Zwanzig Jahre Bergsteigen

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EIN RÜCKBLICK VON EDMOND PIDOUX ( LAUSANNE )

Mit 6 Bildern ( 47-52 ) Es gibt Etappen im Leben eines Bergsteigers, wie es sie auf jeder seiner Fahrten gibt. Als Knabe ist ihm der nächtliche Aufbruch beschwerlich. Noch halb im Schlaf, trottet er hinter den Erwachsenen her, ohne recht zu verstehen, noch viel zu klagen. Aber das Licht des neuen Tages erfüllt sein Herz und seine Muskeln mit Kraft, mit einer Lebensfreude, in der er sich selbst entdeckt, und in den stürmischen Stunden dann, wo er sich durch die Schwierigkeiten im Eis und im Fels kämpft, setzt er sich mit ganzer Kraft ein und gibt sich leidenschaftlich hin. Es ist, als ob weder Geist noch Körper je ermüden könnten.

Auf dem Gipfel steigert sich die Genugtuung - wenn sie nicht durch widrige Umstände erlischt -zu höchster Freude oder heiterer Ruhe. Dann aber ist die Kulmination überschritten, ist das Wunder vorbei, und es heisst den langen, ernüchternden Abstieg auf sich nehmen. Am Abend in der Hütte wandelt sich das Abenteuer schon in Erinnerungen, Bilder und Mythen, und in der Nacht unter dem Hüttendach, auf das vielleicht der Regen trommelt, gibt der zerschlagene Körper den Geist frei, und man ist glücklich, einfach da zu sein.

Ich habe den Berg von mir aus entdeckt dank Ferienaufenthalten im Chalet, dem einzigen Luxus, den mein Vater seinen sechs Kindern bieten konnte. Der erste Weltkrieg hatte uns noch nach Belgien verbannt, fern vom Land meiner Träume, das ich noch kaum gesehen hatte. Ich kannte seine hundert Gesichter nur aus einem dicken Bildband: La Suisse Illustrée von Albert Dauzat aus dem Verlag Larousse. Endlich, mit vierzehn Jahren bot sich mir der erste Ferienaufenthalt in den Bergen, in Morgins. Diese Wochen durchlebte ich mit Inbrunst, den Dingen mit heller Wachheit gegenüberstehend und in berauschendem Gefühl der Freiheit.

Für meinen Vater war der Berg vor allem der Wald mit seinen Pilzen, seinen Früchten, Blumen und Insekten. Es waren die Hochwälder mit ihrer Stille und ihrem Widerhall, mit ihren Wohlgerüchen und ihrem Gestrüpp, das Spiel des Lichtes und der Schatten. Er wurde nie müde, die Wälder zu durchstreifen, so dass wir ihm kaum zu folgen vermochten. Der Entdeckungseifer trieb ihn vorwärts, stundenlang, durch abscheuliches Buschholz an abschüssigen Hängen. Ich war ein schlechter Jünger. Mein Vater hat in mir nie das Interesse für seine Liebhabereien wecken können.

Zweifellos hatte ich aber die meinen. Eines vor allem zog mich mächtig an: die Höhe. Es war die gleiche Anziehung, die später die Wüsten Afrikas auf mich ausübten, die gleiche Bezauberung durch eine vereinfachte, auf die elementare Linie zurückgebrachte Welt, auf das ursprüngliche Relief: auf die urweltliche Nacktheit, die man in unserem Land nur über der Vegetationszone findet.

Für die Meinen kam es kaum in Frage, über die Region der Alpweiden hinauszusteigen. Ich liebte deren kurzes Gras, die kleinen, aber vollkommener geformten Blüten, kräftiger und intensiver in den Farben als die der Futterwiesen und im Unterholz. Heute noch erregt und entzückt mich nichts so wie diese Übergangszone und der Augenblick, wo man aus der Welt der unteren Region in die obere übertritt oder umgekehrt. Man kann nicht sagen, ob etwas zu Ende geht oder etwas 6Die Alpen - 1961 - Les Alpes81 beginnt, ähnlich wie bei den einander parallelen Jahreszeiten des Herbstes und des Frühlings. Man empfindet etwas vom aufregenden Schwindelgefühl wie beim Schwanken auf der Gratscheide zwischen zwei Abhängen.

Auf den Weiden gab es immerhin von den Graten herabgefallene zerstreute Felsblöcke. Ein Kind, das nicht daran denken würde, auf sie hinaufzuklettern, müsste nicht normal sein. Es müsste ihm ein Instinkt fehlen, ein ebenso gebieterischer wie der zu essen, zu lieben oder sich zu streiten. Ich liess keinen einzigen Felsblock auf meinen Besuch warten. Darüber hinaus aber schweifte mein Blick nach den stehengebliebenen Zacken und Nadeln oben in den Wänden, denen ich sicher eines Tages meine Aufwartung machen würde. Einmal riss ich aus und kam bis auf zwei, drei Meter unter den Gipfel eines Schiefergendarms, den sicher noch niemand in den Flanken des Geant - dieses Berges mit dem Umriss eines menschlichen Kopfes - entdeckt hatte. Ich kann jetzt noch das Zittern vor Angst und zugleich das Verlangen nachempfinden, das mich erfasste, als ich vor der letzten, ins Leere hinausragenden, bröcklige Platte stand, auf die ich mich nicht hinauswagte. Ich trug Gewissensbisse mit heim über dieses Versagen, durch das « meine » Nadel in ihrer Einsamkeit zurückblieb.

Ein andermal wagte ich mit meiner Kusine die Besteigung einer bescheidenen Spitze, zu bescheiden, als dass ich sie hier nennen möchte. Neben ihrem Gipfel, über steilem Rasen, war ein Felsvorsprung, den ich als unübersteigbar erachtete. Wir mussten nach rechts über den Abgrund in die schlüpfrigen Grascouloirs ausweichen. Wieder war mein Herz beklommen von Furcht, vom lastenden Gefühl meiner Verantwortung und dem zugleich erregenden einer heldenhaften Komplizenschaft mit meiner Kusine. Dies war auch meine erste Erfahrung als « Führer ».

Was bedeutet das wirkliche Ausmass seines Tuns für den, der das Leben zu buchstabieren beginnt. Es zählt nur der Sinn, den er darin entdeckt oder den er hineinlegt. Ich sollte jedoch nicht bei den Anfangsgründen stehen bleiben. Mit 16 Jahren hatte ich erst einige Falten der Voralpen entdeckt, als sich mir das beglückende Erlebnis einer Tour zur alten Dixhütte bot und weiter bis an den Fuss des Mont Blanc de Cheilon. Für immer - das ist das Vorrecht der ersten Erinnerungen -werde ich den Berg vor mir sehen, wie er plötzlich über der Höhe einer Moräne im safrangelben Licht einer aussergewöhnlichen Morgenröte erschien: die Seite einer Pyramide und zu beiden Seiten zwei Gletscherschultern, wie die ausgebreiteten Flügel eines Adlers. Ein Wunder an Gleichmass und Symmetrie, trotz Ungleichheit der beidseitigen Massen.

Wir überschritten den schneefreien Gletscher, für uns eine weitere Entdeckung, die wir Schritt für Schritt mit begeisterter Aufmerksamkeit erforschten, um dann über den Riedmattenpass nach Arolla hinab zu gelangen. Während meine Eltern einen Halt einschoben vor dem Aufstieg, eilte ich mit einem gleichaltrigen Knaben zum Fuss des Pas de Chèvres, dessen Ruf - ich weiss nicht woher - zu mir gedrungen war und von dem ich schon geträumt hatte. In einigen Sätzen hatte ich das Band erklettert und die Platte überschritten. Es waren nur noch ein paar Meter bis zur Höhe des Übergangs, der sich dem Blick entzog. Wieder erfassten mich Skrupel und Furcht! Es ging zu tief hinunter zu meiner Linken, und ich fühlte mich den Meinen gegenüber im Unrecht, die in ihrem Vertrauen nicht auf meinen Seitensprung geachtet hatten. Meine Unternehmungslust war gebrochen. Mit grosser Mühe stieg ich wieder über die Platte hinab und landete auf den Schultern meines Freundes, der unter meinem Gewicht schwankte.

