Aus vergilbten Hüttenbuchseiten der Dossenhütte

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Schweizer Alpinisten vor allem zahlreichen Engländern und Deutschen, dazu einer Reihe von Führern, deren Namen in unsern Tagen noch leuchten. Die damaligen Hochgebirgswanderungen waren ja fast sämtliche geführt von einem oder mehreren einheimischen Führern. Eine Reise ins Wetterhorngebiet war dannzumal bei weitem nicht so bequem. Die eigentliche Zubringerstrecke Luzern–Brienz, die Brünigbahn, kam 1889 in Betrieb, und Interlaken–Brienz gar erst 1916, während Grindelwald seit 1890 mit Interlaken und der Welt schienenverbunden ist.

Weil zu jener Zeit noch keine mit diversen Rubriken vorgedruckte Fremdenbücher auflagen, so enthalten die alten Hüttenbücher bedeutend weniger Besuchernamen als heutzutage. Gar oft beanspruchte man für die Einschreibung halbe und ganze Seiten. Aus den Eintragungen der ersten 26 Jahre ( 1879-1905 ) möchte ich Bemerkenswertes der Vergangenheit entrissen und hier festgehalten haben.

Die Dossenhütte galt und gilt heute noch in den allermeisten Fällen als Ausgangspunkt zu den Wetterhörnern — vorwiegend für das mit Hasli-Jungfrau bezeichnete Wetterhorn; zudem als Durchgangsort der Wetterhorn-überschreitung von der Glecksteinhütte her. Wie die vielen aufgezeichneten Dankesworte bezeugen, war die Schutzhütte am Dossen in Bergsteigerkreisen mehr als willkommen. Manche Partie harrte bei bösem Wetter geduldig auf einen Gipfelstart oder sie stieg abgeblitzt bei Nebel, Guxeten oder Regengüssen ins Rosenlaui oder Urbachtal hinab. Pfarrer von Grünigen, Initiant der ersten Hütte am Dossen und selbst fleissiger Besucher, beschreibt unterm 27. Juli 1880 einen derartigen Rückzug wie folgt:

« Mög's den Freunden einst gelingen, Zu erreichen jenes Ziell Heute lasst uns fröhlich singen, Wie's uns hier so gut gefiel! Draussen Sturm, im Herzen Wonne, Uns erwärmt der Freundschaft Glück; Und an diese liebe Sonne, Denk ich glücklich stets zurück. »

Über den baulichen Zustand des ersten, noch recht primitiv erstellten Hüttleins, das knapp 15 Personen Unterkunft bot, sowie seiner Nachfol-gerinnen, findet man häufig lobende Bemerkungen. Anderseits wiederum wurde die zurückgelassene Unordnung der Vorbesucher schwer getadelt, oder es wurden die durch Wind, Regen und Schneefall verursachten kleineren und grösseren Schäden gewissenhaft im Buche protokolliert.

Der Plan zur Erstellung der ersten Hütte am Dossenhorn ist als Vorwort im Hüttenbuch Nr. I ( 1879-1888 ) geschildert. Da lesen wir u.a.:

« Als im Herbst 1878 und im Frühling 1879 Herr Pfarrer von Grünigen in Innertkirchen und der Führer Jos. von Bergen von Willigen zwei verfehlte Wetterhornfahrten zu beklagen hatten, kamen sie auf den Gedanken der Erstellung einer Clubhütte in der Gegend des Dossenhorns, von wo aus das gesamte Wetterhorngebiet mit verhältnismässiger Leichtigkeit zu bestreichen sei, weil eine Hauptschwierigkeit der hier einschlagenden Touren meist in 345

Herbsttag in den Engelhörnern

Von Charlotte Brieden ( Klosters ) Eine frische, winterlich anmutende Nachtluft begrüsste uns, als wir, von Meiringen kommend, in Rosenlaui eintrafen. Fenster und Türen des Kurhauses waren fest verschlossen; der grosse Bau hatte bereits seinen Winterschlaf begonnen. Der Bergbach, der im Sommer donnernd von Stein zu Stein springt, war seines wilden Tanzes müde geworden und glitt leise murmelnd dahin. Ohne uns aufzuhalten, machten wir uns auf den Weg und stiegen auf dem uns vertrauten Pfade über Weidland aufwärts. Am dunkeln Himmel verblasste das silberne Glänzen der Sterne; des Tages Erwachen tat sich kund. Als wir durch Waldesdunkel die Höhe des Moränenhügels erreichten, begannen sich die schneegekrönten Gipfel der Wetterhörner in den grauen Morgenhimmel zu zeichnen; kalt und fast abweisend ragten die wilden Zacken der Engelhörner im fahlen Lichte empor.

Die kalte Jahreszeit hätte längst Einzug halten sollen, aber ein schöner Herbsttag folgte dem andern. Winterliche Ruhe lag über der Gegend. Kein Herdengeläute war zu hören, und der melodische Dreiklang der Postautos drang nicht mehr aus dem Tale herauf. In stiller Einsamkeit standen die blauen Glöckchen der Campanula, wo sonst unzählige bunte Blumen blühten; kleine Tannenkinder, die ihre kurzen Ärmchen, noch unbeschwert von der Last der Jahre, himmelwärts streckten, leisteten ihnen Gesellschaft.

Auf dem Rücken des Moränenhügels gelangten wir an den Berghang und stiegen unter hohen Fichten steil empor. Geräuschlos setzten wir die schweren Schuhe auf den weichen, tannennadelübersäten Boden. Kein Unterholz engte den Weg ein; nur mächtige Wurzeln streckten ihre Schlangenarme in allen Richtungen. Wir gewannen rasch an Höhe; die Fichten blieben unter uns; wild verwitterte Föhren zierten den nun steinig gewordenen Weg, der uns hoch an der Berglehne unter den plattigen Abschüssen der Westgruppe gegen das Ochsental führte.

