien, als ob der Felsenzirkus sich immer weiter dehne und höher türme, weit über Irdisches hinaus. Dann legte sich wieder der wallende Schleier vor.

Die Landschaft von Tilisuna, ihr lieblich in Alpenweiden gebetteter See, der dunkelgrüne Serpentinzahn des Schwarzhorns und der Tiefblick in das Montafun, auf die weissleuchtenden Kapellen auf allen Höhen blieben verborgen. Auch das gastliche Alpenvereinshaus ward erst sichtbar, als der Fuss an die Hüttenschwelle stiess.

Doch ein Zweck der nebelfeuchten Fahrt über die österreichische Grenze, der vornehmste von allen, fand schönste Erfüllung, das Wiedersehen mit Serafine Tschofen aus Tschagguns, der Wirtschafterin von Tilisuna. Man muss alle die Erinnerungen kennen an Sang und Klang, an Schneesturm und Sonnenglanz, an Zwiesprache mit Schmugglern und an gemeinsamen Trunk mit österreichischen Finanzern, den ganzen blütenreichen Kranz, der sich im Lauf der Jahre für uns um die Hütte wand, um die Freude und die Wehmut des Wiedersehens, die Jauchzer und die Tränen der Rührung in den Augen Serafines richtig zu deuten. Im Mittelpunkt allen Gedenkens steht die wackere Hüttenwirtin. Sie wurde nie müde, wie eine Mutter für die hungrigen und ermatteten Studenten zu sorgen, unsere immer leeren Becher mit funkelndem Terlaner zu füllen und die Teller mit Bergen von Kaiserschmarren. Und wenn die Arbeit getan war, sassen wir beim flackernden Lampenlicht abendelang und tauschten mit der feinsinnigen Montafonerin Rede und Gegenrede. Wir plauderten über die Leute drunten im Tal und draussen in der weiten Welt und sprachen von eigenen Nöten und von eigenen Hoffnungen. Rings ward es still; nur die Uhr an der Wand tickte leise, und der Bergwind pfiff sein uraltes Lied um die Hütte. Zur zirpenden Gitarre klang etwa der Sang der fahrenden Schüler.

Jetzt weilten wir wieder am gewohnten Ort. Es war kalt, und der wacklige Ofen erfüllte das Gemach mit beissendem Qualm. Doch die alte Freundschaft erwärmte den Raum, und blutroter Tirolerwein löste die Zungen. Während drinnen die Vergangenheit aufstieg und Erinnerungen sich im Herzen und auf den Lippen drängten, schlich die Gegenwart nass und trübe um die Hütte. Sie breitete sachte einen weissen Teppich über Höhen und Tiefen, als wolle sie Vergangenes begraben und einst froh Erlebtes zudecken. Lautlos fielen die Flocken; im wachsenden Schnee versank Stein und Wegspur. Der erinnerungsfrohen Stunde folgte der frostige Abstieg.

In der Grube jenseits der Passhöhe stand vor Kälte und Hunger zitternd die Herde der Rinder. Damit fanden grossbritannischer Tatendrang und schweizerische Tüchtigkeit ein weites Feld nützlicher Betätigung. Die Studenten wandelten sich zu Viehtreibern und Hirten. Bald hallte die stille Schneelandschaft wider von einem wahren Höllenlärm, vom Brüllen der Rinder und Bimmeln der Glocken, von englischem Halloh und baseldeutschem Juhu. Und vielfach antwortete von Fels und Höhle her das gellende und jauchzende Echo. Über schmale, vom Neuschnee schlüpfrige Felsgesimse und über steile, rutschige Grashalden wand sich das lärmende, wilde Heer von Tieren und Treibern zutal.

Es schneite starrsinnig weiter, leise, ausgiebig, unerschöpflich, als sollte sich das ganze Himmelsgewölbe in Flocken auflösen. Über dem Partnunsee wirbelte ein winterlicher Flockentanz, und in tiefem Schnee trabten und stapften wir hinaus nach St. Antönien, dem ersehnten Rastort nach einem Tag reich an Nebel und an Erinnerungen. Eine träge Abspannung legte sich über das sonst so bewegliche, junge Volk. Sie gab sich in einer allgemeinen Vergesslichkeit kund. Lothar vergass, den Redefaden weiterzuspinnen, und seine geographischen Kenntnisse erlitten endgültig Schiffbruch. Er wähnte sich im Engadin und vermeinte vor den Fenstern den Rhein rauschen zu hören. Fritz vergass seine gewohnte Abendbeschäftigung, zu rechnen und Geld einzuziehen. Friday unterliess es, den Deckel auf die Salamanderschachtel zu stülpen, so dass die kleinen, schwarzen Unholde am folgenden Morgen über sein Bett krochen und den Schläfer mit ihren Glotzaugen verständnislos anstarrten. Little Chamois vergass seine abendliche Gepflogenheit, vor dem Schlafengehen noch den Kirchturm zu erklimmen, und Robert liess seine Lieblingsspeise, das luftgetrocknete Fleisch, unberührt auf dem Teller. Vor mir stand sogar ein halbes Glas dunklen Veltliners vergessen und unge-trunken. Das schmale Bächlein der englisch-deutschen Unterhaltung ward zum dünnen Faden und versiegte endlich ganz.

So schien es zeitgemäss, in St. Antönien sehr bald die Ruhe aufzusuchen.

