Aus dem Vereinagebiet

Von Dr. E. Walder ( Sektion Uto ).

I. Roggenhorn ( 2893 m ), Pischahorn ( 2982 m ), Piz Fless ( 3023 m ).

Durch die von der Sektion Uto in Vereina errichtete Clubhütte sind die Berge jener Gegend zugänglicher gemacht worden, und in der That werden die bekannteren und interessanteren Spitzen, wie Piz Linard, Verstanklahorn, Plattenhorn, von Jahr zu Jahr häufiger bestiegen. Neben diesen ehrwürdigen Bergesriesen gruppieren sich jedoch um das Hochthal von Vereina und seine Nebenthäler noch eine Anzahl von Bergeshöhen, welche kaum gekannt sind, geschweige denn häufig besucht werden; und doch giebt es unter denselben nicht wenige, die um der Aussicht willen eines häufigen Besuches wohl wert sind.

Die Sektion Uto hat den Beschluß gefaßt, sowohl den Weg vom Thale hinauf zur Clubhütte, als auch einige leichtere Anstiege von der Hütte aus zu markieren, und außerdem die Wege, welche im ganzen sehr vernachlässigt sind, zu verbessern. Um diese Arbeiten zu leiten, begab sich der Verfasser dieser Zeilen Samstag den 30. Juli 1898 nach Klosters. Da am Abend unversehens heftiges Regenwetter eintrat, so wurde der Aufstieg nach Vereina auf den folgenden Tag verschoben. Der Aufschub lohnte sich in hohem Grade, da der Sonntagmorgen in klarstem Sonnenschein anbrach. Um 9 Uhr verließ ich mit Peter Guler, welcher die oben genannten Arbeiten auszuführen bestimmt war, die belebte Sommerfrische Klosters. Zur Abwechslung wählten wir statt des Fahrsträßchens, das über Monbiel führt, den Fußweg auf der linken Seite der Landquart, welcher bei gutem Wetter entschieden vorzuziehen ist, nicht etwa wegen der Wirtschaften, die dort allmählich zur Annehmlichkeit der Sommergäste entstehen, sondern weil er über angenehme Wiesen, zum Teil durch schattigen Wald und oft hart am Ufer der dahinbrausen-den Landquart sich hinzieht. Er ist allerdings nicht viel näher, zumal da der Bachübergang in der Nähe von Novai sich etwas umständlich gestaltet.

Um 1 Uhr war die Hütte erreicht, die auch jenes Jahr wieder von dem treuen Hüttenwart Pleisch zn voller Zufriedenheit der Gäste bewirtschaftet worden ist.

Nach dem Essen entschloß ich mich, noch eine Tour auf einen der benachbarten Berge zu unternehmen; das Wetter hatte sich nämlich so sehr zum guten gewendet, daß ein müßiges Rasten um die Hütte herum eitle Zeitvergeudung gewesen wäre. Als Ziel wurde das Roggenhorn gewählt, da eine Besteigung desselben verhältnismäßig wenig Zeit in Anspruch zu nehmen schien. Herr A. Ludwig nennt die Besteigung desselben von der Hütte aus einen Spaziergang. Ich gestehe, daß mir die Tour jetzt als ein höchst angenehmer Nachmittagsbummel in der Erinnerung lebt. Immerhin waren bei demselben 900 Meter Höhendifferenz zu überwinden; die Tour ist von Anfang bis Ende steil, und einen Weg giebt es überhaupt nicht. Schon bei der in jenem Sommer neu errichteten Hütte in Kühvereina, also etwa fünf Minuten von der Clubhütte entfernt, verließen wir den Grund des Vernelathales, um über die steilen Grashalden der nördlichen Thalseite emporzusteigen. Sie sind bisweilen mit Gestrüpp von Alpenrosen oder durch Geröll bedeckt, das man, um besser gehen zu können, zu meiden sucht. Am besten wird zuerst eine nordöstliche Richtung eingeschlagen, bis ein kleines Plateau erreicht ist, von welchem an der Gipfel des Roggenhorns stets sichtbar bleibt. Hier wendet man sich am richtigsten direkt nach Norden, eher etwas nach links gegen den sogenannten „ Mittelgrat ". Zwischen diesem und dem Kegel des Roggenhorns zeigt sich eine schwache Einsattelung, auf welche losgesteuert wird. Von diesem Sattel aus öffnet sich unsern Blicken ein neues Bild: Zu unsern Füßen liegt das liebliche Ochsenthäli, das auf der gegenüberliegenden Seite von dem gewaltig sich präsentierenden Weißhorn ( 2833 m ) begrenzt wird. Wir wenden uns nun vom Sattel aus nach rechts über den Südwestgrat, der aus Blöcken besteht und an einer Stelle über ein Schneefeld umgangen wird, und erreichen zuletzt über eine breite Wand den Gipfel des Roggenhorns ( 2893 m ). Nicht weit von unserm Gipfel, durch eine Scharte getrennt, zeigt sich ein zweiter Gipfel, welcher um einen Meter niedriger ist. Wir genießen in vollen Zügen die Aussicht, welche nur in der weiten Ferne durch aufsteigende Nebel einigermaßen beeinträchtigt wird. Schon die nächste Umgebung bietet angenehme Reize; vor uns erhebt sich die regelrechte Pyramide des Weißhorns ( 2833 m ), in steilen Absätzen aus dem Ochsenthäli aufsteigend, rechts vom sanftem Canardhorn ( 2611 m ) flankiert, welches in grünen Rasenhängen über der Landquart sich erhebt. Gerade vor uns dehnt sich das Prätigau aus, aus welchem eine Reihe von Ortschaften heraufgrüßen, wie Klosters, Serneus, Saas, Luzein, Pany am Abhang des Kreuz, und Seewis, das hoch über dem Thal an der schönen Pyramide des Vilan sich behaglich ausbreitet. Nicht leicht wird von einem andern Standorte aus das lang sich hinziehende Prätigau so deutlich überblickt, wie von den Roggenhörnern, wie denn auch diese beiden Gipfel, welche gleichsam neugierig hinter dem Canard- und Weißhorn hervorgucken, auf der ganzen Fahrt durch das Prätigau wahrgenommen werden. Der Rätikon vom Falknis bis zur Sulzfluh und die Hochwangkette mit der dominierenden Weißfluh, welche beide Ketten das Prätigau umrahmen, liegen der Nähe wegen besonders klar vor den Blicken des Schauenden. Dunkelblau erscheinen die Grauen Hörner und der Ringelspitz, weiterhin ist noch der Vorab zu erkennen, aber gegen den Tödi hin hemmen Nebel die Blicke. Im Albulagebiet fällt die steile dunkle Pyramide des Tinzenhorns auf; der Anblick des Flüela-Schwarzhorns und des Weißhorns beweist uns, daß sie beide mit dem richtigen Namen bezeichnet sind; zwischen ihnen blickt noch der Piz Kesch hervor, nach links hin ist der Piz Vadret durch die steilen, dunkeln Felsrippen und die steilen Schneerinnen erkennbar, in der Ferne zerfließt das Berninagebirge in der dämmrigen Luft. Stolz präsentiert sich gerade gegenüber, jenseits des Vernelathales, vom Dürrenberg ausgehend die Kette der Ungeheuerhörner und der Plattenhörner; besonders hebt sich das vordere, scheinbar gespaltene Plattenhorn ab, mit dem kühnen, auf die Seite geneigten Gipfel, ebenso das niedrigere mittlere und dann die beiden hinteren, zwischen welchen ein steiler Gletscher gegen das Vernelathal abfällt. Steil und plattig schwingt sich der Piz Linard mit der kühnen Linie von der Val Lavinuoz empor; vor ihm verschwindet der im übrigen zierliche Schneespitz des Pillerhorns. In der Ferne über der Fuorcla Zadrell sind noch einige Unterengadinerhöhen sichtbar; ich glaubte die charakteristische Spitze des Piz Pisoc und den Piz Lischanna mit seinem Gletscher erkennen zu können. In nächster Nähe fesselt unsern Blick die Doppelgestalt des Schwarzkopfs und Verstanklahorns, letzteres gegenüber dem mächtigern und formschönem Piz Linard zurückstehend. Ganz weiß und rein schimmert der nahe Silvrettagletscher in seiner bekannten Umrahmung. Auch die beiden Buine sind sichtbar, und ebenso einige Gipfel der Ferwallgruppe. Wenn das Auge sich satt gesehen hat an der Betrachtung der Höhen, dann verweilt es gerne wieder in den lieblichen kleinen Thälern, welche zu Füßen sich ausbreiten, dem schon genannten Ochsenthäli, dem einsamen, bis weit hinab noch mit Schnee erfüllten Roggenthäli, dem Vernela- und Jörithal, in welchen die Macht der Sonne das Grün wieder hatte hervorsprießen lassen. Wir untersuchen die Flasche, die in dem Steinmann steckt, und finden in derselben nur die Karte des Herrn A. Ludwig, welcher im August 1896 den Berg bestiegen hatte. Die erste bekannte Besteigung wurde von Herrn Dr. J. J. Bischoff von Basel am 3. August 1879 1 ) mit den Führern Christian Jegen und Hans Kaspar aus Klosters ausgeführt; eine weitere Besteigung erfolgte am 30. Juli 1892 durch Herrn Ed. Imhof in Schiers. Ob außer den genannten drei Besteigungen noch andere stattgefunden haben, ist uns nicht bekannt.

