Andreas Fischer (1865-1912)

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Andreas Fischer ( 1865-1912 ) « Klug oder töricht? » Fragt nicht lang. Kann nur die Antwort geben: Ein bisschen Trotz und Tatendrang Mitglied der Sektion Basel 1900-1912.Gehören auch zum Leben>> Mit diesem Zitat beginnt Andreas Fischer die Erzählung von der ersten Winterbesteigung des Finsteraarhorns, die er anfangs Januar 1896 von Grindelwald aus mit Ulrich Almer vollführt hatte. Er besass Mut und Tatkraft in allem, was er anpackte; ein gesunder Trotz war ihm nicht fremd, gehörte zu seinem mannhaften Charakter und half ihm, allen Anforderungen zu genügen, bis zum jähen Ende seiner Laufbahn.

Geboren in Zaun ob Meiringen als erster Sohn des hochgeachteten Bergführers Johann Fischer, wuchs er in einfachsten Verhältnissen heran, reich begabt und an Körperkraft den Kameraden überlegen. Stark fesselten ihn die Taten der Bergsteiger; mit Stolz sah er den Vater mit seinen « Herren » zum Hochgebirge ausrücken, und an den Winterabenden lauschte er gespannt den Berichten über die waghalsigen Fahrten des vergangenen Sommers. Es herrschte damals noch das « Goldene Zeitalter » des Bergsteigens, die Zeit der Eroberung der letzten hohen Gipfel der Alpen, der ersten grossen Expeditionen in den Kaukasus. Des jungen Andreas Wünsche gingen nach dieser Richtung; ihm waren leuchtende Vorbilder sein Vater, sein Taufpate Melchior Anderegg und andere berühmte Oberländer Führer.

Schwarze Tage blieben der Famiüe Fischer nicht erspart: 1874 starb der Vater in einem Schrund des Brouillardgletschers am Mont Blanc, und 1888 fand auch Andreas'jüngerer Bruder Hans den Bergsteigertod, und zwar am Dychtau* im Zentralkaukasus. Er hatte zusammen mit Kaspar Streich die Engländer Fox und Donkin geführt, frohe Berichte nach Hause gesandt - da traf im Herbst die Nachricht aus England ein: « Alle vier sind verloren. » - Andreas ward nach des Vaters Tod der treue Beistand der Mutter, fragte nicht nach seinen innersten Neigungen; denn dringend wurde das Problem des Broterwerbes. So tritt er denn mit 15 Jahren ins Lehrerseminar ein, amtet an der Primarschule in Thun, betreibt später an der Hochschule in Bern literarische und historische Studien, muss sie jedoch des Verdienstes wegen nach zwei Jahren abbrechen und als Lehrer an der Sekundärschule in Grindelwald wirken ( 1891 ). Die Stelle sagte ihm zu; daneben befasst er sich beharrlich mit Studien über Napoleon in der deutschen Literatur, den Vorarbeiten zu seiner künftigen bedeutenden Abhandlung « Goethe und Napoleon ». ( Goethe und der grosse Korse hatten es ihm besonders an-getan.Mit dem « Gletscherpfarrer » Gottfried Strasser verbindet ihn treue Freundschaft. 1895 heiratet er Martha Martig, seine tapfere Lebensgefährtin, vollendet dann die Studien an der Universität Bern, besteht 1898 das Doktorexamen summa cum laude und wird ans Städtische Gymnasium gewählt.

* Die russischen Topographen bezeichnen ihn « Koschtan-Tau ». 152 In Bern fand er grösste Sympathie bei J. V. Widmann, dem Redaktor am « Bund », lieferte ihm Reiseschilderungen und wertvolle Rezensionen, welche die erstaunliche Belesenheit Fischers und zugleich seinen makellosen, packenden Stil offenbaren. Im Jahre 1900 folgte er einem Ruf an die Obere Realschule in Basel, als Lehrer für deutsche Sprache, Geschichte und Geographie. Gleichzeitig trat er der Sektion Basel des SAC bei.

Wie leuchtende Alpenblumen durchwirkten Andreas Fischers mit subtilem Pflichtgefühl und hohem Ernst erfüllte Tätigkeit die im Hochgebirge verbrachten Tage und Wochen. Was sollen wir singen und sagen von seinen alpinen Taten? Sie gehören zumBesten, was je ein « Dr. phil. und Bergführer zugleich » in Eis und Fels geleistet hat. Es genüge ein Hinweis: Von den Zacken der Meije im fernen Südwesten bis zu den Brenta-Dolomiten im Osten gibt es wenige hochragende Gipfel und Joche, die er nicht betreten hat, sei es als begehrter Führer prominenter Herren vom englischen Alpine Club, sei 's mit Kameraden des Oberlandes oder mit bergerprobten Freunden. Seinem Können und Wissen hatte er es zu danken, zur Teilnahme an Kaukasus-Expeditionen aufgeboten zu werden:

Im Sommer 1889 unternahmen T. Dent und der berühmte Topograph Douglas W. Freshfield eine Such-Expedition nach dem Zentralkaukasus, um die Katastrophe vom Vorjahre abzuklären, jenes Unglück, das auch den Bruder von Andreas dahingerafft hatte. Andreas Fischer und Kaspar Maurer nahmen als Führer an der Suchaktion teil. In seiner meisterhaften Darstellung « Zwei Kaukasusexpeditionen » schildert Fischer den Verlauf der schwierigen Fahrten, und ergriffen erlebt wohl jeder Leser selber den dramatischen Moment der Entdeckung des letzten Schlafplatzes jener vier Männer, die im Vorjahr in den jähen Hängen des Dychtau den Tod erlitten haben.

Im Sommer 1904 weilte er abermals im Kaukasus, begleitete zusammen mit Christian Jossi den Präsidenten des russischen Alpenclubs, den Baron von Meck. Operationsgebiet war der westliche Teil des Gebirges; neben schönen Erstbesteigungen gelang Fischer und Jossi so nebenbei, als Zweierpartie, die erste Traversierung des Elbrus ( 5629 m ).

Ein Tourenbegleiter Fischers schreibt: « Gebaut wie aus Stahl und Eisen, kannte er keine Müdigkeit und war die Vorsicht selbst. Seine Liebe zur Fels- und Firnwelt war dieselbe wie die der Gründer und Veteranen des Alpine Club und des Schweizer Alpenclubs ». Sein Wort galt etwas in der Sektion Basel wie anderswo; ein knappes Votum des oft wortkargen Oberländers besass Durchschlagskraft. Und dann seine Vorträge! Er sprach zu uns über seine Fahrten in den Alpen und im Kaukasus, eindringlich und in vollendetem Stil, stets vor dichtbesetzten Reihen der Clubfreunde; denn einen Vortrag von Fischer wollte keiner verfehlen, dem Zauber seiner Darstellung keiner entgehen.

Aber seine Lebensleistung erschöpfte sich nicht im Alpinismus. Den Schülern an der Obern Realschule war er ein strenger und harter Lehrer; doch gab es Stunden, da er voll hinreissender Begeisterung ein Meisterwerk deutscher Dichtung behandelte oder ein historisches Thema kristallklar zu durchleuchten wusste, und manchem blieben jene Momentbilder unvergesslich, manche waren ihm dankbar für das scharfe Training, das sie in Geschichte und Sprache bei ihm absolvieren mussten.Seine Ferien verbrachte er oft in Paris, um in den dortigen Archiven unermüdlich seine Quellenstudien zur Geschichte der Französischen Revolution und des Kaiserreiches zu betreiben; auch gedachte er, nach neuen Gesichtspunkten eine Biographie Napoleons zu schreiben.

Da kam der schwarze Tag des 21. Juli 1912 und machte alle Pläne zunichte: nach dem Notbiwak in einem Schneeloch hoch oben am Aletschhorn wollte die Seilschaft Dr. A. Fischer, Dr. E. Jenny und Ulrich Almer im Schneesturm den Abstieg nach Mittelaletsch erzwingen und stürzte am vereisten Hang zur Tiefe; Andreas Fischer erlitt wie sein Vater und sein Bruder den Bergsteigertod, und Ulrich Almer, der schon 1874 den Vater Fischers beim Unglück am Mont Blanc hinscheiden sah, musste nun auch das tragische Geschick des Sohnes erleben.

« Gefahren und Technik des Bergsteigens » ist der Titel des letzten Vortrages, den Fischer im Sommer 1911 gehalten hat. Am Schluss weist er auf den Tod im Hochgebirge hin, der gerade die Wägsten und Besten ereilt hat, Männer von Eisen und Stahl wie Zsigmondy, Purtscheller, Emil Rey, Alexander Burgener, Mummery. « Entschuldigen Sie, dass ich diese ernsten Schatten berufe. Aber die Toten sind stärkere Zeugen als die Lebenden, unwiderlegbare Zeugen der Gefahr und Mahner zur Vorsicht! » - Sein Schicksal wollte es, dass er selber im Jahr darauf zu einem weiteren Zeugen geworden ist.

Als kostbares Vermächtnis bleibt uns sein von Dr. Ernst Jenny herausgegebenes, zweibändiges Buch « Hochgebirgswanderungen in den Alpen und im Kaukasus », nach Form und Gehalt ein unvergängliches Werk der alpinen Literatur, zugleich ein Denkmal für den vorbildlichen Mann und Bergsteiger Dr. Andreas Fischer.R.Suter-Christoffel

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