In einem mächtigen Halbkreis wächst eine gewaltige Flucht von Stein empor: wuchtige Felswände, gekrönt von schroffen wilden Zacken und kühnen Felstürmen, umschliessen einen mit Geröll bedeckten Boden. Das ist das Ochsental! Die eigentümliche Neigung der Schichten lässt die Gipfel in schräg-gestellter Steilheit emporragen, was die Wildheit der Gegend noch eindrücklicher gestaltet. Kalt und düster ist diese Welt des Zerfalls; alles Leben scheint ob der Härte des Steins gestorben zu sein. Weit hinten in diesem Felszirkel befindet sich ein hochgelegener Einschnitt, der Mittel- und Südgruppe der Engelhörner trennt, der sogenannte Gemssattel.

Über Schrofen und plattige Felsen kletterten wir aufwärts, und als wir durch einen kaminartigen Einschnitt den Gemssattel erreichten, blieben wir geblendet stehen. Ein bezauberndes Bild bot sich unsern Blicken. Hoch stan- Die Alpen - 1951 - Les Alpes29 346HERBSTTAG IN DEN ENGELHÖRNERN den wir über dem grünen Ürbachtal, goldenes Sonnenlicht überflutete uns, und die Gletscher des Gauligebietes glänzten wie lichtgesättigte Spiegel. Welch ein Gegensatz zwischen dem Bilde des Schattens und der Erstarrung im Ochsental und dem alles belebenden leuchtenden Lichte der Sonne auf dieser Seite.

Zu unserer Linken erhob sich die Gemsspitze, der erste der sechs sich eng aneinander reihenden Gipfel der Mittelgruppe. Auf dem luftigen Grat kletterten wir nun über die sonnenwarmen Felsen von Gipfel zu Gipfel und immer wieder hinab in die sie trennenden Scharten. Linker Hand lag tief unten das düstere Ochsental. Über die hohen Joche der Westgruppe kontrastierte das blinkende Schneekleid des Rosenlauigletschers mit der grauen Farbe der wuchtigen Felswände. Zur Rechten aber war Hunderte von Metern tiefer die weisslich tanzende Gischt des Urbachwassers zu sehen, das sich als helles Band durch grüne Triften und dunkle Tannen von den Gletschern weit hinten im Tale bis Innertkirchen dahin zieht. Frei wanderte der Blick über das liebliche Tal zu den unzähligen Spitzen des Grimsel- und weiter nach links zu der weissen Pracht des Damma- und Sustengebietes. Mit herbstlicher Klarheit zeichneten sich die fernen Grate, umschmeichelt von blendenden Firnen, in das tiefgesättigte Blau des Horizontes, und die Farbe der fortgeschrittenen Jahreszeit belebte die entzückenden Bilder mit ihrem warmen Rot aufs wunderbarste. Purpurn erglühten die welkenden Kräuter auf den Höhen und sandten noch im Vergehen einen flammenden Abschiedsgruss ins Tal. Die Schönheit des Tages war so vollkommen, dass sie den Glauben an eine alles umfassende Güte zu bestätigen schien.

Schneller als uns lieb war erreichten wir die Vorderspitze, den letzten der sechs Gipfel der Mittelgruppe. Nun mussten wir der herrlichen Welt hier oben Lebewohl sagen. Weit unten aus dem Haslital grüssten weisse Häuser, und die bunt bewaldete Höhe des Brünigs erinnerte uns an unsern weiten Heimweg. Schwer nur trennten wir uns von den wunderbaren Hochgebirgsbildern.

Mittlerweile hatte das Tagesgestirn den Zenith überschritten, und seine blitzenden Strahlen erfüllten nun auch das Ochsental mit wärmendem Lichte.Vom Simmelisattel absteigend, blieben wir stehen und schauten hinauf zu den gelben Felsen der Vorderspitze, die nun hoch über uns im hellen Sonnenschein golden leuchteten, und weiter hinauf glitten die Blicke in den tief blauen Himmel; je länger wir schauten, um so dunkler ward seine Farbe — um so unendlicher, geheimnisvoller.

Vom Ochsental folgten wir wieder dem Pfade, auf welchem wir am Morgen langsam Schritt um Schritt aufgestiegen waren. Jetzt aber sprangen wir, beglückt von der wohlgelungenen, vollendet schönen Bergfahrt, aus dem Reiche der Steinmassen dem bewaldeten Tale zu. Grosse Tannen warfen dunkle Schatten. Goldene Sonnenlichter stahlen sich durch das Geäste; herbstlich gefärbtes Buchenlaub, an die hellgrauen Felsen geschmiegt, leuchtete hell auf; ein kleines Lüftchen lustwandelte; die gelben Blätter zitterten leise. Um die reizenden Bilder zu betrachten, verlangsamten wir unsere Schritte.Voll Entzücken rief eine der Gefährtinnen: « Nun mögen sie kommen, die HERBSTTAG IN DEN ENGELHÖRNERN347 grauen Tage, wo dicker Nebel die Erde bedeckt. In unsern Herzen tragen wir die Sonne der Berge! » Das Tagesgestirn war längst untergegangen, und Dunkelheit lag über der Erde, als ich mich zur Ruhe begeben hatte. Noch einmal zogen die schönen Bilder des vergangenen Tages an mir vorüber. Da hörte ich ein schnelles Rascheln an der Hauswand. Seit einiger Zeit erhielten wir nächtlichen Besuch eines Marders. Sein leises Kettern erfreute mich, so wie uns der Anblick von Gemsen erfreut, war es doch ein wildes Tier, das hier in der Welt der Zivilisation sein freies Leben führte. Dann schlief ich ein. Ein anhaltender lauter Schrei riss mich jäh aus dem Schlafe. Was war das? Nie hatte ich seinesgleichen gehört. Der Hilferuf eines Vogels. Ohne Unterlass, als ob es nicht atmen würde, schrie das zu Tode geängstigte Tier, nicht gellend, mit einer ergreifenden Weichheit. Deutlich hörte ich auf den Brettern des Dachhimmels über meinem Fenster die sichern Schritte des Marders und das ungeschickte Flattern seines nachtblinden Opfers. Schnell sprang ich auf, rief so laut ich konnte: « Marder, lass den Vogel! » Aber er hörte nicht; besessen von der wilden Gier des Raubtiers liess er nicht ab von seinem Opfer, das ununterbrochen jammervoll bittend um Hilfe rief. In aller Eile ergriff ich einen Stock, stiess den Fensterladen auf, klopfte mit aller Wucht gegen die Bretter des Daches. Laut donnerten meine Schläge, und als ich aufhörte, umgab mich vollkommene Stille; nichts regte sich mehr...