Aber zwei Wochen später wiederholte ich die Traversierung mit meinem Vater und meinem älteren Bruder. Es war Mittsommer. Knaben und Mädchen aus dem Tal gingen vor uns her, die ersteren angeberisch und lärmend, die Mädchen sehr behindert in ihren langen Röcken, so dass sie sich auf den Knieen mit gestreckten Armen hinaufziehen lassen mussten. Mir schien, dass wir eleganter und schneller als irgendjemand das Band passierten, und ich konnte jetzt lachen über die Angst, die mich vierzehn Tage vorher drei Schritte vor dem Ausgang zur Umkehr gezwungen hatte.

Wir kamen frühzeitig in Arolla an. In unserer Begeisterung gingen wir weiter bis zum Plan de Bertol und weiter bis zur Hütte gleichen Namens. Auf dem kleinen Gletscher hatten wir Gelegenheit, das Heuseil, das uns unser Hausmeister in Hérémence geliehen hatte, in Betrieb zu nehmen. Ich kannte « natürlich » die Kunst des Anseilens. Meine Meinung von unseren « angeborenen » Talenten hob sich noch mehr, als ich einigen deutschen Alpinisten reiferen Alters zusah, wie sie -über-ausgerüstet, wie man es in ihrem Land der Gründlichkeit gerne ist - hundert absurde Manöver unternahmen, um ein paar Schneebrücken zu überschreiten und dann, weniger am Fels als an den fixen Seilen, zur Hütte hinaufkletterten.

Für uns kam ein Übernachten im « Adlerhorst » von Bertol nicht in Frage. Unsere Finanzen reichten gerade für die Passantentaxe und einen Krug ungezuckerten Tees. Wir stiegen am gleichen Tag bis zum ersten Weiler nach Arolla ab, wo wir uns aufs Heu legen konnten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Alpinist anders als in einer Hütte oder Scheune nächtigen könnte, und unsere bescheidenen Geldmittel störten mich nicht im geringsten. Höchstens bedauerte ich, dass, wenn man schon gratis im Heu schlafen konnte, man sich nicht auch davon zu nähren vermochte.

Es gibt im Jugendalter eine ans Wunder grenzende Fähigkeit, sich anzupassen. Sie gleicht der Mimikri des Kleinkindes, das die Sprache und das soziale Betragen einfach durch unmittelbare Übertragung lernt, indem es sich selbst vergisst und sich leidenschaftlich der Welt zuwendet.

Mein Lateinlehrer im Collège, Prof. Aimé Baechtold, war ein überzeugter Alpinist erster Klasse. ( Er wurde später Führerchef im Central-Comité des Alpen-Clubs. ) Ah! seine unvergesslichen Abschweifungen über Virgil und Sallust hinaus! Seine Kommentare zum Krieg des Jugurtha und die famose Erstürmung der Felsen von Constantine durch die Angreifer! Und dann die unvergessliche Schulreise im letzten Jahr, wo er uns zum Lötschengletscher und über den Lötschenpass führte!

Ich bin dann an das langweilige Obergymnasium übergetreten, um mich dort ohne Begeisterung auf mein Diplom vorzubereiten. Mein guter Stern hat mich immerhin in der Bibliothek dieses Instituts eine Perle entdecken lassen, die Besteigungen in den Alpen und im Kaukasus von Mummery. Die Unsachlichkeit, die Phantasie und der Humor dieses Gentleman-Alpinisten entführten meinen Geist in eine berückende alpine Welt, in die ich mich jede Stunde des Überdrusses, das heisst fast ständig, flüchtete. Die Mädchen zeichneten Tänzerinnen oder prächtig frisierte Frauenköpfe in die Seiten ihrer Bücher. Meine waren mit « Matterhörnern », mit Seilschaften, Klettereien und Führer-pickeln mit endlos langen Spitzen illustriert.

Nun erhielt ich eines Tages von meinem früheren Lehrer die Einladung, ihn mit einer Klassen-kameradin auf eine Tour in die Aiguilles de Trient zu begleiten, zuerst zur Javelle, dann zum Chardonnet. Man sieht: unser Lehrer zweifelte weder an sich noch an uns! Und sicher stand er dem besten Berufsführer nicht nach und durfte sich erlauben, Anfänger wie wir auf dieses Abenteuer mitzunehmen. Er hatte unsere Begeisterung bemerkt und dachte mit Recht, dass man auf dieser Grundlage viel wagen durfte.

Wir waren also in den Dorées. Nie hatte ich mir erträumt, so schöne, kühne und schwierige Berge besteigen zu dürfen. Und doch spielte sich nun alles ab, als wäre ich immer mit ihnen vertraut gewesen. Nicht das geringste Gefühl von Fremdheit: diese Welt hatte mich erwartet, ich war dafür bestimmt. Mein Fuss passte sich von selbst ihrem Fels oder ihrem Schnee an, meine Finger ihren Griffen, meine Muskeln ihren Steilhängen, meine Atmung ihrer Luft. Das war die Gewöhnung, die ich mir, ohne es gewahr zu werden, auf meinen bescheidenen aber leidenschaftlich erlebten Berg-ausflügen unvermutet angeeignet hatte.

Nach der Javelle machte schlechtes Wetter unserer Fahrt ein Ende. In der Dupuishütte verbrachten wir eine jener Sturmnächte, die den Reiz dieser alten Schutzhütte etwas ungemütlich machte. Die Windstösse, die an der Blechverkleidung der Wände rüttelten, bewirkten ein fortgesetztes, donnerähnliches Rollen. Der feine Schnee drang durch die Fugen und fiel auf unsere Decken. Die Bretterkabine schwankte die ganze Nacht hindurch, und die im Fels verankerten Stahlseile schwangen auf und ab. Es brauchte nicht weniger als einen solchen Orkan, um die Besteigung dieser unvergleichlichen Nadel zu feiern - die Freude, dass ich aufrecht auf ihrem schmalen Gipfel gestanden. Ich fühlte mich wie am Morgen nach einer Initialzeremonie, wie ein nach geheimnisvollem Uber-gangsritus Beförderter. Und ich kostete, in meine Decken gehüllt, die ersten Stunden meines neuen Lebens. Es erschien mir nun viel unwichtiger, ob ich beim Baccalauréat scheiterte.

Zwei Wochen später führte ich meinen Vater und einen meiner Brüder auf die Aiguille du Tour. Und wirklich, die Zeremonie der Javelle hatte mich verwandelt. Ich sah den Berg auf eine neue Art; es war nicht mehr eigentliche Anbetung, sondern das heitere Hochgefühl, ihn zu kennen, und noch ausgeprägter, das Gefühl von Kraft und Kühnheit, das Gefühl, mündig geworden zu sein.

Im nächsten Jahr hatte ich mein Diplom in der Tasche und durfte nach Belieben schalten und walten. Meine Eltern brachten mir unerwartet viel Vertrauen entgegen.

In Les Ormonts, wo wir den Sommer verbrachten, hatte ich das Glück, demjenigen zu begegnen, der für lange Zeit mein Seilkamerad werden sollte: Henri Mercier. Wir stimmten vollendet überein, im Alter, im Charakter und in der Art, den Berg zu betrachten und eine Fahrt zu entwerfen. Wir fanden beide - mehr ästhetisch als moralisch - Geschmack an ihrer Durchführung wie aus einem Guss. Ein Irrtum in der Route oder eine Ungeschicklichkeit, und waren sie noch so geringfügig, ärgerte uns, und wir beurteilten eine solche Fahrt als « gemacht, aber nicht geglückt ». Das galt auch bei einem noch so schwierigen Gipfel, wenn mir beim Abstieg ein Fehltritt passierte.

