Zur Philosophie und Metaphysik des Bergsteigens

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VON S. WALCHER, WIEN ( SAC GOTTHARD )

Scheinbar unzeitgemäss und doch zeitnahe, weil zeitlos, ist die Frage nach dem Sinn des Menschen an sich, seinem Tun und nach dem Zwecke seines Daseins auf der Erde. Noch unzeitgemässer aber und dabei vielleicht am Zeitnahesten erscheint die Frage nach dem, was der menschliche Sinnen-apparat nicht mehr wahrnehmen und erkennen kann, was aber der Kraft des Denkens, der Stärke der Vorstellung und der Tiefe des ahnenden Gefühles nie verschlossen war. Zahlreich sind die Namen für dieses Letzte, Grosse; gläubige Menschen nennen es einfach Gott.

Rastlos ist der Menschen Geist bemüht, hinter die letzten Geheimnisse des Stoffes zu kommen Vor nicht allzu langer Zeit war das Atom das Letzte, Unteilbare. Heute haben die Physiker dahinter die Wunderwelt der Protonen und Elektronen entdeckt, und immer noch geht das Suchen und Experimentieren weiter. Wo ist das Ende?

Zwei Wege führen in die Zukunft der Menschen: das Wissen und der Glaube. Am Wege des Wissens stürmt heute der Verstand vorwärts; am Wege des Glaubens ist es einsam und still, weit hinten wandelt allein das Herz.

Was ist das Ziel? Wo ist es? und auf welchem Wege wird es wohl am sichersten erreicht werden? Wird es sich vielleicht dem erschliessen, der auf beiden Wegen zugleich am weitesten vorgedrungen ist, oder etwa jenen, die im Leuchten der Firne, im Schweigen der Sternennacht, im Brausen des Sturmes, in der Glut der Sonne, im schwierigsten Fels des Berges oder auf seinem lichtumflossenen Gipfel tausend Fragen stellen und als Antwort nur leise vor sich hinsprechen können: « Wir müssen es glauben, ohne das Letzte zu verstehen! » ( 1 ).

Im Jahre 1903 bin ich als achtjähriger Knabe mit meinem Vater zum erstenmal auf dem Gipfel des Wiener Schneeberges gestanden. Es war ein sonnenheller Junitag. Die Luft war kühl und rein, und die Fernsicht reichte weit über den Neusiedlersee hinaus. Das Erlebnis dieses Tages, der Eindruck, den die Stunde am Gipfel in mir hinterliess, ist heute noch vollkommen ungetrübt. Alles, was ich sah, die vielen Berge, die Höhe über und die Tiefe unter mir, die endlose Ferne, all das erweckte in mir nur ein einziges, tiefes Gefühl, das Staunen.

Später, zwischen meinem zwanzigsten und dreissigsten Lebensjahr, war der Gipfel des Berges der Rastplatz nach der geglückten Begehung eines mehr oder weniger berühmten Weges. Der Blick, der in die Ferne eilte, galt neuen Zielen. Er suchte die höchsten und markantesten Berge, baute luftige Brücken hinüber, über die das heisse Verlangen nach mehr, immer mehr marschierte.

Viel später erst, als Fuss, Hand und Geist sich schon Ziel um Ziel erkämpft hatten, wandelte sich die Gipfelrast zum besinnlichen Schauen hinein in die mannigfaltige Formenwelt der Landschaft. Langsam wurde sie zur Stunde des Denkens, des Sichtens, Ordnens und der Überlegung. Im Aufstiege, wenn bedächtig Fuss nach Fuss gehoben wurde, wenn die Augen für den nächsten Tritt den besten Platz suchten, wenn die Gedanken ungehindert kreisen konnten, formte sich dann allmählich im Rhythmus des langsamen, aber unentwegten höherbringenden Steigens das ganze bergsteigerische Tun zum Symbol. Losgelöst vom Zwange eines triebbedingten Müssens, befreit von vielen Vorurteilen wird das zweckbedingte Denken des Verstandes immer mehr zur ordnenden und wer-tenden Vernunft. Und sitzt man dann wieder einmal oben beim Steinmann, einsam, nur bei sich selbst, neigt sich die Sonne zum Untergang, brandet im Westen ein Feuermeer mit Farben ohne Namen und Zahl, liegt sein Widerschein rings auf den schweigenden Höhen und in der Tiefe des Tales bereits das blausamtige Dunkel der kommenden Nacht, dann vereinigen sich wohl wieder alle aus dem Schauen und Empfinden steigende Gefühle zum grossen, wunschbefreiten Staunen. « Dieses Erleben aber, das Erstaunen, gehört vor allem zum Philosophen; es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie » ( 2 ).

