Zwei Wege über die Alpen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON A. HOFMANN, ADELBODEN

Gegen den Sommer zu erhalten meine Stubenwände nicht selten eine recht eigenartige Tape-zierung, ein sicheres Zeichen dafür, dass die ersehnte Wanderzeit nicht mehr fern ist. Die leicht bestäubten Blätter der neuen Landeskarte werden aus ihrem langen Winterschlaf gerissen, der letzte verbogene und verrostete Reissnagel unbarmherzig aus der unzugänglichsten Ecke herausgefischt. Die Mühe lohnt sich, denn nun prangt die herrlichste Alpenlandschaft vor meinen Augen, gross, plastisch, genau bis in jede noch so geringe Einzelheit.

Jetzt aber die Kreide zur Hand! Vom nördlichen Alpenrand her, dort, wo die sanften, leicht schattierten Gewölbe der Vorberge in die steilwandigen, mit scharfem Helldunkel hervorgehobenen Grate des Hochgebirges übergehen, zieht sich langsam ein deutlicher, weisser Strich bis dort hinab, wo die oberitalienischen Seen das Tor zur südlichen Tiefebene bilden. Mehrfach in die Täler eindringend und die Bergketten durchschneidend, soll dieser Kreidestrich meinen Weg über die Alpen bezeichnen.

Einen solchen Weg zu finden, der allen Bedingungen des ungestörten Wanderns genügt, stellt bereits ein kleines Problem dar. Da sollen zunächst die Strassen so gut als nur möglich vermieden werden, desgleichen die lauten Rummelplätze der Seilbahnalpinisten. Und trotzdem möchte man eine Wanderroute wählen, die in schöner, möglichst gerader Linie den Alpenwall durchquert!

Es war vor drei Jahren, als ich mir erstmals einen solchen Plan zurechtlegte. Ich traf Mitte Juni in Einsiedeln ein und begann dem Alpbach entlang nach Süden zu wandern. Damals lagen die höheren Alpenpässe noch unter einer tiefen Schneedecke, und ich sah mich gezwungen, auf den vorgesehenen direkten Weg zu verzichten.

Ich hatte genügend Zeit, um gemächlich zu wandern, und liess mich durch das kalte Regenwetter der ersten Tage nicht verdriessen. Da stand ich oft im strömenden Regen, tief über den Zeichenblock gebeugt, und versuchte mit einigen Bleistiftstrichen die Eigenarten der Landschaft festzuhalten. Was sich da von den ungeschickten Bewegungen meiner rasch erstarrenden Hände auf das Papier übertrug, war alles andere als gefällig; insofern sie mich aber zu einer gewissen Einfühlung und Auseinandersetzung mit dem dargestellten Gegenstande zwang, fand ich diese Beschäftigung nicht ganz sinnlos.

Der Grosse Mythen brachte mir in jenen kalten Junitagen ein erstes unvergessliches Erlebnis. Auf der Holzegg, wo ich alleiniger und unbestrittener Beherrscher des Massenlagers war, hatte ich zwei gezählte Tage mit Lesen und Schlafen verstreichen lassen. Das Wetter war trostlos, die untersten Hänge der Mythen leicht verschneit, die beiden Felsgipfel, die ich irgendwo über meinem Kopf vermutete, in Nebel gehüllt, unsichtbar.

Nun, am dritten Tag wurde ich des Wartens überdrüssig und liess mich um so leichter durch den schmalen Weg verführen, der sich in schönen Biegungen die unteren Steilwände des Grossen Mythen emporwand, um bald im grauen Nichts zu verschwinden. Es war ein Steigen ins Ungewisse.

Nach einer Stunde hatte ich den Gipfel erreicht, und in demselben Augenblick zerriss die Nebeldecke über mir. Immer grössere, tiefblaue Felder wurden frei. Aber auch unter mir war der weissliche Vorhang in heftige Bewegung geraten. Unvermeidlich mussten sich breite Risse bilden, durch die mein Blick auf die grünen Fluren des Schwyzerländchens fiel oder auf den silbrig glänzenden Wasserspiegel des Lowerzersees. Unterdessen fielen einige Sonnenstrahlen in die frischüber-schneiten Wandfluchten meines Berges, die mit unbeschreiblichem Glimmern diesen warmen Gruss beantworteten...