Unser gegenseitiges Übereinkommen wurde indessen durch eine unsern Prinzipien wenig würdige Lausbuberei eröffnet. Am Tag unserer ersten Begegnung hatte mir Henri empfohlen, so bald als möglich die Petite Cape de Moine über die der Grande C. de Moine zugekehrte Wand, zu versuchen. Einer solchen Einflüsterung konnte ich nicht widerstehen, obwohl meine Bergsteigerkarriere in dieser faulen Wand, wo jedes meiner vier Glieder den Dienst versagen wollte, fast ihr Ende gefunden hätte, indem ich wohl zehnmal Gefahr lief, abzustürzen. Als nach meiner Rückkehr Henri vernahm, dass ich die Sache versucht und gewonnen hatte, war er ganz hingerissen und glaubte, da er dieselbe Erfahrung hinter sich hatte, dass wir wie füreinander geschaffen wären. Jedenfalls schienen wir gleich unvernünftig zu sein, da ich ihm sogar dankbar war, dass er mich zu dieser Probe aufgestachelt hatte.

Bis im Herbst durchliefen wir nun zusammen die Waadtländer Alpen, von den Diablerets bis zu den Dents de Mordes, wobei wir Brüder und Schwestern mitschleppten, Knaben und Mädchen ungefähr unseres Alters, denen gegenüber wir das angenehme Gefühl der Überlegenheit an Erfah-,.

rung hatten... Wir waren nun gerüstet für einen ruhmreichen Sommer 1928 - den Sommer unserer Volljährigkeit! -, wo wir eine zusätzliche Geldquelle aus « Privatstunden », dieser wohltätigen Einrichtung für junge Studenten, besitzen würden.

Der Sommer 1928 hielt sein Versprechen und bescherte uns im Anfang ein Wetter, das den anspruchsvollsten Wünschen genügen konnte. Natürlich war es die Schweizerseite des Mont Blanc, die mich anzog - und wenn es nur aus Treue zu meinem Lehrer Baechtold gewesen wäre. Ich hatte den Beginn meiner Karriere unter das Zeichen seiner Begeisterung gestellt und meinen Eintritt in den Alpenclub unter seine Patenschaft. Es war eine neue, in meinen Augen ansehnliche Promotion.

Meine Familie und diejenige Henris mieteten zwei benachbarte Chalets in Prayon bei La Fouly. Welch wundervoller Sommer! Einen Freund zu haben, der jederzeit zur Verfügung stand für alle Touren, die ich ausführen wollte! Das Einverständis unserer Familien — und Sonne jeden Tag, den uns Gott bescherte!

Tour Noir, Dorées, Grande Fourche, Portalet, Darreys; es waren gegen zwanzig Gipfel, die wir in fünf oder sechs Wochen bestiegen, und jeder von ihnen hatte sein eigenes Gesicht, seine Geheimnisse und Hinterhalte, seine Schönheiten. Wir waren Stammgäste in den Hütten geworden -Orny, Dupuis, Saleinaz, Dufour. Die Hüttenwarte waren unsere Freunde und überliessen uns ohne Schwierigkeit das Vorrecht des Hüttendienstes, des Holz- und Wassertragens und des Abwaschens! Wir machten uns ein Vergnügen daraus, und ebenso gern verzichteten wir auf unsere Strohsäcke in überfüllten Nächten und schliefen auf den Tischen.

Für mich ging der Sommer mit der Besteigung des Zmuttgrates am Matterhorn zu Ende. Ich begleitete ein Fräulein aus meiner weiteren Bekanntschaft mit Führer und Träger. Noch einmal eine Bergfahrt, die mir nahezu zum Verhängnis wurde. Der junge Führer, der sich noch gerne etwas hervortat, wollte aufbrechen, trotzdem das Wetter nichts Gutes versprach. Der Träger, sein Schwager, hatte seinen Fuss noch nie auf einen Berg gesetzt und zeigte einen unverantwortlichen Mangel an Befähigung für seine Aufgabe. Als Dritter in der Seilschaft, musste ich ihm zuerst als Führer, dann auch als Träger dienen. Unter anderen Umständen hätte mir das Vergnügen bereitet und mich mit Stolz erfüllt; aber bei den Zmuttgraten überfiel uns das Unwetter und liess uns nicht mehr los. Wir kämpften um unsere Haut, und da das Fräulein eher schlecht vorwärtskam und endlich in Tränen ausbrach, kam das Abenteuer mehrmals einer Katastrophe nahe. In den Platten in der Nähe der Carrel-Galerie seilte sich der Führer los, um zu rekognoszieren. Er verschwand im Nebel, und wir hörten nur noch den Wind - und dann ein Herunterkollern von Steinen... Unsere Beunruhigung wandelte sich in Schrecken, als er auf keinen unserer Anrufe antwortete. Nach einer Viertelstunde tauchte er dann aus dem Nebel auf, ohne, wie er sagte, uns gehört zu haben. Eine Viertelstunde Unbeweglichkeit und Angst: mehr brauchte es nicht, um uns bis ins Mark auszukühlen und den völligen Zusammenbruch unseres Fräuleins und des Trägers herbeizuführen.

Beim Abstieg schätzten wir die Solvayhütte als Zuflucht für zwanzig Stunden, trotz Unordnung und Schmutz, die darin herrschten. Der Führer fühlte sich krank, rollte sich in Decken und rührte sich nicht mehr. Das Fieber schüttelte ihn, und seine Zähne klapperten. Unser Fräulein und der Träger hüllten sich in verstörtes Schweigen. Erst als ich das Rechaud der Hütte in Betrieb setzen wollte, gab es etwas Belebung. Aus dem beschädigten Apparat hatte sich das Petrol heimtückisch über Tisch und Boden ergossen, so dass ich mit dem Rechaud zugleich fast die Hütte anzündete. Ich frage mich jetzt noch, von welchem Aussichtspunkt aus wir dem Auflodern der Hütte hätten zuschauen können ohne mitzuverbrennen... Aber die Sache ging nicht so weit. Es gelang mir, die Flammen unter dem umgestürzten Tisch zu ersticken, während der Träger den brennenden Apparat in den Schnee hinaus warf. Leider hatte uns die Feuersbrunst nicht für mehr als fünf Minuten Gesprächsstoff geliefert...

Der Abstieg zwanzig Stunden später, im Schnee, der alles verhüllte, war schlimmer als der Aufstieg. Schon in der Mitte der Mosley-Platten weigerte sich der Träger weiterzugehen. Der Führer seilte sich los, um ihn an den Füssen zu packen, während ich mich unserer Touristin annahm, die wieder von nervösem Zittern befallen war. Und so ging es stundenlang weiter, mit einem unerhört heftigen Gewitter unterwegs, bis wir nachts 2 Uhr in der Schönbühlhütte wie Schiffbrüchige an Land gespült wurden.

Wie weit entfernt waren wir von meinen « Fahrten aus einem Guss » dieses Sommers!

Ich glaube, dass sich in die Entwicklung eines Alpinisten, der sich selbständig macht, immer auch etwas Torheit einschleicht. Es lag nicht in meiner Natur, leichtsinnig zu handeln, aber andere übernahmen es, mich in noch abenteuerlichere Unbesonnenheiten hineinzuziehen, als es das Matterhorn war. Einigen - im übrigen äusserst sympathischen und seither ruhiger gewordenen - Hitz-köpfen verdanke ich besonders lebhafte Erinnerungen dieser Art. Eines Tages machten wir sogar durch reinen Zufall eine « Erstbegehung ». Das Geheimnis eines solchen Erfolges ist, dass man sich in eine so hoffnungslose Situation begibt, dass einem, um sich herauszuziehen, nichts anderes übrigbleibt, als die Sache bis ans Ende durchzustehen.

Wir waren bei zweifelhaftem Wetter unterwegs zum kleinen Clocher du Portalet. In der Scharte zwischen zwei Nadeln begann es zu regnen. Damit der Tag nicht ganz verloren war, schlug unser Leader vor, dass wir uns mit dem Grand Clocher begnügten, der sicher leichter war. Man weiss ja, dass in der Welt der Clochers, Türme, Nadeln und Zacken die « kleineren » immer zäher sind als die grossen.