Wir fühlen uns recht behaglich auf dem Gipfel; es herrscht eine angemessene Temperatur, und die Sonne beleuchtet die nahen und fernen Höhen immer lieblicher. Doch als die Uhr gegen 6 Uhr rückte, mußte an den Aufbruch gedacht werden, damit wir noch zur rechten Zeit das schützende Obdach der Clubhiltte erreichen könnten; zudem schienen allmählich Abendnebel durch die Thäler hinaufzusteigen. Wir gingen nicht bis zum Sattel gegen den Mittelgrat zurück, sondern direkt zum Roggengletscher hinab, auf welchem Neuschnee lag; etwas herwärts, d.h. südlich vom Ochsenthalerfürkli, stiegen wir durch eine steile Kehle ins Ochsenthäli, in diesem eine Zeit lang fast eben über angenehmen Schnee, an den Hängen des Weißhorns vorbei, zuletzt über eine steile Stufe, einen Grashang mit Platten untermischt, hinab zu zwei lieblichen Seelein. Jetzt biegen wir nach links aus dem Hochthal heraus; wir werfen noch einen Blick ins Ochsenthäli hinein, welches vom imposanten, etwas geduckten Roggenhorn mit dem weithin sichtbaren Schneegürtel schön abgeschlossen wird — da überrascht uns denn gleich der Nebel, der aus dem Vereinathal fast unvermerkt heraufgestiegen ist. Da der steile Hang gegen Vereina hinab an vielen Stellen von fast undurchdringlichem Geröll bekleidet wird, so war uns der Nebel im Anfang wirklich sehr lästig. Die Richtung konnten wir freilich nicht wohl verfehlen, und weiter unten zeigte sich der Nebel weniger dicht, so daß wir am Laufe des hörbaren und zum Teil sichtbaren Vereinabaches uns orientieren konnten. Bald entdeckten wir auch einen Viehweg, dort „ Kühträuje " genannt, auf dem wir gerade bei einbrechender Nacht die Hütte erreichten.

Zum Aufstieg hatten wir beinahe 3 Stunden, zum Abstieg 2 1/4 Stunden gebraucht. Wenn es sein muß, kann man gut in 2 Stunden oben sein, und wenn einer pressiert, so wird er, wenigstens auf dem Wege gegen das Vernelathal, leicht in einer guten Stunde die Vereinahütte wieder erreichen. Der Weg, den wir zum Aufstieg gebraucht hatten, ist einfacher, aber etwas monoton, während die Route über das Ochsenthäli recht viel Abwechslung bietet. Allerdings ist diese etwas mühsamer und zeitraubender.

Wir glauben uns nicht weitläufig darüber rechtfertigen zu müssen, daß wir sowohl den Weg als auch die Aussicht beim Roggenhorn so ausführlich beschrieben haben. Der Berg ist wider Erwarten von den Touristen sehr vernachlässigt, ja fast unbekannt; er bietet für Leute, denen die üblichen Hochtouren, wie Piz Linard, Verstanklahorn, zu beschwerlich oder zu weit sind, bei verhältnismäßig geringer Mühe reichen Genuß. Auch können Besucher von Vereina, welche wegen der Ungunst des Wetters oder anderer Verhältnisse weite Touren nicht zu unternehmen sich getrauen, ganz leicht durch den Besuch des Roggenhorns sich einigermaßen entschädigen.

Für den folgenden Tag wurde eine Besteigung des Pischahorns ( 2982 m ) in Aussicht genommen. Der Nebel, welcher am Abend sich eingestellt hatte, war am Morgen früh schon gewichen, der neue Tag erhob sich in herrlichem Sonnenglanze; also konnte der gefaßte Plan zur Ausführung kommen. Das Pischahorn liegt in direkt westlicher Richtung von der Vereinahütte, und seine Besteigung gestaltet sich überaus einfach. Um 6 Uhr brachen wir auf und wendeten uns dem Vereinabache zu. Der direkte Weg führt über einige sumpfige Stellen, bei denen man nach langer regnerischer Witterung einzusinken pflegte; um diesem Übelstande abzuhelfen, hat die Sektion Uto eine Reihe von Steinplatten an denjenigen Stellen anbringen lassen, welche das Fortkommen der Wanderer irgendwie gehemmt hatten. Über dem Vereinabach schwebte immer noch der alte Steg, der an Solidität allmählich zu wünschen übrig ließ 1 ). In nicht zu großer Steigung gelangt man zu dem Plateau der Rietböden, dann wendet man sich nach links gegen das Eisenthäli und steigt in der Richtung der Einsattelung zwischen Pischahorn und Gorihorn empor. Doch lange bevor diese erreicht wird, erfolgt eine scharfe Wendung nach rechts; durch eine steile Schlucht geht 's auf Rasen hinauf; weiter oben wechseln Geröll- und Schneehalden ab, doch überwogen bei unserer Tour die letztern; im späten Sommer wird wohl wenig Schnee mehr anzutreffen sein. Auf der Höhe dehnt sich ein weites, mächtiges Firnfeld aus. Die Besteigung nimmt cirka 3 Stunden in Anspruch und bietet durchaus keine Schwierigkeiten; die Tour ist weniger steil als diejenige auf das Roggenhorn; der Abstieg kann in 1 1/2 Stunden leicht ausgeführt werden.

