Zur Erinnerung an Alfred de Quervain

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Die Reden sind gesprochen; die grosse Welt hat Abschied von Dir genommen. Nun sind wir unter uns und können plaudern.

Erinnerst Du Dich noch des Abends im Sermilikfjord? Du tust es. Wie könnte man ihn auch vergessen! Wir hatten uns den ganzen Tag über auf dem Skiberg aufgehalten und einen weiten Blick getan in die gewaltige Gebirgswelt von Sukkertoppen: Gräte erheben sich hinter Gräten, alle wild und messerscharf. Bergspitzen türmen sich wuchtig auf. Die Talungen sind erfüllt von grossen Eisströmen und weiter draussen von den Wassern der Fjorde, die da und dort noch eine Eisdecke tragen. Die Sonne scheint blendend auf das verschneite Land und wirft die blauen Schatten der gegenüberliegenden, zuckerhutförmigen Berggipfel auf die weite Schneemulde vor unsern Füssen.

Und dann kehrten wir zum Zelt am Fjord zurück. Die « Hausarbeit » war besorgt und das Abendessen eingenommen. Vor uns lag still die Bucht. Der Talgletscher erreicht sie und bricht in einer eindrucksvollen Eiswand im Wasser ab. Steil steigen die Ufer aus ihm herauf und schwingen sich über Stufen und Felswände hinauf zu den Firnen, auf denen ein milder Mondschein lag, der die Ruhe nicht störte. Gewaltig und urhaft wirkte die Landschaft auf uns. Aber wie tot sie war! Die wenigen Seevögel, die wir auf der Bootfahrt in den Fjord aufgescheucht, hatten längst ihre Ruheplätze aufgesucht. Nur selten traten wir auf eine Weidenstaude oder eine Zwergbirke, die ein Kümmer-leben fristet und sich ängstlich an die Felsen klammert. Alles ist hier dem Leben feind, alles von Totenstarre ergriffen.

Tot? Starr? Siehst du nicht diese harten Gneisblöcke? Der Frost hat sie zersplittert wie Glas. Siehst doch, wie weit die Spalten im Gletscher klaffen. Und in kurzer Zeit wirst du es erleben, wie die Gletscher mit ge- waltigem Donner Eisberge ins Meer hinausstossen von einer Grösse, gegen die die grössten Schiffe schwimmende Eierschalen sind. Die dabei entstehenden, riesigen Wellen müssen Dutzende von Kilometer weit über das Meer dahingleiten, bis sie zur Ruhe kommen. Wie dürftig erscheint dagegen Menschenwerk! Bemerkst du denn nicht den ewig wiederkehrenden Pulsschlag von Ebbe und Flut? Siehst du nicht den lautlos geführten Lebenskampf in den vom Monde hell erleuchteten Föhnwolken, die den Himmel über dem Fjord bedecken? Wird die Trockenheit der Luft sie verschlingen, oder werden wir morgen bei Schnee und Regen zum Schiffe zurückrudern?

Tot? Nein, es gibt nichts Totes in der grossen Gotteswelt. Alles ist Geschehen. Und wo du Totenstarre siehst, hast du das Leben in der Natur noch nicht erkannt, warst du zu oberflächlich, zu ungefähr, nur fühlend, war in dir jener göttliche Funke noch nicht lebendig, der dir ein tiefes Eindringen in die Natur und eine völlige Hingabe an sie gewährt, der dich nicht ruhen lässt, bis du Zahl und Mass, Kraft und Rhythmus in ihr erkannt hast.