Ein dunkler, eherner Himmel spannte sich über das schweigende Land; die Sterne funkelten kalt und fern. Ergriffenheit packte mich. « Mein Gott, wie kannst Du das geschehen lassen? » fragte ich aufgebracht. Die Sterne funkelten kalt und fern; wie höhnisch blickende Augen blitzten die Himmelslichter, und ihr unstetes diamantenes Funkeln schien mir zu antworten: « Er hat auch den Verfolger geschaffen »...

Im unheimlichen Grauen der Nacht offenbarte sich das wahre Wesen der Natur. Jetzt schien mir die sonnenhelle Pracht des vergangenen Tages ein Deckmantel nur, unter welchem sich mit unerbittlicher Grausamkeit die ewige Tragödie der lebenden Kreatur abspielt. Nun verstand ich, was uns hinaufzieht zu den stillen Höhen. Die Schönheit der Berge gibt uns die Freude, ihre kristallklare herbe Luft die Kraft und ihre Steilheit den Mut. Freude, Kraft und Mut gibt uns die zwiespältige Natur als Gegengewicht gegen ihre eigene Härte, sonst könnten wir sie nicht ertragen.

Die Zeit ging weiter; die grauen Tage kamen. Das Schatzkästlein der Erinnerungen öffnete sich: blendend weisse Spitzen, grüne bachdurchrauschte Täler, dunkle Tannen, leuchtend gelbe Felsen, tiefblauer Himmel, unendlich, geheimnisvoll... und eine weiche Vogelstimme, verzweifelt um Hilfe rufend...

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Hoher Turm

Kleine Tour ins Blaue Von Walter Gloor Mit 2 Bildern ( 150, 151Zürich ) Es machte schon ordentlich warm, als wir auf der Ortstockfurkel eine Rast einschalteten. Ungewohnt spät hatte das Frühstück in der Glattalphütte stattgefunden. Meistenteils Bergwanderer hatten in der Hütte genächtigt. So fehlte die gewohnte frühmorgendliche Betriebsamkeit, wodurch uns der Entschluss, noch ein wenig weiterzuschlafen, nicht schwer gefallen war.

Nun sassen wir da, schauten uns um und bekamen das Gefühl, dass eine etwas frühere Orientierung über den Weiterweg nichts geschadet hätte. Nach kurzer Betrachtung der uns zugewandten, gar nicht einladenden Flanke des Hohen Turmes meinte Hans, der sich ohnehin nicht ganz fit fühlte, er gedenke sich dem Ortstock zuzuwenden, auf dessen Gipfel bereits zahlreiches Volk versammelt war. Auch sei die Zeit schon stark vorgerückt und wir kämen zu zweit rascher vorwärts. Damit waren Gusti und ich einverstanden, was uns indessen über die nun zu verfolgende weitere Route noch keine Klarheit brachte. Gusti glaubte, wir müssten durch die soeben mühsam erklommene Runse wieder zurück und den Berg von der andern Seite anpacken. Mir war es nicht ganz recht, meine Kameraden hier heraufgelotst zu haben, ohne über die weitere Aufstiegsroute näheren Bescheid zu wissen. Wir einigten uns, dem vorgelagerten mit Geröll bedeckten Steilhang zu folgen bis zum Punkt, wo derselbe sich mit dem mächtigen, fast senkrecht abfallenden Gipfelblock verband. Dort angelangt, war die Situation auch schon geklärt. Es galt, sich anzuseilen, ein zwar schmales, aber doch recht eindrucksvolles Couloir zu queren, und nach ein paar Metern ausgesetzter Kletterei war ein komfortabler Standplatz erreicht. Nun ging 's hinüber auf die Sonnenseite; die Steilheit nahm beträchtlich ab, und fast unversehens standen wir auf dem Gipfel. Es war windstill, die Platten herrlich warm, kaum ein Wölklein war zu sehen. Welch prächtiger Balkon, um die Heerschau der Glarner Gipfel zu betrachten! Malerisch eingebettet lag der Glattensee zu unseren Fussen, in düsterer Einsamkeit erstreckten sich mächtige Karrenfelder gegen den Pragel hin.

Der Abstieg über den Westgrat war unerwartet genussreich, und beim Ausstieg lauerte gar noch ein winziger Bergschrund. Zufrieden wanderten wir zurück zur Glattalp, wo der freundliche Hüttenwart einen guten Trunk bereit hatte, und ein herrliches Bad im Lowerzer See beschloss einige Stunden später den schönen Tag.

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Überschreitung des Schreckhorns von der Lauteraar- zur Strahlegghütte

Mit 1 Bild ( 152Von Walter Ruf ( Murgenthal ) Ein wolkenloser Sommertag leuchtete über dem Lauteraar, und wohltuende Stille umgab uns. Wir sassen auf den warmen Gipfelfelsen des Ewigschneehorns und richteten unsere Blicke auf die eisige, mit Felsrippen durchsetzte Ostflanke der mächtigen und eindrucksvollen Lauteraarkette, aus der das Lauteraarhorn seine schlanken Spitzen erhob und das Schreckhorn trotzig, abweisend sein finsteres Haupt zu stolzer Höhe aufreckte.

Wir spähten angestrengt durch den Feldstecher zu jener wild zerrissenen Firnflanke hinüber, die vom Lauteraarfirn steil zum Nässijoch aufsteigt. Trotz der vielen und breiten Querspalten, die den weissen Firn überall aufrissen, schien dort der leichteste Zugang zum Nässijoch hinaufzuführen. Wir könnten damit den langen Anstieg auf den Lauteraarsattel und die zeitraubende Kletterei über die Felsen im Grat vermeiden, was uns erlauben würde, den ohnedies langen Anstiegsweg wesentlich abzukürzen.

Wir blieben noch lange auf unseren warmen Plätzen liegen, bis die sinkende Sonne uns daran mahnte, hinunterzusteigen, uns auszuruhen und Kräfte zu sammeln für den folgenden Tag.

In der heimeligen Lauteraarhütte begrüssten wir unsern lieben Führer und frohen Kameraden Franz von Bergen, der uns ab morgen durch sein Berner Oberland führen würde. Dort trafen wir auch noch zwei weitere Kameraden, die sich uns auf die nächsten Fahrten als zweite Partie anschlössen.