Von der Metaphysik Die Metaphysik ist der Punkt, von dem alle Philosophie ausgeht und zu dem sie wieder zurückkehrt. Eine Philosophie des Bergsteigens wird also ebenfalls von ihr ausgehen und wahrscheinlich auch wieder zu ihr zurückkehren. Ich habe bereits in meiner Arbeit: Vom Wert und Unwert des Bergsteigens'hingewiesen, dass bei ähnlichen Betrachtungen, wie es die vorliegende ist, nur dann ein Verstehen erzielt werden kann, wenn ein gemeinsamer Standpunkt gewonnen wird. Jede Wissenschaft ist eine Bezugswissenschaft und daher relativ. Alle Erkenntnisse sind immer auf eine bestimmte Voraussetzung bezogen. Wer das Bergsteigen ausschliesslich als Selbstzweck betrachtet 1 « Der Bergsteiger », Heft 2, November 1951. 182 und es dementsprechend je nach der Art seiner Veranlagung ausübt, wird zu anderen Ergebnissen kommen wie jener, welcher in ihm auch ein Mittel für einen übergeordneten Zweck sieht, oder, anders gesagt, dessen Tun als Bergsteiger sich als Streben nach einer höheren Ebene offenbart, als es jene ist, auf der die allgemein menschliche Glückseligkeit liegt. Wenn aber nicht alle Philosophen lügen und die tiefen seelischen Regungen des Menschen mehr sind als erworbene und vererbte Zustände, wenn die Stimme des Gewissens wirklich die Stimme des gewissen, des wahren Wissens ist, dann muss doch jenseits der Grenzen sinnlicher Wahrnehmung und Erfahrungen ein letztes Prinzip vorhanden sein, das zu finden sich jede Philosophie bemüht und Aufgabe jeder Metaphysik ist, deren Problem ja darin besteht, hinter der Vielheit und Mannigfaltigkeit der Erscheinungen die Einheit des Wesens, das letzte Prinzip zu finden. Mehr zu erreichen als bis zur letzten, mit Hilfe aller vom Verstand erdachter technischer Hilfsmittel ergründbarer Möglichkeit vorzudringen und dann jenseits der Grenzen sinnlicher Wahrnehmung und verstandesmässigen Erkennens noch ein letztes Prinzip erahnend zu schauen, zu erfühlen und sich vorzustellen, ist bisher keiner Wissenschaft und keinem Menschen gelungen. Ist eine Frage gelöst, stehen hinter ihr hundert neue und blicken mit ewig rätselvollen Augen dem Sucher entgegen. Verzweifelt kehrt sich der eine ab und wendet sich zurück zu den oberflächlichen Genüssen des Lebens; der andere beugt sich in Demut und Verehrung vor dem Letzten, Unergründbaren und macht es zum Gott seines Herzens und Lebens. Das sind keine leeren Phrasen und kein Wortgeklingel. Die Menschen, besonders jene von heute, haben nur Eines verloren, damit aber alles, den Glauben. Ihn wiederzugewinnen, dem Dasein wieder Form und Inhalt zu geben, die Jugend wieder für die Idee einer grossen Sendung des Menschen zu gewinnen, tut mehr not als Wein und Brot und brächte die Menschheit in ihrer kulturellen Entwicklung weit mehr voran als die grössten Errungenschaften der Technik. Aber woran glauben? Ja, das ist die Frage, auf die es freilich keine allseits befriedigende Antwort gibt. Hier hilft nur ein Sich-selbst-Durchkämpfen durch das Gewirr der zeitbedingten Irrungen und Wirrungen und sich nicht ableiten lassen vom Glänze der vielen Erscheinungen, die als Schleier der Maya das wahre Wesen verhüllen. « Schaffen, das ist die grosse Erlösung vom Leiden und des Lebens Leichtwerden » ( 3 ). Wer aber verwirklicht diese Forderung mehr als der Bergsteiger? Wer erlöst sich vom Leide alles Wünschens und aller Sehnsucht durch sein Tun mehr als er? Bergsteigen ist Vergnügen, ist Freude; Bergsteigen ist aber noch mehr, es ist ein Weg zur Erkenntnis, ein Weg zur Überwindung des Leides und zur Erlösung von allen Übeln, Amen.

