Happy Birthday Solvay-Biwak Die Königin des Bergsteigerasyls wird 100

Auf 4003 m ü.M steht das höchstgelegene Biwak der Schweiz, auf halbem Weg zum Matterhorn. Exponiert, am sturmumwitterten Hörnligrat ist das Solvay-Biwak seit Generationen die Lebensversicherung für viele Alpinisten. Am 8. August 2017 wird es 100-jährig. Grund genug, auf seine bewegte Geschichte zurückzublicken.

Eines habe er gelernt, sagt Bruno Jelk, seit 35 Jahren Bergretter in Zermatt, «Mit Bergsteigern in Not rede ich nicht über Geld». Gelernt hat er dies auf die harte Tour. Es war in seinen Anfängen bei der Air Zermatt, als ihn ein Notruf vom Solvay-Biwak erreicht und die Bergsteiger wissen wollen, wie viel eine Rettung kostet. Er gibt Auskunft, mit fatalen Folgen. Den Bergsteigern ist es zu teuer, sie versuchen selber abzusteigen – und stürzen tödlich ab. «Entweder ihr braucht Hilfe oder nicht», das sei die richtige Antwort. Die, die er seither gibt und die, die ihn abends schlafen lässt.
Ungefähr 800 Mal ist Jelk seither ausgerückt, ungefähr 1600 Bergsteiger hat er vom Horn heruntergeholt – exakt 262 davon tot. Woher plötzlich diese genaue Zahl? «Die Toten sind anders. Die brennen sich ein», sagt Jelk.

Hütte in der «Gefechtslinie» gebraucht

Verunglückte gab es viele am Matterhorn. Schon lange vor Jelks Zeit. Denn kaum ein anderer Berg in der Schweiz übt eine so starke Faszination auf Alpinisten aus und zieht sie in Scharen an wie das «Horu», wie sie das Matterhorn im Wallis nennen. Geschichten des Erfolges und der Freude, aber auch der Niederlage und des Todes werden hier seit über 150 Jahren geschrieben.

Um den unzähligen Dramen am Berg etwas entgegenzusetzen, wurde bereits um die Jahrhundertwende der Ruf nach einem neuen Asyl für Bergsteiger am Hörnligrat laut. Die erste Hütte auf der Schweizer Seite des Berges wurde 1868 erbaut, verfiel aber schnell. Daraufhin entstand 1880 die Hörnlihütte am Fusse des Matterhorns. Doch von dort aus war es in den seltensten Fällen möglich, Alpinisten im oberen Teil des Grates zu helfen. Es brauchte eine Hütte mitten in der «Gefechtslinie».

Ein Geldgeber für das Projekt war rasch gefunden: Ernest Solvay, belgischer Unternehmer und Philanthrop, dessen Liebe zum Hochgebirge – insbesondere zu den Zermatter Bergen – bekannt war. Solvay war gerne bereit, 20‘000 Franken für den Bau einer Schutzhütte zu spenden. «Als Dank für die Freuden, die mir das Hochgebirge geschenkt hat», wie er sagte.

Kampf um Asyl am Hörnligrat

Das war im Juli 1904. Der Rest Formsache – so dachten die Befürworter. Doch die Idee einer Schutzhütte auf dem Hörnligrat gefiel nicht allen. Die Gemeinde Zermatt, Eigentümerin des Baugeländes am Matterhorn, sträubte sich, Land abzutreten. Die Angst, dass die neue Schutzhütte eine Konkurrenz zum geplanten mehrstöckigen Hotel am Fusse des Matterhorns (Berghotel Belvédère, später Berghaus Matterhorn) sein könnte, war gross. Auch lokale Bergführer befürchteten, dass Alpinisten mit der neuen «Lebensversicherung am Grat» auf ihre Dienste verzichten könnten und leisteten Widerstand. Die Erzählung Karlrobert Schäfers von 1944 schildert dies anschaulich. 

Es war ein langer und zäher Kampf. 1912 gab Zermatt endlich das Jawort – unter der Bedingung, dass die Hütte den Bergsteigern nur in Notfällen als Zufluchtsort dienen dürfe. Allerdings musste der Baustart noch um zwei weitere Jahre verschoben werden: Schlechtes Wetter am «Horu». Und 1914 brach dann noch der Erste Weltkrieg los. Erst im Juli 1915 konnte der Sittener Architekt Alphonse de Kalbermatten die notwendige Arbeiterschar, bestehend aus Bergführer und Träger, zusammenstellen: Oskar Supersaxo als Bauführer, Gustav Imseng, Roman Anthamatten, Cyrill Supersaxo, Hieronymus und Alois Lohmatter, Emanuel Burgener. 