Am 26. Juli 1949 verliessen wir um 2 Uhr die gastliche Lauteraarhütte und stiegen über die uns wohlvertrauten Treppen und Leitern auf den im fahlen Mondlicht glänzenden Unteraargletscher hinunter. Mit gleichmässigen, ruhigen, doch weitausgreifenden Schritten führte uns Franz durch die sternklare Nacht. Endlos lang schien diesmal der Weg den apern Gletscher hinauf. Silhouetten vertrauter Gipfel, die sich scharf gegen den bleichen Himmel abhoben, grüssten uns am Wege. Freudig schauten wir vorwärts, wo allmählich der werdende Tag, hell aufleuchtend, sich über den Lauteraargrat ausbreitete.

Auf ca. 2800 m betraten wir den westlichen Band des Lauteraarfirns. Bis hierher waren wir schweigsam und schlaftrunken den Stapfen unseres Führers gefolgt. Jetzt aber wurden wir mit einem Male gänzlich wach, als der Hang sich jäh vor uns aufrichtete und die ersten Spalten sich uns in den Weg stellten... Wir waren eingedrungen in den Bereich des Schreckhorns, das uns den ganzen Tag in seinem Banne hielt, Kraft, Mut und Ausdauer von uns forderte und uns erst am späten Nachmittag, reich beschenkt mit unvergesslichen Erlebnissen, zur schützenden Hütte entliess.

Am steilen Hang, den wir aufwärtsstiegen, häuften sich die Hindernisse, und unversehens standen wir mitten drin im Gewirr der sich nach allen Richtungen durch den Schnee ziehenden Firnspalten, die uns zurückweisen wollten, 350ÜBERSCHREITUNG DES SCHRECKHORNS uns zwingen wollten zum Umweg über den fernen Lauteraarsattel. Der Weiterweg sah wenig einladend aus, doch Franz fand immer wieder einen Durchschlupf, und nachdem wir den schweren Werner, dem eine einbrechende Schneebrücke schlechten Halt bot, aus seiner misslichen Lage befreit hatten, legte sich der Hang allmählich zurück, die Spalten wurden seltener, und bewundernd glitten unsere Blicke über die glitzernden Eisbrüche der mächtigen Ostwand dahin, über welche die grauen Gipfelfelsen des Schreckhorns trotzig herniederschauten.

Noch einmal richtete sich vor uns der Firnhang zu steiler Höhe auf. In den guten Tritten unseres Führers sicher gehend, die Steigeisen hatten wir während des ganzen Aufstieges nicht benötigt, betraten wir um 8 Uhr morgens das Nässijoch.

Überrascht blieb ich stehen, gebannt vom gewaltigen Ausblick, der sich mir plötzlich aufgetan hatte, der mich zu erdrücken schien, trotz seiner Weite!

Tief unter uns lag der felsige Lauteraarsattel, aus dem jenseits die weissen Flanken zu den Wetterhörnern sich aufschwangen, deren steile Grate sich im wallenden Nebel verloren. Aus dem Lütschinental brauste, vom Winde gejagt, der graue Gischt ungestüm heran, bäumte sich über dem Grate auf, wurde zu dünnen Flaumwölkchen auseinandergezupft, die goldene Flammen ausstrahlten, welche vom hellen, warmen Luftraum über Lauteraar aufgesogen wurden.

Wir standen im lachenden Sonnenglanz, über den kämpfenden Kräften, und blickten hinüber in die gleissende Welt der Fiescherhörner, über deren zerrissene Gletscher gespenstisch schwarze Schatten huschten. Unsere zwei erfahrenen Freunde waren mit dem Führer Franz darin einig, dass sie auf keinem andern Weg je so mühelos zum Nässijoch aufgestiegen seien und unser heutiger Anstieg, wenn auch etwas lang, zu den schönsten Anmarschrouten zum Schreckhorn zu zählen sei. Warum wohl wurde dieser Anstieg bis heute so wenig benützt, fragten wir uns, denn seit über 20 Jahren weist keine Eintragung im Sommerbuch der Lauteraarhütte auf diesen landschaftlich reizvollen Weg zum Grossen Schreckhorn hin, obschon dieses mit seinem stolzen Haupt gar einladend zum Hüttenfenster hineinschaut.

Wir wandten uns jetzt unserm nächsten Ziele zu, dem in jähen Wandstufen zum Gipfel des Schreckhorns hinaufführenden Felsgrate, nach seinem ersten Ersteiger Anderson-Grat geheissen.

Zunächst führte uns ein scharfer Schneekamm am obern Rande der immer mächtiger wachsenden Ostwand hin, hoch über dem Lauteraar, zu den ersten Felsstufen, die, erwärmt durch die Sonne, zu schöner Kletterei einluden. Die leichten Felsen boten uns auch Gelegenheit stillezustehen, uns umzuschauen, Abschied zu nehmen vom freundlichen Lauteraar, das wohl nicht mehr lange den mit immer grösserer Wucht heranjagenden Wolkenmassen würde Widerstand leisten können.

Uns immer an der Ostseite des Grates haltend, kamen wir an den Fuss eines steilen Plattensturzes. Nur spärlich zeigten sich winzige Tritte an seinem kantigen Aufbau. Nur gut zuschauen, wie 's der Führer macht, nahm ich mir vor. Doch kaum vermochten meine Augen seinen Bewegungen zu folgen, und schon sass Franz mit lachendem Gesicht auf dem Plattendach. Die ersten ÜBERSCHREITUNG DES SCHRECKHORNS351 Schritte hatte ich mir gut eingeprägt, das ging ganz ordentlich; doch schon bald war ich mit meinem Wissen zu Ende. So weit ich mich auch streckte, kein Griff zeigte sich an der glatten Plattenfläche. Rat suchend schaute ich zu Franz hinauf.

« Nur immer weitersteigen, da oben kannst du besser ausruhen », tönte es scherzend herab. Da tastete meine rechte Hand um die Kante, erfasste einen guten Griff, der Fuss schwang ebenfalls hinüber, die Nägel krallten sich fest im rauhem Gestein, und in kurzer Zeit sass ich auch neben Franz, froh und zufrieden, nun meinerseits den Kameraden guten Rat erteilen zu können.

