Auf einmal war es still Die Dakota vom Gauligletscher

Die Bruchlandung einer amerikanischen DC-3 Dakota auf dem abgelegenen Gauligletscher hätte 1946 um ein Haar in einer Tragödie geendet. Stattdessen wurde sie zur Geburtsstunde der alpinen Luftrettung.

Es war der Dienstag, 19. November 1946, ein Jahr nach Ende des Weltkrieges, als in München eine amerikanische Militärmaschine Douglas DC-3 Dakota mit Destination Mar­seille startete. An Bord ranghohe Vertreter der amerikanischen Besatzungstruppen, Generalsgattinnen und eine elfjährige Tochter. Für die vier Besatzungsmitglieder war es ein Routineflug. Es sollte eine annehmliche Reise in den Süden werden, doch es kam anders.

Grundsätzlich wäre es dem Flugzeug damals verboten gewesen, die Schweiz zu überfliegen. Zwischen den USA und der Schweiz herrschte politisch ein angespanntes Verhältnis. Warum die DC-3 nicht auf der vorgeschriebenen Route via Frankreich flog, bleibt unklar. Unklar war auch die Sicht: Pilot Ralph Tate steuerte die Maschine im Blindflug auf der Linie Chur–Wassen–Berner Oberland, ohne es zu ahnen, nur knapp an hohen Felsen und Gebirgszügen vorbei. Das Flugzeug geriet in heftige Turbulenzen, alle Insassen wurden hin und her geschleudert – bis auf einmal alles still war.

«Mayday, Mayday»

Die Maschine war auf einer Höhe von 3350 Metern über Meer mit 280 Stundenkilometern richtiggehend auf den Gletscher aufgefahren. 80 Meter weit rutschte sie über Schnee und Eis bergauf, vorbei an riesigen Gletscherspalten. Dann stand sie still. Der erste Notruf wurde von den Flugplätzen Paris und Marseille empfangen. «Mayday, Mayday, USZ68846 ­crashed ...» Die Besatzung glaubte, sie befände sich in Frankreich. Folglich wurde ein falscher Standort angepeilt. Die US-Behörden setzten in den französischen Alpen mit einem Grossaufgebot an Flugzeugen zur Suche an.

Dienstagabend. Auf dem Gauligletscher wurde es dunkel. Bei minus 15 Grad harrten die zwölf zum Teil verletzten Personen im Innern des Flugzeugrumpfs aus. Bei erneutem Funkkontakt am Mittwochmorgen versicherte man den Verschollenen, dass sofort Hilfe aufgeboten werde. Die Abgestürzten entzündeten Signalfeuer und breiteten rote Mäntel aus, um aus der Luft gesehen zu werden. Doch die Zeit verging, und kein Flugzeug kam. Das bange Gefühl machte sich breit, dass etwas schiefgelaufen war.

«Es ist keine Suche zu unternehmen»

Militärflugplatz Meiringen-Unterbach, nur wenige Kilometer vom Unfallort entfernt: Flugplatzchef Victor Hug hatte die Dakota-Funksprüche ebenfalls registriert. Sie waren derart klar und deutlich zu vernehmen, dass sie aus der Nähe stammen mussten. Da war sich Hug sicher. Das Flieger­kom­mando ging aber nicht auf seinen Vorschlag ein, eine Suchaktion mit einer Fliegerstaffel zu starten. Auch tags darauf wurde ihm mitgeteilt, dass sich der Unfallort laut amerikanischer Leitstelle ausserhalb des Landes befände und deshalb seitens der Schweiz keine Suche zu unternehmen sei. Am Abend des zweiten Tages auf dem Gletscher gelang per Funk eine trianguläre Standortbestimmung: Der Pilot sendete zwei Minuten lang ein Funksignal, das von drei Stationen angepeilt wurde. So konnte der wahre Standort der ­Dakota bestimmt werden: Sie musste innerhalb des Dreiecks Airolo-Sion-Jungfrau liegen – also in der Schweiz. Auch in Meiringen erfuhr man von dieser neuen Peilung. Hug stellte erneut den Antrag zur Suche per Fliegerstaffel. Immer noch erteilte man ihm keine Erlaubnis. Währenddessen nahmen auch die amerikanischen Behörden die Suche in Angriff. Mit einem Sonderzug aus Italien sendeten sie Ambulanzwagen, Jeeps, Raupenfahrzeuge und 150 Gebirgsjäger durch den Simplon in die Schweiz.

Ein unglaublicher Zufall

Bei der Dakota wurde die Situation indessen prekär: Am Freitag verschlechterte sich das Wetter. Ein Schneesturm fegte über den Gauligletscher und deckte das Flugzeug zu. Die Stimmung war auf dem Nullpunkt, die Temperatur 15 Grad darunter. Die Kräfte begannen zu schwinden. In dem Moment führte ein unglaublicher Zufall Regie: Eine von zwei amerikanischen Generälen gesteuerte B-29 Superfortress überflog nach der erfolglosen Suchaktion in Frankreich das Gauligebiet. Die Leute auf dem Gletscher hörten das Flugzeug, schossen eine rote Signalrakete ab, und siehe da: Sie wurde mit einer grünen Rakete von oben beantwortet. Die Piloten erspähten die Dakota durch ein Wolkenloch – endlich war sie gefunden. Das Spezielle daran: Bei den Generälen handelte es sich um die Gatten der beiden Damen an Bord der Dakota, einer war der Vater des Piloten.