Die Entstehung des Solvay-Biwaks in Bildern

Tausende von Kilos an Baumaterial hochgehievt

Der Materialtransport zur Baustelle in 4000 m ü.M war schwierig und strapaziös. Von Visp aus, wo das Bauholz zugeschnitten wurde, waren 3340 Meter Höhendifferenz zu überwinden. 960 davon konnten mit der Dampfbahn bis nach Zermatt bewältigt werden. Von dort trugen Maulesel das Material 1678 Meter höher bis zur Hörnlihütte. Eine Seilwinde, die einen kleinen Transportwagen über sechs Etappen hochzog, erkletterte die restlichen 645 Höhenmeter zum Bauplatz. Dabei mussten steile Couloirs, ausgesetzte Felsen, Schnee und Eis überwunden werden. Bei jedem Transport konnten maximal 250 kg Last angehängt, von einem Mann in knapp einer Stunde hochgewunden und der leere Wagen innerhalb von fünf Minuten zur Ausgangsstelle zurück gebracht werden. 8000 kg Baumaterial wurde so in die Höhe gehievt. Diese Technik erlaubte es, die Hütte in nur zwei Monaten fertigzubauen.

Schwindelfreiheit war Voraussetzung

Trotz der Seilwinde war die Arbeit körperlich extrem anstrengend und kräftezehrend. Jeden Morgen stiegen die Männer von der Hörnlihütte über den Grat auf. Nur mit Nagelschuhen an den Füssen, schlugen sie bei schneidender Kälte stundenlang Stufen in Schnee und Eis. Am Abgrund lauerte zudem immer die Absturzgefahr. Eine Unaufmerksamkeit, ein Ausrutscher hätte den sicheren Tod bedeutet. Schwindelfreiheit und Trittsicherheit waren ein Muss. Widrige Wetterbedingungen – einmal mehr ein schlechter Sommer – erschwerten die Arbeiten zusätzlich. Es grenzt fast an ein Wunder, dass es ausser einer ausgerenkten Schulter keine Unfälle gab.

Tagebuch lässt tief blicken

Der Bauführer Oskar Supersaxo führte ein kleines Tagebuch. Oft steht da nach schweren Arbeitstagen von bis zu 14 Stunden der Eintrag: «müd – müd – müd, aber froh». Das schlechte Wetter dominierte die ganze Bauzeit, «aber nicht den Willen, die Stärke und Entschlossenheit der Arbeiter». Auch wenn der Chef offenbar nicht immer ganz restlos zufrieden war mit seiner Mannschaft. Launig vermerkte er einmal etwa: «Mit der zunehmenden Höhe wird die Luft dünner und die Arbeitskräfte nehmen ab. Besonders bei den Verheirateten!» 

Mit der letzten Transportbahn am 21. August 1915 kommt auch der letzte Eintrag:«Wir sind alle kaputt. Aber glücklich, dass kein Unglück geschah.» Und schon zehn Tage später, am 31. August 1915, war es soweit – das Biwak stand. Mit rund fünf Metern Länge und vier Metern Breite bot es für 15 Personen einen sicheren Unterschlupf. Kein Tisch, kein Bett gab es im Innern, nur ein nackter Raum. Doch das Wesentlichste – Schutz – war garantiert. Seither horstet das Biwak dort oben am letzten Gendarm des Nordostgrates. Kein anderes Biwak in der Schweiz liegt so hoch – was das Solvay-Biwak zur Königin der Biwaks macht.

Einblick in das Tagebuch des Bauführers (auf Französisch)

Früher war es schlimmer

Die Hütte hat seither nichts von ihrer Wichtigkeit eingebüsst – im Gegenteil. Jährlich übernachten zwischen 400 – 600 Alpinisten darin. Allerdings nur etwa 30-40 davon aus einer «echten» Notlage heraus, wie es bei der Air Zermatt heisst. Eigentlich darf das Biwak nur in Notfällen im Abstieg benutzt werden. Es gibt trotzdem immer wieder Leute, die es auch benutzen, um den Aufstieg zu verkürzen, oder um die Kosten der Hörnlihütte zu umgehen. Und auch die 20 Franken, die eine Notübernachtung im Biwak kostet, bezahlen die meisten nicht. Trotzdem will man in Zermatt nicht von Missbrauch reden. «Früher war es schlimmer», sagt der Zermatter Bergretter Bruno Jelk. Und auch Vandalismus und Putzmuffel gab es übrigens schon im 19. Jahrhundert in den Berghütten.

Rettung auch für Bergretter

Es gebe auch Leute, die das Solvay-Biwak überflüssig fänden, weiss Jelk. Dass die Matterhornbesteigung «echter» wäre ohne, nur den «wahren» Bergsteigern vorbehalten. «Diese Leute haben keine Ahnung von der Bergrettung», sagt Jelk. «Für uns ist das Solvay-Biwak nicht wegzudenken.» Denn die Bergretter sind jedes Mal dankbar, wenn sie den Rettungseinsatz, der aufgrund des Wetters gefährlich für sie werden könnte, bei besseren Verhältnissen machen können und die Alpinisten im sicheren Unterschlupf wissen. «Denn eines ist klar», sagt Jelk, «wenn es die Hütte nicht gäbe, hätten wir ein paar Fussmärsche mehr machen müssen». Auch wenn genau solche Wünsche auch schon per Notruf reinkamen. «Bitte rettet mich zu Fuss und nicht mit dem Heli.» Da bleibt auch einem hartgesottenen Rettungschef wie Jelk die Spucke weg, nicht aber die Worte. Und er blies dem vermeintlich in Not geratenen Alpinisten den Marsch. «Du entscheidest, ob du Hilfe brauchst, ich entscheide, wie wir dich retten». Punkt.