Was nun die Aussicht betrifft, so gestaltet sie sich auf dem Pischahorn umfassender als auf dem Roggenhorn, und nicht mit Unrecht ist dieser Berg als Aussichtsberg bekannt und häufig besucht. Um nicht zu ausführlich zu werden, seien nur die hervorstechendsten Bilder genannt. Das Prätigau zeigt sich nicht mehr in seiner ganzen Ausdehnung, immerhin ist der Anblick dieses reizenden Thalzuges noch schön genug, und die höher gelegenen Ortschaften Pany, Luzein, Fuma, Seewis und auch Saas zeigen sich den Blicken deutlich. Die einzelnen Gipfel des Rätikon treten schärfer aus dem Gebirgskamm hervor, weil das Pischahorn weniger in direkter Linie mit demselben liegt, als das Roggenhorn. Das Wetter ist so klar, daß man die Kette vom Calanda bis zum Tödi deutlich wahrnimmt und darüber hinaus noch die Urner und Berneroberländer Berge. Der Blick nach Süden und Westen ist nicht gehemmt, die Medelser-, Rheinwald-, Albula-, Berninagruppen liegen frei vor uns, ja, der Blick schweift noch bis zu den Veltlinerbergen und der Gruppe des Adamello und der Presanella. Der Ortler mit seinen Trabanten imponiert gewaltig, und im Unterengadin machen sich der Piz Nuna und der Piz Pisoc geltend. Am schönsten ist ohne Zweifel der Blick auf den Piz Linard und die Plattenhörner, welche ziemlich isoliert dastehen und in ihrer ganzen Erhebung betrachtet werden können. Die Silvrettagruppe hat immer noch ihre Reize, doch fällt ihre größere Entfernung gegenüber dem Roggenhorn schon in die Wagschale. Auch die nördlicher gelegenen, weniger hohen Bergketten zeigten sich in schöner Beleuchtung, so die Churfirsten, die Säntiskette, die Berge des Bregenzerwaldes mit dem scharf ausgeprägten Kegel der Damülser Mittagsspitze und dem breiten Hohen Freschen. Ein liebliches Bild bietet der Anblick der tief unten ruhenden Alpwiesen von Novai und eines kleinen Sees im Novaithäli. Und nicht zum wenigsten erfreut sich derjenige, der auf der Höhe der Pischa weilt, an dem freundlichen Anblick der Dörfer Davos - Platz und Davos - Dorf, die in ihrer ganzen Ausdehnung sichtbar sind. Ich konnte mich kaum satt sehen an der mannigfaltigen, äußerst umfassenden Ansicht, welche in der That ihresgleichen sucht; es war auch kein Grund zum Eilen, weshalb wir recht lange Zeit auf der sonnigen Höhe blieben. Beim Abstieg wurde mit wenig Variationen die gleiche Route eingeschlagen. An- und Abstieg können übrigens an verschiedenen Stellen ausgeführt werden; wer etwas größere Mühe nicht scheut, dem wird es unschwer gelingen, von den Rietböden aus direkt das Gipfelmassiv anzugreifen, ohne den Umweg über das Eisenthäli zu machen. Noch sei auf die von Herrn J. Sigrist in Davos aufgenommene, vorzügliche Photographie aufmerksam gemacht, welche die Aussicht vom Pischahorn nach den Plattenhörnern und dem Piz Linard darstellt; auch einige andere Photographien des Herrn Sigrist, welche die Thäler und Berge von Vereina zur Darstellung bringen, mögen hier die verdiente Erwähnung finden.

Für die folgenden Tage hatte ich das Flüela-Weißhorn, den Piz Fless und einige andere Berge aufs Programm gesetzt. Die beiden erstem werden über Gletscher erstiegen, für deren Begehung ein ordentlicher Führer durchaus notwendig ist. Da Peter Guler wohl ein braver Mann und tüchtiger Handwerker ist, aber vom eigentlichen Fuhrerberuf nicht viel versteht, war ich in etwas heikler Lage. Zuletzt wurde ausgemacht, daß Peter nach Klosters hinuntergehen und einen wirklichen Führer hinaufbringen solle. Unterdessen vertrieb ich den Nachmittag, so gut es eben Aus dem Vereinagebiet.

hier in der Einsamkeit ging. Der Hüttenplatz und die nächste Umgebung-sind aber so anmutig, daß ein Freund der Natur in diesem schönen Hochthal bei schönem Wetter sich nie langweilen wird. Da jedoch der Mensch von Natur ein geselliges Wesen ist, so wünscht er sich von Zeit zu Zeit auszusprechen über seine Gedanken und Pläne. Es war daher eine für mich freudige Überraschung, als am frühen Abend von Novai her ein Unterengadiner Führer heraufkam, welcher von Guarda aus zwei Herren über den Silvrettapaß begleitet hatte und jetzt über Valtorta in die Heimat zurückkehren wollte, und meine Freude stieg noch höher, als ich in dem Angekommenen einen guten alten Bekannten fand, den Führer Brunett von Schuls, mit dem ich vor einigen Jahren die Tour auf den Piz Lischanna und über den Gletscher ins Scarlthal ausgeführt hatte. An Gesprächsstoff fehlte es nicht, da ich mich gerne nach den Verhältnissen des aufblühenden Unterengadins erkundigte. Brunett war über das Zusammentreffen auch erfreut, so daß er sich entschloß, in Vereina zu bleiben und zu übernachten.

