Zwei neue Bergfahrten im Wallis

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Mit 2 Bildern.Von S. Hunziker.

I. Vorder Geisshorn—Mittelaletschjoch.

Auf Bergfahrten im Spätherbst freue ich mich immer ganz besonders. Die Zeit der lärmenden Seilschaften ist dann vorbei, es ist die Zeit des « grossen, stillen Leuchtens ». Klare, durchsonnte Tage, die man vom Sommer glaubt fordern zu dürfen, empfindet man im späten Herbst als Geschenk. Man darf sich aber nicht auf etwas Bestimmtes versteifen, man muss sich ganz den Verhältnissen anpassen und sogar umkehren können — der Reiz des Ungewissen liegt über diesen Spätfahrten.

Nach einer ausgiebigen Schlechtwetterperiode anfangs Oktober 1938 glaubte ich schon, meine Pläne begraben zu müssen, besonders als ich im Rhonetal die Schneegrenze schon weit heruntergerückt sah.

Führer Josef Imseng in Brig aber war zuversichtlich und sagte: « Es selti gah. » Schon der Aufstieg zur Oberaletschhütte zeigte, dass er recht hatte, der Gletscher war wieder aper.

Bei schönem Mondschein brachen wir am 11. Oktober 1938 um 5 Uhr von der Hütte auf gegen « unsern » Grat. Der teilweise vereiste Abstieg zum Gletscher lag natürlich im Schatten, und wir mussten uns durchtasten. Eine Laterne hatten wir, des Ballastes wegen, nicht mitgenommen, wir hätten sie zwar auch hinten auf der Moräne ablegen können, aber diese Erleuchtung kam uns erst am Abend, als wir sie vermissten.

Es war heller Tag, als wir den Gletscherabbruch gegen das Vorder Geisshorn hinauf zirkelten. Wo wäre man da nachts oder im Laternenschein gelandet! Oft war der Durchschlupf so eng, dass man sich durchzwängen musste. Nach dem Abbruch kam, mit Verlaub, ein Stück Monotonie. Der Firn war nicht sehr steil, aber ziemlich lang und eintönig — ideales Skigelände — augenblicklich aber Bruchharsch. Imseng, der nie um Ideen verlegen ist, täuschte uns mit Zukunftsplänen etwas über die Langweil hinweg. Um 8% Uhr standen wir endlich auf dem Geisshorn und taten den ersehnten Blick auf die andere Seite. Überwältigend war er nun gerade nicht, denn trotz seinen 3686 m ist das Geisshorn nicht das, was man einen Aussichtsberg nennt. Vom Mittelaletschgletscher stiegen kleine Nebel auf und der Himmel zeigte Strichwolken. Ein kalter Wind trieb uns in eine geschützte Felsnische, wo wir den Rucksack etwas erleichterten.

Um 9 Uhr machten wir uns an den Grat. Zuerst ist er eine kurze Strecke ein gemütlicher Rücken. Die Kletterei kam aber bald, und zwar interessant und anregend, so anregend, dass wir ohne Halt vorwärts turnten. Es war nicht nur die Kletterfreude, die uns trieb und die Mittagspause vergessen liess; ohne Worte darüber zu verlieren, wussten wir alle drei um den weiten Weg und den kurzen Tag; zudem fing es an, von Westen und Norden einzudecken. Blicke links und rechts in die Tiefe aber lehrten uns, dass wir da die Fahrt nicht nach Belieben abbrechen konnten; es galt, die Mittelaletschlücke zu erreichen oder den Grat wieder zurückzuklettern. Ein Augenschein vom Torberg aus hatte uns am Vortage gezeigt, dass der hintere Teil uns wahrscheinlich zu schaffen gäbe. Wir hatten aber viel Seil mit und sagten uns: Wenn wir hinaufkommen, wird es auf irgendeine Art hinuntergehen. Am 50 m-Seil gingen wir und hatten noch 30 m Reserveseil — gehabt. Ja, gehabt. Gleich zu Anfang des Grates flüsterte mir Dellberg, um sein Gewissen zu entlasten, er habe das Reserveseil verloren, sicher sei es im Gletscherabbruch in einer Enge hängen geblieben. Wir beschlossen, Imseng die frohe Botschaft noch vorzuenthalten. Bei der ersten grossen Abseilstelle erfolgte notgedrungen die Beichte. Glücklicherweise reichte das 50 m-Seil knapp in die Scharte. Der Grat hatte uns ordentlich in Spannung gehalten! Der Hauptteil der Arbeit war nun bewältigt. Und weil die ganze Seilschaft endlich einmal vereinigt war, wurde beschlossen, das Gelingen der ersten Etappe zu feiern. Es war ZWEI NEUE BERGFAHRTEN IM WALLIS.