Wir bewegten uns also als Viererseilschaft - zwei Anfänger unter unserer Obhut - auf der Gratschneide. Die Sache wurde bald schwierig, und immer öfter lud mich der Leader ein, ihm als Steigbaum zu dienen. Ich bewunderte seine Vorliebe für diese Art, sich ein Gerüst zu verschaffen, und die Kunst, mit Aufbietung der letzten Mittel zu klettern. Ich entdeckte bald das oben beschriebene Verfahren, um sich zum « Weiterweg nach oben » zu zwingen. Der wackligste « Steigbaum » wurde zwei Meter unter der scharfen Spitze des grossen Gendarms ausgeführt. Unser Erster hatte diesen Punkt noch einmal unter Benützung meiner Schulter und dann durch riskiertes Klettern mit kleinsten Ritzen als Griffe erreicht. Dann geriet er in eine so kitzlige Situation, dass er mich bat, ihm so schnell als möglich zu Hilfe zu kommen Ich tat es so gut als möglich. Was konnten wir von unseren « Lehrlingen » erwarten, die seit einer halben Stunde irgendwo am Ende des Seils mit den Zähnen klapperten und sich - die Armeneinen Haufen nutzloser Fragen stelltenAls ich meinen Kameraden erreicht hatte, trat er mir seine Griffe, einen nach dem andern ab, um sich dann seinerseits auf meine Zehen und Finger zu stützen. Dann bediente er sich meiner Knie und endlich meiner Schultern, und von meinem Kopf aus brachte er das Kunststück glänzend zu Ende. Der beste Beweis, dass etwas Gutes an seiner Methode war, ist, dass ich noch am Leben bin, um davon zu berichten.

Es ist hier vielleicht der Augenblick, um ein anderes « Stücklein » zu gestehen, auf das ich, wenn ich darüber nachdenke, keinen Grund habe, stolz zu sein... Im Jahre 1929 waren wir zum Besuch der Vierge de Gagnerie gekommen, dieser ungefähr 150 Meter hohen, ungeheuren faulen Felspartie, die die Wand gleichen Namens in den Dents du Midi seitlich abschliesst. Sie hatte ihre Geschichte gehabt und ihre Unberührtheit schon einmal verloren, diese aber nach langer Vernachlässigung beinahe wieder zurückerlangt. Wir machten die Bekanntschaft der unglaublichen « Piles d' assiettes », die zum Fuss der Schlüsselstelle führt, einer sechs bis sieben Meter hohen senkrechten Mauer aus prächtigem gelben Kalk, der Perle in diesem faulen Gestein. In ihrer Nische fanden wir die Leiter, die die Erstbesteiger zurückgelassen hatten, und mit deren Hilfe standen wir bald auf dem Gipfel.

Als wir beim Abstieg wieder zum Fuss der Mauer kamen, versuchte einer von uns, die Sache nochmals, ohne Leiter, nur mit Hilfe des dicken Eisenkeils, der auf halber Höhe in der Wand steckte, zu bewältigen. Es gelang ihm, und wir machten es ihm nach, um zu beweisen, dass es auch ohne Leiter ging.

Eine andere, im Aufstieg befindliche Seilschaft, die uns beobachtet hatte, bewältigte die Stelle in gleicher Weise. Da aber ihr Letzter ein Seilende herabhängen liess, befestigten wir aus Übermut das Gerät daran, und jener fand es ebenso lustig, das Ding bis zum Gipfel hinaufzuziehen. Ein Dritter liess sich einfallen, es aufrecht in den Gipfelmann zu pflanzen. Am Schluss unserer gemeinsamen Belustigung war ich es, der mit einem spitzen Stein die Einladung in die Felswand kritzte, die Leiter vom Gipfel herunterzuholen, wo sie jedem Interessenten zur Verfügung stehe.

Zwei, drei Jahre nachher erschien in den « Alpen » ein Tourenbericht über die Vierge de Gagnerie, unterzeichnet von Louis Seylaz. Er sprach von seinem Pech, die Leiter nicht an ihrem Platz gefunden zu haben, von seiner Wut, als er die dumme Inschrift las, und von der Gewissenlosigkeit derer, die ihn gezwungen hätten, den Gipfel ohne dieses Hilfsmittel zu erreichen... Er sei hinfort über die Person des mysteriösen Schuldigen aufgeklärt, dessen damalige Jugendlichkeit die Flegelei entschuldigen möge. Sie verteilte sich überdies auf zehn Köpfe, und so trug niemand die Verantwortung, nicht wahr? Oh, Jugend!... Das war unsere Art von damals, den Berg zu « enthaken ».

Die Mont-Blanc-Kette: Trient, Saleinaz, Neuvaz, dann Chamonix mit seinen Aiguilles, waren das bevorzugte Gebiet meines alpinen Mündigwerdens. Das Val d' Hérens war es, wo ich meine Erfahrungen und meine Technik festigen wollte. Die Berge um Arolla mit ihren grossen Felsgraten boten mir die ersten ausgedehnten Gratklettereien, wofür ich lange Zeit eine Vorliebe hatte.

Die Traversierung der Aiguilles Rouges galt damals als bergsteigerische Tat. Ich kannte die Beschreibung von Constantin Topali im Echo des Alpes auswendig. Von einem alten Clubisten hatte ich eine Reihe dieser Hefte geerbt und gelesen und wieder gelesen, ohne eine Linie auszulassen. Noch einmal verbrachten Henris und meine Familie ihre Ferien am gleichen Ort. So stiegen wir zwei eines Abends nach Arolla, dem Ausgangspunkt unserer Fahrt. Wir hätten wunschlos glücklich sein können, wenn sich nicht ein Schatten gezeigt hätte:

Bis jetzt hatte sich unsere Lehrzeit unter den Augen von Hüttenwarten und Führern abgespielt, die uns zu Freunden geworden waren: die Farquet, die Joris, die Droz, die Crettex, die Biselx, die Duay. Nie hatten wir bei ihnen die geringste Feindseligkeit, die geringste Eifersucht erfahren. Im Gegenteil, sie nahmen uns in der Hütte von sich aus auf die Seite und sagten: « Ihr müsst jetzt die Varappe l versuchen... », oder « Wenn Ihr den Chardonnet machen wollt: ich habe gestern Stufen geschlagen... » Wir setzten zwar unsern Stolz darein, einen ganz neuen Chardonnet « zu machen »; aber die Liebenswürdigkeit der Führer ehrte uns und tat uns wohl.

1 Aiguille de la Varappe in den Dorées.

Im Val d' Hérens waren ein paar grosse Führer, die uns behandelten wie unsere Freunde vom Trient. Aber es gab andere... Sie hatten uns mehr als einmal in Veisivi oder am Cheilon, an der Tsa oder an der Dent Blanche gesehen mit einer ganzen Schar am Seil und hatten sich in den Kopf gesetzt, dass wir ohne Patent ihr Gewerbe betrieben, zu ihrem Schaden und auf ihren Bergen. Sie behielten uns im Auge und dies ohne Wohlwollen.

Die Bergbauern kennen die hohen Gipfel über ihren Tälern nicht. Oberhalb ihrer Weiden scheint für sie nichts zu existieren. Die Firne und Gletscher, die Wände: sie sind die Domäne der Jäger und der Führer, die von den Berglern etwa so betrachtet werden wie die bretonischen Seeleute von den bretonischen Bauern. Dennoch betrachten sie die Berge als ihr alleiniges Eigentum und bestreiten den Anspruch der « Herren », der « Fremden », die sich anmassen, die Berge zu entdecken und « sich anzueignen ». J. Rousseau schrieb: « Schon lange habe ich gefühlt, dass der Eigentümer und der Besitzer zwei sehr verschiedene Personen sind, auch wenn wir die Ehemänner und die Liebhaber beiseite lassen. » Was unsern Anspruch auf die Berge betraf, wurden wir als Nebenbuhler betrachtet.