Abends um 11 Uhr, als ich schon auf dem Heu lag, erschien P. Guler mit der Meldung, daß er in Klosters keinen Führer habe auftreiben können. Das klang nun freilich nicht tröstlich, aber es hieß jetzt, in das Unabänderliche sich zu fügen. Am Morgen wurde gleichwohl sehr früh aufgestanden, und als Brunett meine Verlegenheit sah, erklärte er, daß er mich gerne auf den Piz Fless ( 3023 m ) begleiten wolle, wenn derselbe nicht zu weit ab von seinem Wege liege, übrigens kenne er den Berg gar nicht, geschweige denn die Art der Besteigung. Beide Bedenken konnten leicht gehoben werden. Erstens lag der Berg ganz an dem Wege, welchen Brunett in das Unterengadin einzuschlagen hatte; die Besteigung bedeutete für ihn einen Mehraufwand an Zeit von 2—3 Stunden. Zweitens kannte ich nicht nur die Lage des Berges genau, sondern hatte mir auch durch den Bergführer L. Guler einige Andeutungen über die Besteigung geben lassen. Punkt 5 Uhr brachen wir auf und wandten uns dem nahen Vernelabache zu, den wir auf dem vor einigen Jahren errichteten Brücklein, d.h. einem Balken ohne Geländer, überschritten. Lebhaft kamen mir die vielen Schwierigkeiten in Erinnerung, welche sich mir im vergangenen Jahre ( 1897 ) bei einer Tour aus dem Unterengadin nach der Vereinahütte entgegengestellt hatten. Mitte Juli war ich bei regnerischem, nebeligem Wetter in Guarda aufgebrochen, um über den Fiesspaß nach der Hütte zu gehen. In Süs hielt ich Mittagsrast und stieg dann auf der Flüelastraße, oft über steile Abkürzungswege, hinauf. Nach einer guten Stunde öffnet sich rechts das Flessthal, in welches einzudringen meine Absicht war. Ich war allein, und schwere Nebel hingen an den Bergen weit hinab, so daß es etwas gewagt schien, den Weg über den Fiesspaß zu nehmen, in welcher Gegend man die Orientierung leicht verlieren kann, weil die dort zusammentreffenden Thäler sich nicht scharf scheiden.

In einer Baracke am Wege nahm ich noch schnell einen Stehschoppen und entschloß mich dann endgültig, die einsame Reise zu wagen. Ein Fußweg führt, rechts von der Flüelastraße abzweigend, steil empor, bis nach einer Viertelstunde Gehens das eigentliche Thal sich öffnet. Der Empfang in diesem idyllischen Hochthal war keineswegs ein freundlicher. Bei der ersten Hütte stürzten zwei böse Hunde mit schrecklichem Gebell drohend gegen mich los. Ich wehrte mich, so gut es ging, mit dem Bergstock und mit großen Steinen; aber immer kamen sie in neuem, oft wilderem Anlauf angerannt, namentlich der kleinere, weniger gefährliche. Es verstrich ungefähr eine Viertelstunde, bis sie mich in Ruhe ließen und zur Hütte zurückkehrten, deren Bewachung ihnen in Abwesenheit der Hirten anvertraut war. Leute waren weit und breit keine zu sehen, nur etwa eine Stunde weit oben, an der linken Thalwand, gewahrte ich eine Schafherde, bei welcher auch ein Hirte sein mußte, offenbar einer von den Italienern, welche sich im Thale aufhalten, wie die Wirtin in der Baracke mir in einem Tone, der wenig Zuversicht erweckte, gesagt hatte. Das Flessthal bildet einen hübschen Bogen, daher sein Name „ gebogenes Thal ". Übrigens ist zu bemerken, daß das Thal, welches bis zum Fiesspaß von Natur einen einheitlichen Bogen bildet, von seiner Mitte an auf dem Blatt Ardez den Namen Val torta ( auf deutsch: das sich windende Thal ) führt. Uns scheint das nicht richtig zu sein. Der Name Val Fless sollte bis zum Fiesspaß reichen, Val torta dagegen erst dort beginnen und bis zum Val torta-Paß ob dem Saglainsthal sich ausdehnen, obschon hier ein Thal sich nicht sehr scharf in die Hochebene einsenkt. Die frühern Karten, die Art der Namen, und vor allem die natürlichen Verhältnisse weisen auf die Richtigkeit der vorgeschlagenen Abgrenzung der beiden in Frage stehenden Bezeichnungen hin. Sei dem, wie ihm wolle, das Flessthal gehört zu den bequemsten Thälern der Alpen; es zieht sich dahin in immer gleichmäßiger, sanfter Steigung. Hinter der zweiten Hütte verschwinden die Wegspuren oft, aber man hält sich immer nahe dem Bache und kommt über Rasen oder leichten Schutt schnell vorwärts, da nirgends widerwärtiges Geröll zu überschreiten ist. Der Gang wird aber zusehends etwas monoton, bis nahe bei der Höhe einige recht nette, kleine Seen, die damals noch fast ganz zugefroren waren, angenehme Abwechslung bieten. Zum Glück reicht der Nebel nicht ganz bis zur Paßhöhe hinab, so daß ein Fehlgehen ausgeschlossen ist. Der nächste Weg ins Süserthäli hätte nun auf einem auf der Karte ( gerade rechts vom Buchstaben r des Wortes torta ) gezeichneten Weg geführt; derselbe stellte sich jedoch als eine steile, schutterfüllte Runse dar, der ich mich, mit Rücksicht auf meine Kleider, nicht anvertrauen wollte. Mit einem ganz kleinen Umweg um die Felsen wird der Weg erreicht, der hart am Hauptbach, bei Punkt 2452, ins Süserthal hinabfließt. Sowohl der Bach als auch der Weg sind mit Schnee bedeckt. Sorgfältig mußte die Mitte der steilen Schneedecke, unter welcher das Rauschen des Baches sich hörbar machte, vermieden werden, damit nicht der Fuß durchbricht und am Ende der ganze Körper in den Bach stürzt. So wählte ich zum Gehen den linken Rand, hart an einer Geröllhalde, und kam so glücklich gegen die Thalsohle des Süserthales, wo dasselbe fast eine Stunde weit eben sich ausdehnt. Nur einmal war ich an einer hohlen Stelle durchgebrochen, aber gar nicht tief und neben dem Bach. Im Süserthal trat eine neue Schwierigkeit entgegen. Die Bäche waren infolge des langen Regenwetters, das geherrscht hatte, mächtig angeschwollen, und deshalb gestaltete sich der Übergang über den Thalbach nicht so leicht. Gewöhnlich wird der vom Fiesspaß herkommende Bach ziemlich weit oben überschritten, wie auf der Karte angegeben ist; man muß dann allerdings noch über den von den Miesböden herkommenden Seitenbach, der bei Punkt 2152 in den Hauptbach sich ergießt, setzen, und zwar am besten möglichst nahe beim Zusammenfluß. Der damals bestehenden Verhältnisse wegen war ich immer auf dem linken Ufer geblieben, wo auf der Karte ebenfalls ein intermittierender Weg eingezeichnet ist. Es gab kein anderes Mittel, aus der Schwierigkeit herauszukommen, als aus Steinen einen kleinen Damm zu errichten, und das war am Ende eine lustige Arbeit, wenn sie auch viel Zeit erforderte. Dann geht es leicht, freilich auf mißlichem Pfade, gegen die Abhänge des Dürrenberges und am Fuße desselben herum gegen Vereina zu. Eine leise Furcht beschlich mich, der Balken über den Vernelabach möchte wegen des Hochwassers weggeschwemmt sein; wäre das der Fall, so müßte ein Umweg von mindestens einer halben Stunde gemacht werden. Zum Glück zeigte sich der Balken, welcher an den Ufern gut befestigt ist, intakt, und so war die Besorgnis umsonst gewesen. Jetzt lag die Hütte noch 2—3 Minuten entfernt, doch traten im letzten Moment noch widerwärtige Hindernisse in den Weg. Der Boden war damals größtenteils versumpft, und wo trockenere Stellen heraustraten, geriet man in ein Gewirre von gewaltigen Felsblöcken. Zuletzt wurde das gastliche Heim der stolz auf einem Hügel thronenden Clubhütte erreicht, aber welche Enttäuschung! Ich hatte sicher darauf gerechnet, daß der Wirtschafter schon seit einigen Tagen oben sei und seines Amtes walte. In dieser Hoffnung sah ich mich jedoch gewaltig getäuscht; Proviant hatte ich keinen bei mir, als ein Stück hartes Brot, das ich ins Wasser tauchte und aß. So blieb mir nach genauer Inspektion der Hütte und ihres Inventars nichts anderes übrig, als bis nach Klosters hinauszugehen. Das war eine Reise mit Hindernissen, die mir stets in lebhafter Erinnerung bleiben wird, und doch boten dieselben dem Alleingänger allerlei Kurzweil, die bei gewöhnlichen Verhältnissen ausgeblieben wäre. Als Zeitangaben sind zu notieren: Von Süs bis Anfang Flessthal 1 1/2 Stunden, bis Fiesspaß 2 Stunden, bis Vereinahütte 1 1/2 Stunden, also zusammen 5 Stunden, insofern keine besonderen Schwierigkeiten in den Weg treten.

