Albert-Heim-Hütte

Diese Hütte der Sektion Uto wurde und wird öfter auch als « Albert-Heim-Hütte am Winterstock » bezeichnet. Dies könnte den Eindruck erwecken, die Hütte klebe tatsächlich am Winterstock und dieser sei ihr eigentlicher Hausberg. Dem ist nicht so: Die Hütte steht auf einem dem Winterstock südlich vorgelagerten Felsbuckel, dem Punkt 2541, aus kompaktem, wuchtigem Granit, in freier Lage.

Derart in die Mitte einer grossartigen Gebirgsrunde hineingestellt, vermittelt sie ein Panorama von aussergewöhnlicher Vielfalt. Die Kulisse der im Bereich der Hütte liegenden Berge beginnt im Südwesten mit den Büelenhörnern, kuliminiert in der imposanten Gestalt des Galenstockes ( 3583 m ), begrenzt im Norden den Horizont mit den Kletterbergen des Tiefenstockes ( 3515 m ), Gletschhorns ( 3305 m ) und Winterstockes ( 3203 m ) und endigt im Osten mit dem Lochberg ( 3074 m ). Anschliessend fällt der Blick tief in das Urserental hinab und hinüber zum Oberalppass. Mit den Bergen des Haupt-Alpenkammes im Süden, die aus unserer Sicht im Pizzo Lucendro ihren Höhepunkt haben und im Westen beim Furkapass endigen, schliesst das Panorama ein Herzstück der Zentralschweiz ein. Aus dem Wallis grüssen von ferne einige Spitzen, insbesondere das Weisshorn, über die Senke der Furka herein.

Nicht minder interessant sind die Aspekte der näheren Umgebung. Da ist einmal die grossartige Gletscher- und Moränenlandschaft des Tiefengletschers, dann aber auch der Einblick in die mächtigen Granitformationen, welche in seltsamem Kontrast zum Rasen auf den vorgelagerten Kuppen und Hängen stehen, was man auf einer Höhe von 2500 Metern kaum mehr erwarten würde. Schliesslich sei auch der Mineralreichtum der Gegend erwähnt, welcher selbst dem nicht-professionellen « Strahler » noch manchen Zufalls- fund beschert. Die in alten Karten noch erwähnte « Kristallhöhle » am Gletschhorn wird man, wenn sie wegen des Gletscherschwundes überhaupt noch erreichbar ist, allerdings vergebens aufsuchen, denn sie ist ausgeräumt.

 

Das erstaunlichste an dieser Geschichte ist vorerst, dass die Hütte nicht aus vordergründig touristischem Interesse gebaut wurde. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass sie nur für 18 Plätze geplant wurde, und dies zu einer Zeit, wo andernorts, in weit weniger attraktiven Tourengebieten, bereits Hütten mit 40 und mehr Plätzen gebaut wurden. Ob die Unterkunft auch deshalb nicht grosser konzipiert wurde, weil sie nur für anspruchsvolle Gletscher- und Klettertouren, nicht aber für einfache Besteigungen dienen würde und weil andererseits auch die Extremkletterei noch nicht gang und gäbe war, mag Vermutung bleiben.

Verwunderlich ist auch, dass nicht schon früher, sondern erst 1916 an eine Hütte in diesem Gebiet gedacht wurde, während die Rotondohütte schon etliche Jahre zuvor erstand. In dieser Hinsicht mag der Umstand mitgespielt haben, dass das Gebiet im weiteren Sinne der Gotthard-festung zugehörte, innerhalb welcher man dem Touristenzug eher misstrauisch und reserviert gegenüberstand. Merkwürdigerweise wurde dann der Bau ausgerechnet während des ersten Weltkrieges möglich. Eine weitere Erklärung für die späte und zaghafte Erschliessung — die allerdings auch auf die Rotondohütte hätte zutreffen müssen — wäre die damalige Abgelegenheit für die Unterländer, welche sowohl eine lange Bahnfahrt wie einen langen Anmarschweg zu bewältigen hatten. Nicht zu vergessen ist, dass es damals weder die Furkabahn noch Postautokurse gab.

