Zur Schweizer Turistik im 18. Jahrhundert

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Von Albert Bruckner.

Auf der St. Galler Stadtbibliothek werden einige für die Kenntnis der schweizerischen Turistik des 18. Jahrhunderts aufschlussreiche Reiseberichte aufbewahrt 1 ). Es handelt sich dabei um Gesellschaftsfahrten durch die Schweiz, wie sie damals Mode waren und charakteristisch sind für das lebhafte Interesse gebildeter Kreise für Geschichte und Natur unseres Landes. Die Teilnehmer, unter denen auch die anonymen Verfasser der Berichte zu suchen sind, stammen aus alten angesehenen Zürcher Familien wie der Rahn, Escher, Hirzel, Waser, Schulthess, Werdmüller, Gessner, Landolt usw., meist Studenten, etwa der Medizin, der Kameralwissenschaften oder Theologie. Während einer Reise begegnet auch der Name des berühmten Altertums-forschers Johann Kaspar Hagenbuch 2 ), der in der Gelehrtengeschichte seine Spuren hinterlassen hat. Ausgangspunkt und Endpunkt dieser Fahrten, die in der Regel zu Fuss gemacht wurden, gelegentlich mit dem Schiff, war Zürich. Die Wege weichen mitunter beträchtlich voneinander ab, öfter berühren sie sich auch. Die Reise von 1727 3 ) verlief so zwischen Zürich, Aarau, Solothurn, Biel, Neuenburg, Yverdon, Payerne, Freiburg, Murten, Bern, Burgdorf, Huttwil, Willisau, Luzern, Samen, Saxeln, Kerenz, Stans, Küssnacht, Arth, Zug, Einsiedeln, Schwyz, Brunnen, Altdorf, Klausen, Schwanden, Glarus, Weisstannental, Ragaz, Pfäfers, Chur, Zizers, Rheintal, Appenzell, Trogen, St. Gallen, Arbon, Konstanz, Schaffhausen, Rheinau, Eglisau, Winterthur, Zürich. Davon verschieden ist die 17514 ) unternommene Reise: Zürich, Zug, Luzern, Alpnach, Saxeln, Sarnen, Gersau, Schwyz, Einsiedeln, Lachen, Mollis, Glarus, Elm, Schwanden, Linthtal, Klausenpass, Altdorf, Gotthard, Oberalp, Disentis, Ilanz, Chur, Pfäfers, Rheineck, Rorschach, St. Gallen, Herisau, Bischofszell, Konstanz, Schaffhausen, Eglisau, Zürich. Wieder anders ist die Route der Reise von 1754 4 ). Hier sind die wichtigsten Punkte Zürich, Aarburg, Solothurn, Bern, Freiburg, Lausanne, Rhonetal, Furka, Urserental, Schöllenen, Engelberg, Luzern, Schwyz, Einsiedeln, Rapperswil, St. Gallen, Konstanz, Schaffhausen, Zürich. Schliesslich sei noch angeführt eine andere Wanderung vom gleichen Jahr 4 ), die teilweise wieder eine neue Strecke zeigt: Zürich, Zug, Luzern, Entlibuch, Sarnen, Stans, Brunnen, Altdorf, Gotthard, Leventina bis Faido, Lukmanier, Medelsertal, Disentis, Chur, Pfäfers, Wallensee, Mollis, Glarus, zurück und ins Obertoggenburg, St. Galler Rheintal, St. Gallen, Bodensee, Konstanz, Schaffhausen, Winterthur, Zürich. Die Reisezeit ist gewöhnlich Juli und August. Die Tagesleistungen sind schwankend, gute Leistungen sind 7, 8, 9, ja sogar 10 Marschstunden. Dazwischen liegen Pausen von ein paar Stunden bis ein, zwei Tage, je nachdem der berührte Ort gerade Merk- und Denk-würdiges aufwies.