Auch sie überwanden diese wohl schwierigste Stelle des ganzen Grates. Ihre Gesichter waren gerötet vor Anstrengung, aber ihre Augen leuchteten vor Freude, als sie zu einer kurzen Rast neben uns sich niedersetzten.

Wir Bergsteiger, die wir auf unseren Fahrten die Stille suchen, die Berührung mit der Natur, die wir geflohen sind aus dem lärmigen Betrieb der Städte und Industriedörfer, wir lieben diese kurzen, schwierigen Stellen im Grat, die uns auffordern, unsere Kraft an ihnen zu messen, die unsern Kampfes-willen wecken, der, von unsern Vorfahren ererbt, noch immer in uns schlummert, und der, solange die Berge stehen, in uns fortleben wird.

Wir fragen dabei nicht, an welchem Platze der Schwierigkeitsskala diese Stellen wohl stehen mögen. Die Eindrücke, die sie uns hinterlassen, die Freude, die wir bei ihrer Überwindung empfinden, sollen uns allein Maßstab für ihre Beurteilung sein.

Ermuntert und gestärkt durch die gelungene Tat, griffen unsere Hände jetzt kräftiger in den Fels, und fester traten die Schuhe auf die rauhen Tritte, als wir uns allmählich wieder der Gratkante näherten. Der scharfe Grat war besetzt mit steilen Türmen, unterbrochen von tiefen Scharten, durch welche ein kalter Luftzug vom Eismeer heraufstrich. Die Kletterei war jedoch nicht allzu schwer. Noch einmal richteten sich die Felsen zu steiler Höhe auf. Und über das letzte, fast horizontale Gratstück erreichten wir den Gipfel des Gross Schreckhorns.

Ein fester Händedruck voll Dankbarkeit galt unserem Führer Franz und unseren Kameraden Werner und Max, die uns beiden jungen Bergsteigern diese schöne Fahrt möglich gemacht hatten. Darauf blickten wir stolz wie Könige über Täler und Gräte, fühlten uns Herrscher über die Weite, die sich unserem staunenden Auge erschlossen hatte.

Zufrieden und glücklich, erlebten wir auf dieser hohen Warte, über einem brodelndem Wolkenmeer, aus dem die Gipfel der Berner Alpen ins helle Licht hinausragten, eine eindrucksvolle Gipfelstunde...

Auf einmal kam Bewegung in die träge Masse. Der Wind trieb braune Schleier an den jähen Abstürzen der Westwand empor, und wir, die wir doch erst noch im strahlenden Licht gestanden waren, wurden plötzlich eingehüllt vom kaltfeuchten Nebel, der uns leis erschauern liess.

Es war Mittag, als wir uns zum Abstieg bereit machten. Ohne zu eilen war es gut möglich, vor Einbruch der Dunkelheit die Strahlegghütte zu erreichen. Ein paar Schritte legten wir auf dem obersten horizontalen Gratstück zurück, dann... es war wohl nicht die Kälte allein, die mich plötzlich frösteln liess. Vor mir brach der Südgrat unvermittelt ab, nur ein kurzes 352ÜBERSCHREITUNG DES SCHRECKHORNS Stück konnten ihm meine Augen folgen, dann verlor er sich in den leeren Raum. Unsere beiden Kameraden waren schon verschwunden, verschluckt vom leicht-bewegten, grauen Nebelvorhang. Ein leichter Windstoss zerriss das dünne Gewebe, und durch ein Loch starrte der Blick hinunter, wo am Fusse der düsteren Westwand, schreckhaft bleich, im fahlen Zwielicht der weisse Firn sich ausbreitete. Eine Platte löste sich unter einem Fusse der Abwärtsschreitenden, ein harter Aufschlag, ein hoher, weiter Flug hinaus in die Luft. In elegantem Bogen tauchte sie in die graue Flut. Ich horchte angestrengt, nichts war mehr zu hören als das leise Kratzen der Nägel von Franzens Schuhen, die ich über meinem Kopfe auftauchen sah. Und wieder wurde ich eingehüllt vom weissen Schaum, der leichtflüssig durch die Schluchten und über die Rippen der schwarzen Felsen eilte, die düster und unheimlich, verfallenen Mauern eines Ritterschlosses gleich, als schwarze Silhouetten aus dem Nebel starrten.

Nasskalt fühlten sich die Felsen an, über welche wir, senkrecht wie es schien, hinunterturnten. Auf schmaler Leiste stehend, tauchten von Zeit zu Zeit die vorausgehenden Kameraden auf, die uns warteten, um sich für den weitern Abstieg zu orientieren.

« Ihr müsst nur immer abwärts steigen, dann kommt Ihr bestimmt ins Tal hinunter », meinte lachend Franz, der auch jetzt noch seinen frischen Humor bewahrt hatte.

Ein kurzes Auflachen, und schon waren die Gestalten wieder im Nebel unter uns verschwunden. Wie war doch der Aufstieg am Morgen im warmen Sonnenglanz, das weisse Lauteraar zu unseren Fussen, so köstlich gewesen, und wie düster jetzt und endlos der Abstieg in den schreckhaften Abgrund hinunter.

Von dieser Seite her müssen die Menschen den Berg geschaut haben, als sie ihm seinen Namen gaben.

« Nachkommen », tönte Edgars Stimme wieder von unten, und von Franz gesichert, überwanden wir so Stufe um Stufe der steilen Abstürze. Immer wenn wir glaubten, jetzt müssten die Felsen zu Ende gehen, brach das kurze, flache Gratstück wieder unvermittelt ab und verlor sich unter uns im Nebel, der dichter uns einhüllte, je tiefer wir kamen. Da noch eine letzte steile Plattenwand, und wir standen endlich in Schneestufen. Vorsichtig stiegen wir ab, ein Sprung über den Bergschrund, und bis zu den Knien im aufgeweichten Schnee abwärts stapfend, verliessen wir uns ganz auf den Orientierungssinn unseres Führers, der uns mit anerkennenswerter Sicherheit zu den Felsen der Strahlegg hinüberführte.

