An der Komfortzone rütteln

Undenkbar. Unmöglich. Das hätte sich Hans-Peter Duttle vor seiner Abreise zum Everest garantiert anhören müssen. Hätte er damals – 1962 – von seinen Plänen erzählt. Hat er aber nicht. Er brach ganz leise auf, um mit drei anderen Alpinisten heimlich den Everest via Tibet zu besteigen. Illegal, schlecht ausgerüstet. Ohne Höhenträger, Satellitenfunk, Arzt. Nicht einmal Sonnencreme hatten sie dabei. Es war ein Himmelfahrtskommando, das gibt er heute selber zu (S. 32). Einem 8000er auf diese Weise beikommen zu wollen, war ein absolutes Novum. Statt mit Heerscharen von Trägern und Tonnen von Material machten sich die vier daran, quasi mit nichts den höchsten Berg der Welt zu besteigen.

Heute nennt man das Alpinstil; in seiner extremsten Form auch Speedbergsteigen. Als Ueli Steck letztes Jahr in einem Zug die Annapurna-Südwand hochsteigen wollte, dachte auch ich: unmöglich. Steck brauchte knapp 28 Stunden und bewies: Es geht.

An sich bewundernswert. Nur: Duttle, Steck und andere müssen viel Kritik einstecken. Sich an der Grenze dessen zu bewegen, was die Gesellschaft als noch machbar erachtet, provoziert unweigerlich. Das zeigt auch Ueli Stecks jüngster Versuch. Im September beteiligte er sich mit vier anderen Alpinisten an einer Speedbegehung des Shisha Pangma. Zwei starben beim Versuch in einer Lawine. Auf den einschlägigen Foren gingen die Leser hart mit Steck ins Gericht, bezeichneten ihn als Egoisten und Rekordjäger. Duttle erging es vor 50 Jahren noch schlimmer. Woher kommt die Heftigkeit der Kritik? Was provoziert derart? Diese Bergsteiger sind für sich allein unterwegs, tun niemandem sonst weh, ausgenommen den Angehörigen.

Ich wage zu behaupten: Indem Duttle oder Steck die Grenzen des Machbaren ausloten, halten sie uns anderen einen Spiegel vor. Ihre Leistungen stören unseren Alltag. Sie stören, weil sie uns indirekt auffordern, über unser eigenes Leben nachzudenken. Darüber, wie wir Dinge ausführen, wie wir urteilen.

Ausgetretene Pfade sind effizient und scheinbar sicher. Die Spitzenbergsteiger hinterfragen sie durch ihre Taten. Das kann beunruhigen – oder aber inspirieren. So wie Duttles Abenteuer die Freikletterer vom Yosemite. Oder Stecks Leistungen eine ganze Generation von jungen Alpinisten.

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