Der nächste Tag sorgte mit Sonnenleuchten und blauem Himmel für den vom Doktor sooft gepriesenen Ausgleich von Hell und Dunkel, von Schatten und Licht. Hunderte vom schmelzenden Neuschnee gezeugte Bächlein sprangen murmelnd zutal.

Die Arbeit ruhte. Talauf und talab riefen die Kirchenglocken bald in hellem Silberton, bald mit tief schallendem, ehernem Munde zur Sonntagsfeier; ihre Stimmen verschmolzen zu einem einzigen volltönenden Akkord, der über dem im Feiertagsglanz schimmernden Land schwebte und mählich verklang. Festlich geputztes Volk folgte dem Glockengeläute und stieg auf Weg und Steg durch die Wiesen herab von Alpen und Höfen zum Gotteshaus.

Auch unser turistisches Tagwerk war auf Ruhe und Sonntagsfrieden gestimmt. Es bestand aus einem Spaziergang in der Morgenkühle von St. Antönien nach Küblis und aus einer mittäglichen Fahrt durch das untere Prätigau und dann dem jungen Rhein entlang nach dem Bündner Oberland.

Noch einmal stiegen, in Licht gebadet und in silbernen Neuschnee gekleidet, die Felsschroffen des Rätikon, Sulzfluh und Drusenfluh, aus grünen Matten auf. Burgen zogen vorbei und mählich zerfallende Ruinen; durch Obstgärten und Weinberge wand sich die kleine Bahn. An sonniger Bergecke, wo das weite Tal sich spaltet, dehnte sich behaglich Graubündens Hauptstadt, Chur, überragt von ihrem altersgrauen Wahrzeichen, dem aus römischem Mauerwerk kraftvoll aufwachsenden bischöflichen Hof und dem Dom des St. Luzius. Längst sind die mittelalterlichen Wälle gefallen; die Stadt reckt sich mit neuen Quartieren im Talboden und klettert mit Villen und Landhäusern keck an den begrenzenden Hängen empor.

Die graue Trümmerschlucht des Versamer Tobeis weitete sich; die Höhen trugen weisse Kapellen und blinkende Dörfer mit weithin sichtbaren Türmen, und endlich ruhte der Blick auf dem stattlichen Bau der Benediktinerabtei Disentis, dem Mittelpunkt des Bündner Oberlandes und seiner alten Kultur.

Die Wonne neuer Wanderung trübte ein starkes Bedauern. « Little Chamois », der leichtfüssige und immer hellgestimmte Gefährte und Freund, verliess uns, um mit einem Maderanertaler Führer den Oberalpstock zu queren. Er wollte in Amsteg die Gotthardbahn erreichen, durch Deutschland nach Schweden fahren und in weitem Bogen über den skandinavischen Norden endlich nach der schottischen Heimat zurückkehren. Doch das immer kletternde und springende Gemslein durfte und konnte nicht scheiden, ohne mir seine treue Anhänglichkeit durch eine letzte dankbare Tat zu beweisen. So schulterte David denn mein Gepäck und schleppte den schweren Rucksack, zufrieden und strahlend, etwas für mich tun zu dürfen, hinauf nach Curaglia. Dazu wählte er statt der ebenen Strasse den schwindligen Gemsweg. Bald schwebten Mann und Sack über dem tosenden Strom zwischen Himmel und Erde auf der Mauerbrüstung. Dann erklomm der unermüdliche Kletterer wieder einen spitzen Block oder ein schmales Gesimse über einem Tunneleingang. Ich folgte seinen akrobatischen Übungen mit sorgenvollem Auge und war dankbar und erleichtert zugleich, als mein Bündel wieder schwer auf die eigenen Schultern drückte.

Die schmale Eingangspforte nach Medels bildet zu dem der Sonne weitgeöffneten Talbecken von Disentis einen packenden Gegensatz. In der Tiefe einer im zerblätternden Schiefer eingefressenen Felsschlucht tobt und brüllt der Mittelrhein. Mit jedem schäumenden Fall und mit jeder zerstäubenden Welle gräbt der Fluss rastlos sein eigenes Grab in das weiche Gestein, und schon entschwindet er auf weite Strecken dem Auge im Dunkel der tiefen Spalte. Die steilen Wände der Schlucht bekleidet dichter Wald. Doch aus dem düstern Engtal gleitet der Blick zurück über den durchmessenen, schattigen Weg; er verweilt auf lichtem Wiesenplan und sieht die Fenster des Klosters von Disentis im Abendsonnenglanz brennen. Auch sonst vermag das Gefühl einsamer Verlassenheit in der Lukmanierschlucht nicht aufzukommen. Spuren alter, längst verlassener Pfade sprechen von regem früherem Verkehr. An den Flanken der Klamm hängen, vom Pflanzenwuchs überwuchert, die Bruchstücke des Weges, auf dem im Mittelalter die Heere der deutschen Kaiser nach Italien zogen. Und weiter oben, auf den sonnigen Höhen, schritten die römischen Legionen und in ihrem Gefolge der römische Kaufmann nach dem nebligen Norden von Rätien und Helvetien. Jahrtausende vermochten es nicht, das wohlgefügte Pflaster des Saumpfades ganz zu lockern. Der Lukmanier ist von alters her ein Völkerweg gewesen, von dem das flutende Leben im Kommen und Gehen der Zeiten nie ganz wich.