Initiant der neuen Hütte war der damalige Hüttenchef der Sektion Uto, Stadtrat Gustav Kruck, welcher eben erst die Cadlimohütte er- baut hatte. Er verstand es, einen kleinen Kreis von hochgesinnten Gönnern für die Idee und insbesondere für die Motivierung der besonderen Ehrung für ihren Freund, den Altmeister der Geologie, Professor Albert Heim, zu begeistern. Innert kürzester Frist war die Finanzierung gesichert, so dass noch im gleichen Jahr, dem Kriegsjahr 1916, an die Vorarbeiten herangegangen werden konnte.

Dieser kurze Rückblick mag gerechtfertigt sein. Es ist gewiss keine dramatische Geschichte, und mit anderen Vorzeichen spielt sie sich wohl bei jedem Hüttenbau ab. Sie will lediglich an diesem Einzelbeispiel zeigen, wieviel Idealismus, Tatkraft und Opferwilligkeit hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit unserer Hütten steht.

 

Mit dem eigentlichen Bau konnte im Jahre 1918, genau gesagt, am 23.Juli begonnen werden, nachdem sämtliches Holzwerk bis ins Detail zuvor im Unterland vorbereitet worden war. Das Baumaterial wurde mit Camions des Festungskommandos auf der Furkastrasse bis nach Tiefenbach gebracht und musste von dort zur Baustelle getragen werden. Es waren immerhin 155 Säcke Zement und im ganzen 20 Tonnen Material. Heute dürfte es schwer fallen, in Realp acht junge, kräftige Männer für diesen mühseligen Dienst zu finden.

Nach nur achtwöchiger Bauzeit konnte am 22. September die Hütte schon eingeweiht werden. Es muss ein schönes Fest gewesen sein; wie hätte es auch anders sein können: eine grossartige Bergwelt, ein wohlgelungenes Werk, dazu der aussergewöhnliche Umstand der Ehrung eines um die Erforschung der Gebirge besonders verdienten Wissenschafters. Man spürt die Feierlichkeit förmlich aus der Berichterstattung: « Professor Heim betrat als erster die Hütte.»- Eine gewisse Hochstimmung ging auch aus der Stiftungsurkunde hervor, welche unter anderem den Willen ausdrückte, « ...dass Sektion Uto und Alpenclub sich dauernd verpflichten, den baulichen Charakter der Hütte innen und aussen niemals anzutasten, sie nicht bewirtschaften zu lassen und sie ihrem Zwecke nie zu entfremden ».

Das « Niemals » hat genau 14 Jahre gedauert.

Es bereitet im nachhinein einige Mühe, die in der zitierten Bestimmung zum Ausdruck kommende, verblüffende Selbstsicherheit und Voreingenommenheit dem eigenen Werk gegenüber zu verstehen. Ein gewisser Stolz war sicher berechtigt; die Hütte war im ganzen und bis ins Detail sowohl aussen wie innen sorgfältig und liebevoll gestaltet. Sie präsentierte sich, unterstrichen noch durch die Kästchenform, wie eine Schmuckscha-tulle. Gustav Kruck, von Hause aus Baumeister, hatte für die Gestaltung einen Architekten beigezogen, und das war ein grosses Verdienst, dessen Bedeutung auf dem geschichtlichen Hintergrund der Entwicklung des Bauens gesehen werden muss.

Die Anfänge des Hüttenbaues des Schweizer Alpen-Clubs fielen in die Zeit eines merkwürdigen und bedenklichen Tiefstandes in der Baukultur. Insbesondere die Jahrzehnte von etwa 1880 bis 1910 sind geprägt durch ein absolutes Wellental in der Architektur, gewisse elitäre Leistungen natürlich ausgenommen. Vor 1905 wurde kaum je ein Architekt für Hüttenbauten zugezogen — warum hätte man dies auch tun sollen? Die Absicht und der Wille war doch, sehr einfach zu bauen, etwa im Sinne der Hirten- und Alphütten.Ja, wenn diese wirklich zum Vorbild genommen worden wären! Die Bilder der Hüttenbauten des SAC aus den ersten vier Jahrzehnten zeigen nämlich eine andere Formensprache. Den Generationen von Handwerkern, vorab den Baumeistern und Zimmerleuten jener Zeit scheint jegliches Stil- und Formgefühl, jedes Mass für Proportionen und Harmonie abhanden gekommen zu sein. Eine relative Sicherheit in den Belangen der Gestaltung war mindestens bis etwa in die Mitte des 19.Jahrhunderts nicht ein Privileg von Architekten, sondern ein auf Tradition beruhendes Allgemeingut der Bauschaffenden gewesen.