Von den Erscheinungen In dein Auge schaute ich jüngst, o Leben!

Und ins Unergründliche schien ich mir da zu sinken ( 4 ).

Wenn das Problem der Metaphysik darin besteht, hinter der Vielheit und Mannigfaltigkeit der Erscheinungen die Einheit des Wesens zu finden, so müssen wir bei einer Metaphysik des Bergsteigens zuerst dessen Erscheinungen feststellen und dann versuchen, sie alle auf ein einziges Wesen zurückzuführen.

Ein Bergsteigen an sich gibt es nicht. Das Bergsteigen ist eine Tätigkeit des Menschen. Aus den Gründen, welche ihn veranlassen, bergzusteigen, und aus den Wirkungen, die aus seinem Tun kommen, formen sich die Erscheinungen, die an ihm sichtbar werden. Die Erscheinung ist daher die wahrnehmbar werdende Wirkung einer Ursache. Um also hinter das Geheimnis einer Erscheinung zu kommen, müssen wir nach der Ursache ihrer Entstehung suchen. Die Frage aber: Warum gehen wir in die Berge, warum bin ich Bergsteiger, sind schon sehr früh und sehr oft gestellt worden und werden immer wieder gestellt, was wieder als Beweis dafür gebucht werden kann, dass das Bergsteigen doch mehr ist als ein blosses Auf-die-Berge-Steigen.

Um reale Unterlagen für den Versuch einer Psychologie und Philosophie des Bergsteigens zu erhalten, bin ich seit Jahren bemüht, von den bekanntesten und erfolgreichsten Bergsteigern aller Länder folgende drei Fragen beantwortet zu erhalten:

1. Wie bin ich Bergsteiger geworden?

2. Warum bin ich heute noch oder heute nicht mehr Bergsteiger?

3. Was macht mir beim Bergsteigen die grösste Freude, und was erscheint mir an ihm als das Wertvollste?

Mehr als fünfzig Antworten sind bis heute eingelangt. Junge und Alte haben geschrieben, und die bekanntesten Namen sind vertreten. Eine Fülle des wertvollsten Materials liegt vor und wartet auf die Auswertung. Aus allen Stellungnahmen aber klingt immer wieder, wie ein Leitmotiv, das Bekenntnis zur grossen und reinen Freude, welche das bergsteigerische Tun schenkt. « Weil's mich freut », das ist die rasche und kurze Antwort, die fast immer, wenn auch in den verschiedensten stilistischen Fassungen, gegeben wird. Freude aber ist Lustempfindung. Damit sind wir im Suchen nach dem Wesen der Erscheinungen schon ziemlich weit gekommen, denn die Lust ist eine unmittelbare Regung des « Lebens ». Dieses « Leben an sich » aber, dieses geheimnisvolle, mit keinen Mitteln der Technik ergründbare, künstlich unerschaffbare Leben ist die Einheit des Wesens hinter aller Vielheit und Mannigfaltigkeit der Erscheinungen. Lust und Unlust sind seine beiden Pole, seine Ur-Regungen. Alles, was das Leben fördert, ihm zuträglich ist, erweckt Lust-, alles was es hemmt, sich hindernd entgegenstellt, Unlustgefühle. Mit dem Erkennen des « Lebens » als das Wesen aller Erscheinungen sind die Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit erreicht. Ein weiteres Suchen in dieser Richtung führt solange ins Leere, solange es nicht gelingt, die Entstehung des Lebens zu ergründen und es selbst zu erzeugen. Wer den Gipfel eines Berges erreicht hat, kann nicht mehr höher steigen. Die Kühnen, die auf dem Gipfel des Everest standen, sind wohl bis zum höchsten Punkt unserer Erde vorgedrungen, aber auch sie konnte kein Schritt mehr höher bringen, es sei denn, sie hätten auf dem Gipfel des Berges einen Turm gebaut!