Vom steten Wandel und Wechsel sprach uns auch die Natur. Der Herbst schritt leise und zaghaft erst, hinter noch belaubten Büschen und Hecken versteckt, über die Wiesen und Felder. Unter seinen Schritten erblühten frühe, blasse Zeitlosen. Falbe Blätter flatterten wirbelnd auf der Strasse, und um den Kirchturm von Curaglia kreisten ruhelos und schreiend die Alpensegler. Der Wettersturz der Samstagnacht mahnte die Vögel zur Reisebereit-schaft nach Süden. Ein Gang durch die engen Gassenwinkel des Dorfes, in die die mächtige Zwiebel des Kirchturms herabschaut, ein Schlendern zwischen hohen Gerüsten, mit den Bündeln ausreifenden Getreides behangen, und vorbei an altersgrauen Mauern mit den verbleichenden Spuren früh-zeitlicher Bemalung schloss den Tag. Die Herberge bot, was Hunger, Durst und Müdigkeit einer jungen Wanderschar nur immer begehren mochte.

Bei Tagesanbruch beschritten wir den alten Völkerweg über den Lukmanier, nicht beutelustig wie einst die Krieger Roms und Germaniens, sondern sorglos geniessend als fahrende Gesellen. Die Strasse folgt dem langgestreckten Hochtal, dessen Einförmigkeit nach der mannigfaltigen Schlucht und im grauen Frühlicht eines den Ausblick hemmenden Nebeltreibens doppelt auffiel. Doch fehlte es auch jetzt nicht an allerlei Wechsel. Der Medelserrhein stürzt tosend in eine Kluft, und aus dem tiefen Felsentrichter steigen die Wolken des zu Wasserstaub zerschlagenen Stroms wie wallender Rauch auf. Über den Wildbach führen schwanke, schmale Stege zu armseligen Weilern und dürftigen Kapellen. Bei den aus Steinquadern erbauten Hospizen von St. Gion und St. Gall taucht aus der Vergangenheit die Erinnerung an den mittelalterlichen Saumweg und seine Sturmgefahr auf. Noch hängen die Glöcklein unter dem Giebel am alten Platz, die mit heller, weittragender Stimme hinausriefen in Nebel und Schneegestöber, um dem verirrten Wanderer Richtung und Bahn zu weisen. Dass auch heute noch nicht alle Gefahr gewichen ist, zeigte ein hoher Geschiebewall, den die Schmelzwasser über die Poststrasse gewälzt hatten, den Verkehr für Stunden und Tage unterbrechend.

Von der öden Hochebene von St. Maria biegt der schmale Fusspfad nach dem Passo dell' uomo ab. Er steigt und fällt durch Val Piora. Überall rauschen die Wasser. Es sprudeln die Quellen; klare Bäche springen über Felsriegel, und die durch den Nebel brechenden Sonnenstrahlen leuchten in blauen Seen.

Bei der kleinen Kapelle von San Carlo erwartet das Auge neuer landschaftlicher Glanz. Im Talgrund liegt der weite Spiegel des Lago Ritom. Ihn umkränzen anmutige Wiesenhänge und der Kreis schöngeformter Gipfel. Die Vorposten des Waldes, zerschrundete Lärchen und altersharte Tannen, klimmen aus dem Tessintal bis zum Seeufer empor, und durch eine Lücke blicken die blauen Berge der Leventina hinein.

Trotz der harmonischen Schönheit der Gegend schien über die Züge meiner Engländer ein leiser Schatten der Enttäuschung zu gleiten. Ich hatte ihnen einmal von den Wonnen Italiens gesprochen und von südlichem Sonnenlicht. Und nun blies ein frostiger Nordwest, und immer noch trieben fahle Nebel. Statt Rosen und blühender Myrten und im linden Wind sich wiegender Palmen, wie sie die Phantasie ausmalte, wucherte an rauhen Hängen das Krummholz, und statt einer melodischen Barcarole tönte von den obersten Hängen der heisere Ruf des Geisshirten und klingelten die Schellen seiner Schutzbefohlenen.

Der herbe Schmerz über das Versagen des Südens erhielt süsse Belohnung. Als wir uns im Gasthaus am See hungrig und durstig an Nostrano und Salami erlabten, ging wie ein zündender Funke in der Runde von Mund zu Mund die Fama, die uns bedienende Maid sei ein Kind des Südens, ihre Wiege habe im Schatten einer Palme am Feuerberg bei Neapel gestanden.

Wer das Gerücht erfand, weiss ich nicht zu melden. Hermes, der flügelfüssige Gott aller Lügner, verzeihe ihm seine ruchlose Tat.

Unsere echte Italienerin hatte hellstrohgelbes Haar mit leicht grünlichem Schimmer und wasserblaue Augen; sie war monumental wie das Denkmal beim Sommerkasino in Basel und schritt schweren Tritts einher wie ein alter Germane im Teutoburger Walde. Diese kleinen Fehler im Bilde einer dunkeläugigen, schwarzlockigen und flinken Italienerin übersah die hoch-gestimmte Studentenjugend nur allzu willig; denn was das Herz ersehnt und wünscht, sieht bereitwillig das dienstfertige Auge.