Die Ratschläge und Zurechtweisungen regneten uns nur so über den Weg, und wir hatten gut schweigen über unsere Projekte: unser Schweigen machte uns erst recht verdächtig! « Ihr wollt noch dort hinauf? Eines Tages wird man Euch herunterholen müssen! Man hat Euch dann gewarnt! Wie viele schon haben in den Rouges den Tod gefunden, und Tüchtigere als Ihr! » Wir machten dort trotzdem eine tadellose Querung, indem wir viereinhalb Stunden brauchten vom Nord-Col zum Col des Ignes über die drei Gipfel und zwanzig Gendarmen. Dabei hielten wir auf Genauigkeit der Ausführung. Wie ich schon dargelegt habe, war dies unser Stil, den wir gewählt hatten: unsere bescheidenen physischen Mittel durch etwas zu ergänzen, was vom Geist her kam.

Nach den Rouges bestiegen wir die meisten anderen Gipfel des Tales. Wir liessen kaum mehr als die Grandes Dents, die Bertolgrate und die Bouquetins für ein anderes Jahr.

Durch Heirat und Beruf sollte unsere Seilschaft für mehrere Jahre gelöst werden. 1934 war ich allein in Les Haudères. Meine junge Frau, die ein Kind erwartete, begnügte sich, mich auf Pass- und Hüttenwegen zu begleiten. Da traf ich in Les Haudères einen dort in den Ferien weilenden 19 jährigen Jüngling, einen sehr guten Kletterer, begeistert und von liebenswürdigem Wesen. Trotz dem Altersunterschied bildeten wir, Ladislaus und ich, eine ideale Seilschaft.

Unser erster Erfolg war die Traversierung der Grandes Dents von der Pointe de Tsalion bis zur Veisivi, von Arolla aus. Bertol wäre ein besserer Ausgangspunkt gewesen, wobei wir unterwegs auch die Tsa hätten besteigen können, während der nächtliche Aufstieg über den mit Gestrüpp bedeckten Hang von Arolla ein eher mühsamer Beginn war. Aber wir hatten keine Wahl, da wir Les Haudères erst spät am Nachmittag verlassen konnten. Warum nicht, könnte man sagen, von dort aus die Traversierung in Richtung Nord-Süd durchführen und zu Beginn den guten Fussweg von Tsarmine benützenIch hatte einen Grund, der es verdient angeführt zu werden.

Der Führer von Dübi beschreibt bei der Besteigung des Nordgrats der Blanche de Perroc eingehend einen Gendarm, der mir für den Aufstieg von Norden her zu schwierig schien. Es handelte sich darum, einen 35 Meter langen, 45° geneigten Grat mit den Händen hangelnd, den Körper in der Luft, zu überwinden. Im Abstieg jedoch konnten wir mit dem Seil ein solches Athletenstück umgehen.

In der Erwartung dieser ausserordentlichen Stelle erschien uns die Querung der Pointe des Genevois und der Dents de Perroc bis zur Blanche fast ein Spiel. Das einzige Problem auf diesem ruinen- haften Berg mit seinen unzähligen Gendarmen war, die Route vernünftig zu wählen und richtig zu entscheiden, wann Hindernisse zu übersteigen oder zu umgehen waren. In weniger als zwei Stunden hatten wir den Grat des Tsalion bis zur Dent Blanche hinter uns gebracht. Sein Ruf als schwierige und lange Route, für die man, wie es hiess, mit einem Biwak rechnen müsse, brach zusammen.

Es kam der Abstieg über die berüchtigte Stelle... Nach weniger als einer Stunde waren wir bei der Scharte vor der Grande Veisivi, ohne etwas anderes als schöne Kletterei gefunden zu haben -luftig und zuweilen schwierig ( es war das Zeitalter der Nagelschuheaber vom gefürchteten Gendarm hatten wir nichts gemerkt. Wir suchten in unserem Gedächtnis nach etwas, das die phantastische Beschreibung Dübis rechtfertigen könnte, und erinnerten uns endlich, dass es im unteren Drittel eine charakteristische Stelle gab, aber ohne die geringste Schwierigkeit: ein Dach, über das man leicht gehen konnte, indem man mit der Hand am horizontalen Grat das Gleichgewicht wahrte. Wir hätten dem enorm grossen Felsen keine Beachtung geschenkt, wenn er nicht eine so komische Form gehabt hätte. Es war also gar nicht der Grat, sondern die Flanke, die eine Neigung von 45° aufwies!

Diese Verwechslung hat mich in der Interpretation von Clubführern vorsichtig gemacht, wenn sie die Schwierigkeiten nicht in Graden angeben. Zur Entlastung Dübis sei gesagt, dass er eben ein Vorläufer war und dass die Kunst, einen Führer zu redigieren, noch entwickelt werden musste -und vor allem zuerst das Bergsteigervokabular. Darüber hinaus hielt sich Dübi an Zeugnisse mehr literarisch gerichteter als wissenschaftlich genauer Autoren. Es war die Tendenz des Jahrhunderts, dem es vor allem um das seelische Erlebnis ging1.

Der Leidensweg des Aufstieges zur Grande Veisivi - Ruinen, Schutt, Steinlawinen, Staub und Durst - nahm uns den Mut, bis zur Petite Dent vorzustossen. Wir zogen es vor, schon am frühen Nachmittag in Arolla zu sein, da wir weitere Vorhaben, nach der Seite der Dix, hatten.

Eine Woche später erkundeten wir den Aufstieg zur Arête de Bertol, eine damals noch fast unbekannte Tour, die erst ein paar Jahre später durch die militärischen alpinen Kurse in Mode kam. Als wir in der Hütte ankamen, wurden wir von den Führern unfreundlich aufgenommen. Sie hatten uns auf den Gendarmen beobachtet und wussten, ich weiss nicht woher, von unserer Traversierung der Grandes Dents. Ich kann wohl verstehen, dass es für sie grausam war, zu sehen, dass Amateure eine Tour um die andere ausführten, die sie selbst nie machen würden. Denn damals kam ihnen nicht der Gedanke, in der toten Saison unter sich ihre eigenen Berge zu erforschen. Und wer im Dorf hätte eine solche Zeitverschwendung gebilligt, wenn einer der Landarbeit ferngeblieben wäre 1 Dieser Bericht war schon gedruckt, als ich mir den Guide des Alpes Valaisannes von Dr. H. Dübi, übersetzt von A. Wohnlich, 1922, und das deutsche Original: Clubführer durch die Walliseralpen, 1921, verschaffen konnte. Die Beschreibung im Aufstieg, d.h. von N nach S, lautet im ersteren: « Suivent une série de dents acérées dont l' une présente une arête tranchante à 45 degrés sur 35 m env. de longueur; ce passage ne peut être franchi qu' en se suspendant par les mains, les jambes ballantes dans la face E. » Im deutschen Original heisst es: « Eine messerscharfe Schneide längs welcher hangelnd abgestiegen werden muss. » A. Wohnlich hat also absteigen mit franchir übersetzt. Vielleicht hat ihn dieses absteigen in einer Aufstiegsroute erstaunt. Es ist jedoch nichts Wunderliches daran, wenn es sich um die Traversierung eines Gendarmen handelt. So hat uns also die Übersetzung dazu bewogen, die Richtung Süd-Nord zu wählen, um die Stelle im Aufstieg zu umgehen, und es war gerade die Richtung, in der wir ihr begegnen mussten! Und tatsächlich kann ich mich an den einzigen spitzen, sehr charakteristischen Gendarm klar erinnern, den wir am Grat hangelnd ersteigen mussten, aber mit dem Körper am Westhang ( Arolla ). Man sieht, wie zur Schwierigkeit, auf Grund von Angaben anderer einen Führer zu verfassen, noch die der Übersetzung hinzukommt, die bisweilen zu einer gefährlichen Irreleitung führen kann.

ohne die Entschuldigung einer anderen Art des Broterwerbs. Als Führer zu gehen war verständlich, aber als « Herr »?

Die Atmosphäre in der Hütte war also kalt. Draussen begann es zu schneien, und am andern Morgen lag eine dicke Schneeschicht auf den Felsen. Um 10 Uhr hellte jedoch der Himmel auf, und wir machten uns trotz der späten Stunde auf den Weg. Unser Ziel waren die Douves Blanches im Abstieg. Dort konnten wir uns, trotz Schnee, wenn nötig mit dem Doppelseil aus der Sache ziehen.