Aus der Vielheit der Erscheinungen des Bergsteigens habe ich mit Absicht die Freude herausgegriffen, weil sie die allgemeinste und auch bekannteste ist. Alle übrigen Gründe, die angegeben werden, warum die Menschen in die Berge gehen, lassen sich alle ausnahmslos auf das Lustbegehren des Lebens zurückführen. Es ist das erste und höchste Prinzip des Lebens und offenbart sich überall im Willen zum Sieg. « Der Sieg des Lebens ist der Sinn der Welt » ( 5 ).

Die Freude als Ausdruck eines Lustempfindens kann daher als Sammelbegriff aufgefasst werden. In den Bekenntnissen heisst es immer wieder: Freude an der Bewegung ( Funktionslust ), Freude an der Schönheit, Freude am Abenteuer, Freude an der Überwindung der Gefahren, Freude an der Kameradschaft, vor allem aber, und das in ganz hervorragendem Masse: Freude am Erfolg, am Sieg. Einer der erfolgreichsten von den jungen Bergsteigern der Jetztzeit gab mir auf meine dritte Frage kurz und bündig zur Antwort: « Der kämpferisch errungene Sieg! » Und zugleich bekennt er, dass es ein innerer Zwang ist, der ihn antreibt, immer wieder die schwierigsten und gefährlichsten Wege aufzusuchen und dass ihm aus der Überwindung der äusseren Hindernisse und inneren Hemmungen die Kraft seines Lebens im unbändigen Gefühl der Lust und der Freude des Stärkeren, des Siegers, offenbar wird.

Aber auch in jenen Fällen, wo die Erscheinungen oder Beweggründe mit einem Lustempfinden scheinbar nichts zu tun haben, steht doch auch das Machtbegehren des Lebens dahinter. Wo das Leben vorwärtsdrängt, sich aber nicht durchsetzen kann, Menschen, die den Forderungen des « Du musst und du sollst » nicht mehr gewachsen sind, fliehen in die Einsamkeit Dort steht ihnen keine stärkere Macht gegenüber, dort müssen sie nicht, was ein Stärkerer befiehlt, dort sind sie selbst die Stärkeren, und so wächst ihnen aus der Stille der Einsamkeit das Gefühl der Kraft, der Stärke, sie fühlen sich als Herren, und ein wundersames Lustgefühl durchströmt sie.

Ähnlich liegen die Verhältnisse beim Geltungsdrang. Menschen, deren soziale Stellung eine Entfaltung ihrer Anlagen nicht gestattet, die aus Gründen der Lebenserhaltung untergeordnete Dienste verrichten müssen und dabei wissen, dass sie weit mehr vermöchten als die ihnen Übergeordneten, Befehlenden, finden den Ausgleich in den Bergen. Dort entscheidet allein die Kraft ihres Lebens, ihr Können, ihre Stärke, ihr Mut, und aus dem Sieg über ein scheinbar Unmögliches erblüht auch ihnen die Lust des Lebens.

Und nicht viel anders ist es dort, wo die Menschen hinausziehen in die Wunderwelt der Berge, um Gott zu suchen, ihn dann in jedem Stein, in jeder Blume, in jedem Tier erkennen und zuletzt am reinsten im eigenen Herzen finden. Der Mensch erweitert in der freien Natur sein kleines Selbst zur Grosse der Welt, fügt sein eigenes Ich ein in die ganze Natur und erhebt sich damit zur gleichen Höhe und Grosse. Welch eine Wonne, welch eine Lust, zu wissen, nun bin ich nicht mehr ein unscheinbares Nichts, nun bin ich ein Teil des grossen, unendlichen Alls. « Wenn im Unendlichen dasselbe sich wiederholend ewig fliesst, das tausendfältige Gewölbe sich kräftig ineinanderschliesst, strömt Lebenslust aus allen Dingen, dem kleinsten wie dem grössten Stern, und alles Drängen, alles Ringen ist ew'ge Ruh in Gott dem Herrn » ( 6 ).

