Zwei Kletterfahrten im Ponteglias

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Hanns Ehrismann

Mit 1 Bild ( 128 ) ( Seegräben ) Es ist merkwürdig still geworden um diese schöne und interessante Bergecke auf der Südseite des Tödi. Die Reinharthütte der Sektion Winterthur ( erbaut 1908 ) ist eine derjenigen, welche sehr niedrige Besucherzahlen aufweisen. Unter ihren Gästen sind aber die C. Mitglieder verhältnismässig zahlreich. Nicht in der weiten Entfernung vom Tal ist der Grund der geringen Frequenz zu suchen, denn das Bergheim ist von Truns in drei bis vier Stunden bequem zu erreichen auf gut ausgetretenem und markiertem Weg; die anders lautenden Bemerkungen im Glarner Klubführer sind überholt. Die Berge des Ponteglias wurden zum Teil erst um die Jahrhundertwende erforscht. Wir finden in der Ersteigungsgeschichte die Namen Dr. H. Dübi, Coolidge, Purtscheller und Dr. Weber. Aber ausser Tödi und Bifertenstock erhielten die Gipfel in den letzten Jahren nur spärlichen Besuch; sie sind, sicher zu Unrecht, etwas in Vergessenheit geraten. Wer die Zeichnungen und Routenbeschreibungen im Klubführer studiert, dem wird es ergehen wie mir — es lockt ihn, einmal dort am Born des Bergerlebens zu trinken auf den kühnen Gipfeln mit den eigentümlich klingenden romanischen Namen.

So wollen denn wir zwei Veteranen eindringen in das, mir wenigstens, noch unbekannte Ponteglias. Nach Klettern in Fels und Eis stand unser Sinn — weniger lockte es uns, das bunte Vielerlei an Gesteinsarten zu erforschen, das die Geologieliebhaber wahrhaft entzücken könnte. Trotzdem wir uns in Truns bei einer Veltlinerstärkung alle Mühe gaben, unsern Proviant durch u Schweinernes » nach der Fettseite hin zu ergänzen, mussten wir einmal mehr erfahren, dass heute der gastronomischen Seite der Bergsteigerei Grenzen gesetzt sind. Im leichtesten Grust wanderte sich 's dem urwilden Bach entlang mühelos höhwärts. Geissen und Galtvieh beleben die weite Mulde des Talabschlusses unter den schroffen Wänden, über die der Bach einen gewaltigen Sprung tut. Das Weglein führt bis dicht an die Felsen, dann weicht es rechts aus und klimmt den Steilhang empor über Schutt, Rasen und Fels. Wir sind droben in der heimeligen Holzhütte über dem Wasserfall, ehe wir 's uns versehen, und geniessen staunend den Blick in das Rund der Berge, die um den Kessel des Pontegliasgletschers sich aufrecken. Von ganz besonderem Reiz ist auch die Sicht talauswärts gegen Süden in die Bündner Berge und hinab zur blauen Rheintaltiefe mit den sonnbeschienenen Häusern von Truns.

Urlaun-Nordostgrat Am folgenden Morgen steigen wir über den ziemlich gutartigen Gletscher hinauf und hinüber zur Bifertenlücke, deren Nordabsturz bis heute trotz vieler Versuche noch nie bezwungen wurde. Im zähen, schwarzen Brei, der auf den Firnhang folgt, wären wir beinahe stecken geblieben. Doch der zahme Schneegrat bringt uns leicht zum hübschen Firnhäubchen des Bündner Tödi, 3125 m. Potz tausend — wie kühn bäumt sich da in nächster Nähe die Kante des Biferten-Westgrates zum Himmel, die seit der ersten Erkletterung wohl kaum mehr begangen wurde. Aber bald wenden wir die Blicke dem Grat zu, der uns heute Weg zum Urlaungipfel werden soll. Wild und scharfkantig dräut er, ein wahrhaft abschreckendes Bild. Oder einladend? Die sehr dürftigen Angaben des Klubführers konnten uns kein bisschen helfen. Einst schenkte mir ein Kamerad eine Aufnahme dieser Sägeschneide, von der Frisallücke aus — darum behielt ich den Grat viele Jahre hindurch im Gedächtnis. Auf die zerhackte Schneide folgen einige hohe, dunkle Türme, während die Fortsetzung sich als breiter Rücken zeigt. Zwei Stunden verplaudern wir unter der Gipfelwächte des Bündner Tödi auf der felsigen Südseite im Windschatten. Und dann gilt 's: wir trauen dem inzwischen gelichteten Himmel alles Gute zu und eilen hinab zur Gratsenke, wo von Norden her das stotzige Schauffelbergercouloir ausmündet. Unverweilt packen wir die Schneide des Grates zum Urlaun. Wie wir uns im Seitwärtsgang, beide Hände an der splitterscharfen Kante und die Füsse gegen die glatte Südwand stemmend, fortbewegen, geht 's nicht ab ohne ein wenig Blutvergiessen, trotzdem wir infolge Tätigkeit im Anbauwerk eine ordentliche Lederhaut an den Handflächen aufweisen können.