Und dieses Erkennen führt uns wieder zu den Menschen. Es begann leise ein Lied zu erklingen. Es war kein patriotisch Lied; es war ein einfaches Heimatlied, ein Menschenlied. Du weisst ja, wie schön die Hügel der Heimat sind, wie freie, aussichtsreiche Eggen aus den Wäldern hervortreten, wie goldig die Abendsonne sich in den Fenstern der Menschenwohnungen widerspiegelt. Du fühltest die Sehnsucht erwachen nach der Heimat und ihren Menschen und musstest « mitbrummen ». Gedenkst Du noch jenes Tages, da wir zu dritt zum erstenmal auf das Inlandeis hinaufstiegen? Bei schönster Mitternachtssonne hatten wir Jakobshavn verlassen. Es war eine grosse Unruhe an Bord: die Hundemeute lärmte, Neugierige drängten sich heran, und wir selber waren im Innersten erregt; denn in wenigen Stunden sollten wir das eigentliche Arbeitsfeld der Expedition betreten. Bald hatte Fox den herrlichen blauen Atasund durchschnitten und nahm östlichen Kurs in eine Bucht hinein, die von den dänischen Schiffs-offizieren zu Deiner Ehre Quervains Havn benannt wurde.Vor der Mündung eines grossen Gletscherbaches fielen die Anker. Ein niedriger Landrücken bot Schutz, und vor uns dehnten sich die Buchten und Vorsprünge der viele Kilometer langen Eisfront des Ekip termea aus, an der sich die Brandungswellen brachen. Rasch war ein Boot zur Stelle, das uns erst durch trübe Gletschermilch, dann wieder durch klares Fahrwasser dem Ende des Fjordes zuführte. Wie doch die Arktis ihr Sommerlicht verschwendet, wie das blinkt und blendet auf See und Eis!

Dann schritten wir erst über weiche, tiefe Moosteppiche hin, aus denen die Rosablüten der lappländischen Alpenrose herausleuchteten, und folgten weiter, Felsstufen übersteigend, einem muntern Bache. Wie tat da der Schatten der dunklen Felswand im Norden den schlaf bedürftigen, müden Augen wohl!

Die erste Talstufe war erreicht, und vor uns lag ein wundervoll blauer See, auf dem eine herrliche Morgensonne ruhte. Doch nicht lange verweilten die Blicke auf ihm, wie lieblich das Bild auch war. Keiner, der es nicht selbst erfahren, kann ermessen, mit welcher Erregung, mit welcher Gier das erstemal das Auge eine unerforschte Landschaft aufsaugt, in welchem Masse die Phantasie aufgestachelt ist, wie mächtig der Abenteurer in uns ist. Vor uns springt ein Bach in den See herunter, drüber weg weitet sich ein gewaltiger Felskessel aus. Steil ragen die Felswände auf; Bäche stürzen über sie hinunter. Er ist in einen geheimnisvollen Schatten gehüllt. Was mag er bergen? Doch darüber hinweg leuchtet das grosse Eis hervor. Es allein vermag den Blick in seinen Bann zu zwingen. Also höher hinauf! Erst ging es dem Ufer des Sees entlang, dann über einen Bergrücken hinüber in ein Paralleltälchen, das uns zur Rechten einen Blick auf die Eistürme eines gewaltigen Gletscherabbruches gestattete, zur Linken auf den See, der den Felskessel erfüllt. Über die Felsgesimse herunter hingen die hellen Blütenglöcklein der Cassiope, und Ledum und Alpenrose schmückten da und dort die Heide, einen würzigen Geruch aushauchend. Schneehuhnmännchen sassen regungslos auf den Felsblöcken und schauten in die Sonne. In ihrem blendend weissen Kleide und den leuchtend roten Kämmchen über den Augen sahen sie sehr vornehm aus. Zwei Schritte neben uns sass ein schon graues Schneehuhn auf seinem Neste, sah uns verwundert an, liess sich aber in der Erfüllung seiner Mutterpflichten nicht stören. Durch eine Felskehle hinaufsteigend, gewannen wir rasch an Höhe. Kümmerlicher trat uns das organische Leben entgegen, nackter der Fels; freier wurde die Aussicht. Nur noch eine letzte kleine Terrasse trennte uns von der grossen Stirnmoräne des Inlandeises. In sanfter Neigung erhebt es sich aus diesem Riesenmoränenwall zu einem weiten Plateau hinauf. « Schau, Jost! » sagtest Du zu mir.

Trink, o Auge, was die Wimper hält Von dem goldnen Überfluss der Welt!