Vom Menschen « Ist das All lebendig, ist Leben Uranfang und Urprinzip des All, dann gibt es überhaupt kein Totes und kein Nichts. Es gibt nur das lebendig Wirkliche in der unendlichen Fülle seiner Gestaltungen und Umgestaltungen, darin Zeugung und Tod die herrschende Polarität darstellt » ( 7 ).

Anerkennen wir das Leben an sich als das letzte Prinzip, als das Wesen hinter allen Erscheinungen dieser Welt, dann wird uns die Betrachtung dieser Erscheinungen wieder zurückführen zum Ausgangspunkt, zum Menschen, und der Ring wird sich schliessen. Wir werden den Menschen als eine Erscheinungsform des Lebens erkennen und ihm mit Rücksicht auf seine Dreieinheit von Körper-Geist-Seele als die letzte und höchstentwickelte Form betrachten. Diese Dreieinheit von Körper-Geist-Seele ist ebenfalls keine Phrase, sondern Realität. Der Körper ist Stoff, Verstand und Vernunft sind Geist, die Seele aber, das belebende Prinzip, ist das Leben selbst. Erklärlich jetzt, warum den Menschen der Sieg am höchsten beglückt und der Tod, das scheinbare Ende, am tiefsten erschüttert. Noch standen sie beide oben am Gipfel des Berges, jung, kraftvoll, schön im Rausche des eben errungenen Sieges, und nur ein wenig später liegt der eine als reg- und formloser Klumpen vor den Augen des entsetzten Freundes. Flieht das Leben aus dem zerfetzten Körper, entschwebt die Seele, bleibt nichts zurück als ein Grauen, das nur die Zeit überwindet, oder die Goethesche Erkenntnis, dass « alles muss in Nichts zerfallen, wenn es im Sein beharren will » ( 8 ).

Der Körper ist die aus Stoff gebildete Form, Verstand und Denken sind Entwicklungsstadien der Lebensform Mensch, die Seele aber ist das Oftgenannte, Unbekannte. Sie ist ebenso wie das « Leben » unergründbar. Die wissenschaftliche Psychologie erklärt, dass es ihr bis heute nicht gelungen ist, das Vorhandensein einer eigenen Seele nachzuweisen; sie gibt aber auch zu, dass es ihr nicht möglich war, den Beweis dafür zu erbringen, dass es keine eigene Seele gibt. Ich aber wage zu behaupten, dass die Frage, ob es eine Seele gibt oder ob es keine gibt, ganz klar und eindeutig zu beantworten ist. Ja, ich gehe so weit, zu erklären, dass die Antwort so einfach ist, dass sie nicht widerlegt werden kann. Wer glaubt, hat eine Seele - wer nicht glaubt, hat keine. Dem konkreten Denken, dem Versuch bleibt sie unerreichbar; nur dem Glauben öffnet sie das Tor zu ihrem Reich.Gehen wir einen Schritt weiter, und nehmen wir noch ein drittes Unergründbares dazu, so formt sich von selbst eine neue, höhere Dreieinheit: Leben-Seele-Gott. An diese Dreieinheit zu glauben oder nicht zu glauben, sie anzuerkennen oder abzulehnen, steht jedem frei, vorausgesetzt, dass er sein Herz in der Brust zum Schweigen und seinen Geist zum Stillstand bringen kann.

Vom Ich und Wir Der Mensch ist aber nicht nur Träger des Lebens, an ihm werden nicht nur die Erscheinungen dieses letzten Prinzips sichtbar, nicht nur die Ergebnisse seiner Beziehungen zu den Bergen, er ist nicht nur als Mikrokosmos ein getreues Abbild des Alls, nicht nur ein Teil des universellen Seins, er ist auch Glied der menschlichen Gesellschaft, von der Familie angefangen bis hinauf zum Volk, Staat, zur Menschheit. Das Ich ist der Einzelne, das Wir die Gemeinschaft.