Ganz herrlich ist diese überaus luftige Kletterei! Wenn wir hie und da in Versuchung kommen, die schmalen, abgeplatteten Leistchen der Südseite zu benützen, geben wir 's gleich wieder auf, denn die Gratschneide allein ist sicher. Wird sie auf kurze Strecken handbreit oder etwas mehr, so richten wir uns auf und gehen, nachdem die erste Hemmung überwunden ist, aufrecht darüber hin. Hei — ist das eine Wonne, so in voller Sicherheit über den Abgründen zu schreiten! Würde der Wind stärker blasen, wär 's freilich weniger gemütlich! Auf der Bündner Seite stehen blanke Plattenschüsse scheinbar direkt auf dem Pontegliasgletscher; die Nordseite zeigt fast senkrechten Aufbau in gebänderten Schrofen. Kleinere und grössere Zacken sorgen für Abwechslung; doch ist der Grat in diesem ersten Teil mehr oder weniger waagrecht. Ein breiter Plattenturm muss in der Südwand auf schmalen Bändchen umgangen werden. Gerne kehren wir nach dieser heiklen Querung wieder auf die Kante zurück.

Schon ist der helle Zackengrat zu Ende.Vor uns erheben sich scharf aufsteigend die vier dunklen Türme. Etwas ausweichend in die unheimlich brüchige Nordflanke gelangen wir an den ersten vorbei auf den dritten, einen Doppelturm, der überhängend in die Scharte zwischen ihm und dem letzten Bollwerk abbricht. Wir haben keine Haken mit und müssen daher anderswie zurechtkommen. Vom Kameraden gesichert, klettere ich eine steile Plattenrinne südlich abwärts, bis ich zur Scharte queren kann. Diese paar Meter sind sehr ausgesetzt, aber die spärlichen Halte absolut sicher. Nun stehe ich fest, und der Freund folgt, von mir an dem über die Turmspitze laufenden Seil gehalten. Wir haben das bestimmte Gefühl, nun die Schlüsselstelle überwunden zu haben, und die Zukunft gibt uns recht. Der vierte Turm lässt sich nördlich am Rande des hier heraufleckenden Firnhanges umgehen. Droben auf dem breiten Gratrücken benützen wir freudig die erste Rastgelegenheit seit Beginn der Kletterei zum Ausruhen — ein herrliches Plätzchen zum Ruhen, Schauen, Träumen. Vom Bifertenstock-gipfel jauchzen uns die beiden jungen Glarner zu, die in der Frühe mit uns den Gletscheraufstieg machten. Und vom zahmen Tödi herab sucht eine Dreierpartie fast senkrecht unter uns den Weg durch die Schrundwirrnis. Sonnenüberflutet winken die vertrauten Dörfer des Glarner Oberlandes.

Vom erreichten P. 3199 geht 's leicht zum Urlaunpass. Von ihm könnte man ohne weiteres, links gehend, über den Firnrücken dem Gipfel zustreben. Wider Erwarten bietet aber der wuchtige Felsaufschwung zur Schulter vor P. 3316 keine grossen Schwierigkeiten, und der wieder zugeschärfte Grat nachher ist fest und erlaubt ein fröhliches Turnen, bis er endgültig im Firnrücken untertaucht. Bis hieher gingen wir in den Kletterschuhen. An einigen Spalten vorbei und über den harmlosen Firngrat bummelnd, landen wir vergnügt auf dem weiten Gipfeldach, 3371 m. Es ist wohl eine Seltenheit, hier oben grosse apere Plätze zu finden, wie wir mit Staunen feststellten am 14. August 1943. Fünf Stunden dauerte die Gratwanderung von Gipfel zu Gipfel, und wir sind beide überzeugt, dass sie bergsteigerisch und landschaftlich zum Schönsten in den Glarner Bergen gehört.