Eine Stunde später stapfte ich über glucksenden Weideboden dem Muotatal zu. Ungeheuerliche Schneeflocken, ausgewachsenen Waschlappen vergleichbar, klatschten wasserschwer auf meinen Regenschutz nieder.

Nun, der Bericht über meine damalige Fussreise darf nicht zu ausführlich werden. Er soll ja nur eine Anregung sein für den Passwanderer, der Zeit und Gelegenheit hat, seine Bergfahrt über grössere Strecken auszudehnen. Dem Besinnlichen vermag eine Alpenüberquerung von Norden nach Süden vieles zu schenken, welches auch seine besonderen Interessen sein mögen. Dem von den grossen Naturvorgängen Ergriffenen bietet sie einen Einblick in den Aufbau des mächtigen Gebirgswalles. Wer sich mit warmer Teilnahme um die Lebensgewohnheiten der Älpler kümmert, wird nicht gleichgültig auf der grossen Wasserscheide stehen, die zwei verschiedene Sprachen, zwei verschiedene Kulturen scharf voneinander trennt. Doch wird er auf der Südabdachung der Alpen manches antreffen, das er schon in den nördlichen Tälern feststellte und ihm das Gemeinsame im Dasein der Bergbewohner offenbart. Endlich kommt auch der Geschichtsliebhaber auf seine Rechnung, indem er sowohl die Beschwerden wie auch die Freuden früherer Alpenreisen nachfühlen kann.

Ich will nun möglichst kurz die Fortsetzung meines Weges schildern.

Da die Schächentaler wenige Tage zuvor ihre Herden über den Kinzig getrieben hatten, war dieser Pass, der immerhin noch knietief unter dem Schnee lag, wegsam geworden. Dann aber musste ich einen Umweg über das Reusstal einschlagen, wobei mir der linksseitige Wanderweg bis Amsteg gute Dienste leistete.

Im Maderanertal traf ich Klaus, meinen Bergkameraden, der ab und zu in grosszügiger Weise von seinen geliebten Felsen ablässt, um mich über die harmlosen « Grasmutten » zu begleiten.

Gemeinsam stiegen wir über den Krüzlipass ins Vorderrheintal hinab. Am folgenden Tag, es regnete in Strömen, betraten wir das Val Medels. Während wir im tiefen Gras einem wahrscheinlich nur eingebildeten Weg folgten, füllten sich unsere Schuhe unablässig mit Wasser. Nach mehrmaligem Umkehren derselben und kräftigem Auswinden der Socken war es uns schliesslich doch noch beschieden, an demselben Abend, tief im knisternden Stroh von Santa Maria steckend, über Sinn oder Unsinn einer solchen Wanderung zu diskutieren. Als beharrlicher Anwalt der « Grasmutten » hatte ich damals keinen leichten Stand, so oft und gerne ich auch auf die unbestreitbare Romantik unserer Lage und insbesondere unseres kleinen Raumes hinwies, den unsere tropfenden Kleider recht sinnvoll ausschmückten.

Über dem Passo dell'Uomo und den Pioraseen hellte das Wetter endlich auf, und hatte meine Reise im Schneetreiben begonnen, so sollte sie in einer wahrhaft subtropischen Gluthitze enden. Noch nie hatte ich eine solche Lichtfülle empfunden, wie am Höhenweg der Leventina. Die erhitzte Luft flimmerte über den blendend weissen Strässchen. Wir wanderten nur am Morgen und am Abend; tagsüber rasteten wir im Schatten der Wälder oder hielten uns in der Nähe der Dörfer auf, wo wir uns gerne mit den freundlichen Tessinern unterhielten. In den Flühen oberhalb Calonico hatte sich uns ein verirrtes Zicklein zugesellt, das auf dem Dorfplatz mit viel Liebe und Zärtlichkeit von den spielenden Kindern empfangen wurde.

Je weiter wir kamen, um so mehr nahm die Landschaft südlichen Charakter an. Die Kastanie begann den Nadelwald zu verdrängen, die Steinbauten von Anzonico und Sobrio traten an Stelle der schwarzen Holzhäuschen von Altanca.

Schliesslich erreichten wir den Talboden von Biasca, aber nur, um anderntags einen Weg hinüber ins Verzascatal zu suchen. Im abgelegenen Val d' Ambra liessen wir uns durch den feinen Sprühregen des Wasserfalles berieseln und schauten zu, wie sich der Wasserstaub hoch über uns mit schwebender Leichtigkeit von der dunklen Felswand löste, als hauchdünne, glitzernde Wolke dem blauen Äther zuflog, um sich erst dann langsam nach der Tiefe zu senken.