Diese Reise kam mir also lebhaft in Erinnerung, als wir bei der Tour auf den Piz Fless die Hütte verließen und uns dem Vernelabache zuwandten. Jetzt ist der Weg gut; überall, wo sumpfige Stellen sich zeigen können, sind große Steinplatten hingelegt, und die Felsblöcke werden ganz vermieden. In nächster Zeit soll auch der Weg ins Süserthal verbessert oder ein neuer erstellt werden, was für die Besteiger des Piz Linard, welche die Gegend am Morgen oft in der Dunkelheit passieren müssen, von großem Vorteil sein wird. Ist ein ordentlicher Weg vorhanden, so können dann auch die prächtigen Wasserfälle des Vereinabaches, die sich einer an den andern reihen, mit Muße betrachtet werden.

In angenehmem Morgenspaziergang wanderten wir durch das stille Süserthal und erreichten nach zweistündigem Gehen, etwa um 7 Uhr, die Höhe des Flesspasses. Die kleinen Seen waren nur noch halb zugefroren, und beim Übergang zum offenen Wasser zeigte die Eisschicht das schönste Blau. Es galt jetzt, den besten Weg nach dem Piz Fless auszukundschaften; die Karte und mündliche Angaben von L. Guler, sowie auch der persönliche Augenschein zeigten bald, wo der Anstieg am einfachsten sich ausführen ließe. Wir gingen vom Fiesspaß etwa 10 Minuten weit das Flessthal hinab, nicht ganz bis zu Punkt 2381, wandten uns dann scharf nach links, einem steilen Rasenhange zu, der uns auf das Gletscherplateau, das von hier nicht sichtbar war, führen mußte. Die Berechnung erwies sich als richtig. In 20 Minuten ist der Hang erklommen, und die Ausläufer des Gletschers, d.h. einige stufenweise sich folgende kurze Schneehalden, sind erreicht. Bald betreten wir den Gletscher selbst und erblicken im Hintergrunde das nahe Ziel unserer Fahrt. Der Gletscher bietet ein erhabenes Bild; in reinem Weiß, das von der Sonne zum Glück noch nicht beleuchtet ist, breitet er sich spaltenlos und fast eben aus, zwischen zwei steilen Felswänden zur Linken und zur Rechten und durch die Gipfelwand von der übrigen Gebirgswelt abgeschieden, ein Bild feierlichen Ernstes. Das Seil wird umgelegt und die Richtung nach einem Sattel, südlich vom Hauptgipfel, eingeschlagen, da die nördliche Kante steiler und weniger praktikabel zu sein schien. Zuletzt geht der Gletscher in einen äußerst steilen Firnhang über, über welchen, wie wir bemerkten, größere und kleinere Steinblöcke hinunterzufahren pflegen. Da wir immer noch im Schatten gehen, so droht vorläufig keine Gefahr. Der Steilheit wegen verfolgen wir die Firnwand nicht bis zum Sattel, sondern wenden uns vorher in die Felsenr die uns wegen Vereisung noch einige Schwierigkeiten bereiten. Etwas vor 9 Uhr, also nach einem Marsche von nicht ganz 4 Stunden, ist der Gipfel erreicht. Derselbe stellt einen ziemlich großen, ebenen Platz dar, auf dem bequem getanzt werden könnte. Ein großes trigonometrisches Signal erhebt sich aus der Mitte. Der Piz Fless ist bisher sozusagen unbekannt geblieben. Von touristischer Besteigung verlautet in der Lit- Aus dem Vereinagebiet.4B teratur nichts. In der Neuen Alpenpost, Band XIII, pag. 202, wird aus dem Hüttenbuche von Silvretta folgende Notiz angegeben: „ Die Herren Jaeky-Tayler, Ingenieur-Geograph aus Bern, und Fr. Rohrbach von Rüeggisberg, Triangulationsgehülfe, gingen am 7. Juli 1879 von der Silvrettahütte zu weitern Arbeiten nach dem Sonnenrück, Canardhorn, Flesshorn und Weißhorn. " Ob die beiden damals das Flesshorn bestiegen haben, ist nicht sicher, denn eine bestimmte Nachricht darüber existiert nicht. Vor einigen Jahren begleitete Führer L. Guler einen Ingenieur-Topographen auf den Berg, bei welcher Gelegenheit das Signal erstellt wurde * ).