Jeder bemühte sich, aus dem Wortschatz der süssen Lingua del sì zu schöpfen und der seltsamen Neapolitanerin als vollendeter Galantuomo schöne Dinge zu sagen. Mit der poesievollen, melodisch gleitenden Sprache Petrarcas und dem rethorischen Pathos Mussolinis mischten sich quietschend englische Gurgeltöne und das knarrende « ch » und steinharte « k » vom Limmat-strand. Langgezogene, schleppende Vokale vom obern Spalenberg suchten sich in das weiche italienische Seidengewand zu kleiden. Es klang grauenhaft, etwa wie wenn ein mit altem Eisenblech schwerbeladener Lastwagen über holperiges Strassenpflaster rasselt. Auf dem Wagen aber spielt und singt unverdrossen eine italienische Mandolinenbande die feurigsten neapolitanischen Weisen, « Funicoli, funicolà » und « Addio mia bella Napoli ».

In dem Labyrinth verstümmelter Worte und schief geratener Sätze verirrte sich rettungslos jeder, ohne jemals den Ausgang wieder zu finden. Auch der blonden Südländerin wurde es sichtlich unbehaglich. Ihre kecke Schlagfertigkeit schwand; noch ein paar abgerissene Worte von « bel tempo » und « vino rosso buono » lispelten ihre erbleichenden Lippen, dann verwickelte sie sich endgültig in den enggeflochtenen Maschen des philologischen Netzes. Die in die Enge getriebene Schöne fasste einen heldenhaften Entschluss und verkündete der staunenden Mitwelt mit stark zürcherisch gefärbten Lauten: « Die Herre chönne dä ganz gut Schwyzerdütsch mit mer rede, i bi vo Hombrechtikon bi Züri. » Das wirkte auf die erschreckten Hörer wie ein Donnerschlag Zeus'oder wie ein eiskalter Guss. Der italienische Traum zerstob vor der reellen Wucht des zürcherischen Stammbaumes. So mag Iphigenie auf Tauris erschüttert gewesen sein bei Orests tragischem Geständnis, er sei aus Tantalus'Geschlecht.

Robinson erholte sich zuerst wieder von dem Schicksalsschlag. Mit der der angelsächsischen Rasse in verzweifelten Lagen eigenen kaltblütigen Geistesgegenwart wendete er flugs seine sprachliche Front und entfaltete seinen ganzen schweizerdeutschen Wortschatz, das erfreuliche Ergebnis abendlicher Studien. Aus einer Ecke des Gastzimmers rief er lockend: « Chumm Schatzeli, chumm. » Der warme Ruf blieb ungehört.

Der verdutzte Schwarm der Gäste aber drückte sich kleinlaut aus dem Saal und fuhr in dachsteiler Fahrt mit dem Funicolare hinab in das dämmernde Tal — wir waren ja jetzt gewöhnt, am Seil herabgelassen zu werden. Erst als die Berghänge der Leventina im Abendschein glühten und Dörfer und Kirchen schon im Schatten lagen, wich der innere Schmerz und die laute äussere Fröhlichkeit behaglicher Beschaulichkeit. Bei fallender Nacht klangen die Schritte wieder selbstbewusst und sicher auf den harten Pflaster-platten von Airolos Dorfstrasse, und über dem schlanken Campanile lachte stillvergnügt und verschmitzt der goldene Mond. Seine Strahlen tauchten in den duftenden Moscato und gingen bald darauf zudringlich auf den Nasenspitzen von zehn müden Schläfern spazieren.

Den Gotthard querten wir in moderner Bequemlichkeit im gelben Postauto. Da liess sich, lässig in die weichen, federnden Polster zurückgelehnt, den aufhorchenden jungen Freunden aus England so schön erzählen von der ehemaligen Mühsal einer winterlichen Postreise über den Berg. Von schneeverwehten Pfaden, vom Nebeltreiben, das jeden Ausblick hemmte, und von der lauernden Lawine. In langem Zuge wanden sich die kleinen, nur mit einem Pferd bespannten Schlitten aufwärts durch die gefahrvolle Val Tremola. Die Rosse dampften, und scharfäugig spähten die Fuhrleute, ob nirgends ein Schneebrett sich löse, um Mann und Pferd zu begraben. Endlich öffnete sich schwer die Türe des alten eingeschneiten Hospizes. Warme Luft schlug den halberstarrten Reisenden entgegen; schmeichelnd umdrängten ihn die Bernhardiner Hunde, und eine halbe Stunde köstlicher Rast war ihm gegönnt, vor der Weiterfahrt durch Sturm und neue Gefahr hinab ins Land Uri. Eine alte, verflossene Zeit.

Der Faden der Erzählung spann sich weiter zurück. Ich liess vor den lauschenden Studenten die Erinnerungen auferstehen an die Septembertage des Jahres 1799, an Suwaroff und seine Kosaken, die in unaufhörlichem Kampfe die Unbill der Natur besiegten und die Soldaten der französischen Republik zurückdrängten von Stellung zu Stellung, von Stufe zu Stufe bis nach Flüelen am Urnersee. Auf den Felsbänken vor dem Hospiz wogte unentschieden die Schlacht. Die kampfesmüden Russen begannen zu weichen. Da befahl der sieggewohnte Heerführer, ihm ein Grab zu schaufeln; denn lieber wolle er in der harten Erde des St. Gotthard ruhen, als ruhmlos zur Flucht sich zu wenden. Der entschlossene Mut des vergötterten Feldherrn sprang auf die Truppen über. In einem mächtigen Ansturm warfen sie die fränkischen Bataillone, und die Fahnen der Russen, die über Italien geflattert, wehten ruhmvoll im Bergwind der Gotthardhöhe.