Als die grösste Hitze vorüber war, stiegen wir weiter. Es wurde Abend, wir standen beinahe 2000 m über dem Talboden des Tessins, und noch hatten wir die trennende Gratscharte nicht erreicht. Dafür, fanden wir eine niedrige Steinhütte, die wir beinahe nicht beachtet hätten, so sehr schien sie mit ihrer graufarbenen Umgebung verwachsen. So betraten wir, während weit im Osten die Gipfel der Adula noch in der letzten Abendsonne leuchteten, die bescheidenste und zugleich die erhabenste Unterkunft unserer Wanderung.

Als der letzte Morgen anbrach, standen wir bereits über dem schmalen Felsentor, das die Wasser des Tessins von der Verzasca trennt. Noch am gleichen Tag fand diese unvergessliche Fussreise an den Ufern des Lago Maggiore ihren Abschluss.

Weniger gemächlich, aber viel eindrücklicher in bezug auf die Einfachheit und Schönheit des Weges verlief meine diesjährige Alpenüberquerung. Diese Wanderung führte mich von Glarus aus durch das Sernftal, über den Panixerpass, den Valserberg, den Passo dei Passetti ins Calancatal und nach Bellinzona hinunter. Meine Zeit war knapp bemessen, und hätte sich bei mir nicht eine gewisse Freude an der körperlichen Anstrengung eingestellt, so hätte ich kaum diese Strecke in weniger als fünf Tagen zurücklegen können.

Die erste Nacht verbrachte ich unter dem freien, klaren Sternenhimmel. Das war eine Stunde oberhalb Elm, am Panixerweg. Natürlich erwachte ich im ersten Morgengrauen und setzte gleich meinen Aufstieg zu diesem wilden, steinigen Bergpass fort.

Hier hatte das Russenheer unter Suvorow das letzte und beschwerlichste Hindernis auf seinem Marsch über die Alpen gefunden. Unvermittelt betritt man ein enges Felsentor, das sich bald zu einem gewaltigen Trichter erweitert, der an die Klüsen der Juraberge erinnert. In mehreren Stufen gewinnt der Saumpfad an Höhe. Hat der Wanderer einmal den Engpass der « Gurgel » durchschritten, so steht er bald vor dem kleinen « Hexenseeli », das in einer Landschaft von ungewöhnlicher Rauheit und Düsterkeit eingebettet liegt.

Die Passhöhe ist aber in wenigen Minuten erreicht, und das Auge kann sich wieder an den heitern Farben und am Glanz des Hochgebirges erfreuen. Da leuchten in unmittelbarer Nähe die Eisfelder des « Glacier de Mer », über denen sich der schwarze Felskopf des Hausstocks erhebt. Von weither grüssen die Bündner Gipfel herüber, vom Piz Ault über die dunkle Pyramide des Piz Terri zu den weissen Firnfeldern drüben am Piz Medel.

Der Wanderer aber, der bald die Passhöhe verlassen wird, um nach dem Dörfchen Pigniu abzusteigen, blickt freudig auf das satte Grün der Tannenwälder hinab, die er bald auf herrlichem Wege betreten wird.

Wenn ich den Panixer etwas eingehender beschrieben habe, so deshalb, weil ich ihn den Wanderfreunden besonders empfehlen möchte.

Nachdem ich die folgende Nacht in einem Heustadel bei Flond, bereits jenseits des Vorderrheines, verbracht hatte, stieg ich bei nebligem Wetter über die Hänge des Piz Mundaun ins Val Lugnez hinab. Für den zweistündigen Strassenmarsch nach Vals entschädigte mich die Schönheit dieses engen, bewaldeten Tales. Ich befand mich in bester Verfassung und setzte nach kurzem Aufenthalt meinen Weg fort. Jener Abend bleibt unvergesslich. Während ich am hellbeleuchteten Hang hinter dem Dorf emporstieg, zog eine tiefschwarze Wolkenbank über den nördlichen Himmel. Um so reiner und tiefer wirkte das blaue Gewölbe im Südwesten, wo der scharfe Felsfinger des Zuvreilerhornes über die Wipfel des Hochwaldes ragt.