Aus Interesse an der Landesgeschichte jedenfalls mehr als aus reiner Neigung zum Wandern um des Naturgenusses willen wurden diese Fahrten unternommen. Das eigentlich Turistische kommt so im Grunde genommen sehr wenig zur Geltung. Indessen sind doch einige bemerkenswerte Schilderungen hier versteckt. Das Antiquarische herrscht z.B. in der von Hagenbuch geleiteten Reise von 1727 vollkommen vor. Er hat seinen Studenten die Augen für die Schätze des schweizerischen Altertums wirklich geöffnet. Der Bericht strotzt geradezu von Wiedergaben antiker, mittelalterlicher, neuerer Inschriften, von Beschreibungen besuchter Bibliotheken, gesehener Schlachtorte, Gebäude, Denkmäler, Gemälde usw., von der Aufzählung politischer und kultureller Ereignisse, Begebenheiten und Erscheinungen. Er ist überreich an Zitaten aus der damaligen Handliteratur. Legenden, Sagen und anderes werden erzählt, betrachtet durch die kritische Brille des Jahrhunderts. Die Schilderung dagegen ist ausserordentlich arm an Bemerkungen über die Landschaft. Charakteristisch für diese Turisten und teilweise auch für die damalige Zeit ist die um der schönen Aussicht auf das Flachland willen unternommene Pilatusbesteigung, wobei man die Berge gerne hinweggewünscht hätte, da sie die Fernsicht beeinträchtigten. Wesentlich fortgeschrittener ist das Interesse an der Naturschönheit in den Reiseberichten von 1751 und 1754 1 ), die beide vom gleichen Verfasser herrühren. Die jungen Leute führten mit sich Auszüge aus Scheuchzers « Bergreisen », ferner den « Mercurius » und die « Historia naturalis » des J. J. Wagner, ausserdem ein « anderthalbschuhlanges » Perspektiv, ein « Thermometrum Faren-heitii », eine Bussole zu magnetischen Messungen und einen Masstab. Historische Erinnerungen sucht man hier nicht, Zitate sind seltener. Die Erzählung ist frisch, weniger gelehrt, reicher an Naturbeschreibungen. Manche richtigen naturkundlichen Bemerkungen werden gemacht. So ergeht sich der Verfasser angesichts eines von einer Lawine zerstörten Dorfes in Ausführungen über Entstehung und Art von Staub- und Schlaglauenen, beim Anblick des Rhonegletschers schreibt er vom Wandern der Gletscher, in Linthtal werden magnetische Messungen vorgenommen usw. Der Verfasser besitzt vor allem Verständnis für die Naturschönheit der Bergwelt. Wert der Wiedergabe betrachte ich aus diesem Grunde die Darstellung der Wanderung von der Pantenbrücke über den Gemsfayren zum Klausen hinunter.

« Die steilen Felsenwände ( von der Pantenbrücke aus gesehen ), die sich zu beiden Seiten ob und nid sich nach und nach zusammenziehen die nach der Seite der Wände abnehmende Heitere, der in den tiefen Abgrund herunterschiessende und schäumende Fluss, das überall einsame und schattigte Wesen, das all da regieret, verdienen eines Reisenden Aufmerksamkeit. » Nach dem Abschied von ihrem Begleiter, einem Dr. Tschudi, « stiegen wir fort in das kleine Ueltal, in welchem wir hart vor uns die berühmten Gebürg, wasserseits den Selbsanft und gegen Süden den Tödtiberg, der von den höchsten in der Schweiz gehalten wird, hatten, auch die allerorten herabrinnenden Wasser zu Vergrösserung der Linth mit vielem Vergnügen und Bewunderung zusammenlaufen sahen, deren das fürnemste der von Süden ab den Glätschnern der Sandalp herabrinnende Sandbach ist und... als die eigentliche Quell der Linth kann angesehen werden. Ein Erfahrner der Malerkunst würde weder Zeit noch Müh sparen, diese Gegend geflissen zu entwerfen und in wahrer Natur zu kündigen. Wann er neben sich den Selbsanft mit seiner von unten bis an den Gipfel senkelrecht stehenden Felswand, vor sich den Tödtiberg mit seinem immerwährenden Eis und Schnee, da die Fälle der rauschenden Wasser, dort die nackenden Flüen und Felsen, hier die zierlich geblümten Weiden ansieht, so muss er ab der wunderbaren Verschiedenheit dieser Dinge erstaunen, sein Gemüt fasset eine heilige Ehrfurcht ab dem gewaltigen Schöpfer... Aus diesem engen Ueltal — so fährt er fort — hätten wir uns noch nicht so geschwind wegbegeben, allein da der Streit, den die Bies und Höhen miteinander hatten, aufgehört und dieser mit Regen die Oberhand behielt, so mussten auch wir aus dem Feld dem vorgenommenen Ziel dieser Tagreise, der Alp Käsboden, zueilen. Die Aufwart, die wir von den Innhabern dieser Alphütte genossen, war einfältig und gut. Hölzerner Löffel und eine Mutten... aber alles reinlich gehalten, machten das Geschirr, Milch, Butter und Käs unsere Mahlzeit und wohlriechendes Heu unser Nachtlager aus. » Den folgenden Tag, es ward der 6. August 1751, ging die Gesellschaft mit ihrem Führer, einem Gemsjäger, über die Alp Bärenboden bis auf den Gemsfayren und von dort gegen den Claridengletscher; « diese verwunderungswürdigen Eisberge, die viel Klafter hoch aufeinander aufgetürmt, gänzlich blass dastehen, geben dem Reisenden von ihren grünblauen und durch die Sonnenstrahlen schimmernden Farben eine schöne Augenweide. » Glücklich gelangten sie am Abend auf dem Klausen an.

