Aus dem Clubgebiet und dessen Umgebung

Von E. Wartmann ( Section Basel ).

Aus dem Clubgebiet und dessen Umgebung Durch die Annahme einer Stelle in einer Apotheke zu Aigle hatte ich mich im Herbst 1879 in ein mir völlig fremdes Gebiet unseres Vaterlandes versetzt, welches zu bereisen und kennen zu lernen ich mir um so mehr zur angenehmen Pflicht machte, als ja die zunächstliegende Gruppe des Hochgebirges zum Clubgebiet bestimmt war und Itinerar und Karten in sicherer Aussicht standen..

Leider brachte der Herbst 1879 bald Nebel und Regen, so daß die Ausflüge auf die Thäler beschränkt werden mußten; doch dienten sie in hohem Grade zur allgemeinen Orientirung in dem scheinbaren Gewirre von Höhen und Tiefen, welches die- westliche Hälfte des Clubgebiets auf den ersten Blick bietet.

Auch dem Winter, der mit seiner Kälte und seinen Schneemassen jeden weitern Gang verhindern zu wollen schien, gelang es nicht, mich von einem Besuch von Leysin und le Sépey ( 24. Dec. 79 ), einer Rundtour über Panex, les Ecovets, Chesières, Villars, Arveye, Gryon, Bex ( 28. Dec .) und einem Gang zum Pillon ( 1. Feb. 80 ) abzuhalten.

Auf allen diesen Touren machte das in einen makellosen Schneemantel gehüllte Gebirge, dessen Weiß mit dem tiefen Blau des Himmels seltsam contrastirte, einen unvergleichlich prächtigen Eindruck. Bald mußte aber diese weiße Decke verschwinden, denn der Frühling rückte näher, und nach einigen Wochen Thauwetter konnte man endlich wieder den Stock zur Hand nehmen und der neu erwachenden Natur entgegeneilen. Mein erster Gang galt am 15. März dem Gipfel des Chamossaire, 2118 m, der mir schon so oft in Schnee- und Sonnenglanz bis in die Straßen von Aigle entgegengelacht hatte. Die Besteigung bietet, besonders im Sommer, durchaus keine Schwierigkeiten und kann von verschiedenen Ausgangspunkten unternommen werden. Jenen Tag aber war an vielen Stellen noch weicher Schnee oder glattes Eis zu überwinden, so daß die sonst sehr leichte Tour etwas an Reiz gewann. Ueber Panex und les Ecovets gelangt man in circa zwei Stunden nach Chesières, von wo aus ich den kürzesten Weg, gerade gegen die Einsattelung am östlichen Fusse des Gipfels, einschlug. Zur Orientirung wurde zuerst der Punkt 1904 m besucht und dann durch den zwischen diesem Punkte und dem Gipfel gelegenen Kessel das gegen den höchsten Punkt ansteigende Feld gewonnen. Diese letzte Strecke war des weichen Schnees wegen besonders beschwerlich. Vier Stunden nach dem Abmarsch von Aigle erreichte ich die von einem Steinmann gekrönte Spitze, auf der gerade so viel Platz von Schnee frei war, daß man sich auf trockenen Boden setzen konnte, um, den Rücken an den Steinmann gelehnt, die prächtige Aussicht zu genießen. Nach Westen ist der Blick auf den Genfer See durch das imposante Zwillingspaar der Tour d' Aï und Tour de Mayen genommen; im Norden sehen einzelne Freiburger Gipfel über die Kette von Mont-d'Or, Chaussy, Tornette u. s. w. herüber, während die Sohle des Thals von Ormont-dessus nicht sichtbar ist. Ueber die Einsattelung des Pillon hin leuchten in weiter Ferne die Berge des Berner Oberlandes; gerade im Osten erhebt sich die Masse der Diablerets, vom Hauptgipfel bis zu den Rochers-du-Vent sich allmälig abstufend. Durch den Einschnitt des Pas-de-Cheville sind einige Berge des Süd -Wallis sichtbar, auf welche nun die gewaltige Reihe von Tête-Pegnat über Grand-Mœveran bis zur Dent-de-Morcles folgt, meist in Steilwänden gegen die Quellarme des Avançon abfallend; selbst die jener Kette vorgelagerte Argentine läßt in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig. Durch den Einschnitt des Rhonethals zeigte die Kette des Mont-Blanc ihr erhabenes Profil, wenn auch in einiger Verkürzung; ein Gleiches ist auch bei der näher gelegenen Dent-du-Midi der Fall, welche das tief unter ihr ausgebreitete Thal der Rhone bis zum Léman beherrscht; endlich sind noch einige Spitzen Savoyens über die von den Cor-nettes-de-Bise abgeschlossene Grenzkette hin sichtbar. Ich hatte hier oben bedeutend mehr Schnee gefunden, als ich erwartete hatte und es von unten aus schien; die in der Nähe gelegenen Seen von Bretaye waren noch unter tiefer Schnee- und Eisdecke versteckt. Nach einer Stunde eingehenden Studiums verließ ich auf nahezu dem gleichen Weg diesen sehr hesuchenswerthen Punkt, um über Chesières, Huémoz und Ollon schon gegen 3 Uhr Nachmittags Aigle zu erreichen.

Nach beinahe vier Wochen schlechten Wetters bot sich endlich wieder die Gelegenheit, einen Bummel zu machen, und zwar ging es diesmal nicht gerade in die Höhe, sondern es galt einer Thalpartie im Herzen des Gebirgs, dem Kessel von les Plans und Pont-de-Nant, ein hübscher Gang, dessen Reiz in der großartigen Umgebung, die noch theilweise im Winterkleide prangte, besteht.