Die Aussicht gestaltet sich wesentlich anders, als auf dem Pischahorn, indem sie gegen Westen hin weit beschränkter ist. Aber es fiel mir auf, wie einzelne Berggestalten besonders schön und isoliert sich darstellen, so die schöne Pyramide des Gorihorns, das Weißhorn; dann das Schwarzhorn, der Piz Grialetsch, der Piz Vadret mit dem schön vorgelagerten Gletscher, der dunkle Piz del Ras. Die Berninakette zeigt sich auch noch. Besonders überraschend ist aber der Blick nach Süden und Südosten. Wir überblicken die Berge des Unterengadins und, von diesen durch den Ofenpaß geschieden, die Gruppe des Piz Quatervals, Piz Diavel und die ganze Gebirgswelt um das Livignothal herum, unter anderm den steilen Piz Murtaröl. Von den Tiroleralpen zeigen sich der Ortler mit seinen Trabanten, die Weißkugel, der Gepatschferner und andere Teile der Ötzthalergruppe. Den gewaltigsten Eindruck macht der Piz Linard, den man in unmittelbarster Nähe von der Sohle bis zum Gipfel überblicken kann. Die steile Westwand sieht abschreckend aus, und auf den ersten Blick begreift man kaum, wie auf dieser Seite jemand hinaufkommen soll. Auch die Plattenhörner imponieren in ihrem isolierten Aufbau mächtig, und die mannigfaltigen Gipfelformen der centralen Silvrettagruppe gewähren auch von dieser Höhe aus einen schönen Anblick.

Die Lage des Piz Fless bringt es mit sich, daß in der Aussicht auch die nahen Thäler eingeschlossen sind: Die Val Saglains verfolgen wir bis zur Einmündung in das Unterengadin, und hier zeigt sich eine Strecke weit auch der Inn; das Süserthäli, ein großer Teil des Flessthals und eine Partie der Flüelaroute ( Val Susasca ) liegt offen da.

Der Aufenthalt auf dem Gipfel ist äußerst angenehm, das Wetter unaussprechlich schön; aber schon wegen des Führers Brunett durften wir nicht zu lange verweilen. Den Rückweg nahmen wir über den Südgrat bis zum vorgenannten Sattel, dann über die steile Firnwand zum Gletscher hinunter. Um sicherer gehen zu können, traten wir in die tiefen Löcher, welche die herabspringenden Steinblöcke in den Firn eingegraben hatten. Doch sputeten wir uns, da nunmehr die Sonne den Hang beleuchtete und die loser aufliegenden Steine leicht frei werden konnten. Im Flessthal trennten wir uns von Brunett, der durch sein freundliches, heiteres Wesen den Genuß der an sich schönen Tour erhöht hatte. Um halb 1 Uhr, d.h. 2 1/2 Stunden nach Verlassen des Gipfels, erreichten wir wieder die gastliche Vereinahütte.

Den Besuchern der Hütte ist eine Besteigung des Piz Fless sehr zu empfehlen; die Tour gehört nicht zu den anstrengenden, und sie hat einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Von der Hütte weg bis zur Spitze gingen wir nämlich die ganze Zeit im Schatten, während man bei der Besteigung des Pischahorns vom frühesten Morgen an immer die Wirkungen der Sonnenstrahlen zu spüren hat. Ebenso hat man bei der Rückkehr vom Piz Fless, wenn sie beizeiten erfolgt, die Sonne im Rücken, während beim Pischahorn die Augen direkt den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Die Besteigung des Piz Fless bietet reiche Abwechslung, und wenn die Aussicht nicht so ausgedehnt ist, wie beim Pischahorn, so sind dafür einzelne Partien der Gebirgsansicht großartiger und ergreifender.

II.

Weißhorn(2833m),Canardhorn(2611 m),Winterthäli-Furka(2763 m ).

Eine von der Sektion Uto ausgeführte Clubtour führte mich im Jahre 1899 wiederum in das Vereinagebiet. Als Ziel des Ausfluges war das Flüela- Weißhorn ( 3088 m ) bestimmt, und beim schönsten Sonnenschein und unter den angenehmsten Verhältnissen wurde dieses Ziel Sonntag den 13. August erreicht. Das Weißhorn mit dem nach Norden vorgelagerten breiten Jörigletscher bildet den Glanzpunkt der Aussicht, die man von der Vereinahütte aus genießt, und die Besteigung darf in Anbetracht der mäßigen Entfernung und des umfassenden Panoramas zu den lohnendsten gerechnet werden. Der Aufstieg erfordert 4, der Abstieg 3 Stunden. Freilich mangelt bis zu den Jöriseen hinauf ein praktikabler Fußweg; selbst die sogenannten Führer, welche von Süs herüberkommen, finden sich oft nicht zurecht. Eine projektierte Markierung soll hier sowohl die Paßübergänge, die von den Seen nach Süs oder nach der Flüelastraße und nach Davos hinüberführen, als auch die Besteigung der umliegenden Gipfel erleichtern. Die verschiedenen Seen, welche wie Perlen sich aneinanderreihen, geben der sonst öden Gegend ein freundliches Gepräge, und auch der nahe Jörigletscher, der in reinem Weiß sich ausbreitet, belebt die Landschaft. Die Wanderung über den nur sanft ansteigenden Gletscher, der von hartem Schnee bedeckt war, gestaltete sich außerordentlich angenehm. Wir verfolgten mit den Augen lange eine Anzahl Gemsen, die, von uns aufgescheucht, den nahen Felsen zustrebten und zuletzt, ihres Sieges froh, stolz von einer erhabenen Felsenzinne auf uns herabschauten. Man steigt auf dem Gletscher in südwestlicher Richtung bis zu einer Einsattelung im Hauptkamm, um dann auf dem Nordwestkamm, der äußerst zerrissen, aber nicht schwierig ist, die Höhe zu erreichen. Als wir noch nicht lange oben waren, erschien eine aus vier Mann bestehende Gesellschaft von Davos her, unter ihnen der in Clubkreisen bekannte J. Sigrist. Wir waren über diesen Besuch höchst erfreut und genossen nun mehrere Stunden lang miteinander die schöne Aussicht, die sich über die Flüelaroute und einen großen Teil der Bündner Bergwelt erstreckt. Während dann die übrigen auf dem nächsten Wege zum Flüelahospiz hinunterstiegen, kehrte ich mit Führer L. Guler auf dem gleichen Wege, den wir zum Aufstieg gewählt hatten, zur Vereinahütte zurück.

Außer dem Flüela-Weißhorn kennt die Vereinagegend noch ein anderes Weißhorn ( 2833 m ), welches in der nächsten Nähe der Clubhütte liegt. Man bezeichnet dasselbe oft mit dem Namen Vereina-Weißhorn oder Weißhorn am Stutz. So wenig dasselbe bis jetzt besucht worden ist, so sehr scheint es mir wegen der großen Nähe und der lohnenden Aussicht eines Besuches wert zu sein. Das äußere Vereinathal, das sich bei der Alp Novai mit dem Thal der Landquart vereinigt, wird auf seiner rechten, d.h. östlichen Seite von einem Gebirgszug flankiert, welcher, von einem Hauptkamm der Silvrettagruppe abzweigend, nach Norden sich erstreckt und in zwei Gipfeln, dem Weißhorn ( 2833 m ) und dem Canardhorn ( 2611 m ), kulminiert.