Und jetzt war auf einmal auch der Nebel weg, der langsam steigend über uns eine graue Decke bildete, und wir sahen 300 m unter uns, am Rande des obern Eismeeres, unser heutiges Ziel, die Strahlegghütte stehen.

Lange blieben wir bei den schützenden Felsen plaudernd sitzen. Unsere Blicke glitten immer wieder zu unserem Berg zurück, der den gezackten Südgrat jetzt zur halben Höhe freigab. Froh und reich an neuen Erlebnissen, wandten wir uns abwärts, über Felstrümmer und Firnfelder, bis uns ein schmaler Pfad zur Hütte hinüber führte.

Les variations des Glaciers des Alpes suisses 1950 Galerie de prospection du Glacier de Z' Mutt Altitude 2420 m. L' épaisseur de la glace au-dessus de la galerie est de 45 m environ. Remarquer la stagnation de l' eau dans le couloir, ainsi que les lamelles et les stalactites de glace formées sur les parois par le regel de l' eau de suintement 160 - photo P. Kasser, 18. IX. 1949. Reproduction autorisée par la Grande-Dixenoe S. A.

Galerie de prospection du Glacier du Mont Collon Altitude 2400 m. L' épaisseur de la glace au-dessus de la galerie est inférieure à 90 m. Plasticité de la glace sous pression. Photo prise le 27. X. 1948 montrant la différence entre le profil du 21. X. 1948 ( hauteur 1,8 m ), rétabli à l' avant le jour de la prise de vue, et le profil de la galerie en cours de fermeture ( hauteur 1 m ) à l' arrière 161 - photo Paris-Burgat. Reproduction autorisée par la Grande-Dixence S. A.

Oie Alpen - 1951 - Les Alpes* der Erreichung dieser Höhen liege. Im Juli 1879 wurde zu diesem Zwecke das Gebiet des Dossenhorns von den genannten Personen und Jos. Tännler, Führer auf Wyler, einer genauen Recognoscierung unterstellt. Man traf auf der Ostseite des Bergkegels auf einen Felsenvorsprung, welcher eine kleine Ebene überdachte, wo die Errichtung einer Hütte am passendsten schien. Einige Schritte von hier aufwärts führen auf den Grat, wo sich dem Alpenwanderer ein wundervoller Ausblick auf das Rosen-, Mittel- und Wetterhorn, nach den in unmittelbarer Nähe liegenden Zielen seiner Wünsche, und auf den zu Füssen liegenden ultramarinblauen Rosenlauigletscher bietet. Gestützt auf die Ergebnisse dieses Streifzuges wurde auf den 13ten Juli 1879 eine Versammlung von Gletscherführern und andern Alpenfreunden zur Besprechung der Dossenhüttenfrage angeordnet. » — Dieselbe war ziemlich zahlreich besucht und das Protokoll darüber sogar ins Hüttenbuch eingetragen. Nach der ortsgebräuchlichen Benennung des Wetterhorns erhielt sie den Namen « Haslijungfrauhütte ». Spätere Eintragungen enthalten diese Bezeichnung allerdings nicht mehr. Standort: 2882 m. Die fünfgliedrige Kommission amtete rasch ihres Amtes, so dass bereits am 11. Oktober gleichen Jahres « bei zahlreichem Besuche und allgemeinem Jubel der Theilnehmer die feierliche Einweihung der modernen Menschenwohnung mitten unter dem krachenden Eise und den donnernden Lawinen stattfinden konnte ». Nach den eingetragenen Namen im Hüttenbuche bestand die « zahlreiche » Beteiligung aus 6 Mitgliedern der Sektion Oberland, einem Gast sowie 20 Führern, Trägern und Hüttenarbeitern. Dazu kommt gemäss speziellem Eintrag « Hund Marko, Eigenthum von Pfr. von Grünigen ». Ob es sich dabei um einen ausgewachsenen Bernhardiner oder ein im Tornister hinaufgeschlepp-tes Daggeli handelte, darüber wird wahrscheinlich heute niemand mehr Auskunft erteilen können.

Im Anschluss an obigen Eintrag wurden in lateinischer Bezeichnung eine Anzahl blühender Exemplare der dortigen Alpenflora aufgezählt. Als erwähnenswert ist auch die Beobachtung notiert: « Die Körpertemperatur von 5 Personen genommen, bei der Ankunft, nach 7stündigem strengen Steigen, ergaben folgende Grade: 1 Grad unter gewöhnlichem Zustand ( 36 Grad ). » Seiner Begeisterung machte der pfarrherrliche Hüttengründer am 31. Oktober des Einweihungsjahres u.a. wie folgt Luft:

«... Wenn auch die Winde frostig wenn, Und sich das Thal in Nebel hüllt, Den ächten Bergmann kümmert 's nicht. Zwar sinkt der Tag, doch Mondeslicht Giebt uns so freundlich das Geleit Und weckt uns Muth und Freudigkeit. Nicht möcht ich lange hier erzählen, Wie wir gesungen und gezecht; Man weiss, dass dies ja nie darf fehlenUnd unser Weinlein war nicht schlecht. » Eintrag vom 6. und 7. Juli 1880: « Jules Beck aus Strassburg, Mitglied der Sektion Bern SAC, zur Aufnahme von Hochgebirgsphotographien. » — Die Alpen - 1951 - Les Alpes31 Beck war von 3 Führern begleitet. Man stelle sich das Gewicht einer Photoausrüstung jener Tage vor!

Ein englischer Tourist in Begleitung der Führer Melchior Anderegg und Johann von Bergen spendete in Begeisterung über das Obdach am 17. Juli 1880 20 Franken für die Hütte. Dieses Beispiel zündete und noch etlichemal stossen wir im Hüttenbuch auf gespendete zweistellige Beiträge. Mitteilung des Baukomitees im Hüttenbuch am 27. Juli 1880: « Die Kosten des Baues beliefen sich bisher ( namentlich verursachte der weite, schwierige Transport grosse Ausgaben ) auf ungefähr Fr. 3000. An die Baukosten leistete das Centralkomite des SAC Fr. 1000, die Sektion Oberland des SAC Fr. 200, Führer und Private im Haslithal bisher ca. Fr. 380. Der Rest des Geldes wurde von Pfr. von Grünigen vorgeschossen und werden freundliche Gaben zur Verminderung des Deficites dankbar entgegengenommen. » 16. März 1881. Alex Nägeli, Grossrat und Grimselwirt, und Emil Walker von Nottingham verliessen bei schönstem Wetter das Wirtshaus Hof ( Innertkirchen ) um 1 Uhr morgens in Begleitung der Führer Melchior Anderegg und Johann und Melchior v. Bergen, um nach zwölfstündigem hartem und anstrengendem Marsche, « was wohl der frühen Jahreszeit zuzuschreiben ist », die Hütte zu erreichen. Und am 6. August des nämlichen Jahres benötigten 3 Einheimische bei einer tropischen Hitze elf Stunden zur Dossenhütte.

