Alles für den Weitflug Der Bartgeier

Wissen Sie, dass der Bartgeier keine Zähne hat? Diese mehr als 100 Millionen Jahre alte Besonderheit reduziert sein Gewicht. Ein Vorteil beim Fliegen, denn dort zählt jedes Gramm! Umso mehr, da der Bartgeier mit seinen sieben Kilo Körpergewicht oft mehrere Hundert Kilometer pro Tag auf Nahrungssuche durch die Lüfte ziehen muss.

Aber das ist noch nicht alles. Der «Feuer­­vogel», wie er in Anlehnung an sein rötliches Brustgefieder manchmal genannt wird, profitiert noch von vielen anderen Anpassungen. Sein Skelett zum Beispiel weist viel weniger Knochen auf als das eines Menschen, und statt Knochenmark befindet sich Luft darin. Sein Knochengerüst macht nur 5 bis 10% seiner Gesamtmasse aus, beim Menschen sind es mehr als 15%. Die Hohlknochen des Bartgeiers sind dank den Knochenlamellen trotzdem extrem stabil, sodass sie den enormen Belastungen beim Fliegen standhalten können. Von den drei Fingern, die die Evolution dem Bartgeier überlassen hat, ist der Zeigefinger bei Weitem der wichtigste. Denn auf ihm sitzen seine Handschwingen. Deren Federn können spektakuläre 80 Zentimeter lang werden. Ohne Federn wäre der Bartgeier sowieso kein Bartgeier. Sie geben ihm ja seinen Namen, weil der Bart vom Männchen wie auch derjenige vom Weibchen aus Federn besteht. Die mehreren Tausend Federn dienen dem Vogel als Schmuck, Tarnung, Isolation, senso­risches Instrument, aerodynamisches Element und wasserdichtes Kleid.

Wohl aus Gewichtsgründen fehlt dem Bartgeier auch die Blase. Deswegen ist er bei Biologen berüchtigt für seine ­Inkontinenz. Nur: So wird er nie in Verlegenheit kommen, zu viel flüssiges «Gepäck» geladen zu haben. Alle, die selbst fliegen, kennen dieses Problem …

Ein weiterer Pluspunkt beim Bartgeier ist seine aussergewöhnliche Muskulatur. Die Brustmuskeln machen 15% seiner Gesamtmasse aus. Beim Menschen ist es lediglich 1%. Und zu guter Letzt bleibt noch zu erwähnen, dass der Bartgeier mit Luftkissen ausgestattet ist. Quasi mit Reserveluft. Sie erlaubt ihm unglaubliche Atemleistungen. Vor allem wenn er zuweilen auf mehr als 7000 Metern Höhe kreist.

Übrigens: Den Basisflug muss er nicht mühsam lernen. Sobald der Bartgeier das Nest verlassen hat, übernehmen seine Instinkte die Kontrolle. Das bedeutet, dass er schon nach ein paar ­Tagen beliebige Flugmanöver üben kann. Dazu gehören der Schlagflug, der ­Segel­flug, der Sturzflug und der Standflug kurz vor der Landung. So kreist der Bartgeier mit all seinem Können ohne Mühe über unseren Köpfen und lässt uns den alten Traum vom Fliegen träumen. Unerreichbar souverän …