Vor uns liegt der grosse Eisstrom des Ekip Sermea, der die Blicke nach unserm Schiffe zurücklenkt, das, kaum sichtbar, tief unten im Fjorde liegt. Über die Berge von Ata hinüber ragen die tafelförmigen Basaltberge von Disco herauf mit ihrem weissen Eismantel. Nach Nordwesten hin überblickt man die gletscherreiche Nugssnakhalbinsel und tief eingeschnitten vor ihr den Torsukatakfjord, erfüllt mit einem Heer von schwimmenden Eisbergen. Nach Norden, Osten und Südosten breitet sich mit schlanker Horizontlinie das bis auf den Grund gefrorene Meer des Inlandeises aus, die Sphinx, die lockt und kalt abweist, die in blendender Weisse und Reinheit regungslos daliegt und grausam tötet, die stumm das Schicksal unserer Expedition verschlossen hält. Über uns wölbt sich der weite, blaue Himmel. Nur ein Kranz von Schäfchenwolken hat sich längs des Eisrandes zusammengedrängt, wie wenn sie sich fürchteten, das Reich dieser lauernden Königin zu betreten.

« Schau, Jost! » Ich habe damals und später viel geschaut und heute danke ich Dir nochmals dafür.

Ich habe viel geschaut in den hellen Sommersonnentagen und den langen Winternächten.

Aber immer wieder kehren meine Gedanken zurück zu den schimmernden, schwimmenden Eisbergen, den Wahrzeichen der Polargebiete, der Arktis, die kalt, aber klar, abweisend, aber ohne Gift ist. Sie sind wie die Menschen. Es gibt herrliche unter ihnen, Wunder an Hoheit und Harmonie. Aber auch gedrückte und missgestaltete, und manch einer ist versunken im dunklen Wasser des Eismeeres und reckt nur seine zürnende Riesenfaust heraus. Hier gleitet einer dahin, von ruhigem Ebenmass der Erscheinung, dort dreht sich ein anderer im Kreise; phantastisch sieht er aus, trägt eine Narrenkappe und ist überschüttet von glitzerndem Firlefanz. Diese sind von fleckenloser Reinheit, jene von Schutt beladen oder befleckt von Bodensatz; kerngesund bis ins Mark hinein die einen, krank und hinfällig andere.

Sie sind wie das Leben. Alle wandern sie, wie von einer geheimnisvollen Sehnsucht getrieben, ihre Bahn südwärts, wärmerem Wasser zu, bis sie in ihm auslöschen. Der einen Reise ist ein traumhaftes Gleiten über die Tiefe; sie wandern nur im Sonnenschein; wenn die Stürme aufspringen, hat sie schon ein schützender Hafen aufgenommen. Sie kennen nicht die Not des Lebens. Andere aber werden erfasst von einem gewaltigen Unterwasser. Eigenwillig, wie in wilder Leidenschaft, rennen sie gegen Sturmwind und Seegang an, pflügen sich selbst durch Eisdecken hindurch, dass es weithin splittert und kracht, rennen an harte Felsen, bäumen sich wild auf, zerbersten mit gewaltigem Donner. Mancher auch von diesen Stürmern wird früh müde, gerät in seichtem Wasser auf Grund, sitzt fest und führt lange, lange noch ein schlaffes Scheinleben. Wieder andere sind stets draussen; kein Unwetter, das sie nicht rüttelte, aber auch kein Sonnenschein, der sie nicht aufleuchten liesse. Mit unbeeinflussbarem Gleichgewicht ziehen sie dahin, ihrem Ziele zu. Wie viele aber verstehen es auch, ihre Segel nach dem Winde zu drehen und im Zickzack zu schwimmen oder im Schutze anderer vorwärts zu kommen, um ihnen dann plötzlich vor die Sonne zu treten!

Und dann gibt es noch ganz besondere Eisberge, von denen ein wunderbares Licht ausgeht. Es leuchtet aus dem Innern heraus, als ob der ganze Eisberg von Licht erfüllt wäre. Sie sind seltene Erscheinungen. Sie sind Einsame, trotzdem sie mit ihrem Lichte die Welt erfüllen und voller Sehnsucht ihre Brüder umfangen möchten. Sie sind Leidende, weil sie so ganz anders sind, weil sie so klar wissen, dass sie Einzige sind. Sie erleiden auch Schmerz, weil alles an ihnen innen ist und nichts aussen, weil die kleinste Verletzung die Tiefe trifft. Sie müssen wirken und verzehren sich. Und einmal bricht plötzlich ihr Kristallherz.

Sie waren Gesegnete.

Oh, ihr Eisberge! Ihr seid wie die Menschen! Wie gleicht ihr dem Leben!

Wilhelm Jost.

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