Es ist doch ein herrliches Gefühl, wenn einem der Abstieg keine Sorgen machen muss. Denn der Südgrat, über den schon 1793, also grad vor 150 Jahren, der Pater Placidus a Spescha den Urlaun betrat, bringt uns leicht zum Pontegliaspass hinab. Den Spaziergang über den Gletscher und das vielfarbige Moränengestein erledigen wir im gemütlichsten Schlendertempo. Bei der Hütte setzt Jean mit viel Sachkenntnis den elektrischen Zaun unter Strom, um die zudringliche Schafherde abzuwehren. Im alten Hüttenbuch entdecke ich zufällig auf den hintersten Seiten die sehr ausführliche und respektvolle Schilderung unseres heutigen Gratüberganges, geschrieben vom bekannten Alpinisten Walther Flaig, dessen Seilschaft 11 Stunden benötigte vom Bündner Tödi bis zum Urlaun, allerdings bei schlechteren Verhältnissen. Meine Nachforschungen ergeben, dass die Traversierung wohl kaum ein halbes Dutzend mal gemacht wurde innerhalb von 30 Jahren ( allfällige Unternehmungen von der Glarner Seite nicht eingerechnet ) und dass die Partien bedeutend längere Zeiten notierten als wir. Die Verhältnisse waren eben diesmal ausserordentlich günstig.

Überschreitung der Brigelser Hörner In der Dunkelheit stolpern wir über Moränenblöcke der trutzigen Westwand des Cavestrau grond und des Crap grond entgegen. Schafwege führen auf und ab zu einer breiten Geröllrinne. An den gegenüberliegenden dunklen Felsgipfeln des Piz Ner, Piz Curtin scarvon Giacken, Piz Scantschallas und Piz Posta bialla zündet bald die Sonne, während wir noch stundenlang im Schattenreich zu wandern haben. Wandern — jawohl, wenn man das mühsame Aufwärtsschinden im beweglichen Schutt so nennen will, dann das Kleben im ungünstig geschichteten Plattenpanzer und die Bezwingung des etwa 80 m hohen Kamins daneben, dessen Steinschlagsegen uns auch nicht so rosig stimmte, wie es der herrliche Tag und die stets wundervolleren Ausblicke verdient hätten. Es haben sich uns noch drei Kameraden von der Sektion Tödi angeschlossen, was die Kletterei — zu fünft — ziemlich zeitraubend gestaltet. Wir brauchen sechs Stunden bis zur Gratlücke nördlich des Cavestrau grond. Der Gipfel des Crap grond ist über den breiten Grat in wenigen Minuten mühelos erreicht. Die Schau in die Runde erquickt unsere flügellahmen Seelen wieder, denn nun stehen wir im Sonnenreich und erleben andachtsvoll das Sonntagsglück der Berge.

Gewaltig dräut über uns der finstere Turm des Cavestrau grond. Wir machten den Fehler, dass wir von seinem Nordfuss aus die jähe Wand, bestehend aus hartem Eis und faulsten Felsen, waagrecht bis zur Cavestrau-lücke hinüber querten. Die Hackerei beanspruchte allein eine volle Stunde. Und im allerobersten Teil des schneidigen, aber unschwierigen Nordostgrates zwang uns eine tückische Scharte unvermutet zu einem Abseilmanöver. Schon drängte die Zeit; wir eilten wieder hinab und hinauf zum zahmen Gipfel des Cavestrau pin.

Von ihm fällt der sehr brüchige Ostgrat steil ab zum Nordgipfel des Piz Tumbif. Es ist eine Freude zu klettern, wenn man es mit einigermassen solidem Gestein zu tun hat. Aber hier war solches wirklich rar, die Flanken, die oft benützt werden mussten, geradezu bedenklich faul. Vielleicht weiss ein Ortskundiger einen bessern Weg, als wir ihn einschlugen. Es dauerte Stunden, bis wir den Piz Tumbif Nord erreichten, der nur wenig aus seinem Gletscher herausragt. Als wir um 18 Uhr bei ihm landeten, hatten alle vom Klettern und Kleben für einmal genug. Aber der Ostgrat und endlich der kleine, steilabfallende Gletscher gaben uns nochmals zu schaffen. Aufatmend konnten wir drunten am Bach uns vom Seil lösen und den brennenden Durst löschen.

Wahrhaft selig und unbeschwert wandert sich 's sodann nach all den Strapazen in der Abendsonne talwärts über den Sammetteppich der ausgedehnten Weiden! Mit einemmal kommen die freundlichen Häuser von Brigels in Sicht — da jauchzen wir freudig auf und streben ihnen mit möglichster Beschleunigung entgegen.

In der heimeligen Gaststube der « Fausta Capaul » war dann gut sein! Beim purpurnen Veltliner versöhnten wir uns bald mit dem Tag und seinen dornenvollen Strapazen. Und als draussen der Mond die Bergwelt taghell erleuchtete und des Dorfbrunnens Lied durchs Fenster silberte, da erlebte ich vor dem Einschlummern die Brigelser Hörner noch einmal.

Feedback