Weitere amerikanische Grossflugzeuge wurden herbeigerufen. Sie warfen Hilfspakete ab. Doch die aus grosser Höhe abgeworfenen Hilfsgüter verfehlten ihr Ziel. Am Freitagabend startete Victor Hug mit einem wendigen Kleinflugzeug in Meiringen und flog durch das Ürbachtal zum Gauligletscher, wo er die Dakota sichtete und ihre Koordinaten angeben konnte.

Gewaltsmarsch zur Rosenegg

Nun ordneten die Behörden endlich die sofortige Rettungsvorbereitung an. Die Schweizer Rettungsmannschaft wurde alarmiert. Am Samstagmorgen um vier Uhr früh brach eine Rettungstruppe mit 80 Mann und neun Bergführern bei Nebel und Schneefall im Rosenlaui auf, um den Verunglückten in der Dakota zu Hilfe zu kommen. Durch tiefen Neuschnee, vorbei an Lawinenhängen und über den Abbruch des Rosenlauigletschers stiegen sie in Richtung Wetterkessel, wo man die Dakota vermutete. Unterdessen hatten die Piloten jedoch festgestellt, dass sie nicht dort, sondern bei der Rosenegg im oberen Teil des Gauligletschers lag. Für die erschöpften und schlecht ausgerüsteten Männer der Rettungsmannschaft bedeutete das weitere sieben Stunden Marsch im Schnee und eine Übernachtung auf 3350 Metern bei minus 15 Grad und ohne entsprechendes Biwakmaterial. Der Rettungstrupp kämpfte sich voran.

Indessen strebte die amerikanische Armee die Rettung auf ihre Weise an. Mit den eingeführten Jeeps, Ambulanzen und weiss getarnten Raupenfahrzeugen sowie 150 bestens ausgerüsteten Gebirgsinfanteristen plante sie, durch das Ürbachtal hinauf zur Unfallstelle auf den Gletscher zu fahren. Als dieses Unterfangen im steilen Berggelände misslang, sollten die Fahrzeuge mit einem Boot über den Grimselsee transportiert werden, um von dort aus auf den Gauligletscher zu gelangen. Als die Amerikaner dann noch 70 Luft­lande­soldaten und drei Krankenschwestern über dem Gletscher abwerfen wollten, lehnten die Schweizer die gebirgsuntauglichen Rettungsabsichten der Amerikaner endgültig ab.

Auf dem Gletscher begann darauf ein regelrechtes Hilfsgüterbombardement durch englische, amerikanische und französische Flieger. Wahl- und ziellos wurde Material abgeworfen, das zum Teil schlichtweg in den Spalten verschwand. Die Aktion war nicht nur unnütz, sondern auch gefährlich. Als die Dakota von einem schweren Kohlesack getroffen wurde, schrieben die Verunglückten in den Schnee: Fini! Hauptmann Hug erliess umgehend ein Flugverbot für die alliierten Flugzeuge in diesem Gebiet.

Die Rettung aus der Luft

Endlich, am Samstagnachmittag, vier Tage nach dem Absturz, erreichten die ersten Retter den Unglücksort. Gross war die Freude, man half sich gegenseitig und verständigte sich auf Französisch. Gross war auch das Erstaunen: Erst als die Amerikaner nach der Nationalität ihrer Retter fragten, begriffen sie, dass sie sich nicht in Frankreich, sondern in der Schweiz befanden.

Ein Aufbrechen ins Tal war an diesem Tag nicht mehr möglich. Der gesamte Rettungstrupp musste nach seiner 13-stündigen Gewaltsleistung in der eisigen Nacht im ­Freien auf dem Gletscher selbst ums Überleben kämpfen. Zur selben Zeit wurden in der Montagehalle des Militärflugplatzes Meiringen-Unterbach zwei Kleinflugzeuge vom Typ Fieseler Storch für eine Gletscherlandung umgerüstet. Als am Sonntag die völlig entkräfteten Rettungstruppen über den Gletscher hinabmarschierten – die Verunglückten wurden auf Schlitten gezogen –, kam die unerwartete Hilfe aus der Luft: Zwei kleine, wendige Flugzeuge flogen heran. Major Hitz und Hauptmann Hug steuerten die Fieseler Störche auf den Gletscher, wo sie auf den montierten, breiten Kufen perfekt landeten. Die Verunfallten konnten mit acht Flügen in je zwölf Flugminuten ins Tal gebracht werden, wo sie auf dem Flugplatz Meiringen von einer grossen Menschenmenge und einem riesigen Medienaufgebot begeistert empfangen wurden.