Haben wir hinter der Vielheit der Erscheinungen der Welt im allgemeinen und des Bergsteigens im besonderen als letztes Prinzip das « Leben » gefunden und als dessen höchste Erscheinungsform den Menschen erkannt, so erhebt sich nun vielleicht von selbst die Frage nach dem Zweck des menschlichen Daseins und damit auch zugleich nach dem Zwecke seines Soseins als Bergsteiger. Ist alles Tun des Menschen während der Zeit seines Aufenthaltes auf Erden und seines Wanderns in den Bergen nur Selbstzweck, oder ist es auch ein Mittel zur Lösung einer höheren, wenn vielleicht auch unbewussten Aufgabe?

Das Leben strebt nach immer reicherer und vielgestaltigerer Entfaltung. Wo die einzelnen Organe und Sinne an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind, schafft der Verstand rastlos Ergänzungen und gestattet so ein fortwährendes Vorwärtsschreiten im Suchen und Finden. Der Mensch schaffte mit Hilfe seines Verstandes die Technik und baut mit ihr einen babylonischen Turm. Bald kann es so weit sein, dass sich die Menschen untereinander nicht mehr verstehen. Kann sein, dass sie dann auseinandergehen und den Weg zurück suchen in die Einsamkeit der Welt. Vielleicht aber schleudert sie allesamt ein Blitz der Vernichtung hinab in den weit offenen Abgrund.

Es könnte sein, dass mancher Leser die Gleichsetzung: Leben-Seele-Gott als Frevel empfindet; vielleicht hat sie sein religiöses Gefühl verletzt. Vielleicht hat er aber auch die Steigerung oder Rangordnung innerhalb dieser Gleichstellung bemerkt. Leben-Seele-Gott! Wie nun, wenn wir als Meta-physiker den Weg zurückgehen, Gott als das letzte zu erahnende und nur zu glaubende Prinzip anerkennen, die Seele, als Gottes Wort oder Wille, das Leben erschaffen lassen, und sie selbst als mahnendes Agens, als die Stimme des Gewissens in des Menschen Brust setzen und als Vernunft dem Verstande zur Seite stellen? Liegt dann der Weg der Gedanken nicht klarer vor uns? Haben wir dann nicht die Grenzen sinnlicher Wahrnehmung mit dem Erkennen des unergründbaren « Lebens » erreicht, und führte uns die Metaphysik nicht weiter über sie hinaus zum Glauben an das letzte vorstellbare Grosse? Nun löst sich auch die Frage, ob das Tun des Menschen Selbstzweck sein kann, ob er selbst Selbstzweck ist oder als solcher doch nur Mittel für ein neues, übergeordnetes Sein.

Die Aufgabe des Menschen lautet: Werde, was du werden kannst; lasse keine Anlagen in dir ungeweckt und vollende dich nach dem Grade deiner Bestimmung. Trachte der beste Baustein zu werden im Gebäude deiner Familie, deines Volkes, der Menschheit. So betrachtet, wird deine Aufgabe und dein Sein zum Selbstzweck und zugleich Mittel zum Zweck nach der natürlichen Rangordnung, nach der das Ganze mehr ist als der Teil.

Von der Erlösung Wer Gott als das letzte regelnde, ordnende, richtende Prinzip ablehnt, die Stimme des Gewissens als ererbte Urfurcht bezeichnet und die Vernunft gleichsetzt dem Verstand, der zerstört die Grundlagen jeder Kultur. Ethik, Sittlichkeit und Verantwortung gäbe es nicht mehr, und herrschen würde nur mehr die blinde, nach Genuss gierige Gewalt. Denn nur unter dem Gesichtspunkte der Wesens-identität von Gott und Mensch erhält nun auch das Problem der Verantwortlichkeit seine Vertiefung. Nur als Einheit des Göttlichen und Menschlichen oder als Gottesmensch ist sowohl Gott als auch der Mensch verantwortlich; denn Gott aus seiner Einheit mit dem Menschen herausgerissen steht als Übersittliches auch über jeder sittlichen Verantwortung, wie der Mensch aus seiner Einheit mit Gott herausgerissen als reines Naturwesen untersittlich ist und noch unterhalb der Grenzen sittlicher Verantwortung steht. Aber Gott ohne den Menschen ist nicht mehr Gott, sondern nur noch Absolutes, und der Mensch als Gottentleerter, rein natürlicher, ist noch nicht wirklich Mensch, sondern Tier und höchstens der Anlage nach Mensch. Der wirkliche Mensch ist immer schon Einheit des natürlichen und geistigen Menschen und als solcher ebensowohl Träger der Verantwortlichkeit wie der Sittlichkeit » ( 9 ).