Trügerische Sicherheit

Jelk kennt sie alle, die tragischen Geschichten, die sich um oder sogar im Biwak abspielten. Wie etwa diejenige, bei der ein Bergsteiger auf dem Abstieg bei schlechtem Wetter das Biwak bereits erreicht hat und erleichtert über die Türschwelle tritt. In diesem Augenblick stürzt sein Seilpartner, der noch die letzten Meter oberhalb der Hütte abklettert und reisst den sich vermeintlich in Sicherheit wähnenden vor den Augen der anderen Schutzsuchenden rückwärts aus der Hütte in die Tiefe. Andere Geschichten verliefen glimpflicher. Wie diejenige von den zwei jungen Alpinisten, die wegen des schlechten Wetters tagelang im Biwak festsassen. Ohne Wasser und ohne Nahrung. Eine Evakuation mit dem Heli kam bei dem Sturm nicht in Frage, aber die Bergretter gingen das Wagnis ein, die Hütte anzufliegen und aus sicherer Distanz zum Felsen heissen Tee und Essen an einem Seil abzulassen, um sie mit dem Nötigsten zu versorgen.

Notruf mit ausführlichem Tourenbericht

Auch skurrile Geschichten gibt es: Ein Japaner meldet sich aus dem Biwak per Notfunk bei Jelk. Es stellt sich heraus, dass der Hilfesuchende keine anderen Sprachen spricht. Also macht Jelk sich mit dem Funkgerät in der Hand auf die Suche nach Japanern. Am Bahnhof Zermatt wird er fündig. Nach kurzer Erklärung auf Englisch übergibt er ihnen das Funkgerät, in der Hoffnung, dass sie ihm sagen können, was dem Mann fehlt. Nach zehn Minuten angeregter Unterhaltung übergeben sie das Funkgerät kommentarlos einem verdatterten Jelk zurück und verneigen sich dankend. Es stellt sich heraus, dass auch sie nur japanisch sprechen. Worüber sie gesprochen hatten? Darüber kann Jelk nur mutmassen. Also müssen Jelk und sein Team ausrücken, um es selber herauszufinden. Es stellt sich zum Glück heraus, dass der Mann nur erschöpft war. Wahrscheinlich hat er seinen Landsleuten einfach nur ausführlich von seiner Matterhornbesteigung erzählt.

Wenn es am Mittag gewittert, dann weiss Bruno Jelk, dass es viel zu tun gibt. Bei jedem Gewitter stecken noch ein paar auf dem Grat, die es nicht rechtzeitig herunter schaffen. «Ja, sicher, wir hätten viel weniger Probleme, wenn es das Matterhorn nicht gäbe», sagt Jelk. Doch das wird allen Widrigkeiten zum Trotz noch eine Weile stehen. Und das Solvay-Biwak, die 100-jährige Königin, wird auch weiterhin auf dem Felsgrat oben horsten und hilfesuchende Bergsteiger vor dem Schlimmsten retten.

Einweihung und Renovierung

Das Solvay-Biwak war bereits 1915 fertig gebaut, eine sofortige Einweihung war aber nicht möglich, da der Schnee schon frühzeitig das Horn blockierte. Im Jahr darauf wollte man sie nachholen – trotz des wiederum sehr unsicheren Wetters. Eine Gruppe von rund 20 Leuten kam bis auf 3800 m ü.M. Dann wurde der Schneefall zu stark. Es gab kein Weiterkommen. Erst am 8.8.1917 konnte die offizielle Weihe vorgenommen werden. Der Mäzen Ernest Solvay konnte an der schlichten Feier nicht teilnehmen. Es herrschte Krieg in Europa. An Ausreisen aus dem besetzten Belgien war nicht zu denken. Die Hütte, deren Bau er erst ermöglicht hat, hat er nie gesehen. Der SAC hielt es indes für seine Pflicht, dem kleinen Schutzhaus Solvays Namen zu geben. Vor der Bergsteigersaison 2017 sollte das Solvay-Biwak renoviert werden. Solvays Nachfahren griffen auch hier kräftig in die Tasche und kamen für mehr als die Hälfte der benötigten 90‘000 Franken auf. Geplant sind ein neues Dach und eine neue Toilette. Doch die Renovation musste bis auf Weiteres verschoben werden. Grund: Wieder einmal schlechtes Wetter am «Horu».

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