Zu solchen Geschichten passte die Stimmung von Landschaft und Wetter. Siegreich brach die Sonne hervor. Sie legte um die Bergkuppen einen goldenen Glorienschein, und die Seen der Passhöhe funkelten wie festliches Geschmeide. Weit und frei flog das Auge über die Berge und Täler des Tessin.

Dann wandte sich das Glück. Der graue Feind kroch aus Schlünden und Klüften; das sieghafte Leuchten erlosch, und jede Farbe erblasste. Nebel verhüllte Nähe und Ferne; er verbarg die Granitgipfel und die kleine Kapelle am Wegrand, in der die Gebeine der auf dem rauhen Bergpfad verunglückten Wanderer ruhen. So wechselte der Kampf von Sonne und Wolke, von Licht und Schatten, und seine Wechselfälle brachten in das Landschaftsbild Sinn und Bedeutung und verliehen ihm eine für unser Auge verständliche Sprache.

Im Urserental herrschte Sonnenschein. Er lag warm auf dem Langobardenturm von Hospenthal und auf den Kasernen von Andermatt und schenkte sogar der Felsenschlucht der Schöllenen ein freundliches Aussehen. Über dem zerstäubenden Wasserfall bei der Teufelsbrücke spielte vielfarbig der Regenbogen.

Eben trottete in schwer dröhnendem Laufschritt eine Abteilung Sanitäts-soldaten über die Brücke. Mein Erscheinen brachte den staubbedeckten Wehrmännern für einen Augenblick Ruhe und erwünschte Rast. Denn kaum hatte mich der vorgesetzte Offizier erblickt und erkannt, so befahl er Halt und Austreten, und ich sah mich umdrängt von einer halben Kompagnie Schüler und Freunde, jetzt alle angetan mit des Bürgers Ehrenkleid. Des Händeschüttelns, Grüssens und Fragens war kein Ende, und mancher, der mich in Examensnöten einst vielleicht nicht gerade liebte, mag nun die Atempause und ihren Verursacher gesegnet haben. Es ändert sich Urteil und Wertschätzung.

Der strahlende Sonnengott blieb uns treu. Vor seinen Lichtpfeilen zerflatterten die letzten Wolkenballen. So ward der Abendspaziergang durch das Göschenertal zu einem der schönsten Teile unserer wechselreichen Alpenfahrt. Fast wäre man versucht, die Landschaftsbilder in der Talfurche der Göschenerreuss altmodisch zu nennen. In ihnen ersteht die ganze Romantik der Gemälde Didays und Calames zu körperlichem Leben.

An der Stelle, wo das Voralptal sich öffnet, häufen sich die romantischen Motive und gleichen sich zu harmonischer Einheit, reich an schönen Einzel-zügen, aus. Eine schmale Brücke schwingt sich über die klaren Wellen des Flusses, und das Silberband eines Wasserfalles flattert durch den grünen Forst zur Tiefe. Der steinige Pfad windet sich jäh durch Hochwald empor. Immer wieder weichen die Tannen auseinander, und durch die von moosbedeckten Stämmen begrenzten Lücken fällt der Blick auf die weisse Gischt des Bergstroms. Das Wasser fällt brausend von Felsbecken zu Becken und zerschellt nach kaum sekundenlanger Sammlung wieder an Blöcken und Riffen. Abschüssig steigen die Talwände empor; ihre Felsstürze glühen im Abendschein. Weit im Hintergrund schliesst der Dammafirn kalt und weiss die Alp ab; seine Gletscherzungen lecken hinab in das Reich des Blühens und Lebens. Über dem Eis aber türmen sich die Winterberge mit seltsam schroff geformten Gipfeln und Zinnen in den lichten, grüngolden und orangefarben getönten Abendhimmel. Firn und Fels scheinen die Erde abzugrenzen gegen eine übersinnliche, in menschliche Worte, Linien und Farben nicht zu fassende Welt.

Weiter oben, auf einer geräumigen Geröllebene, zerteilt sich der Fluss in langsam strömende Arme, die sich trennen und treffen. Dann springt wieder ein Steg über das in tiefer Klamm brodelnde Wildwasser. An diesem Ort verunglückte kurze Stunden zuvor ein wackerer Schweizersoldat bei einer militärischen Übung. Ausgleitend riss ihn sein Ross in die Tiefe des Schlundes. Noch lag unten am Ufer der Kadaver des Pferdes, den die Wasser nicht behielten.

Noch einmal wandelt sich das Gepräge der Landschaft zu einem Hoch-alpengemälde von packender Wirkung. Die steilen Talhänge treten zurück. Auf ebenem, grünem Plan ruht ein wetterbraunes Dörflein, ein Bild friedlicher und ungestörter Weltabgeschiedenheit. Eine dünne Glockenstimme tönt vom Kirchturm und widerhallt an den Felswänden. In das stille Tal blicken zerschrundete Gletscher und geborstene Gipfel. Ihre Spalten und Stürze, die abgerissenen Blöcke und die stets rollenden Halden zeugen von einem ewigen Kampf unbändiger Naturgewalten.

