«Auf gehts, Schwester!» Frauenpower auf Nepals Trekkingpfaden

Seit 20 Jahren werden in Nepal Frauen zu Berg-führerinnen und Trägerinnen ausgebildet. Benachteiligte Frauen können so lernen, selbst­bestimmt zu leben.

Puspas Gesicht strahlt vor Stolz, wenn sie erzählt, wie sie Guide wurde. «Meine Eltern, vor allem mein Vater, sind sehr streng und konservativ und hielten überhaupt nichts davon, dass ich als Frau einen Job ausüben will», erzählt sie. «Aber ich habe immer wieder Trekkinggruppen durch unser Dorf Ghorepani wandern sehen und wollte Teil dieser Welt werden.» Zufällig hörte Puspa von einer Trekkingagentur, die Treks in den Himalaya organisiert und Frauen zu Guides ausbildet. «Ich habe mich heimlich beworben – und prompt einen Platz in ihrer Ausbildung erhalten.»

Puspa ist jetzt seit neun Jahren Guide und kennt im Annapurna-Gebiet jeden Winkel. Von ihrem vorherigen Leben erzählt sie ungern. Sie lebe nach einer gescheiterten Ehe nun bei ihrem Bruder, sagt sie knapp. «Früher war ich sehr unglücklich. Jetzt kann ich wieder lachen.» Und ihre Eltern? Puspa sagt hoffnungsvoll: «Zuerst waren sie sehr, sehr wütend über meine Entscheidung. Aber jetzt glaube ich, dass sie auch ein wenig stolz sind.»

«so ein Frauenpower-Ding»

Zwei Wochen auf dem Annapurna-­Basecamp-Trek zeigen aber, dass es trotzdem noch viel zu tun gibt. Neben Puspa und der Trägerin Sujata treffen wir nur auf einen einzigen weiblichen Guide. Viele Kunden bevorzugten gerade auf ­einem längeren Trek noch immer männliche Guides, wird mir erklärt. Die Touristen glaubten, dass ein männlicher Guide mehr Kraft habe, um in einem Notfall jemanden aus der für Fahrzeuge unzugänglichen Bergwelt zu tragen. Die Frauen würden deshalb häufiger auf den kurzen, einfachen Treks engagiert.

Die meisten männlichen Guides, mit denen wir sprechen, finden die Präsenz der Frauen etwas seltsam und unverständlich. «Ja, die versuchen, da irgend so ein Frauen­power-Ding durchzuziehen», sagt einer und muss beim blossen Gedanken daran grinsen.

Eigene Entscheidungen treffen

Frauen, die in einem männerdominierten Geschäftszweig arbeiten, wird in Nepal mit Argwohn begegnet. Das wollen die Schwestern Lucky, Dicky und Nicky Chhetri ändern. In ihrer Agentur 3 Sisters Adventure Trekking bilden sie Frauen zu Guides aus. «Wir wollen auch die Wahrnehmung der Rolle der Frau in Nepal verändern. Deshalb schicken wir unsere Mädchen hinaus – so richtig hinaus, in die männerdominierte, harsche Trekkingwelt.» Damit verändern die Schwestern auch das Selbstbild ihrer Schülerinnen: «Nach unserer Ausbildung sind die Mädchen selbstbewusster. Sie lernen, dass sie das Recht haben, zu arbeiten und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen», erzählen mir die Schwestern.

Wie gut das funktioniert, zeigt sich auf dem Trek: Puspa ist eine routinierte und souveräne Führerin. Sie weiss viel über die Kultur und die Natur der atemberaubenden Himalaya-­Region. Und sie steht ihren männlichen Kollegen in nichts nach, wenn es darum geht, für ihre Kunden ein Bett in einer der besseren Lodges zu sichern. Sie und auch die Trägerin Sujata sind nie müde oder erschöpft, nie schlecht gelaunt, und sie nehmen die westlichen Trekker fürsorglich und freundschaftlich unter ihre Fittiche. Motiviert und voller Energie tönt nach jeder Pause ihr gutgelaunter Ruf, der zugleich auch Lebensmotto ist: «Jaam, Didi!» – Auf gehts, Schwester!

3 Sisters Adventure Trekking

Die Trekking­agentur 3 Sisters Adventure Trekking wurde 1998 von den drei Schwestern Lucky, Nicky und Dicky Chhetri gegründet. Zeitgleich haben sie eine Hilfs­organisation für benachteiligte Frauen in Nepal aufgebaut. Ehrenamtliche Einsätze sind für Touristen möglich.

www.3sistersadventuretrek.com

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