Drei Tage später, den 25. April, galt es hingegen wieder einer Spitze, und zwar der Tour d' Aï ( 2383 m ). Obwohl dieselbe nicht mehr zum Clubgebiet gehört, will ich ihrer doch Erwähnung thun, da von ihr aus der ganze westliche Theil desselben wie eine Reliefkarte vor dem Beschauer ausgebreitet ist. Auch verdient ihr Besuch wohl mehr die Bezeichnung Bergpartie, als Spaziergang. Der Weg führt ziemlich steil hinauf auf das Plateau von Leysin und etwas nördlich davon ebenso auf dasjenige der Chalets d' Aï, zwischen dem Fuße des Horns und dem kleinen See gelegen. Durch ein leicht passirbares Couloir gewinnt man die Höhe der Felswand, die gegen die vorerwähnten Hütten zu abfällt, und damit den untern Rand der erst ziemlich breiten, aber mit zunehmender Höhe immer schmäler werdenden Gipfelfläche; diese zieht sich endlich zu einem Grate zusammen, an dessen Nordseite man auf schmalen Rasenbändern dem Steinmann entgegensteigt, der den Gipfel und damit das westliche Ende des 10 Grates ziert. Einige Schnee- und Eisreste auf den oben erwähnten schmaleh Passagen mahnten zur Vorsicht. Die Aussicht ist nach Osten ähnlich wie vom Chamossaire, etwas verändert durch die Höhendifferenz von 250m, nach Westen hingegen ist der Blick durch nichts gehindert und umfasst den grössten Theil des Léman, der Waadtländer Ebene und des Jura. Diesmal fand ich schon die Erstlinge unter Floras Kindern, die solche Höhen bewohnen, Soldanella, Anemone vernalis, Primula auricula, Viola calcarata u. s. w. Den Abstieg nahm ich gegen le Sépey, ohne Leysin zu berühren.

Der Wonnemonat Mai und noch die erste Hälfte des Juni verflossen, ohne daß ich wieder einen erwähnenswerthen Gipfel besuchte; jedoch waren diese Wochen nicht verloren, denn es wurden mehrere das Clubgebiet mehr oder weniger betreifende Ausflüge, besonders zu botanischen Zwecken gemacht. Den 10. Juni endlich ging es wieder etwas höher, und zwar auf die Rochers-de-Naye, 2044 m, und Dent-de-Jaman, 1879 m; für diese beiden Gipfel ist die Aussicht gegen das Clubgebiet durch die Kette der Tour d' Aï fast ganz verhüllt, hingegen bietet der am 17. Juni besuchte Gipfel des Chaussy, 2377 m, in Bezug auf Aussicht ein würdiges Seitenstück zum Chamossaire. Ich verließ Aigle um 5 Uhr, um auf der breiten Straße über Sépey nach la Comballaz zu gehen, von wo aus der Berg in Angriff genommen wurde, der in gleichmäßiger Neigung vom Gipfel gegen den in der Nähe zu überschreitenden Bach abfallt. Etwa nach dem zweiten Drittel des Anstiegs, der stets durch Weideland führt, erreichte ich den nördlichen Grat, der weiter hinauf verfolgt wurde. Die Aussicht ist beinahe nach allen Seiten frei, da der Berg ziemlich isolirt ist, und bietet als Sonderheiten, die den bisher besuchten Punkten abgehen, den Nordwestabhang der Diableretsgruppe mit dem Felsencircus des Creux-de-Champ, die östliche Kette des Clubgebiets, wenn auch in starker Verkürzung, die Berge des Simmenthals und der Gruyère in nicht zu großer Ferne, und besonders nahe und leichter entwirrbar die Ketten und Thäler zwischen dem Lauf der Saane und der Grande-Eau. Nach Nordost erblickt man in der Tiefe den einsam gelegenen, an jenem Tag noch zur Hälfte mit Eis bedeckten Lac Lioson, während auf der Südseite das herrliche Ormont-dessus ausgebreitet ist. Der Abstieg erfolgte über den mit Wohnhäusern, Sennhütten und Ställen so reich besäeten Südabhang gegen das Hôtel des Diablerets im Plan-des-Isles; dann wandte ich mich in südlicher Richtung gegen den Col-de-la-Croix ( 1734 In ), um über diesen Paß in das Gebiet der Gryonne zu gelangen. Das drohende Wetter erlaubte mir nicht, den Kessel des Creux-de-Champ zu besuchen. Auf nicht gerade gutem, im letzten Theil beinahe unkenntlichem Wege* ) war endlich der Uebergang erreicht, und rasch ging es, die Hütten von la Croix links lassend, das lang gestreckte Thal der Gryonne hinab. Etwas über Arveye wurde dann rechts auf das Plateau von Villars eingelenkt und von da auf bekannten Wegen überAuf der Excursionskarte ist er nur theilweise angegeben.

Chesières und Panex nach Aigle abgestiegen, und zwar meist im Schnellschritt oder gar Trab, denn vor Panex hatte es endlich doch angefangen zu regnen und es goß in Strömen, bis ich endlich unter meinem Dach angekommen war.

Am 24. Juni wurde die Croix-de-Javernaz, 2106 m, als Ziel genommen. Bex wurde per Bahn und Von da auf der neuen Straße nach Frenières das Nordende der Kette des genannten Gipfels erreicht. Von diesem aus hält man sich rechts, stets ansteigend, und die Lichtungen von Plan-Saugey und Collatels durchschreitend gelangt man bald zu dem weiten Kessel mit den Hütten von Javernaz, von wo aus im Zickzack der Gipfel erreicht wird. Auf einen Schlag enthüllt sich hier die Aussicht auf die weite Rhoneebene und den See tief unter dem Beschauer, während in nächster Nähe, unseren Standpunkt noch weit überragend, die Dent-du-Midi gegenüber steht. Im Rücken steigen die Felsen der Pointes-de-Perriblanc und de-Martinets auf, von der Petite-Dent-de-Morcles thurmartig überragt. Daneben hin erscheint die nördliche Hälfte der Mont-Blanc-Kette mit ihren Ausläufern, an welche sich wieder der schwarze Salantin als Vasall der Dent-du-Midi reiht.