Den Weg zur Herberge wies uns ein flackerndes Licht auf dem Hügel und ein Lied aus frischen Mädchenstimmen. Als wir eintraten, glaubten wir uns in einen blumenreichen Garten versetzt. Hotel Dammagletscher auf der Göschener Alp gehörte an jenem Abend der Jugend. Eine Klasse des Mädchengymnasiums in Zürich hatte Einkehr gehalten, um am kommenden Tag unter bewährter Leitung die Wunder eines Gletschers zu bestaunen und zu begreifen. An Leben und Bewegung gebrach es also nicht.

Im frühen Morgenlicht, als eben die letzten Sterne über den grauen Eisfeldern verglimmten, brachen wir auf, um über das rauhe Hochjoch der Lochberglücke die Furka zu erreichen.

Aus dem flachen Talboden der Alp schwingen sich die Wände jäh und unvermittelt empor; die winzigen Wohnstätten des Menschen versinken in der Tiefe, und mit jedem Schritt aufwärts fügen sich neue strahlende Gletscher, frische Schneegipfel in den weiten Kreis der Aussicht ein.

An der Spitze der Marschkolonne ging heute ein braver Urner Führer. Julius Mattli, ein fusssicherer und wegkundiger Mann. Seine guten Dienste kamen uns gelegen; denn gar bald verlor sich die schwach ausgetretene Spur. Es galt den Pfad zu finden auf rutschigen Grasplanken, durch unge-füges Blockgewirr, über steil aufgerichtete, vom Gletscher glatt gescheuerte Granitplatten und über knirschenden Firn. Zur Linken blieb der vielbetretene Übergang nach Realp, die Alpligenlücke; ein letztes Schneefeld gab den Zutritt zur höhern Felsenscharte der Lochberglücke.

Längst hatte die Sonne ihre Tagesfahrt begonnen, die grösste Meisterin im Reiche der Farben. Aus ihrem Feuerquell flossen unerschöpfliche Ströme von Licht; die Welt funkelte und strahlte wie am ersten Schöpfungstag. Es flimmerten, mit Diamantsplittern überstreut, die Firne; über den Gletschern lag, vom Licht gezeugt, hellblauer Schein, und die Felsgipfel leuchteten warm in rotgrauen Tönen. In der Tiefe aber zogen sattgrüne Talfurchen, und über die niedern Hänge dehnte sich der Mantel dunklerer Wälder.

Zur Macht der Farbe gesellte sich die fesselnde Gewalt der schöngezo-genen Linie und das befreiende Gefühl des Blickes in unbegrenzte Fernen. Zerschartet, in Spitzen und Nadeln aufgelöst und doch wieder einheitlich zusammengefügt aus einer Wunderfülle von Einzelheiten, zeichneten sich die Bergmassive der unmittelbaren Umgebung. Mehr übersichtlich, aus einem Guss geformt, erstand gegenüber die Gruppe der Sustenhörner, und weiter abgerückt erhoben sich im Osten die Gebirge des Maderanertales bis zur beherrschenden Firnkuppel des Tödi, jeder Berg eine stolze harmonisch gebaute Persönlichkeit, ohne störendes Beiwerk.

Über der Passhöhe der Furka endlich tauchten wie ein unerreichbar fernes, verheissenes Land die Hochgipfel des Wallis auf. Zum blauen Firmament strebte in edler, von keinem jähen Bruch oder Sturz gestörter Linien- führung der Dom in breit ausladendem Gleichmass empor und in kühner Schönheit und Kraft die wunderbare Firnpyramide des Weisshorns.

Tiefe Stille lag über der Lücke, rätselhaftes, ungebrochenes Schweigen. Das Leben verstummte vor der Majestät der Berge. Und schweigend staunten auch die jungen Menschen, ergriffen von der Schönheit des Weltalls.

Erst als der Abstieg über Felssätze und durch Runsen, in denen Steine rollten und pfiffen, Vorsicht erheischte und gegenseitigen Zuruf verlangte, löste sich der wortlose Bann, und als auf einem besonnten Fels Sack und Teeflasche das willkommene Mittagsmahl hergaben, murmelte bald das aus englischer und deutscher Quelle genährte Redebächlein gar munter und schwatzselig dahin.

Nach seiner Glanzleistung hatte sich der Himmel wieder verdunkelt. Die Albert-Heimhütte auf ihrem Felsenriff sah in den ziehenden Nebeln aus wie eine von Sagen umsponnene Ritterburg, und in missfarbenem Grau gähnten die Spalten des Tiefengletschers. Als sich die gastliche Türe des Furkahauses hinter uns schloss, verbarg sich auch die treue Begleiterin, die Sonne, vollends. Wir steckten tief in den Wolken; Rieselschauer gingen prasselnd nieder, und sachte fielen grosse, nasse Flocken. Doch was kümmerte die Wohlgebor-genen die Missgunst des Wetters. Sie trotzten dem Neid der Götter diesmal im warmen Nest, liessen sich zwischen schweizerischen Offizieren, reisenden Engländern und holländischen Familien am Tisch der besorgten Wirtin die Gaben von Küche und Keller ausgiebig munden und vertrauten auf den kommenden Morgen, auf sein Licht und seine Sonne.

Und wieder reisten die Engel, und wieder lachte der Himmel. Auf der Furkastrasse entrollte sich die glanzvolle Rundsicht auf die Walliser Berge und auf die Berner Oberländer; das Eisfeld des Rhonegletschers schimmerte und gleisste in der Frühsonne; in tiefem Blau wölbte sich der Himmel; nur über die Lücke der Grimsel flog, vom scharfen Nordwind zu hastiger Eile gepeitscht, ein endloser Wolkenstreifen. Er zerfloss fortwährend, ohne eine Spur zu hinterlassen, in der lauen, trockenen Luft des Wallis.