Auf dem Gipfel hatte sich dicker Nebel gebildet. Ich zögerte einen Augenblick, mich in einen unbekannten Abstieg über verschneite, schwindelnde Felsen einzulassen. Aber ich wusste, dass dort, wo die grössten Schwierigkeiten zu erwarten waren, der Schnee aufhörte. So tauchten wir an der fahlweissen,'senkrechten Wand in den Nebel hinab. Um uns Stille! durch die nur das monotone Rauschen des Wildbaches aus der Tiefe heraufstieg.

Auf der Höhe der Tour Grise lag gut fünf Zentimeter nasser Schnee. Heute, mit Vibramsohlen, würde ich die Stelle nicht ohne Doppelseil passieren. Mit den schweren Nagelschuhen kamen wir hier und auf der ganzen weiteren Fahrt ohne Abseilen aus. Den Grand Gendarme umgingen wir verwegenerweise nach links, zwei oder drei Meter unter seinem Gipfel. Und der lange, schwindelerregende Abstieg ging weiter, bis wir endlich aus der dichten Nebelschicht herauskamen. Der Plan de Bertol kam zum Vorschein, glänzend mit all seinen nassen Steinen, in denen die Wildbäche zerrannen. Wir konnten unsern Weg vom Gendarm der « Quille » durch das Labyrinth der Wand bis hinab ins Geröll verfolgen. Um 5 Uhr abends hatten wir den Fussweg nach Arolla unter den Füssen.

Es blieb uns noch ein Ehrgeiz, bevor wir das Val d' Hérens verliessen, um für den Rest unserer Ferien ins Val d' Anniviers hinüberzuwechseln. Es war die Traversierung der Bouquetins. Drei schöne Erfolge hatten uns genügend vorbereitet. Als das schöne Wetter wiederkehrte, nahmen wir den Weg zur Höhe wieder auf; aber wir waren nicht mehr zu zweit: Henri hatte mir seinen Freund Gérard geschickt und empfohlen. Der Zuwachs freute uns nur halb im Hinblick auf diese sehr lange Traversierung, für die die Schnelligkeit als wichtiger Vorteil zählte. Aber wir wären undankbar gewesen, einen sympathischen Kameraden zu kränken.

So kamen wir eines prächtigen Abends nach Bertol. Nach einer Woche des Wartens war die Hütte überfüllt, und der Hüttenwart wies uns Plätze im Führerschlafraum an. Wir bezogen unser Quartier, begleitet von anzüglichen Bemerkungen der Führer, teils auf französisch, meist aber unter Kichern im Patois vor sich hingemurmelt. Wenn wir ein Seil aus dem Sack zogen: « Ist das, um Euch zu hängen? » Proviant: « Nehmt für zehn Tage mit !» Kleidungsstücke: « Schon nötig fürs Biwak! » Und ein besonders mit Humor Begabter fügte hinzu « Und einen Sack, um Euch herunterzuholen! » Wir waren erbittert, aber wir hielten den Mund.

3 Uhr morgens. Leuchtender Vollmond, der Firn hartgefroren, der Himmel still wie am Beginn eines begnadeten Tages; all das war angetan, uns zuversichtlich zu stimmen. Als wir den Fuss des Berges erreichten, dämmerte der Morgen. Hundert Meter im Couloir, liess uns Gérard halten, um die von der Sonne gerötete Dent d' Hérens zu photographieren...1 Vor 7 Uhr erreichten wir den ersten Gipfel. Die Sonne wärmte köstlich, während wir dort den Frühstückshalt machten. Dann begann der Abstieg über die schönen Felsen des Südgrates. Vor dem Absturz des Grand Ressaut muss man in die linke Flanke ausweichen. Ich schwankte etwas in 1 Unsere Illustration Nr. 47. 90 INTERMEZZO91 ich mich in dieser Klamm hinaufschrauben soll — ich weiss nicht, wie lange ich schon hier stecke. Aber ich fühle: Hier muss ich hinauf — ich muss. « Probier's doch nochmals mit Stemmen! » ruft es aus der Tiefe. Mein Kamerad hat recht. Trotz allem ist dies die einzige Möglichkeit, etwas zu tun, wenn ich hier nicht vertrocknen will. Nochmals werfe ich einen Blick in die Höhe. Sehr gut! Kein Ruhepunkt, so weit das Auge reicht.

Da klemme ich meine Unterschenkel zwischen die Bergwand und die abgespaltene Platte, so wie die Bauarbeiter Spriesse waagrecht zwischen die Wände der Schächte keilen. Und auch den Unterarm verspriesse ich auf diese Weise in der Kluft, und dann würge ich mich empor. Zehn Zentimeter, zwanzig Zentimeter. Langsam den linken Fuss anpressen, Unterschenkel und Arme nachziehen — aufs neue verkeilen. Ich fühle mich Teil eines unbegreiflichen Klumpens aus Fels, Kraft, Luft, Wollen und äusserster Anstrengung. Von Denken ist gar keine Rede mehr. In meinem Kopf ist nur für eines Platz: Hilf Himmel, ich muss doch hier hinauf! Man wird doch hier hinaufkommen! Es geht, es geht ja. Sehe ich etwas? Gewiss, ich sehe meinen linken Fuss. Ich sehe sehr gut, wo, und passe auf, wie ich ihn hinpresse. Zwei- oder dreimal geschieht es, dass er abgleitet, aber immer, bevor ich mein ganzes Gewicht ihm anvertraut habe. Ich weiss ganz gut, dass unter mir der Spalt keilförmig zusammenläuft, ganz sachte. Nach ein paar Meter Fall würde ich stecken bleiben, Luft über mir und Luft unter mir. Aber dass ich fallen könnte, daran ist kein Gedanke. Ich bin überhaupt nicht mehr ein lebendes Wesen, das da in dem Felsen hängt. Ich bin selber Fels und Unnachgiebigkeit, selber Stein, der sich vom andern nur dadurch unterscheidet, dass er sich bewegt. Meter um Meter geht es aufwärts.

Es kommt mir in den Sinn, dass ich eigentlich müde bin. Von Ausruhen ist keine Rede. Nicht eine einzige Zehntelssekunde darf verloren gehen. Ich habe nicht Musse, nach oben zu sehen, wie weit der Weg noch ist. Wer weiss, was die Glieder in einem unbewachten Augenblick anfangen würden! Aber jetzt arbeiten sie prächtig. Arm und Bein, mit immer heftigerer Gewalt pressen sie sich an die Felsen.

Ein Griff erschien, ein Tritt. Soll ich sagen endlich — endlich erschien ein Tritt? Nein, nichts war herbeigesehnt. Dazu war keine Zeit. Es musste gehen — und es ging, Stück um Stück. Es musste ein Ende nehmen. Das war weder erfreulich noch zum Verwundern, sondern selbstverständlich.

Es war so weit! Auf unschwierigen Felsen konnte ich weiterklettern. Das Seil ging aus. Hans band sich los. Ich stieg weiter bis zu einem Ruhepunkt. Es ist zu erwähnen, dass natürlich kein Mensch jemals durch diesen unsinnigen Spalt hinaufsteigt! Eine halbe Seillänge daneben leiten leichte Felsen empor, über die mich Hans erreicht, und nach kurzer Zeit haben wir den Vorgipfel gewonnen!

Aber dieser Riss hat mir Kraft gegeben. Lange noch habe ich im Tal aus der Erinnerung an diesen Riss geschöpft: Es muss gehen — muss!

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Cross Diamanfstock-Ostgrat

( Erste Begehung im AufstiegVon Han$ ( Basel ) Ein Name mit zauberischem Klang: Diamantstock. Das muss ein Berg sein, nicht irgendein Schutthaufen. Könnte man einen kleinen Wicht, einen unbedeutenden Zwerg Diamantstock nennen? Doch wer kennt ihn? Wer wollte auch in diese abgelegenen Täler steigen, einen Berg zu erobern, allein um des Namens willenSo dachte auch ich. Doch als ich ihn sah, da war ich besessen: zum Zauber des Namens kam der Zauber des Gipfels selbst: klar umrissen, wie ein Kristall in heiterer Bergluft, so erhebt er sich über die glänzenden Firnwellen des Grubengletschers.