Im Jahre 1884 konnte die Öffnung der Hütte erst am 28. Juni erfolgen; es waren 4 Führer aus dem Haslital, welche schrieben, von der Hütte nichts gesehen zu haben, sie liege 30 Fuss tief im Schnee, auf dem Dach 20 Fuss Schnee. Um die Mittagsstunde gingen sie an das mühsame Werk der Befreiung, wobei sie erst abends 8 Uhr nach gewaltigen Anstrengungen die Hütte öffnen konnten, aber « hohä, hier ist der Offen ganz voll Eis und auch die Rohre zugleich ganz zusammen gefrohren und der Offen bricht wie Glas, wegen dass er so gefrohren ist ».

Unterm 25./26. September 1884 begegnen wir dem Eintrag: « Dr. Heinrich Düby, SAC Bern ( dem verdienstvollen Redaktor der einstigen SAC-Jahrbücher ), Dr. Max Stoos, SAC Bern und 2 Führer. Abmarsch gegen Berglijoch und Lauteraarjoch zur Grimsel. » Im Oktober 1884 war Führer Melchior Anderegg mit Bauleuten auf der Rekognoszierung nach einem geeigneteren Hüttenplatz. Ein etwas späterer bezüglicher Eintrag lautet u.a.: « Durch Anregung der Gletscherführer und Mithülfe des Präsidenten der Sektion Oberland, bewilligte das Centralkomite die Kosten für Abbruch und Transport zum nochmaligen Aufbau derselben. » — Die Hütte wurde noch im gleichen Monat bei 28 Grad Kälte abgebrochen und über den Gletscher an den neuen, tiefer gelegenen Standort ( 2650 m ) auf dem Dossengrat transportiert. Im darauffolgenden Frühling wurde sie aufgerichtet und gleichzeitig von der Sektion St. Gallen in Obhut genommen.

Am 1./2. September 1886 schrieb Pfr. von Grünigen: « Von Rosenlaui auf der Wellhornseite ansteigend, dann den Gletscher traversierend — mühsam und gefährlich — langten gegen Abend nach glücklicher Bewahrung vor Gletschersturz im Couloir oberhalb der grossen Moräne hier an » und « also wieder einmal in meiner lieben Dossenhütte », und in einem anschliessenden längeren Poem:

« Und sinkt der Abend nieder, Die Hütte gastlich winkt, Man streckt die müden Glieder, Im Becher Stärkung blinkt » Und 2 Tage später sinniert der Pfarrherr:

« Und wenn es morgen nicht Sonntag war ', Müsst schnell der Gletscherpickel her Und mit den andern gieng 's hinauf Zum Wetterhorn im Dauerlauf. Doch jetzt gebietet mir die Pflicht: Hinab ins Thalich klage nicht! » Die Sektion St. Gallen leitet das zweite Hüttenbuch ( 1889-1897 ), mit einer hübschen Zeichnung geschmückt, wie folgt ein:

« Hoch üsri Dossahötta! Tuand s'Glöck ned drenn verschötta, Hand Sorg zo Hötta, Liacht ond Führ, Ond bozid guat, ond schlüsid Thür, Denn word 's au jedem drenn guat gfalla, Zor Freud der Sekzio Sant Galla! » Nachdem 1889 Bergführer Melchior Rieder das zweite Hüttenbuch deponierte und eingangs bemerkte: « Jedermann solle sich gefälligst in das neue Fremdenbuch einschreiben », verewigte sich als erster am 2. August 1889 Emil Steiger, Apotheker aus Basel, mit einigen botanischen Hinweisen nebst dem Spruch:

« Quod bonum faustum felix, fortunatum quesit wünscht der erste .Jedermann'dem Ib. SAC und den spätem Benutzern dieser traulichen Hütte. » ( In freier Übersetzung: Was gut, günstig, glücklich und gesegnet sein möge. ) 8. Juli 1891: « Im Couloir des Hüttenweges Leiter und Seil angebracht, da der alte Weg wegen Vorrücken des Gletschers unpassierbar geworden ist. » — Schon eine Woche darauf wird die Wegverbesserung im Hüttenbuch gelobt und gleichzeitig angeregt, dass jeder Tourist einen Beitrag an diese Arbeit leisten möge.

Am 9./10. Juli 1893 ging die Dossenhütte an die Sektion Oberaargau über, deren Leitspruch im Hüttenbuch dokumentiert:

« Hier, Wanderer in den Bergen, weile rastlich! Die kleine, hohe Herberg grüsst dich gastlich! Dann auf zu neuen Fahrten, froh entschlossen, Spielt Sturm und Wetter dir nicht einen Possen, Am Dossen. » Ein sich ernsthaft Schriftsteller nennender Gast aus Goslar am Harz, welcher am 10. August 1893 zum zweitenmal auf Dossen sich einfand, philosophiert:

« Vergeblich sucht im Dossenstroh Man Pulex oder Gletscherfloh, Doch trifft viel andre Wunder man, In dieser holden Hütte an. Wie schön die mehl'ge Suppenpracht, Zumal man da an Salz gedacht! Welch Jubel, wenn am. Felsenrand Auflodert der Petroleumbrand. » Er schliesst nach etlichen weitern Zeilen mit der eigenen Erkenntnis: « usw. usw., das Gedicht wird zu lang ».

Die doppeltgeführte Partie eines « K. K. Leutnant von den Oest. Tiroler Feldjägern » stieg am 14. August 1893 vom Wetterhorn ab und beabsichtigte am Grat des Dossenhorns zu biwakieren. Indessen fasste sie in später Stunde doch noch den Entschluss, in den Schutz der Dossenhütte sich zu begeben.