Nach dem Genuß der Aussicht, die im Anfang durch einige hartnäckige Nebelanhäufungen verhüllt war, verfolgte ich den Grat gegen die Pointe-de-Martinets hin bis zu den steil ansteigenden Felsen, d.h. bis in die Höhe von circa 2350m, um noch einige an diesen und in ihrem Schutte wachsende Pflanzen zu sammeln. Hierauf ging es erst über steile Aus dem Clubgebiet und dessen Umgebung. J49 Rasenflächen, dann durch Wald hinab nach Rosseline und Morcles. Der Besuch des Signals von Dailly, zehn Minuten von Morcles, mit seinen hoch über der Rhone schwebenden Belveders, bildete den Schluß dieses Ausfluges. Der Heimweg wurde über Dorf Lavey und St-Maurice eingeschlagen.

Vor dem Beginn einer vierwöchentlichen Abwesenheit von Aigle besuchte ich noch einmal in Begleitung eines Freundes und auf dessen Wunsch die Tour d' Aï, deren schon oben Erwähnung geschah. Das Wetter war besser und die Wegverhältnisse, da Schnee und Eis verschwunden waren, leichter als das erste Mal; dennoch schrack mein Begleiter vor dem letzten Theil des Hornes zurück und ging unverrichteter Sache wieder hinunter, während ich vollends hinauf ging; der bei meinem ersten Besuch intact gefundene Steinmann war zur Hälfte umgestürzt und ein gut Theil der Steine in den Abhang gerollt. Die Flaschen mit den Karten fanden sich hingegen noch unversehrt vor. Was war der Grund dieser Zerstörung? Ein Blitzschlag oder böswillige Hände und Arme?

Der 1. August fand mich wieder in Aigle und am 5. ging es in Gesellschaft eines Freundes in die Berge der Aigle gegenüber liegenden Kette. Ueber Monthey und Troistorrents führte der Weg nach dem in stiller Einsamkeit gelegenen Badeort Morgin. Nach Besichtigung der eisenhaltigen Quelle stiegen wir gegen Norden über Bergwiesen und Alpen aufwärts zu einem Punkte, der von den Badegästen den Namen Bellevue erhalten hat; er bildet den westlichen Gipfel der Erhebung, welche nach der Dufourkarte Trevenensaz, 2016 m, heißt. Vorgerückte Zeit ließ uns von dem Besuch der etwas schwierig erreichbaren Ostspitze absehen; sie hat die gleiche Höhe und hindert nur den Blick auf Aigle und den zwischen diesem und dem Berg gelegenen Theil des Rhonethals. Einen imposanten Anblick bietet die in ihrer ganzen Breitseite sich zeigende Dent-du-Midi; die Berge des Clubgebietes hingegen treten in perspectivischer Verkürzung etwas in den Hintergrund; doch sind deutlich die verschiedenen Verzweigungen der dazwischen liegenden Thäler erkennbar. Der Abstieg erfolgte auf rauhen Wegen durch Alpen und Wald gegen Vionnaz im Rhonethal. Acht Tage später galt es dem Gipfel der Argentine. Zu diesem Zwecke verließ ich Aigle Morgens 2 Uhr, um den möglichst kurzen Weg über Devens und Bevieux gegen Frenières, les Plans und Pont-de-Nant einzuschlagen; von da ging es über le Richard aufwärts nach l' Avare. Nach kurzer Pause, um 71/z Uhr, wurde der eigentliche Anstieg begonnen, und zwar der des südlichen Gipfels, genannt Lion d' Argentine ( 2222 m ), da ich über diesen besser unterrichtet war, als über den höchsten, schwieriger aussehenden Gipfel, welchen ich mir für nächstes Jahr aufhob. Mein Weg führte ohne Schwierigkeiten ziemlich steil schräg bergan bis zu einigen den Grat bildenden Felsstufen, die umgangen wurden, um zu dem Steinmann zu gelangen, der den schmalen Kamm krönt ( 10 Uhr ). Im Monat August wird dort oben der Wanderer durch das noch reichlich vorhandene Edelweiß überrascht werden. Großartig erscheint von hier aus die ganz nahe Felswand der Kette vom Grand-Mœveran bis Tete-de-Bellaluex mit dem durch den Sex-percia getheilten Plan-Névé-Gletscher, während die Diablerets zum größten Theil durch den wild ausgezackten Grat unseres Berges bedeckt werden. In entgegengesetzter Richtung erblickt man das ganze Hochthal von Nant mit dem Martinetsgletscher, überragt von den beiden Dents-de-Morcles, neben welchen noch die Dent-du-Midi sichtbar ist. Aufsteigende Nebel, die bisher ziemlich freie Aussicht verhüllend, mahnten mich zum Abstieg. Von l' Avare aus ging es dann noch etwas aufwärts gegen Herberuet und les Outans, unterhalb dem Glacier du Plan-Névé gelegen, um dann direct gegen Pont-de-Nant hinunter zu gelangen. Ueber les Plans und Frenières kehrte ich dann nach Bex und per Bahn noch nach Aigle zurück.

Am 25. und 26. August führte ich einen Besuch des großen St. Bernhard aus mit Uebergang über den Col-de-Fenêtre nach Val Ferret, letzteres leider im Nebel.