Da steht als nördlicher rechter Eckpfeiler über dem Grubengletscher das Hühnertälihorn, nach Süden senkt sich sein Grat und steigt wieder auf zum Gipfel des Grossen Diamantstockes. Er ist Mittelpunkt, denn auch vom östlichen Pfeiler, dem Kleinen Diamantstock, zieht sich ein arg zerrissener Grat hinauf zu seinem Gipfel. An der Untern Bächlilücke, dem Übergang vom Grubengletscher zum Bächlifirn, setzt sein Ostgrat in sanftem Aufschwung an, richtet sich plötzlich steil auf, beruhigt sich wieder, krümmt nochmals seinen Rücken, bewehrt mit Schuppen wie ein urtümliches Ungeheuer, und steigt dann in gleichmässiger Steilheit auf zum Gipfel. Unvergesslich gräbt sich uns das Bild dieses Grates ins Gedächtnis.

4. Juli 1937. Vor drei Stunden sind wir noch mitten in der Nacht beim Laternenschein aus der Alphütte auf Ärlenalp davongestolpert; auf dem kahlen Boden der Hütte haben uns einige ausgebreitete Farrenkräuter als Lager, einige Rasenziegel als Kopfkissen gedient. Prisis Laterne hat uns durch die Erlengestrüppe auf der linken Seite des Baches hindurchgeführt. Die hinteren Schutthänge des Talabschlusses, eines fast regelmässigen Felsenkessels, in den sich von oben die Zunge des Grubengletschers hineinzwängt und durch den der Gletscherbach sich eine tiefe Furche gegraben hat, sind noch recht verschneit, so dass wir den harten Firn den Schrofen und Gras-runsen der rechten Talseite vorgezogen haben. Nach einem Aufstieg in direkter Richtung gegen den Nordfuss des Kleinen Diamantstockes haben wir auf einem Band nach oben in nördlicher Richtung die Steilstufe überwunden und sind, vor allem meine Begleiter, höchst gespannt in das flache Gletscherbecken eingetreten. Wie ein weiter Platz liegt der Gletscher vor uns. In engen Kanälen schiessen unter einer dünnen Eiskruste Bäche daher, bis sie ein Loch gurgelnd verschluckt. Auf ihrem Grund erscheint das graue, grobkörnige Eis glatt und klar wie blaues Glas.

Und jetzt, da es so recht Tag wird, berät man, welchem Berg wir zu Leibe rücken wollen. Ich sitze still beiseite. Ob man sich wohl auf « meinen » Ostgrat am Diamantstock einigen wird? Wie soll ich nur erklären, dass der Name und die unbeschreiblich schöne Linie des Grates den Wunsch einer GROSS DIAMANTSTOCK-OSTGRAT93 Besteigung in mir wach werden liessen? Werden meine Kameraden solche Sentimentalitäten begreifen? Aber da fällt das erlösende Wort. Ist es der Name, ist es die Schönheit des Baues, die auch meine Begleiter fesselt?

Als erstes Ziel steuern wir die Bächlilücke an, die tiefste Einsattelung in unserm Grat zwischen dem Grossen und dem Kleinen Diamantstock. In leicht ansteigender Spur versuchen wir, die Einsenkung zu gewinnen. Schnee liegt allerdings noch sehr viel, so dass wir es vorziehen, wieder auf den flacheren Gletscher abzusteigen und die Lücke in der Fallinie zu gewinnen. Der Bergschrund zeigt sich gutmütig; nach einer lebendigen Geröllhalde und einer kurzen Traverse nach Westen in grossblockigem Gestein betreten wir die Bächlilücke. Zum ersten Male erblicken wir den Südgrat unseres Berges, der nach einem flach fallenden Stück in die Obere Bächlilücke senkrecht niederstürzt. Wäre am Ende jener Grat noch schöner als unser Ostgrat? Trotz diesen Bedenken halten wir an unserm Beschluss fest: über den Ostgrat wollen wir aufsteigen, den Südgrat dann aber im Abstieg begehen.

Einige Meter steigen wir ab zum Bächlifirn und gewinnen von Süden über eine Schneezunge wieder den Grat. Zwischen riesigen Granittafeln verstauen wir unsere Nagelschuhe in den Säcken, die Pickel dazu. Vor uns krümmt sich der Drachenrücken. Unsere Augen suchen den Weg: wird er uns abweisen, wird er heimtückisch sein? Doch da ich den Knoten am Seil anziehe, die Schlingen aufnehme und Anderegg das « Bereit » zurufe, sind auch die leisesten Bedenken verflogen. Drohend war zuvor der Grat, und seine Nadeln glichen giftigen Zähnen im Rachen eines Ungeheuers. Jetzt aber, da wir zwischen diesen Zacken aufwärts klimmen, sind sie aus herrlich griffigem Granit, rot, mit grünen und grauen Flechten überzogen. Noch gibt es kalte Hände, aber die Gipfelfelsen stehen schon an der Sonne, und die Aussicht auf die Wärme dort oben lässt uns die Kälte hier vergessen. Auch kommen wir am leichten Blockgrat gut in Fahrt. Er führt uns steil in die Höhe, bald links, bald rechts queren wir in die Flanken, ein paar Klimmzüge in einem Riss bringen uns in die Scharte hinter dem nächsten Zahn. Just im Augenblick, da uns dieses Ausweichen zur Routine wird, werden wir vor eine Aufgabe gestellt, die uns die bisherige Taktik zu verändern zwingt. Eine glatte Granitnadel erhebt sich vor uns, scharfkantig, nach rechts überhängend, links in gewaltigen Plattenschüssen zum Firn niederstürzend. Der Weg führt über ihre Spitze, das hat Anderegg bald heraus. Er krallt sich an der Plattenkante fest und stemmt die Füsse gegen die glatte Felsfläche: ein paar Schritte aufwärts, einige Schritte im Quergang — und dann ein vorsichtiges Hinabgleiten auf der jenseitigen Schneide zu einer Lücke. « Nachkommen! » befiehlt er mir, und ich folge, zögernd erst, aber nach zwei Schritten packt mich die Lust an Luftreisen. In der Lücke gibt es eine Verschnaufpause. Prisi und Giovan werden erwartet. Eben schau ich zurück, da taucht Giovan aus der Tiefe auf. Der Pickel, aus dem Rucksack herausragend, parodiert die Nadel, über die sich sein Besitzer müht.

Da wir alle vier in der Scharte beisammensitzen, bringt Prisi eine Weinflasche aus einer Felsspalte zum Vorschein, eine leere Weinflasche allerdings, mit den Karten von zwei Berner Touristen, die den Grat 1911 zum erstenmal 94GROSS DIAMANTSTOCK-OSTGRAT im Abstieg begangen hatten. Dass sich keiner von uns die Namen aufschrieb, mag man entschuldigen.

Jetzt geht Prisi als erster, unsere Partie in zweiter Staffel. Der Grat schwingt sich von unserer Scharte beinahe senkrecht auf. Ausgeschlossen ist es, die Gratkante weiter zu verfolgen. Auf der linken Seite stürzt die Granitwand in schauerlicher Flucht auf den Bächlifirn. Einen Durchschlupf mag es in der rechten Kante nach Norden geben. Die steile, glatte Plattenmauer sieht gar nicht leicht aus, wir scheinen in unseren Erwartungen auf Kletterei hohen Stils nicht getäuscht. Ein schmales Gesimse führt in die Nordflanke. Ein Riss an seinem Ende scheint oben wieder in einer Gratscharte zu münden. Der Rampe ist jedoch nur von einer Plattform aus beizukommen. Prisi tastet an deren äusserem Rand herum, vergeblich sucht er einen Griff, um einen seiner prächtigen Klimmzüge anzusetzen. Seine Hoffnung sind die Mauerhaken. Doch bevor wir zu diesem Mittel unsere Zuflucht nehmen, versuchen wir eine andere Methode, die bei kleinen Leuten schon zum Erfolg geführt hat. Giovan und Anderegg packen je einen der finkenbewehrten Füsse und schieben Prisi in die Höhe. Er vermag jetzt den Rand der Plattform mit den Händen zu greifen und sich hinaufzuschwingen. Das Band und der nachfolgende Riss bieten keine Schwierigkeiten. In der Gratscharte über dem Kamin hocken wir alle vier.