Uhr. Wir setzten uns, machten uns hinter das längst verdiente Mittagsmahl und hielten Rückblick und Ausschau. Der Rückblick war befriedigend, es war schöne Kletterarbeit gewesen, und nur ein paar kleine und allzu brüchige Türmchen hatten wir rechts umgangen; ausser der grossen Abseilstelle waren noch vier kleinere gewesen. Der Ausblick befriedigte weniger: alle Gipfel eingehüllt, und es begann zu schneien.

Unter diesen Umständen und der Vorgerücktheit des Tages wegen beschlossen wir, den letzten Turm links zu umgehen. Um 16 Uhr seilten wir von der Scharte 25 m ab und querten in mitunter schwerer Kletterei in das Mittelaletschjoch hinüber. Das relativ kurze Wandstück hat aber viel Zeit gebraucht, wahrscheinlich wären wir über den Grat schneller vorgerückt. Es war 18 Uhr, als wir den Hanf einzogen, mit dem wir auch über die Randspalte abgeseilt hatten. Wir waren noch hoch oben, und es galt nun, keine Zeit zu verlieren und das spärliche Tageslicht nach Möglichkeit zu nutzen, um dem tückischen Spaltengewirr zu entrinnen. Wo es anging, eilten wir am gestreckten Seil im gestreckten Galopp abwärts. Im untern Teil war es schon eher ein Tasten.

Wir atmeten auf, als wir sichern Boden unter die Füsse bekamen. Es war fast dunkel geworden, und wir hatten Mühe, unsern Steinmann und die abgelegte Kaffeeflasche zu finden. Wie angenehm wäre es jetzt gewesen, eine Laterne anzuzünden und in ihrem Schein gemütlich der Hütte zuzustreben — aber der Tag stand offenbar im Zeichen der Spannungen. So torkelten und stolperten wir möglichst im Eilschritt über die Steine, denn es begann zu regnen.

Um 20 Uhr betraten wir die Hütte wieder. Welch herrliches Gefühl endlicher Geborgenheit nach so vielen Stunden spannender Ungewissheit! Nach kurzem Mahle legten wir uns schlafen. Ein ereignisreicher, schöner Tag fand damit seinen Abschluss.

II. Rimpfischhorn-Südwand.

Schon am folgenden Tage hellte es wieder auf, so dass wir im Abstieg von der Hütte noch schnell dem 11. Fusshorn einen Besuch machen konnten. Strahlender Himmel, lockende Horizonte, die zu neuen Taten drängten. Imsengs Wünsche kreisten schon lange um die unbezwungene Rimpfisch-horn-Südwand.

Der 13. Oktober 1938 sah uns auf dem Weg zur Britanniahütte. Wieder waren wir ein Kleeblatt: die Führer Josef Imseng und Fritz Brunner und ich. Freude über den herrlichen Herbsttag beschwingte uns, und wir erreichten sozusagen mühelos am frühen Nachmittag die Hütte. Noch ein halbes Stündlein konnten wir uns sonnen, dann waren wir schon im Schatten des hintern Allalinhorns.

Schon um 2 Uhr riss uns der Wecker aus dem Schlummer. Eine Stunde später verliessen wir die Hütte. Ein klarer Sternenhimmel versprach einen Glanztag und erfüllte uns mit Freude. Gemächlich schritten wir über den Allalingletscher, wurden wieder einmal ergriffen vom Wunder des werdenden Tages und nahmen uns vor, es nicht mehr so oft zu verschlafen. Etwas nach 6 Uhr erreichten wir den Adlerpass 3798 m. Die Zermatterberge grüssten aus einem blauvioletten Morgenhimmel zu uns herüber. Wir hielten kurze Rast. Imseng, so nahe dem Ziele seiner Wünsche, mochte nicht essen, er suchte noch einmal mit dem Glas seinen Weg in der Wand. Um 7 Uhr brachen wir auf und stiegen rasch ungefähr 200 m den obersten Adlergletscher hinunter auf ein Schneecouloir zu. Dort war der Bergschrund leicht zu überqueren.