Wir wählten den Montag nach der Weißhorntour ( 14. August ), um uns von dem Wert der beiden Berge ein Bild zu machen. Um 5 Uhr verließ ich mit L. Guler die Vereinahütte; die Wegrichtung ist von vornherein eine gegebene. Man steuert dem Ochsenthäli zu und sucht, an den steilen Südhängen des Weißhorns auf passende Weise hinaufzukommen. Es ist nicht möglich, gleich von der Hütte weg in die Höhe zu gehen, weil unbequeme Felsköpfe sich in das Thal hinausdrängen. Doch sowie diese umgangen sind, steigt der Pfad rasch in die Höhe, wenn überhaupt ein solcher vorhanden ist. Es zeigen sich da und dort Viehwege, die man benutzen kann; sie brechen aber oft auf kleinere Strecken hin plötzlich ab, und weiter oben hören sie ganz auf. Das Ochsenthäli ist in 5/4 Stunden erreicht; auf dem Wege sahen wir eine Reihe von Bahnen, darunter eine ganz große, welche zu vorübergehendem Aufenthalt eingerichtet zu sein schien. Im Ochsenthäli stiegen wir eine kurze Steilstufe empor und wandten uns alsdann den Wänden des Weißhorns zu. Durch steile Runsen oder offene Grashänge gebt es sehr steil aufwärts. In den obera Partien zeigt sich der Berg als ein wildes Gewirr von aufeinandergetürmten Felsblöcken, auf denen man, wie auf einer Treppe mit hohen Tritten, gar nicht unbequem emporsteigt. Kurz vor dem Gipfel wird der Westgrat erreicht, und über diesen geht es leicht zum letzten Ziel. Guler schuf für uns aus den Steinplatten bequeme Sitze, eine Art steinerner Lehnsessel, so daß ich mir auf dieser luftigen Höhe wie Karl der Große am Turme des Großmünsters in Zürich vorkam. Ich hatte zwar nicht einen senkrechten Absturz vor mir, dagegen einen vollständig freien Blick nach Westen. Den Glanzpunkt der Aussicht bildet das Prätigau, welches in seiner ganzen Ausdehnung sich ausbreitet bis Jenaz, Fuma, Pany und gegen den Vilan; auch der Thalkessel von Vereina kann überblickt werden, die Clubhütte freilich ist nicht sichtbar. Großartig zeigt sich das nahe Silvrettagebirge, der Silvrettagletscher mit seiner Umrahmung; ferner die Platten- und Ungeheuerhörner; vom Linard sieht man nur den obersten Gipfel. Von entfernteren Gebirgen sind Churfirsten, Alvier, die lange Kette vom Calanda bis zum Tödi zu nennen, und in weiterer Ferne präsentieren sich noch ganz deutlich die Dammakette und das Finsteraarhorn. Von Einzelbildern prägten sich mir außerdem noch das nahe Roggenthäli und das über dem Thal der Landquart gelegene Seethal mit dem Schottensee in den Sinn ein.

Während ich die durch keine Wolken und keinen Dunst getrübte Aussicht betrachtete, hatte sich Guler aufgemacht, um zu rekognoszieren, ob der Abstieg über den Nordgrat gangbar wäre. Er hatte den Grat noch nie passiert, glaubte aber nach dem Augenschein, daß der Abstieg nicht mit Schwierigkeiten verbunden sei. Wir verließen nach längerem Aufenthalt den Gipfel, und es zeigte sich nun in der That, daß, während der Grat in seiner Zerrissenheit aus einer gewissen Entfernung von heikler Natur zu sein scheint, ein findiger Führer doch Stellen wählen kann, wo bei etwelcher Vorsicht ein Fortkommen ohne Gefahren möglich ist. Man muß ein steiles Schneefeld passieren, unter welchem ein buntes Gemisch von Kämmen und steilen Runsen folgt. Die böseste Stelle trafen wir zu unterst, einen steilen Kamin, der jedoch genügende Griffe bot. Aber der Hund Gulers, welcher uns auf der ganzen Tour begleitete, wagte es, trotz aller möglichen Versuche, nicht, hier abzusteigen; er erhob ein erbärmliches Geheul, und Guler sah sich schließlich genötigt, wieder hinaufzusteigen und ihn hinunterzutragen.

Weil der Grat, der vom Sattel zum Canardhorn führt, einige schlimme Stellen aufweisen soll, so stiegen wir ein wenig auf dem linken Abhang ab und erreichten alsdann in steilem Anstieg ohne Schwierigkeit gerade um 12 Uhr das Canardhorn ( 2611 m ). Der Gipfel wird von einem ordentlich breiten Grat gebildet, der mit Rasen bekleidet ist, so daß wir uns gut zu einem Mittagsschlaf ausstrecken konnten. Darüber vergaßen wir aber nicht, die Aussicht näher zu betrachten. Dieselbe ist lange nicht so umfassend, wie auf dem Weißhorn, was sich bei der Höhendifferenz von 222 Metern leicht erklären läßt. Auch verdeckt das Weißhorn eine Menge Berge gegen Süden; z.B. sieht man vom Linard nichts, und auch der Thalkessel von Vereina entzieht sich den Blicken. Zwischen Gori-und Weißhorn schaut nur noch wie neugierig die schlanke Pyramide des Flüela-Schwarzhorns hindurch. Aber viel offener und geradezu imposant ist die Aussicht nach dem Prätigau, dessen Dörfer freundlich herauf-blicken. Die Häuser von Klosters lassen sich einzeln deutlich unterscheiden. Und der vorgeschobenen Lage wegen zeigt sich auch der Silvrettagletscher noch offener. Recht ansehnlich erheben sich in nächster Nähe die beiden Roggenhörner, deren Gletscher in blendendem Weiß glänzt. Nach Norden dringt unser Blick über die steilen, plattigen Wände des Canardhorns hinab in das freundliche, enge Thal, in welchem die Landquart wie ein Silberfaden sich hinschlängelt. Das ganze Thal von Klosters bis zur Alp Sardasca liegt offen zu Füßen; bald durch Wiesen, bald durch dunkeln Wald zieht sich die Straße hin, wir sehen vereinzelte Fuhrwerke vorbeifahren, und die Fußgänger erscheinen wie kleine schwarze Punkte auf der weißen Straße. Das Rauschen des Flusses, das bis zu uns heraufdringt, berührt wie eine angenehme Melodie unser Ohr, und gerne lauschen wir dem Plaudern des muntern Bergwassers.