Den 2. September wurde bei prachtvollem Wetter noch einmal die Croix-de-Javernaz auf schon erwähntem Wege in Begleitung meines Collegen besucht, auch wie voriges Mal mit Abstieg nach Morcles und Dailly. Hier schied mein Begleiter von mir, um heimzukehren, während ich mich mit Jules Cheseaux vereinbarte, um andern Tags die Dent-de-Morcles zu besteigen. Noch am gleichen Abend wurden die Hütten von L' Haut gewonnen und dort Nachtquartier bezogen. Ein gegen Abend emporsteigender Nebel verzog sich noch bevor wir zur Ruhe gingen, so daß auf gutes Wetter für den andern Tag gerechnet werden konnte. Ich wäre gerne sehr frühe aufgebrochen, doch waren der Senn, unser Wirth, und der Führer so fest von Morpheus'Armen umschlungen, daß es schon 4 Uhr war, als sie endlich erwachten, und fast 5, als wir zum Abmarsch bereit waren. Endlich ging es weiter; auf ziemlich abschüssigem Rasenhang mit einigen Lärchen besetzt, zwischen welchen vor einigen Jahren eine Lawine ihren breiten Weg gebahnt, führte unser Fußsteig im Zickzack bergan; bei Punkt 2169 m wurde ein erster kurzer Halt gemacht, um noch einen Blick gegen das später verschwindende untere Rhonethal und den Léman zu werfen, während im Südost schon neue Gipfel der penninischen Kette, in den ersten Sonnenstrahlen glänzend, sichtbar wurden; auch die Spitzen der ganz nahen Dent-du-Midi fingen schon an sich zu färben. Weiter ging es stets steigend der Felswand entgegen, an deren Fuß sich die Grande-Vire hinzieht, die auch bald nach dem Passiren der Cantonsgrenze, dem Torrent-sec, erreicht wurde. Die Grande-Vire ist ein schmaler Fußsteig, der den obersten passirbaren Vorsprung dieser mächtigen Felswand benützt, um sie auf ihre ganze Breite zu durchsetzen; stets hat man auf der einen Seite den nahezu senkrecht aufsteigenden, oft überhängenden Fels, während auf der andern theils kurze, jähe Schutthalden zum nächsten Absatz sich hinabziehen, theils aber auch selbst diese fehlen. Gewöhnlich benutzt man nur einen kurzen Theil der Grande-Vire, die zahlreichen Vorsprünge und Einbiegungen in nahezu horizontaler Richtung umgehend. In einer dieser Einbiegungen verließen wir die Grande -Vire, um durch ein steiles Couloir, den sog. Nant-rouge, direct gegen die Höhe der Dent anzusteigen, statt sie südwärts zu umgehen und von Osten her zu ihr zu gelangen. Der erste enge Theil dieser Strecke war mit großen Blöcken besetzt, die theils umgangen, theils überstiegen wurden; weiter oben erweitert sie sich trichterförmig und man hat es nur mit kleinerem Geröll zu thun; endlich hält man sich gegen den südlichen Rand und geht selbst in ein anderes Couloir hinüber, dessen oberes Ende bald darauf erreicht wird. Dadurch war die weniger steile Ostseite des Berges gewonnen, und wir erhielten die ersten Strahlen der längst aufgegangenen Sonne, welche schnell die etwas steif gewordenen Finger aufthauten. Ohne langes Zaudern und die nun enthüllte Aussicht gegen Ost und Süd kaum eines Blickes würdigend, machten wir uns an die letzte Strecke, über eigenthümlich verwitterten Felsen, und erreichten bald den nach West spitz zulaufenden Gipfel ( 2980 m ). Da meine Uhr während der letzten Nacht stehen geblieben war und trotz aller Kunstgriffe nicht mehr gehen wollte, so stehen mir keine Zeitangaben zur Verfügung. Doch werde ich nicht weit vom Ziele schießen, wenn ich annehme, daß wir gegen halb 9 Uhr oben ankamen. Das Wetter war prachtvoll, und Himmel und Horizont frei von Wolken oder Nebel, ausgenommen gegen Nordwest, wo die Gipfellinie des Jura in einem gegen aufwärts sich verlierenden bräunlichen Dunst gehüllt war; ein nicht gerade kalter Wind blies mit ziemlicher Heftigkeit über den Gipfel. Nach einigen Minuten, die zur Abkühlung und zum Ausruhen des Körpers in einigen nicht dem Wind, wohl aber der Sonne ausgesetzten Vertiefungen zugebracht wurden, machte ich mich an das Analysiren der wirklich großartigen Aussicht. Die dem Clubgebiet angehörenden Höhen ziehen in ihrem Hauptkamme gegen Norden, über Tête-noire und Dent-aux-Favre zum Grand-Moeveran, über welchen der Gipfel der Diablerets hervorragt. Westlich von dieser Kette erscheinen zunächst die Abzweigung der Martinets-Dent-Rouge, dann Argentine und die Ausläufer der Diablerets bis zu den Rochers-du-Vent. Nach Osten zweigt in nächster Nähe der Grand - Chavalard, weiter nördlich der Haut-de-Cry ab, und endlich biegt die Hauptkette selbst nach Osten, um noch das Wildhorn zu zeigen. In derselben Richtung verliert sich nun der Blick in dem fernen Gewirre der Berner und Lötschthaler Alpen und setzt über die fast in ihrer ganzen Länge erkennbare Spalte des Rhonethals zu den penninischen Alpen über, deren stattliche Reihe mit den Gipfeln des Binnenthals und dem Monte-Leone beginnt. Dann kommen, meist gut erkennbar, die zahlreichen nach Norden auslaufenden Seitenketten, mehr oder weniger sich deckend, mit den hervorragenden Häuptern der Mischabel, Weißhorn, Dent-blanche, Monte-Rosa, Matterhorn, Dent-d'Hérens, Grand-Combin, Mont-Vélan u. s.w. und nach der Einsenkung des Großen St. Bernhard, über welche einige italienische Gipfel herüberschauen und dessen Zufahrtsstraße bei Orsières sichtbar ist, die Mont-Blanc-Kette, sowie Buet, Tour-Sallière und endlich Dent-du-Midi; dann im Westen niedrigere Berge von Savoyen und Unter-Wallis, durch die Rhoneebene und den Léman von den Waadtländer Vorbergen und dem Hügelland getrennt. Die Juraseen waren nicht erkennbar. Tief unter uns, ich möchte beinahe sagen senkrecht, haben wir einerseits den noch im Schatten liegenden Einschnitt der Rhone, an dessen südlichem Ende der schon von der Sonne beschienene Pisse-vache-Fall sichtbar ist, während anderseits der Blick auf den im Schütze der senkrechten Nordwestwand der Kette liegenden Glacier des Martinets fällt; die zwischen beiden gelegene unweite Petite Dent-de-Morcles verhindert den Blick auf St-Maurice und Lavey. Dies die Umschreibung dieser weiten Aussicht. Nach einem etwa 2112-stündigen Aufenthalt mußte endlich doch von diesem schönen Punkte geschieden werden, denn die Sonne stand schon sehr hoch und der Weg war noch lang. Gerne hätte ich eine andere Richtung für den Abstieg eingeschlagen, jedoch war der über Morcles für mich der kürzeste, auch schien dem Führer mehr daran gelegen zu sein, bald nach Hause zu gelangen, als vom gewöhnlichen Weg abzugehen. Um aber gleichwohl nicht vollständig auf meine Schritte zurückzukommen, beschloß ich die Grande-Vire von ihrem Südende an zu begehen. Zu diesem Zwecke stiegen wir nach Osten über Felsen und Geröll, sowie einige letzte Schneeflächen abwärts, um dann plötzlich nach Westen abzubiegen und, wieder ein wenig ansteigend, den Anfang der Grande-Vire zu erreichen, welche in kurzer Zeit bis zu dem Punkte durchwandert war, an welchem sie gegen die grüne Rasenhalde ablenkt; über diese ging es theilweise im Laufschritt hinunter, den gastlichen Hütten von L' Haut zu, wo wir endlich den uns quälenden Durst mit kühler Milch löschen konnten: wir hatten auf dem ganzen Weg von dem Schnee an kein Wasser mehr gefunden. Eine halbe Stunde später, etwa um 3 Uhr, war auch Morcles wieder erreicht. Der Heimweg wurde über Lavey und Bex zurückgelegt. Mein Plan war, zu diesem Ausflug Charles Guillaz zu dingen, da er mir empfohlen war; seine Abwesenheit, hervorgerufen durch die begonnene Gemsjagd, zwang mich jedoch, mit Cheseaux zu unterhandeln, der zwar ein guter Wegweiser und williger Träger, jedoch nicht von dem Eifer und der Liebe zu den Bergen beseelt ist, welche den ächten Führer ausmachen.