Oben im Peilertal herrscht Feierabendstimmung. Von den steilen Heubergen stiegen die Bauern zu ihren Hütten hinab, von denen sich die meisten um die weisse Kapelle scharten. Während die dunkel gekleideten Männer, die Sense auf der Schulter, bedächtig und dennoch zügig heimwärts schritten, sah man da und dort das rote Röcklein eines kleinen Mädchens in übermütigen Sprüngen die steilen Hänge hinabgleiten. Vor einer Hütte flatterte am weitgespannten Seil die bunte Wäsche noch lustig im Abendwind, während über dem Dache ein heimeliges Räuchlein ankündigte, dass die Mutter schon geschäftig in ihrer Pfanne rührte.

Kurz vor dem Einnachten erreichte ich die Valatschalp, wo der Senn mir bereitwillig ein Heulager anbot. Dieses befand sich direkt über dem Ziegenstall, der nebst einem süsslichen Geruch auch eine sehr angenehme Wärme verbreitete. Noch bevor ich in meinen Schlafsack kriechen konnte, öffnete sich lautlos das niedere Türchen und ein riesiger, gehörnter Kopf zwängte sich hinein. Nachdem es dem triefenden Maul gelungen war, eine Handvoll duftendes Heu zu erhaschen, verschwand das « Ungeheuer » befriedigt in der dunklen Bergnacht.

Als ich mich am frühen Morgen des vierten Tages nach kurzem Anstieg auf der Höhe des Valser-berges befand, wurde ich von jenem Nebel überrascht, der im Gebirge oft ganz plötzlich da ist, den wir nicht voraussehen können, weil er gleich an Ort und Stelle aus dem Nichts zu entstehen scheint.

Trotzdem hatte ich keine Mühe, den Weg ins Hinterrheintal zu finden. Weder dort noch auf der Bernardino-Passhöhe hielt ich mich lange auf. Vom südlichen Ende des Bergsees aus querte ich direkt auf die rechte Talflanke der Mesolcina hinüber, um, wie ich hoffte, ohne Höhenverlust auf den Passo dei Passetti zu gelangen. Dieser Weg erwies sich in der Folge als mühsam, denn öfters mussten tiefe Bachrunsen umgangen werden. Zudem bereitete der Nebel nicht geringe Schwierigkeiten. Schliesslich gelang es mir doch, die Formen des Geländes unablässig mit der Karte vergleichend, gegen Abend die einsame Passhöhe zu erreichen, die das Misox vom tiefen Einschnitt des oberen Calancatales scheidet.

Neben dem grösseren der beiden Seelein fand ich die auf der Landeskarte eingezeichnete Schutzhütte. Niedrig, aus rohen Steinblöcken zusammengefügt, besass sie weder eine Türe noch eine Lagerstätte. Da ich aber entschlossen war, meine letzte Nacht hier oben zu verbringen, legte ich einige Steinplatten zusammen und versuchte mit allen verfügbaren Kleidungsstücken ihre Härte zu lindern.

Später schlenderte ich um den kleinen, dunklen Bergsee. Einige Fröschchen, die vor meinen Füssen behendig ins Wasser sprangen, um in der Folge ihre anhaltenden Luftblasen aufsteigen zu lassen, scheinen dort oben die einzigen Lebewesen zu sein.

Dann sass ich lange vor dem niederen Eingang meiner Hütte und schaute dem Einnachten zu. Noch nie, wie damals in jener Menschenferne, verfolgte ich mit solch gespannter Aufmerksamkeit dieses alltägliche Schauspiel, noch nie hatte es mich dermassen ergriffen. Jetzt glaubte ich zu verstehen, was es bedeutet, dass wir uns mit der Gewissheit des neu erwachenden Tages zur Ruhe legen dürfen.

Zugleich fühlte ich eine tiefe Dankbarkeit für das, was mir die kurze Wanderzeit an unvergesslichen Erlebnissen geschenkt hatte.Vor allem hatte sie mich in der Überzeugung bestärkt, dass Wandern und Bergsteigen nicht trotz, sondern gerade wegen ihres Masses an Entsagungen den Menschen glücklich machen.

Diese Erfahrung ist es, die uns Bergsteiger verbindet, vom extremen Kletterer bis zum bedächtigen Passwanderer. Das ist zugleich unser Geheimnis, und niemand wird es verstehen, der in den Bergen nur das Vergnügen zu finden glaubt.

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