Unser Aufenthalt auf dem Gipfel streckte sich sehr in die Länge; an diesem heißen Nachmittag war aber auch die Luft hier oben so angenehm mild, daß wir mit der Rückkehr nicht pressierten. Schließlich trennten wir uns doch von diesem bequemen Gipfel mit seiner lohnenden Aussicht. Zwischen dem Hauptgrat und dem sogenannten „ Mittelgrat " hindurch steuerten wir dem Thälchen des innern Ruchbaches zu. Hie und da findet man einen schwach ausgeprägten Schafweg oder weiter unten einen Kuhweg. Als wir an einer kalten Quelle Wasser tranken, sahen wir auf einmal, daß eine Herde Schafe, offenbar durch das Bellen des Hundes aufgeschreckt, dicht aneinandergepreßt, in der Richtung gegen uns den Abhang hinabeilte. Wir mußten uns mit dem Stocke einen festen Stand verschaffen, um durch diese kopflos herabeilende Herde auf dem steilen Hang nicht zu Fall zu kommen. Lange zieht sich der Pfad längs der Westabstürze des Weißhorns eben hin, hoch über dem Vereinathal, so daß wir die Leute, die zur Hütte wanderten, leicht beobachten konnten. Um 4 Uhr langten wir bei der Vereinahütte an. Wir hatten die Über- zeugung gewonnen, daß diese Tour als eine im höchsten Maße genußreiche und abwechslungsvolle genannt werden darf. Es lohnt sich auch, das Weißhorn allein zu besteigen; der Aufstieg erfordert nur etwa 3, der Abstieg 2 Stunden. Direkt und nur auf das Canardhorn zu gehen, möchte ich weniger anraten. Der Aufenthalt auf diesem Gipfel ist zwar noch lohnender, als auf dem Weißhorn, doch bietet die Besteigung selber weniger Reiz und Abwechslung; auch erfordert die Tour etwas mehr Zeit. Für den Übergang vom Weißhorn zum Canardhorn sind etwa l 1/2 Stunden in Anschlag zu bringen.

Der folgende Tag, Dienstag 15. August, schien wieder schön zu werden, und so machten wir uns um halb 6 Uhr auf, in der Absicht,, den Übergang über die Winterthäli-Furka ( 2763 m ) ins Verstanklathal und nach Sardasca zu versuchen. Der Weg ins Vernelathal, den wir einschlugen, wird durch den Anblick des Verstanklahorns und Schwarzkopfs, die den Hintergrund abschließen, stets einen besondern Reiz bewahren. Schade, daß der Weg so schlecht ist; stellenweise muß man durch breite Pfützen wandern, die durch die Seitenbäche gebildet werden. Im Hintergrunde, über dem Pischahorn, bemerkten wir auf einmal eine Wolke, die zu einer gewaltigen Wand sich erweiterte, und ein unheimlicher Wind wehte von Vereina her. Und richtig, wir waren noch keine Stunde gegangen, so ergoß sich zunächst ein leichter Regenschauer, dann ein stärkerer, durchdringender Regen über uns. Zum Glück war die Hütte der Vernelaalp nicht weit entfernt, und in diesem engen, aber uns genügenden Raum fanden wir den nötigen Schutz gegen die Unbilden der Witterung. Die Hirten waren nicht anwesend; aber einige Ziegen, die sich mit uns in das Obdach geflüchtet hatten, leisteten uns Gesellschaft und ergötzten uns durch ihre fortgesetzten Versuche, den Inhalt des Salz-sackes zu durchstöbern. Es war ordentlich kalt, deshalb waren wir froh, als nach einer guten Stunde Wartens der Regen nachließ, und wir unsere Glieder wieder rühren konnten. Die Ziegen wurden hinausgetrieben, sonst hätten sie in der Hütte eine arge Verwüstung angerichtet, und sorgfältig verschlossen wir die Thüre. Bald erreichten wir den Thalkessel „ Im Kessi ", welchen ein freundlicher See schmückt. Von hier kann die Winterthäli-Furka direkt auf steilem Wege erreicht werden. Wir zogen es aber vor, den Umweg über die Schwarze Wand, eine steil zur Rechten sich erhebende Felsmauer, zu nehmen, weil der Aufstieg sich hier weniger mühsam gestaltet und auf diesem Wege die Route auf das Verstanklahorn, die ich mir genauer ansehen wollte, aus nächster Nähe beobachtet werden kann. Zuletzt mußten wir an den steilen Hängen der Schlucht, welche vom Kessi direkt zur Furka hinaufführt, nach links hinübertraversieren und erreichten so, nach mühsamem Anstieg, um 10 Uhr die Winterthäli-Furka ( 2763 m ). Am schönsten zeigen sich von dieser Höhe die nahen Plattenhörner; der Piz Linard streckte bisweilen sein Haupt aus dem Nebel heraus, und über der Fuorcla Zadrell erschienen zeitweise die Gipfel der Unterengadinerberge. Bald vermochte die Sonne die Wolken zu durchbrechen, und der Blick reichte nun auch in die freiere Gegend des Prätigaus hinaus. Im übrigen ist die Aussicht auf diesem Passe wesentlich auf die nächste Umgebung beschränkt. Der Abstieg ins Thal gestaltet sich nun nicht so einfach, wie man glauben könnte. Zwar ist der Winter-thäligletscher bald traversiert, und die darauffolgende Moräne kann wohl unangenehm genannt werden, bietet aber weiter keine Hindernisse. Hingegen ist ein direkter Abstieg ins Verstanklathal durch die steilen Wände, welche aus demselben sich in die Höhe türmen, jedenfalls schwierig und wohl auch gefährlich. Guler wählte als Ausweg eine hohe Felsterrasse, welche auf der Karte zwischen den Punkten 2404 und 2443 angedeutet ist, und auf schmalem, bisweilen etwas schwindligem Pfade kommt man hier nicht schwer hinüber. Ein wenig vor Punkt 2235 stiegen wir dann-direkt in das Thal hinab in der Richtung gegen Punkt 1865. Anscheinend können die Rasenhänge in kurzer Zeit überwunden werden. Allein unter dem hohen Gras sind trügerische Steine verborgen, welche ein vorsichtiges und langsames Vorwärtsgehen als notwendig erscheinen lassen; denn hier war wirklich Gefahr vorhanden, sich den Fuß zu verletzen. Als wir noch in der Höhe waren, wurden wir durch den Schall aufschlagender Steine erschreckt. Bald sahen wir ein ganzes Rudel Gemsen, alte und junge, die nun im wildesten Laufe die steile Felswand hinaufkletterten und in wenigen Minuten die Höhe erreichten. Als wir auf dem Thalboden angelangt waren, hatte die Bergtour eigentlich ihr Ende erreicht. Zur Alp Sardasca führt ein ordentlicher Weg über angenehmen Weideboden, und in Sardasca beginnt das Fahrsträßchen, welches uns in 2 1/2 Stunden nach Klosters führt. Der Übergang über die Winterthäli - Furka hat deshalb. Wert, weil er einen genauen Einblick in die Regionen des Vernela- und Verstanklathales bietet. Er kann auch als Verbindung zwischen Vereina-und Silvrettaclubhütte gewählt werden, doch ist der Weg von Vereina. über Novai und Sardasca, den man als den gewöhnlichen Landweg bezeichnen kann, näher. Der Aufstieg von Vereina auf die Furka erfordert: volle 3 Stunden, der Abstieg nach Sardasca etwa 2 1/2 Stunden.

Jahrtinch des Schweizer Alpenclnb. 35. Jahrg.

II.

Freie Fahrten.

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