Bald darauf wendete sich das Wetter zum Schlechtem und fiel selbst Schnee auf die Höhen von über 2000™,. so daß es beinahe schien, als müßte man die Saison als geschlossen betrachten. Dem war aber nicht so, denn während wir im Thale unter dem Nebel waren, that die Sonne in der Höhe ihr Möglichstes zur Schmelzung der Schneedecke, und als eines Tages die graue Decke schwand, erblickten wir die Berge fast schneefrei. Günstigerweise fiel auf den andern Morgen mein Ausgangstag, und ich ließ ihn natürlich nicht unbenutzt.

Für diesmal begnügte ich mich mit dem Mont-d'Or oberhalb Sépey, der wie Tour-d'Ai und Chaussy eigentlich nicht zum Clubgebiet gehört, aber gleich diesen eine günstige Ansicht desselben bietet. Wegen ziemlich spätem Abmarsch von Aigle und einigen Geschäften konnten wir Sépey erst gegen halb 11 Uhr verlassen und stiegen auf gebahntem, aber gleichwohl rauhem Weg zur Pierre-de-Moueillé hinan, die gegen Mittag erreicht wurde. Nach kurzem Halt, der hauptsächlich durch das hier zuletzt vorhandene Trinkwasser ver- anlaßt worden war, ging es dann auf dem Südwestgrate hinan, erst durch zerstreut stehende Tannen, dann über Felstrümmer, mit gebleichten Baumresten gemischt, und endlich über mageren Rasen zum Gipfel. Wenn ich sage zum Gipfel, so meine ich den höchsten Punkt des von West nach Ost sich erstreckenden südlichen Theils des Berges; denn zu meinem großen Erstaunen fand ich, daß der nördliche, einen scharfen von Süd nach Nord gerichteten Grat bildende Theil, von welchem unser Standpunkt durch eine tiefe Einsattelung getrennt ist, zum mindesten zu gleicher Höhe, wenn nicht noch höher sich erhebt. Doch hindert dies nicht im Geringsten den Genuß des weiten Panoramas, das nur wenig Unterschied von dem des Chaussy bietet. Jenen Tag aber war der Blick gegen den Jura besonders klar, und man konnte sehr gut die Wasserflächen der drei Seen, ja selbst die Häusermasse von Neuenburg mit Hilfe des Fernrohrs erkennen. Nach IV2 -ständigem Aufenthalt auf dem Gipfel, auf welchem wir gegen 1 Uhr angelangt waren, ging es wieder abwärts, und zwar gegen la Comballaz, das wir um 3 Uhr erreichten; von da führte uns die breite Poststraße wieder zu Thal, welches den andern Morgen wieder dichter Nebel bedeckte, der sich während fünf Tagen stets erst gegen Abend im Westen etwas aufthat. Dies ließ vermuthen, daß in der Höhe besser Wetter sei, und darauf gestützt beschloß ich, noch einmal zu Stock und Sack zu greifen, um der hehren Bergwelt noch einen, für dieses Jahr vielleicht den letzten Besuch abzustatten. Ich nahm Urlaub für den 30. September und 1. October und machte mich allein Morgens 4 Uhr auf den Weg, um bald nach Sonnenaufgang, um halb 7 Uhr, Gryon zu erreichen, von wo ich nach kurzem Frühstückshalt dem Avançon entgegen durch Weide und Wald, den weiten Wiesen-kessel von Solalex und die schon verlassene Alp Anzeindaz zum Pas-de-Cheville ( 2049 m ) hinaufwanderte. Hier postirte ich mich an einer Stelle in der Nähe des Punktes 2040™, um mit Muße den Anblick des gewaltigen Bergsturzes mit dem halbausgefüllten Derborence-See, sowie der engeren und weiteren Umgebung zu genießen. Zu meiner Linken befanden sich die Wände der Diablerets, über welche der Kegel der Tour-St-Martin herausragte, dann kam die Einsattelung gegen den Sanetsch und der Grat von La Fava und Mont-Gond; über den südlichen Theil desselben blickten einige Gipfel von Zermatt, Weißhorn, Dent-blanche? Matterhorn, Dent-d'Hérens u. s. w., herüber; weiter nach Süden hinderte der jenseits des kleinen Derbon -thales aufsteigende Grat des Haut-de-Cry die freie Aussicht; dafür zeigte sich aber um so stattlicher das Nordende der Mœverankette in den steilen Felsgebilden der Tête-Pegnat, Tête-Bellaluex und Pierre-Cabotz. Nach Westen schließen Argentine und Rochers-du-Vent den Horizont, welch'letztere sich über Signal -de-Culant, Tête-d'Enfer und la Houille dem Hauptgipfel der Diablerets, der Mitre, anreihen. Um einen günstigen Punkt zur Totalansicht der Südwand dieser letztem zu erreichen, brach ich nach i'/4-stündiger Rast auf, um quer durch das Httgelgewirre der Hauts-Cropts die Tete-de-Filasse ( 2165 m ) zu gewinnen. Von hier aus macht der in seiner ganzen Ausdehnung sichtbare Absturz, gekrönt von einem feinen Firnsaum, einen überwältigenden Eindruck, und es that mir wirklich leid, unter so günstigen Umständen wie heute, nicht eine Stunde dort oben zubringen zu können. Doch für diesmal war es zu spät und auf keinen Fall hätte ich die Besteigung ohne Begleitung gewagt, obwohl der Weg durch den mächtigen Schuttkegel des Loex-Tortay wie durch einen Wegweiser angezeigt schien. Um aber den Tag doch noch auszunützen, wollte ich dem Glacier-de-Paneyrossaz einen Besuch abstatten und ging zu diesem Zwecke erst gegen den Col-des-Essets und, bevor dieser erreicht war, links in das kleine, von Felsblöcken und Moränenresten erfüllte Seitenthälchen von Paneyrossaz bis zu dem Punkt 2291 m. Der frische Schnee bedeckte den im Schütze der Felswand gelegenen Gletscher in seiner ganzen Ausdehnung, doch waren die Spuren des bedeutenden Rückganges sehr gut zu erkennen. Nachdem ich wieder gegen den Col-des-Essets abgestiegen war und diesen passirt hatte, dehnte sich bald der Wiesenplan von l' Avare vor mir aus, eingeschlossen zwischen Argentine und Pierre-Cabotz, welch'letztere nicht ermangelt, möglichst viel Geröll auf die so schön geebnete Fläche zu werfen. L' Avare war wie Anzeindaz schon verlassen. Beim Richard traf ich wieder die obersten noch bewohnten Hütten und ruhte in Gesellschaft einiger Aelpler etwas aus. Als ich beim weiteren Abstieg um die gegen den Bach vorspringende Felsecke herumbog, fand ich zu meinem nicht geringen Erstaunen das ganze Becken von Pont-de-Nant, sowie das Thal von les Plans mit dichtem Nebel angefüllt, während die Wände des Mceveran, von der schon KiOE. Wartmann.