Die Aufgaben, die dem Menschen als Einzel- und Gemeinschaftswesen gestellt sind, sind keine leichten. Schwer lasten sie auf seinen Schultern, und während der Zeit seines Erdendaseins wird ihm wohl meistens mehr Leid als Freude beschieden sein Es ist daher ganz natürlich, dass zu jeder Zeit die Menschen bemüht waren, Mittel und Wege zu finden, um dieses Leid auszuschalten oder zumindest zu verringern. Askese und Lebensverneinung führen nur scheinbar zum Ziel. Die wahre Erlösung kann nur aus der Überwindung des Leides kommen, das heisst, den Forderungen und Anforderungen des Lebens nicht aus dem Wege zu gehen, sondern ihnen entgegentreten und sie überwinden. Dazu gehört Mut, Kraft und Selbstlosigkeit. Kein Schwacher kann sich selbst erlösen; er wird mit einbezogen in den grossen Erlösungsprozess der Welt, den die Starken im Schaffen und Glauben herbeiführen werden.

Überwindung ist auch der letzte Sinn des Bergsteigens. Kein Meter Höhe wird gewonnen ohne Überwindung von Hindernissen und Hemmungen, kein Ziel erreicht, und sei es auch das bescheidenste, ohne Überwindung von Zeit, Raum und Widerstand. So formt sich das bergsteigerische Tun wieder zum Symbol allen menschlichen Seins auf unserer Erde.

« Wir haben hinter allen Erscheinungen, die uns im Laufe unseres Lebens entgegentreten, als die Einheit des Wesens das „ Leben " erkannt und „ Gott " erahnt. Wir suchen die letzte und tiefste Einheit der Welt und loten sie aus mit dem Prinzip „ Leben ". Wir erkennen Gott nicht und machen über ihn keine Aussagen, die ihn in den Bereich der menschlichen Bilder und Begriffe herabziehen. Aber wir vernehmen seinen Ruf, wir hören seinen Befehl, wir empfangen seinen Stoss, und daraus wird uns der Glaube, das letzte Muss, die letzte Notwendigkeit, die letzte Freiheit » ( 10 ); jene Freiheit, von der Kant meint, dass sie nicht darin besteht, tun zu können, was man will, sondern tun zu können, was man soll, jene Freiheit, über die allein der Weg zur wahren Erlösung führt.

VERZEICHNIS DER BELEGSTELLEN E. Meyer. Das Erlebnis des Hochgebirges. Requiem, Seite 163. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Berlin.

2Platon Theait. 155. Kranz. Griechische Philosophie, Seite 25. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig.

3Nietzsche. Zarathustra, II. Teil, Auf den glückseligen Inseln.

4Nietzsche. Zarathustra, II. Teil, Tanzlied.

5Paul Krannhals. Das organische Weltbild. Bruckmann, München.

6Goethe. Zahme Xenien, VI. Buch.

7Ernst Krieck. Leben als Prinzip der Weltanschauung und Problem der Wissenschaft, Seite 148. Armanen Verlag, Leipzig 1938.

8Goethe. Eins und Alles.

9Eduard v. Hartmann. Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins, Seite 647. Volksverband der Bücherfreunde, Berlin 1924. 3. Auflage.

10 Ernst Krieck. Leben als Prinzip der Weltanschauung und Problem der Wissenschaft, Seite 206. Armanen Verlag, Leipzig 1938.

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