Der Beginn des 20.Jahrhunderts brachte eine gewisse Wende zum Besseren. Gustav Kruck formulierte 1922 seine Erkenntnis der Besinnung auf baukünstlerische Werte folgendermassen: « Erst in den letzten Jahren wurde erkannt, dass auch an diesen Hochgebirgsbauten die Hand des Künstlers nicht fehlen dürfe. Meist von bauerfahrenen Hüttenobmännern der Sektionen erbaut, wurden die Hütten als blosse Zweckbauten ausgebildet. An den Klubhütten der jüngsten Zeit ist nun zu erkennen, dass die Mitwirkung des künstlerisch gebildeten Architekten den Bauten aussen und innen durch wohlerwogene Formen Schönheit zu verleihen vermag, die an sich nichts kostet (... ) und den Hütten wohl ansteht. » Als Konsequenz hatte er bei der Albert-Heim-Hütte, wie kurz zuvor bei der Cadlimohütte, nicht einen x-beliebi-gen, sondern den prominenten Architekten Heinrich Bräm beigezogen. Dessen gestalterische Leistung war, wie schon gesagt, über jeden Zweifel erhaben. Und doch unterlief den Erbauern ein Missgriff in der Wahl der Mittel und der Ange-messenheit. Er mag aus den eigenen Worten Gustav Krucks herausgelesen werden: « Schmuck und stolz ragt der kleine Bau über der felsigen Kuppe, in edlen Formen, aber in einfachster Gestaltung, einem altgriechischen Tempel vergleichbar... » Klubhütten in Tempelform? Nein, das geht nicht. Wir mögen Denkmäler für verdiente Persönlichkeiten bauen, dann aber als erkennbare Denkmäler und nicht Tempel als Hütten, die immerhin vorwiegend praktischen Zwecken zu dienen haben.

Als dann im Jahre 1934 die Frage einer Erweiterung der Hütte aktuell wurde, konnte niemandem ein Vorwurf daraus gemacht werden, dass über die Bestimmung der Unveränderlichkeit hinweggegangen wurde. Man hätte sie nur respektieren können, indem im gleichen Gebiet eine zweite Hütte erstellt worden wäre. Die Erweiterung war zwingend, was schon aus folgenden Vergleichszahlen hervorgehen mag: In den ersten 50 Jahren des Bestehens der Sektion Uto, also bis 1913, war die Mitgliederzahl auf etwa I I oo angewachsen, in den folgenden 20 Jahren jedoch hatte sie sich fast verdreifacht. Diese Entwicklung wird in anderen Sektionen ähnlich verlaufen sein, und hinter den Mitgliederzahlen steht natürlich eine entsprechende Zunahme des Tourismus. Im Falle der Albert-Heim-Hütte kam noch hinzu, dass inzwischen die Furkabahn gebaut worden war, was den Zugang erleichterte.

Mit der Erweiterung von 1934 erhöhte sich die Zahl der Plätze auf das Doppelte und durch weitere kleine Umstellungen schliesslich auf 50. Diese Hüttengrösse genügte vollauf bis zum Ende des zweiten Weltkrieges; dann nahm der Andrang von Besuchern erneut erheblich zu. Es mag dies einesteils auf die vermehrte Motorisierung zurückzuführen sein, welche die Zugänglichkeit nochmals erleichterte, andererseits auf die steigende Vorliebe für Klettertouren. Jedenfalls musste Ende der sechziger Jahre wieder eine Erweiterung in Betracht gezogen werden, und nochmals ging es um eine Verdoppelung der Platzzahl. Im Jahre 1970 wurde dieser Erweiterungsbau ausgeführt, und es gelang glücklicherweise, den Anbau so einzugliedern, dass trotz den nunmehr 100 Plätzen nicht der Eindruck einer grossen Hütte entstanden ist.