Eine Weltneuheit

So war der 24. November 1946 zur Geburtsstunde der alpinen Luftrettung geworden. Die Piloten Hitz und Hug wurden als Helden gefeiert, denn sie waren zum ersten Mal mit einem Flugzeug auf einem Gletscher gelandet. «Der Fieseler Storch war zuvor schon mit Ski für Starts und Landungen auf dem Schnee eingesetzt worden, das war an sich nicht neu», erklärt Roger Cornioley vom Verein Freunde des Fieseler Storchs. «Die Sensation war in diesem Fall aber die Kombination von Rad und Ski an einem Flugzeug.» Was unter Geheimhaltung während des Krieges bereits getestet worden war, kam nun als Weltneuheit zum Einsatz: ein Flugzeug, das im Tal auf Rädern starten und auf dem Gletscher mit Ski landen konnte.

Der Dakota-Absturz und die geglückte Rettung machten das stille Haslital innert weniger Tage zum Schauplatz der Welt­öf­fent­lich­keit. Journalisten aus aller Welt und amerikanische Armeeangehörige fanden sich im Bergdorf Meiringen ein. Das Ereignis führte schliesslich auch zu einer Entspannung der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA, und den Schweizer Rettungskräften wurde für ihren beispiellosen Einsatz weltweit Respekt entgegengebracht.

Geschenk in den Eismassen

Ein ebenfalls wichtiger Retter muss aber noch erwähnt werden: der Föhn. Dieser Sonnenschein bringende Südwind, der so oft für Kopfschmerzen sorgt, war in diesem Fall ein Lebensretter, denn er hielt dem Wetterumbruch stand. Nur gerade einen Tag nach der Bergung brach der Winter ein mit starkem und anhaltendem Schneefall. Wäre dies früher geschehen, wäre die Dakota tief zugeschneit und nicht mehr gefunden worden – samt ihren Insassen.

Im Sommer 1947 wurden noch Teile der Dakota geborgen. Die amerikanische Regierung hatte das einsam auf dem Gletscher thronende Wrack der Schweiz grosszügig als Geschenk vermacht. Bald darauf verschwand es im ewigen Eis. Ganz so ewig aber doch nicht. Im Jahr 2012, also 68 Jahre nach dem Unglück, entdeckten drei junge einheimische Bergsteiger ein Gebilde, das aus dem Eis ragte: den Propeller. Die Sensation war gross. Seither bringt der Gletscher nach und nach Trümmerteile zum Vorschein. 3,5 Kilometer unterhalb des Absturzortes und ziemlich zerborsten ragt derzeit ein fünf Meter hoher Flügelteil aus dem Eis. Jeden Sommer lässt sich nun beobachten, was der Gletscher Neues hervorbringt.

Die Bergung der Wrackteile liegt in der Verantwortlichkeit des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern. «Es ist noch viel zu erwarten», sagt Fritz Teuscher, Leiter des Gebirgsdetachements der Schweizer Luftwaffe und zuständig für die Bergung der Trümmer. «Man geht davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren der Flugzeugrumpf zum Vorschein kommt.» Das dürfte spannend werden. Doch wie viel vom Rumpf noch erhalten ist, ist schwer zu erahnen, denn der stählerne Koloss wurde vom Gletscherdruck richtiggehend zermalmt.

Ein Hauch der Geschichte

Was wäre wohl geschehen, wenn man das Flugzeug nie richtig hätte orten können? «Es ist durchaus vorstellbar, dass die zugeschneite Maschine auch im darauffolgenden Sommer nicht entdeckt worden wäre», so Fritz Teuscher: «Alles wäre im Gletscher verschwunden.» Nicht auszudenken, was es bedeuten würde, wenn der Gletscher heute, nach über 70 Jahren, nebst den eisernen Zeitzeugen auch menschliche Körper zutage bringen würde. «Das wäre eine dramatische Sache», sagt Teuscher.

Es ist einer Reihe von glücklichen Zufällen, dem enormen Einsatz der örtlichen Rettungskräfte sowie dem Scharfsinn der Beteiligten zu verdanken, dass die Geschichte «Dakota auf dem Gauligletscher» heute als eines der faszinierendsten Ereignisse in der Geschichte der Luftrettung wie auch des Haslitals weitererzählt werden kann. Auf geführten Touren über den Gauligletscher kann man die Trümmerteile bestaunen und in der magisch schönen und einsamen Gletscherwelt unbeschwert einen Hauch dieser Geschichte verspüren.

Im Eis erstarrt und doch in Bewegung

Die Trümmerteile der Dakota auf dem Gauligletscher haben sich in den vergangenen 70 Jahren rund 3,5 Kilometer voranbewegt.Das ergibt durchschnittlich 50 Meter pro Jahr, etwa 4 Meter pro Monat oder 13 Zentimeter pro Tag. Mit 280 Stundenkilometern war die Maschine aus der Luft auf den Gletscher aufgefahren. Nun bewegt sie sich in bedächtigem Tempo: Mit 0,00000517 Kilometern pro Stunde gleitet sie in den Eisströmen bergabwärts.

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