Sss-tägg! Der Berg schickte uns die erste Steinsalve. War das Warnung und Abwehr? « Ein freundlicher Morgengruss », meinte Imseng. Wir wichen links aus und waren eine Zeitlang in Sicherheit. Es ging über gestufte, ziemlich lockere Felsen ziemlich rasch voran. Noch zweimal kamen wir in eine Wurf-bahn, hatten aber jedesmal Glück und konnten uns in Deckung bringen. Nach oben bot sich uns immer das nämliche Bild: eine steil aufstrebende Wand und darüber ein wolkenlos blauer Himmel. Nur der Blick abwärts zeigte, dass wir stiegen. Sechs ziemlich schwere Stellen mussten in exponierter Kletterei überwunden werden, dann gelangten wir auf ein schmales Schuttband unter einem Überhang. Fast glaubten wir uns in einen modernen Tea Room versetzt, so farbig durchzogen von leuchtenden gelbroten und grünen Streifen war hier die Wand. In diesem Tea Room nahmen wir eine kleine Erfrischung, während wieder Geschosse nahe an uns vorbeipfiffen.

Bald suchten wir unsern Weg weiter nach rechts und kamen an die « böse Sieben », die schwerste Kletterstelle. Imseng versuchte, sich in einem Riss aufwärts zu arbeiten, aber ein überhängender Fels verstellte ihm den Weg, und zwei aufeinanderfolgende Platten hinderten ihn am Vorwärtskommen, rückwärts ging es auch nicht mehr. Atemlos verfolgten wir seine vergeblichen Anstrengungen und konnten nicht helfen. Plötzlich verlor sein linker Fuss den Halt, und wir fürchteten, ihn rückwärts stürzen zu sehen, aber seine rechte Hand hatte sich unwillkürlich zur Faust geballt und im Riss eingeklemmt. So hing er zwischen Himmel und Erde, bis es ihm schliesslich gelang, das Seil irgendwo einzuhängen und wieder abzuseilen. Aber wie sah seine rechte Hand aus!

Für ihn und für uns waren es bange Sekunden gewesen. Sollten wir hier umkehren müssen? Allein so schnell gibt sich ein Imseng nicht geschlagen! Im Kampf um den Berg wird der Mut gestählt, und die Tatkraft erlahmt nicht vorzeitig. Die Wut des Besessenen hatte ihn gepackt: « Versuchen wir es anderswo! » Wir querten auf einem Schuttband noch etwa 10 m weiter nach rechts zu einem vortretenden Block. Von da zog sich steil nach links aufwärts eine überhängende Platte. Hier war der Schlüssel. Zum Start bot Brunner das Knie und stützte Imsengs Fuss. So konnte sich dieser an einem kleinen Griffe emporziehen. Ungefähr 25 m schaffte er sich fast senkrecht hinan, bis er sichern konnte. Er hatte ein Meisterstück vollbracht, darüber waren wir gesichert Nachkletternden einig.

Was nun noch folgte, schien uns ein Kinderspiel. Es war 12.30 Uhr, als wir uns auf dem Gipfel des Rimpfischhorns 4203 m die Hände reichten. In 5% Stunden hatten wir also die ca. 500 m hohe Südwand durchstiegen. Komplimente gehören nicht in die Berge, aber hier musste ich doch sagen: « Imseng, Sie sind ein Herrgottsdonner! » Nach den Stunden der Spannung und Gefahr waren wir doppelt empfänglich für all das Schöne, das sich uns bot. Die Ruhe und Abgeklärtheit des Herbsttages, dieses Uber-den-Dingen-stehen wurde uns Wunsch und Symbol.

Ach, wir mussten uns losreissen, denn der Weg nach Saas war noch weit. Ein kurzes Stück stiegen wir über den Ostgrat zurück, dann die Wand hinunter, über gestuften, losen Fels und steile Schneerunsen dem Adlerpass zu. Zweimal bekamen wir noch einen Gruss von oben, Brunner brachte als Andenken sogar eine Schramme mitten auf der Stirne heim — ein Glück, dass er nicht bewusstlos geschlagen wurde!

Um 16 Uhr hatten wir den Adlerpass wieder erreicht. Nach kurzer Rast eilten wir über den Allalingletscher hinab, leider ohne Ski und wieder einmal im Bruchharsch. Es war fast dunkel, als wir zur Britanniahütte aufstiegen. Gerne hätten wir hier eine geruhsame Nacht verbracht, denn wir waren gesättigt und müde, aber schliesslich ging es ja nur noch bergab — und sie sollten sich in Saas unten nicht etwa unnötig um uns ängstigen. Nach kurzer Rast verliessen wir im Laternenschein die Hütte und landeten um 21 Uhr in der Pension Supersaxo nach 19stündiger Bergfahrt.

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