Wieder liegt unser Weg in der Plattenwand der Gratnordseite: doch wie hingelangen? Ein trotzig glatter Schild verwehrt den Zugang. Einige Meter gibt Giovan das Seil aus. Prisi arbeitet keuchend an der Platte. Wenn er sich weit in die Wand hinauslehnt, kann ich ihn von meinem luftigen Sitz aus sehen. Er tut dies ein-, zweimal, neigt den Kopf ins Genick und sieht seine Wand « von weitem » an. Wie ein Maler sein Bild. Noch bewegt sich das Seil nicht. Giovan kauert mit gespannter Miene hinter einem Zacken, in den geballten Fäusten immer das gleiche Stück Seil. Kein Wort fällt, denn die nötigsten Befehle sind erteilt. Stille! Man schwatzt nicht beim Klettern, denn man hat entweder Lust zum Singen oder zum Fluchen. Ein jeder ist mit sich selbst beschäftigt, mit seinem Aufstieg, mit seiner Mühe. Und doch ist jeder froh um den Kameraden, denn es gilt das Wort in den Bergen erst recht, das Wort, dass geteiltes Leid halbes Leid, geteilte Freude doppelte Freude ist.

Mit einemmal das Klirren von Eisen. Prisi legt sich einen Haken zurecht. Ein paar Augenblicke, und da hören wir auch das Klopfen: zuerst einige leere Schläge, dann aber singt der Haken. Ich atme unwillkürlich auf. Der Haken hält. Man hört das Klappen eines Karabiners. « Seil straff! » befiehlt Prisi. Pause. Jetzt läuft das Seil wieder. Ein halber Mensch zappelt in der Leere, die andere Hälfte scheint schon im Riss verklemmt. Langsam gibt Giovan das Seil aus. Die Schlingen, die er sich um einen Gratzacken bereitgelegt hat, schwinden. Dann ertönt Prisis Aufforderung, nachzufolgen. Noch immer muss ich mich gedulden. Bange Sekunden. Dann packe ich an. Ein Schleichen und Emporwinden über eine fast senkrechte Platte schräg nach oben. Der Einstieg in den Kamin drängt einen noch gehörig aus der Wand heraus, aber schliesslich hat man dann, wenn die Füsse ihren Halt verlieren, Das Centre war eine Schöpfung von Hauptmann Roger Bonvin, ein Ort, wo sein Geist regierte. Ich hatte von begeisterten Kameraden, die im Sommer oder im Winter unter ihm gedient hatten -in Arolla, Zinal, Montana -, von diesem Offizier gehört. Die Art, wie sie sein Loblied sangen, reizte mich fast zur Ablehnung. Eine solche Popularität konnte nur durch demagogische Machenschaften auf Kosten anderer Offiziere erlangt werden - man kennt das Rezept!

Ich musste Hauptmann Bonvin nur begegnen, um meinen Irrtum einzusehen. Der Wert dieses Mannes von kleiner Statur, aber mit klarem Blick und freier Stimme, von einfachstem Wesen, gerade und herzlich, war echt. Nichts Gespieltes, nicht einmal Gewandtheit war in der Art, mit der er uns begegnete. Sein Einfluss beruhte einzig auf seiner Menschlichkeit.

Auch nichts von falscher Disziplin in Arolla! Aber auch kein « Sichdrücken » war denkbar. Man wetteiferte vielmehr, die undankbarste Arbeit zu übernehmen. Ich darf sagen, dass wir mehr Holz-hauerarbeit in den Wäldern von Arolla oder Trägerdienst auf Hüttenwegen machten als Bergtouren in die Umgebung. Aber wenn es sich zum Beispiel darum handelte, die Cabane Bertol mit Holz zu versorgen, dann wählten wir den Weg über die Wand der Aiguille de la Tsa und führten am Nachmittag unsere Trägerarbeit aus zwischen dem Plan de Bertol und der Hütte. Am andern Morgen die gleiche Praktik: wir stiegen zum Plan ab, erkletterten den Grat der Douves Blanches, erfüllten am Nachmittag unseren Trägerdienst und kehrten nach getaner Arbeit am Abend nach Arolla zurück. Wir waren leistungsfähig, wie ich es seither nie wieder war, und unsere Moral war entsprechend. Als ich Instruktor für den nachfolgenden Gebirgskurs wurde, fand ich bei Schnee und Kälte eines vorzeitigen Herbstes jeden Tag neues Vergnügen daran, von Arolla aus ausgedehnte Touren zu unternehmen: Veisivi, Roussette, Pigne, Douves Blanches. Die Berge gehörten uns allein: Hütten ohne Warte, verlassene Gipfel, eine Nachsaison, die als höchste Gunst uns wenigen Auserwählten zugefallen war.

Und dann: was für Kameraden entdeckte man in diesem Dasein, das uns zusammen jeden Tag mitten in die Aufgaben und Probleme hineinwarf. Es waren darunter Bürger jeden Berufes und Alters. Es gab Bergler und unter diesen vor allem Führer oder Führeraspiranten, jung wie wir und begeistert für die Berge. André Roch war einer der unsrigen und gab uns als Freund Ratschläge aus seiner reichen Erfahrung. Ich liebte seinen Stil: überlegt, ruhig, elegant - leicht, hätte man sagen mögen. Ihm verdankten wir unsre erste Einführung in das künstliche Klettern. Er erlangte die Hochachtung aller. Man war stolz auf seine Freundschaft - und alles, was ich hier darüber sage, erscheint hochtrabend im Hinblick auf seine absolute Einfachheit.

Keine Schule konnte besser dahin wirken, mir Vertrauen und Kühnheit zurückzugeben. Um auch meine lieben Berge von Arolla zu bannen, waren ihre Führer, die Crettaz, die Fauchère, die Gaspoz, die Gaudin, die Bournissen - wie die Bonnard und die Thétaz von Zinal - von nun an meine Freunde geworden.

Zwei Jahre später, als ich mit einer Gruppe der JO zur Bertolhütte kam, empfing mich der Hüttenwart mit den Worten: « Alors vous revoilà? Vous en avez d' autres à tuer? » Das war ein Faustschlag in den Magen. Aber ein junger Führer, der zugehört, nahm mich auf die Terrasse hinaus. Ich weiss nicht mehr genau, was er mir im Anblick meiner Bouquetins und seiner Douves Blanche sagte, aber es waren Worte der Sympathie. Er war es, der nicht lange vorher von einer Bergfahrt allein zurückgekehrt war, ohne seine beiden Touristen. Er wusste, wie schwer das Urteil anderer auf einem lasten kann.

Unter dieser Jugendgruppe war ein « Älterer » von 18 Jahren. Er hatte gebeten, sich uns anschliessen zu dürfen. Als Begleiter seines Vaters, eines bekannten Alpinisten, der kurz vorher gestorben war, galt er dafür, einige Bergerfahrung zu haben, und ich hatte ihn auf Empfehlung hin, ohne ihn zu kennen, angenommen. Aber es war, wie wenn ich jemanden wiedersähe: dieselben blonden, gelockten Haare, der helle Blick hinter Brillengläsern, dasselbe Alter, alles erinnerte mich an Ladis-laus.

Nach unserer Fahrt, auf der er mir eine grosse Hilfe war, blieben wir als Zweierseilschaft noch zehn Tage in den Bergen von Saas-Fee. Es waren unvergessliche Tage mit Schlag auf Schlag geglückten Besteigungen, noch unvergesslicher für mich durch den Berggefährten, den ich gefunden hatte - für lange Jahre, für einen neuen Abschnitt meines Bergsteigerlebens, den schönsten und reichsten: für eine zweite Jugendzeit.

Der Jüngling war Pierre Vittoz. Er war achtzehnjährig, ich sechsunddreissig. Meine Lehrzeit war zu Ende. Ich führte die seine weiter..Übers. F. Oe. )

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