gegen Westen geneigten Sonne beschienen, daraus wie aus einer Wasserfläche aufstiegen. In diesen grausigen Schlund mußte ich wohl oder übel tauchen, um das gastliche Dach des J. Louis Marletaz aux Plans zu erreichen, in welchem ich die kommende Nacht zubringen wollte, was mir nach weniger als einer Stunde, erst im Nebel, dann unterm Nebel gehend gelang. Gleich nach Ankunft ließ ich François Marletaz kommen, dessen Bekanntschaft ich am Tage meines Argentine-ganges gemacht hatte, um mit ihm über ein Project für morgen zu sprechen; ich hatte während der letzten Stunde beschlossen, wenn immer möglich den Grand-Moeveran zu besteigen. Als ich ihm diesen Plan mittheilte, zauderte er erst und sprach von Glatteis oder Schnee; da ich aber fest daran hielt und des schönen Wetters erwähnte, das da oben herrschte, während wir unten im Nebel stacken, so meinte er endlich, man könne es immerhin probiren, man gehe eben so weit es möglich sei. Damit war die Sache beschlossen. Noch denselben Abend vertheilte sich der Nebel und ließ den im letzten Abendrotli erglänzenden Mœveran erblicken, ein gutes Wettervorzeichen für morgen. Als wir um 5 Uhr aufstanden, glänzten die Sterne noch in voller Pracht am Firmament. Um 6 Uhr brachen wir auf. Rasch ging es in die sehr frische Morgenluft hinaus, auf breitem Fahrweg thalaufwärts; das gastliche Häuschen von Pont-de-Nant passirten wir, ohne Jemanden zu sehen, um bald darauf ziemlich steil durch Wald gegen Larze anzusteigen. Diese nahe am obern Waldrand gelegene Hütte erreichten wir in dem Moment, als sich ihre zwei Bewohner anschickten, an ihr Tagewerk, das Mähen der für die Kühe zu steilen Grashänge von Larze, zu gehen. Ein gut Stück Weg gingen wir mit ihnen, die letzten zerstreut stehenden Tannen durchschreitend; dann aber hielten wir uns mehr links aufwärts, um die oberste Spitze der Grashalde zu umgehen und gegen die Felsen der Südwestseite einzulenken. Kaum waren wir zehn Minuten auf dem nun schmalen Pfade gegangen, so fanden wir den aus kleinem schiefrigem Schutte gebildeten Boden hart gefroren, aber ohne Glatteis, Ueber diese steile Strecke, deren Zurücklegung durch einige Pickelhiebe erleichtert worden war, wurde um 8V2 Uhr der Roc des Chasseurs erreicht, ein grasbewachsener Vorsprung, auf welchem gewöhnlich Halt gemacht wird. Ein Gleiches thaten auch wir und gaben uns neben der Stillung des bereits erwachten Hungers und Durstes der Betrachtung der im Glänze der Morgensonne vor uns liegenden Gegend hin. Als wir einige Stunden früher Pont-de-Nant passirt hatten, erglänzten eben die obersten Spitzen der beiden Dents-de-Morcles im Scheine der aufgehenden Sonne, und während des Aufstiegs konnten wir mit Muße die immer tiefer greifende Beleuchtung gegen Westen hin beobachten; von unserem jetzigen Standpunkt aber hatten wir schon freien Blick auf einen großen Theil der Rhoneebene, des Léman und der Voralpen; in nächster Nähe breitete sich der Felsencircus des Glacier des Martinets mit den ihn umgebenden Gipfeln aus, in das tief unter uns ausmündende Thal von Nant verlaufend. Bald hieß es wieder: Weiter! denn einentheils drängte die Zeit, anderntheils warteten unser ja noch weit groß- 11 artigere Genüsse. Durch Passagen, die von weitem für mein ungeübtes Auge kaum erkennbar waren, zogen wir uns an der Felswand hin, noch einige dem Roc des Chasseurs ähnliche Vorsprünge überschreitend, bis endlich ein von der Frête-de-Sailles sich herabsenkendes Couloir erreicht wurde, welches nach der Aussage des Führers erst in letzter Zeit mit großem Geröll angefüllt worden war. In diesem stiegen wir steil aufwärts und wichen auf diese Weise einer langen glatten Schutthalde aus, deren Begehung wohl einige Schwierigkeiten geboten haben würde, da sie, weniger der Sonne ausgesetzt, als unser bisheriger Pfad, vermuthlich gefroren war. Um 9 Uhr 50 Minuten war die Frête-de-Sailles ( 2599 m ) erreicht. An einen großen Felsblock gelehnt betrachteten wir die nähere Umgebung, deren auffallendster Theil der Kleine Mceveran zu unserer Rechten war, mitten aus dem Schnee herausragend, während links von uns die fast schneefreien Wände des Großen Mceveran aufstiegen; selbst der an ihrem Fuße gegen Plan-Salenze gewöhnlich sich vorfindende Rest alten Lawinenschnees, der sonst entweder Umgehung oder Stufenhacken erfordert, war völlig weggeschmolzen. Gegen Osten waren neben der Pointe-de-Chamoz, vom Führer Dent-de-Louze genannt, wieder einige Süd-Walliser Spitzen sichtbar.