Auch an andern Stellen merkt man dem reiselustigen Verfasser sein grosses Interesse an der Landschaft an. Die Beschreibung des Rhonegletschers, des Aufstieges zur Furka, dann die Erwähnung von zahlreichen Kleinigkeiten aus der Bergwelt, die man in den übrigen Berichten an keiner Stelle findet, zeigen dies deutlich.

Wieder davon verschieden ist der Charakter der zuletzt genannten Darstellung von 1754 1 ). Die Handschrift zeichnet sich gegenüber den andern durch einige gute Originalzeichnungen aus, Bilder vom Wallensee, der Teufelsbrücke über der Schöllenen, dem Aufstieg zum Gotthard usw., denen Kupferstiche, die älteren und gleichzeitigen Drucken entnommen sind, beigegeben werden. Leider überwiegt auch hier das Nichtturistische. Der Verfasser scheint Kameralist gewesen zu sein. Mit Vorliebe macht er statistische Angaben über die Bevölkerung, über Wirtschaft und Industrie, verweilt länger als notwendig bei Fragen der Verfassung, Verwaltung der durchwanderten Orte, erörtert gern die Herkunft dieser Dinge und gibt Aufschluss über die Konfession der Bewohner. Beispielshalber sei die Lukmanierfahrt mitgeteilt, etwas abenteuerlich und ganz in der Art, wie man damals zu reisen pflegte, nicht unähnlich der oben genannten Pilatustur. Da die Reisenden von Faido ausgingen, ist es wahrscheinlich, dass sie zunächst über den Passo Predelp, 2451 m, gezogen sind. Nähere Angaben fehlen.

« Den 20. Juli — so erzählt der Bericht — verreisten wir gegen Abend einen steilen Berg hinauf auf Waschg, in der Meinung bei guter Zeit zu St. Maria anzulangen. Von da wiederum bergauf. Zuoberst sind die schönsten Weiden, welche von wohlriechenden Kräutern prangen. Diese Weiden ziehen sich in die Länge etwa eine halbe Stunde.Von da bestiegen wir einen hohen Schroffen und dann den zweiten und dritten, ja es dünkte uns, als ob wir gänzlich in die Wüste wandern müssten. Zudem waren diese Felsen und Schroffen wegen hinabgefallenen Steinen fast unzugänglich. Auf dem Gipfel des dritten Bergs fanden wir viel Eis und Schnee, unter welchem viele Bäche hervorschiessen und den Berg hinabfliessen. Zudem war es unerträglich kalt und fing an zu dunkeln. Unser Guide sprach uns Mut ein, es weiters zu wagen, und mussten wir bei Nacht über Schnee, Steine und durch Wasser wiederum bergab. Gott sei Dank, dass es Mondschein war. Endlich langten wir nach viel ausgestandenen Gefahren um 10 Uhr bei einer Sennhütte an, bei welcher etwa 10 Personen, jung und alt, sich an dem Feuer wärmten. Wir baten daselbst um Herberg. Man schlug uns selbige ab, weil man uns vor Soldaten oder sonst gefährliche Leute ansah. Wir brachten es kaum dahin, dass man uns Milch und Schotten gab. Von da gingen wir über eine lange Weide, durch welche ein starker Bach fliesst, welcher der Ursprung des Mittleren Rheins ist. Wir mussten noch bei starkem Nebel und Kälte durch diesen Bach waten. Endlich langten wir um 12 Uhr zu Nacht in dem Spittal zu St. Maria glücklich an, nachdem wir 9 Stunden über den Lukmanier, von dem man uns gesagt, es war nur 5 Stunden, gegangen... » Über die Kosten dieser Fahrten sind wir nicht gleichmässig unterrichtet. Nur die Handschrift 496 macht nähere Angaben. Danach brauchten die Teilnehmer der Reise von 1751 im ganzen 408 Gulden, diejenigen der Reise von 1754 dagegen etwas mehr als 680. Recht wertvoll sind die Angaben über die morgens, mittags und abends besuchten Wirtshäuser, über Nachtquartier und täglich zurückgelegte Marschstunden und Einzelstrecken, wie sie der Bericht von 1727 enthält. Von der oben genannten Reise von 1754 wissen wir nur, dass dazu 170 Gehstunden gebraucht wurden. Die angeführten Manuskripte bieten gewiss manches Bemerkenswerte und zeigen den Unterschied zwischen dem ehemaligen und unserm Reisen, zugleich aber ist es wertvoll zu sehen, wie sich in diesen Beschreibungen eine Entwicklung in der Stellung zur Natur dartut und das bloss antiquarische Interesse allmählich verdrängt wird.

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