 

Es kann sich hier nicht darum handeln, auch nur einen Auszug aus dem Clubführer « Urner Alpen West » zu vermitteln oder auf die Besteigungsgeschichte der einzelnen Gipfel einzugehen. Die Hinweise beschränken sich auf einige Besonderheiten im heutigen Tourismus.

Die Erwartung der Erbauer der ersten Hütte, dass diese das ganze Gebiet zwischen Galenstock und Bäzberg ( ob Andermatt ) erschliessen werde, hat sich eindeutig nicht erfüllt. Die Aelpergenlücke bildet eine spürbare Zäsur zwischen den vielbegangenen Bergen westlich und dem einsam gebliebenen östlichen Kamm mit Blaubergstöcken, Müeterlishorn, Spitz-Berg und wie sie alle heissen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn unter dem Druck der Überfüllung anderer Gebiete der Wunsch aufkäme, im Bereich dieses wildgezackten Kammes eine oder zwei Unterkünfte zu schaffen, zumal vor allem süd- aber auch nordseits Rochaden möglich sind.

Westlich der Aelpergenlücke, welche den einzigen leichten Übergang zwischen Göschener Tal und Urseren vermittelt, sind restlos alle Gipfel und Übergänge von der Albert-Heim-Hütte aus sehr gut erreichbar.

Den weitaus grössten Besuch in diesem Gebiet weisen der aussichtsreiche Galenstock, welcher sowohl über Firnrouten wie über kombinierte Firn- und Felsrouten erreichbar ist, und der Winterstock auf. Der Südgrat des letzteren ist geradezu eine Modetour geworden - mit entsprechendem Andrang an schönen Wochenenden.

Sicher kann es niemandem verwehrt werden, sich am soliden Granit eines steilen Grates zu erfreuen, wie dies am Gletschhorn möglich ist. Wer sich aber auf Modetouren kapriziert, hat kaum ein Recht, sich wegen überfüllter Hütten zu beklagen. Klettermöglichkeiten in unzähligen Varianten und allen Schwierigkeitsgraden bieten sich auch an den Büelenhörnern, und ausserdem hat man dort meist seine Ruhe. Auch der Winterstock wird nicht so häufig besucht, wie es seine rassigen Grate erwarten liessen.

Ein unschwieriger, landschaftlich sehr abwechslungsreicher Übergang in das Göschener Tal führt über die Lochberglücke. Aber wer « macht » schon diesen oder einen andern der möglichen Übergänge, wenn das Auto in Tiefenbach steht? Das Auto, so wie es heute gebraucht wird, hat einen nicht geringen Einfluss auf die Gestaltung der Touren, und nicht unbedingt zum Guten. Irgendwie ist ihm eine Triebfeder eigen, die zu Unrast führt, zum Raffen der Zeit, nicht um mehr Ruhe zu haben, sondern um die Betriebsamkeit in Schwung zu halten. Ein Hüttenabend gilt als verlorene Zeit, ein Hüttenanstieg als unnütze Mühe. Und damit stossen wir auf ein anderes Symptom unserer Zeit: Herrscht nicht heute die Tendenz, selbst das unmöglichste Alp- Die Albtrt-Hnm-Hütte der Sektion Üto Werbefoto Wyler, Andermatt/Lithographnche Atclicn Hütlikon strässchen, soweit es nur irgendwie geht, mit dem Auto befahren zu wollen? Und der vermeintliche Profiteur wundert sich dann, weil die Anmarschwege entsprechend kurz werden und viele andere den Trend auch mitmachen, über überfüllte Hütten.

So wandeln sich menschliches Tun und Denken im Suchen nach dem Richtigen und Gültigen, und oft erst im Rückblick wird erkannt, was Irrtum und was Gewinn war.

Über allem aber stehen die Berge, nicht ewig und unvergänglich, das führen uns die schwindenden Gletscher und die fallenden Steine vor Augen - aber für uns Zeitgebundene sind sie doch Symbole der Beständigkeit und Schönheit.

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