Beinahe zu lange hatten wir diese Pause ausgedehnt, denn die Uhr zeigte schon 10 Uhr 40 Min., als wir von da aufbrachen. Nachdem wir etwas abwärts gegangen waren, um einer vorspringenden Felsstufe auszuweichen, traversirten wir jene heute schnee- freie Schutthalde und stiegen dann steil gegen die Felsen der Crettaz-Morez hinan, an welchem Orte wir die ersten Schritte im Schnee zu machen hatten. Nach einigen Minuten Rast ging es endlich an die Felsen der Mceveranwand im engeren Sinne, die keine besondere Schwierigkeiten boten und an welchen ich noch einige Spätlinge unter Floras Kindern, darunter das so geschätzte Genipi des Aelplers, Artemisia mutellina, fand. Die etwas monotone Strecke bis zum Gipfel wurde ganz angenehm durch eine kleine Jagdepisode unterbrochen. François betreibt nämlich neben dem Führerhandwerk auch die Jagd, und da er den schweren Sack auf seinen Rücken genommen hatte, so ließ ich es mir nicht nehmen, seine mit Schrot geladene Doppelflinte ( die Gemsjagd war leider seit dem vorigen Tag geschlossen ) an meine Schulter zu hängen; bisher hatten wir noch keine Spur von Wild entdecken können und kletterten gleichgültig über die Felsen hinan, als auf einmal drei Schneehühner nur etwa 20 Schritte von uns entfernt aufflogen. Aber schon war es zu spät für den Schuß, denn bis ich die Flinte, die quer auf meinem Rücken hieng, meinem Begleiter eingehändigt hatte, waren unsere Hühner um den nächsten Vorsprung herum verschwunden. Mit größerer Vorsicht gingen wir in gleicher Richtung vor, das Gewehr in Schußbereitschaft; aber erst nach Umgehung einiger Felskanten hatten wir das Glück, unser Kleeblatt wieder zu finden und aufzuscheuchen. Diesmal fiel der Schuß zur rechten Zeit und zugleich eines der Thiere zwischen das Felsgetrümmer Der Führer war schon im Begriff, es zu holen, als es sich 161E. Wartmann.