So waren alle Voraussetzungen für einen wonnevollen Wandertag gegeben. Und doch misslang eines, die Querung des Gletschers. An der viel betretenen Übergangsstelle nach dem Nägelisgrätli folgte Spalte auf Spalte, und unter der dünnen Neuschneedecke gurgelten in tiefen Löchern und Trichtern die Schmelzwasser. Nach dem bewährten Grundsatz nicht allzu kühner Strategen vom Nachgeben und vom Gescheitern wandte sich unser Trüpplein auf der Gletschermitte zum Rückzug, erhobenen Hauptes und ungebrochen wie die Schweizer bei Marignano.

Diese mutvolle Entsagung fand ihren wohlverdienten Lohn. Dicht oberhalb Gletsch, im Schatten durcheinandergewürfelter Blöcke, hielten wir behagliche Mittagsrast. Aus dem Dickicht zwerghafter Sträucher wuchsen einem sonnenwarm die Erdbeeren in den Mund und blaugereifte Heidelbeeren. Der mitgetragene Lunch weckte die schönsten Erinnerungen an die Tafelfreuden des Vorabends auf der Furka, und zum Schluss ward ein naher Almtümpel zum Schauplatz einer heissen, doch unblutigen Seeschlacht. Die britische Flotte mass sich mit einem schweizerischen Kreuzergeschwader.

Hoch spritzte das braungrüne Wasser; unentschieden blieb der schwere Kampf, und noch in Basel, nach tagelanger Heimfahrt, schimmerten auf Wams und Beinkleid von Freund und Feind, wie ruhmvolle Ehrenzeichen, die langsam trocknenden Büschel spangrüner Algen.

Auf der Passhöhe der Grimsel erwarten den Wanderer immer wieder neue, doch immer tiefe landschaftliche Eindrücke, sei es, dass das Hochgebirge in Blumenpracht strahlt und in Sonnenglanz, sei es, dass über den Granithöckern des breiten Joches und über den zahllosen Moorgewässern in den Wannen die müde, schwermütige Stimmung der Tundra liegt.

Diesmal konnte man sich im Polarkreis wähnen, auf dürftiger, durch-sickerter Grasnarbe, zwischen fahlen Flecken schmelzenden Schnees. Ein beissender Nord- fegte die Nebelfetzen in rauhen Stössen wie flüchtige Schatten hinüber ins Goms, wo sein Bruder, der linde Südwind, sie tändelnd und spielend zerriss. Der Sturm schnitt durch Mark und Bein. Er liess die Hand im Wasser erstarren und die Finger an der triefenden Zugschnur des Netzes steif werden.

Heldenmütig warf Freund Fritz in Wind und Rieselschauer die Plankton-netze aus. Es ging um seinen wissenschaftlichen Ruf; denn er hatte seit Jahren in Sommerhitze und im Herbststurm, am Tag und in sternheller Nacht alle die Tümpel, Teiche, Seen und Weiher des ganzen Grimselgebiets nach zoologischer Ausbeute durchstöbert. Nun hielt der Fleiss seine Ernte. Albion und die Schweiz staunten und zollten dem jungen Forscher ihren Beifall. Jedes Wasserbecken und jede Pfütze trug fein säuberlich in roter Farbe weit sichtbar angemalt Nummer und Name. Jeden Wasserkäfer wusste Fritz zu nennen; mit Heuschrecken und Wasserwanzen stand er auf vertrautem Fuss; die zahllosen Planktontierchen hatte er alle gewissenhaft gezählt, und manches von ihnen schien er persönlich zu kennen.

Während die Jungen das zoologische Wunder gebührend würdigten und dabei vor Kälte schlotterten, hatten sich der Doktor und der Meister in den Windschatten eines kantigen Blockes verzogen und widmeten sich mit der dem Alter eigenen weisen Vorsicht und Ausdauer der Stärkung des innern Menschen.

Endlich erstarb der Sturm in letzten ohnmächtigen Stössen. In dem dunklen Grimselsee, der im Grund eines gigantischen Bergtrichters schlummert, glitzerten wie tausend flackernde Lichter die Sterne. Der Kahn glitt über das Wasser, und das Seidennetz schöpfte noch einmal unzählbare Mengen glasheller und hochroter Krebse, die aus der lichtlosen Seetiefe zum nächtlichen Spiegel emporgestiegen waren.

Ein freundlicher Zufall führte uns mit einer Familie aus Winterthur zusammen. Unsere Wege hatten sich schon einmal auf dem Ofenberg gekreuzt. Nun lag hinter uns die Fussreise durch die halbe Schweiz und hinter ihnen die Fahrt im raschen Automobil durch Oberitalien und seine prächtigen Hochalpentäler. Die Bewunderung des wimmelnden Planktonlebens in Flaschen und Gläsern schlug die Brücke zur Bekanntschaft, und aus dem zoologischen Anlass der Betrachtung kaltblütiger Lebewesen entwickelte sich eine warme, freundschaftliche Tafelrunde.