durch einige letzte Flügelzuckungen etwas hob und dadurch an dem Abhang von Stufe zu Stufe hinabfiel. Nach 5 Minuten hatte François gleichwohl seine Beute erreicht und nach weitern 5 solchen kam er wieder zu mir, an die Stelle, wo der Schuß gefallen und ich mit Flinte, Sack, Pickel und Stock wartete. Das Schneehuhn war von der Größe einer starken Taube und noch nicht vollständig in sein schneeweißes Winterkleid gehüllt; seine Genossen bekamen wir nicht mehr zu Gesicht. Bald nach dieser Unterbrechung wurde um 1 Uhr der Gipfel ( 3061 m ) erreicht. Kaum war ich als der Erste recht oben, so gab mir François ein Zeichen, welches bedeutete, ich solle auf der Nordseite hinabsehen. Und was hatte er entdeckt? Zwei stattliche Gemsen, gemächlich auf den Schnee gelagert, etwa 100™ unter uns. Welch'Bedauern seinerseits, das Gewehr nicht bei sich zu haben! Meinerseits gratulirte ich deswegen diesen eleganten Geschöpfen, die erst auf unser Rufen in weiten Sprüngen bergab eilten. Ueber die Aussicht, die im Großen und Ganzen von der der Dent-de-Morcles nicht sehr verschieden ist, will ich mich hier nicht noch einmal auslassen, sondern nur einige Einzelheiten erwähnen, welche der veränderte Standpunkt mit sich brachte. Im Schütze der Nordwand unseres Gipfels liegt der vom Sex-percia getheilte Gletscher von Plan-Névé, der wie derjenige von Paneyrossaz bedeutende Spuren des Rückganges zeigt; den Diablerets ist man bedeutend näher gerückt und kann die eigenthümliche Schichtung der Wand wohl erkennen; auch das Wildhorn mit seinen Vasallen zeigt sich deutlicher; hingegen ist vom Haut- de-Cry nur der höchste Gipfel sichtbar, da der Grat des Mceveran sich ohne große Senkung, aber wild zerrissen nach Osten hinzieht. Aehnlich ist es auch in südlicher Richtung mit dem Petit-Mœveran, während Dent-de-Morcles hingegen unverhüllt ist; im Rhonethal ist Riddes und darüber das schwarze Iserable sichtbar und im Westen taucht der Blick in den tiefen Einschnitt des Thals von Plans. Nachdem ich meine Karte in einer der Flaschen, die sich auf dem Gipfel vorfanden, untergebracht, verließen wir um 1 Uhr 50 Min. den erhabenen Standpunkt und eilten auf etwas abweichendem Weg wieder der Crettaz-Morez zu, indem wir über einige Schnee- und Schutthalden kunstgerecht abfuhren, nicht gerade zum großen Vortheil meiner Fußbekleidung, wie ich später gewahr wurde. Hingegen förderte uns dies sehr in Bezug auf die Zeit, denn schon um 2 Uhr 50 Min. waren wir auf der Frête-de-Sailles. Nach einem letzten Abschiedsblick gegen Osten schieden wir auch von hier, diesmal die heute Morgen ver-miedene Schutthalde in möglichste Benützung ziehend und weiterhin die aufgethaute und trockene Vire im Schnellschritt durcheilend. Um 3 Uhr 30 Min. erreichten wir den Roc des Chasseurs, von welchem aus wir tief unter uns die beiden Heuer sahen. Die oben erwähnte gefrorene Stelle war auch aufgethaut, hingegen wegen der der Sonne kaum ausgesetzten Lage nicht trocken. Ueber die Grashalden von Larze und durch den darunter gelegenen Wald ging es in gleicher Eile und um 4 Uhr 25 Min. gelangten wir zum Restaurant von Pont-de-Nant und 25 Min. später nach Plans; wir hatten also gerade 3 Stunden zu dem I960™ Verticalabstand messenden Abstieg gebraucht; der Anstieg ist leicht in kürzerer Zeit auszuführen, als in den 7 Stunden, die wir darauf verwandten, denn wenigstens 1 Stunde ist für zu lange Halte und die Jagd in Abzug zu bringen.

Da mein heutiger Weg noch nicht zu Ende war, so verließ ich nach kurzem Imbiß das gastfreundliche Haus und Thal, um auf der Fahrstraße nach Bex und dann per Bahn nach Aigle zu gelangen. Etwas unterhalb Frenières leuchtete mir noch einmal der besuchte Berg im vollen Glänze der Abendröthe nach. Mit meinem Führer François Marletaz, der mir, nebenher gesagt, das Schneehuhn als Geschenk mitgab, konnte ich nur zufrieden sein; er ist ein sehr angenehmer Begleiter und scheint sich in seinem Reviere gut auszukennen; leider geht aber diese seine Kenntniß nicht über die Kette von den Diablerets bis zur Dent-de-Morcles hinaus, abgesehen von der Umgebung der Cabane von Orny, wo er vorletzten Sommer mit Mitgliedern der Waadtländer Section einige Zeit zubrachte; das östliche Clubgebiet hingegen ist ihm fremd, und er würde gerne, wie auch gewiß seine Collegen der Westhälfte, einige Mittheilungen darüber von Seiten des S.A.C. entgegengenommen haben; leider waren aber meine Anstrengungen bei der Section Diablerets, ein Itinerar für ihn zu erhalten, vergebens. Meiner Meinung nach wäre es eine schöne Aufgabe der betheiligten Sectionen, für die dem Clubgebiet angehörenden Führer einen vorbereitenden Cursus abzuhalten; die Bereisung des Gebietes würde dadurch bedeutend erleichtert werden. Diesem letzten größern Ausfluge folgten noch einige Spaziergänge, ähnlich denjenigen des letzten Winters, darunter auch der im Itinerar erwähnte unterirdis^he im Salzbergwerk von Bouillet und Coulât, mit der bekannten 400 Stufen zählenden, mit Hammer und Meißel in den Fels gearbeiteten Treppe, eine ungeheure Arbeit im Vergleich mit dem heutzutage durch Bohrmaschine und Dynamit erreichten Resultat. ( In der Nähe von Bevieux wird auf diese moderne Weise ein neuer Stollen in den gleichen Berg gebohrt. ) Damit schloß sich für mich eine Saison ab, mit welcher ich in allen Beziehungen nur zufrieden sein konnte; denn bei meist günstigem Wetter lernte ich während dieser Zeit eine Gegend mehr oder weniger kennen, die des Großartigen sehr viel bietet und dem Alpinisten und Naturfreund nicht nur für zwei Jahre, sondern für eine ganze Reihe solcher Gelegenheit gibt, mit stets wechselnden Genüssen sich darin zu ergehen. Meine Hoffnung ist, im nächsten Sommer, den ich noch hier zuzubringen gedenke, meine mir selbst gestellte Aufgabe noch weiter zu lösen, und ich lade jeden Verehrer unserer schönen Berge, vor allem aber die Mitglieder des S.A.C. ein, diesen schönen Winkel unseres Vaterlandes selbst anzusehen und zu bereisen.

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