Draussen übersilberte die frostige Herbstnacht Alpenrosensträucher und das Gebüsch der Legföhren mit Rauhreif. Drinnen, hinter den dicken Mauern des Grimselhospizes, bei Meister Thönen, perlte und prickelte ein süsser Abschiedswein in den Kelchen. Er weckte « der dunklen Gefühle Gewalt, die im Herzen wunderbar schliefen ».

Längst war der Sang vom Ochsenwirt verhallt, und die Ballade von der « dear Clementine » verklungen. Doch wie ein « Regenstrom aus Felsenriffen, er kommt mit Donners Ungetüm, » rauschte der Wildbach des Gesanges weiter. Wir brachen vom blütenreichen Baume der Lieder alle reifen und unreifen Früchte. Die versammelten dienenden Geister des Grimselwirts aber entschieden, dass die englischen Gesänge schöner seien als die deutschen; denn sie hätten den grossen Vorzug, dass man sie nicht verstehen könne. Die Stimmung wuchs zum jubelnden Höhepunkt, und um Mitternacht fühlte sich jeder gross genug, Millionen zu umschlingen, und jeder glaubte sich stark genug, den verworrenen Knäuel der Weltpolitik in lauter Minne und Frieden zu lösen. Während so am Haupttische der jauchzende Geist aus dem Schlusschor der neunten Symphonie den Taktstock führte, sass Freund Fritz am Nebentisch und rechnete, zog Wurzeln aus, addierte, subtrahierte, integrierte und differenzierte ernst, lang und gründlich. Endlich erhellte sich sein Gesicht unter einem finanziellen Schlussfreudenstrahl. Die Reisekasse enthielt einen klingenden Überschuss, und jeder bekam ein rundes Geldstück in die Hand gedrückt. Schade nur, dass die klimpernden Franken gar bald den Besitzer wechselten. Sie lösten sich restlos auf in den bittern Abschieds-tränen und in dem süssen Abschiedswein.

Beim späten Feierabend drängte es Robinson, mir seine treue Anhänglichkeit und Freundschaft zu bezeugen. Er kramte das Beste aus seinem basel-deutschen Sprachschatz zusammen und drückte mir fest die Hand mit dem für England überschwänglichen Satz: « 0 my dear professor, thanks you very much, you are a very nice Hündlihund indeed. » Warmherzigeren Dank konnte ich mir wahrlich nicht wünschen, wenn auch die klassische Sentenz galt « Und auf den Schützen springt der Pfeil zurück ».

Dann kam die Abschiedstunde. Sie verlieh dem strahlend schönen Herbsttag einen leisen, melancholischen Schimmer. Jauchzend und in sausender Fahrt trennten wir uns von der letzten Nachtherberge. Doch schon an der Handeck klang gar elegisch der Gesang der Geister über den Wassern, und vollends die Dämmerung in der Aareschlucht und das Rauschen des unsichtbaren Stroms passten gut zu den Mollakkorden, die vernehmlich genug im Innern tönten. Die Gedanken kehrten immer wieder durch vierzehn Tage zurück und lustwandelten im schönen Garten der Erinnerungen. Sie sahen das Bild von Lichtglanz und Nebeltreiben, von flüchtigen Gemsherden und kreisenden Adlern, von froher Wanderung und ruhsamer Rast, alles verschönt und vergoldet durch rasch aufblühende Freundschaft.

Oft mag jetzt an trüben Nebeltagen aus der Studentenbude im Cam-bridger College ein sehnsüchtiges Gedenken sich flüchten in die Sonne des Hochgebirgs und zu den Freunden und Wanderkameraden in der Schweiz. Und vom Rhein zieht die Erinnerung über das Meer nach der alten Universi- tätstadt am Cam und zu ihren Studenten, die gemessen einherschreiten in Cap and Gown und hinter ihrer Gemessenheit doch so viel begeisterungs-fähige Warmherzigkeit verstecken; sich gegenseitig kennen und verstehen gelernt zu haben, bedeutet für die jungen Schweizer und Engländer einen dauernden Gewinn, den die gemeinsame Wanderung zeugte.

Mir, dem Betagten, war es freudige Erquickung und verjüngender Genuss, mit den für die Natur so warm empfindenden Jünglingen durch die Berge zu ziehen, mit ihnen zu fühlen und ihre seelischen Regungen zu belauschen.

Die Erinnerung rankt sich an der sichtbaren Begebenheit fest. Doch all dies äussere Erleben und Geschehen formt nur den stimmungsvoll abgetönten Rahmen für das grosse und tiefe innere Ereignis. Die Pracht des Hochgebirgs, seine majestätisch ernste Ruhe und sein jauchzender, sonne-trunkener Glanz, öffnet nicht allein das körperliche Auge für die harmonische Schönheit der Schöpfung. Sie erschliesst auch verborgene Pforten des Gemüts, von denen der Weg führt in dunkle, goldhaltende Schächte. Gefühle, die sich sonst im tiefsten Herzen verbergen, liegen nun offen und strahlend zutage. Aus dem gegenseitigen Sich-Versenken und -Verstehen, aus innerm Einklang entspringen die schönsten ethischen Regungen. Die Liebe zu den Bergen steigert und veredelt sich zum edelsten Gut, zur Liebe zu den Menschen.

Das Feuer, das glückverheissend auf den Firnen glüht, wird nicht verglimmen, solange ein Menschenherz warm empfindend schlägt, denn die Macht der Berge über die Sterblichen fliesst aus den tiefsten Quellen; sie ist unwiderstehlich und unversiegbar.Fritz Zschokke

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