6. und 7. Juni 1894: « W. A. B. Coolidge aus Oxford mit Christian Almer jr. und Peter Almer aus Grindelwald ( von Glecksteinhütte über Rosenhorn ). » —-Nach dem Klubführer Berner Alpen führte Coolidge mit Ulrich und Christian Almer bereits im Jahre 1884 die Südwest-Westroute des Rosenhorns aus. Einen Aufenthalt Coolidges in der Dossenhütte im Jahre 1884 konnte ich im Hüttenbuch nicht ausfindig machen. Vermutlich ist die Seilschaft vom Rosenlaui in direktem Anstieg über den Rosenlauigletscher an den Berg gelangt.

10. Juni 1894: « Hs. Brun, stud, med., Luzern, SAC Sekt. Uto ( der vor einigen Jahren verstorbene bekannte Luzerner Arzt ), Jos. Liniger und L. Bachmann, Sekt. Pilatus, von Innertkirchen durchs Urbachtal bei stets zunehmendem Nebel in 12 Stunden zur Hütte. » — Das Jahrbuch XXX ( 1894/95 ) enthält einen von H. Brun verfassten Artikel « Dossenhütte und Dossenhorn » nebst einem Bild der zweiten Hütte.

25. Juli 1894 Eintrag von Jos. Liniger, Sektion Pilatus: « Bemerkung zum Wetterhorngipfel: Steigung vom Wettersattel aus in gleichen Abständen gemessen: 40 Grad, 36, 34, 20, Felsen 40, Felsen 40, Felsen oben 40, Firn ob den Felsen 40, 45, 20 m bis an die Spitze 50 Grad Steigung. Vom Wetterhorngipfel nach der Westseite Neigung des Firnhanges 25 Grad oben, unten soweit sichtbar 30 Grad. » 6. August 1894: « Mr. & Mrs. T. P. F. ...mit den Führern C. Almer, Vater, aus Grindelwald, C. Klucker aus Sils und D. Maquignaz aus Val Tournanche: Von Gleckstein über Wetterhorn und Mittelhorn auf dem Weg nach Rosenlaui. » Fürwahr eine recht prominente Seilschaft!

Und ist die mit kräftiger Hand niedergeschriebene Randbemerkung « Viel Lärm um nichts !!! » eines anonymen Skribenten zu folgendem Eintrag einer Führerpartie vom 14. August 1895 nicht recht zynisch zu nennen? « Eine Stunde unterhalb der Wetterhornspitze mussten wegen vollständig undurchsichtigem Nebel und einem scharf wehenden Schneesturm umkehren. Der Rückweg war äusserst schwierig und gefahrvoll, da wir uns wegen der absoluten Undurchsichtigkeit des Nebels zweimal verirrten. » 14. September 1895: « Hs. Brun, stud, med., SAC Uto, Jos. Liniger, SAC Pilatus, H. Schillig, Alpina, Luzern. Absicht das Rosenhorn über den Nordkamm zur Rosenegg ( ev. Wetterlimmi ) zu traversieren. Der sehr stark ausgeaperte Zustand der Gletscher verspricht indessen einen ziemlich strengen Tag. » — Der Klubführer Berner Alpen gibt unter Rosenhorn-NO-Grat Auskunft, dass es sich um eine Erstbegehung handelte. Als weitere Quelle mag der illustrierte und anschauliche Bericht aus der Feder Bruns « Das Rosenhorn über den Nordostkamm » im Jahrbuch XXXI ( 1895/96 ) des SAC gelten, dem gleichzeitig ein Panorama vom Rosenhorn beiliegt.

Die erste, in den Dossenhüttebüchern nachweisbare Sektionstour ins Wetterhorngebiet führte am 26. Juli 1896 die Sektion Bern mit 9 Mann und 4 Führern von der Gaulihütte aus über Rosenhorn/Dossenhorn durch. Ihr folgt am 15. August gleichen Jahres die Sektion Pilatus mit 6 Klubisten in Begleitung eines Führers. Besteigung des Dossenhorns und « Absicht auf Rosenhorn ».

Das am 5. Juli 1897 beginnende dritte Hüttenbuch ( 1897-1909 ) führt den Einleitungsspruch:

« Wer frisch umher streift mit gesunden Sinnen, Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft, Der wandert aus des Thales dumpfer Haft Beglückt empor auf hoher Berge Zinnen.

Er sei willkommen in der Hütt'am Dossen, Das Wetterglück begleite ihn auf seiner Fahrt!

Auf Fels und Firn schreit'er, vom Himmelslicht umflossenl Das wünscht von Herzen ihm der Hüttenwart. » Notabene: Hüttenwart war dazumal Lehrer Wyss von Meiringen. Durch einen darauffolgenden Vers sollte wohl des Hüttenwarts poetische Ader etwas betupft werden, wenn da ein Sihltaler, der mit 2 Führern heraufkam, orakelt:

« Auf Fels und Firnen sind wir auch geschritten, Doch hat nicht Himmelslicht uns da umflossen, Wie du es nennst in deinen poetschen Schriften; Gewöhnlich heisst man es... Schweisstropfen. » 3. Sept. 1897: « Während der Nacht grosser Kampf mit den Mäusen. Herr Bowylar bedient sich dazu seines Bergpickels, ich der Macht meines Sprachorgans. » — Wirklich, eine illustrierungswürdige Episode!

Die Notizen vom 7. Jan. 1898 ( ein Engländer mit Ulrich Almer und Joseph Pollinger: Wetterhorn ), vom 21. Jan. 1898 ( Postverwalter Schiffmann aus Meiringen mit Heinrich und Simon Zurflüh: Wetterhorn ) und vom 2S./29. Jan. 1898 ( eine weitere Führerpartie ) lassen vermuten, dass der be-betreffende Jahresanfang recht schneearm gewesen sein muss, also relativ günstig für Hochtouren; die Hochgipfel bestieg man in jenen Jahren noch nicht mit Ski.

Centralcasse des SAC3300. Academ. Alpenclub Zürich200. Gemeinnützige Gesellschaft Meiringen. .200. Besitzer des Rosenlauibades400. in Natura geliefert230. Sektion Oberaargau2620. total 6950. » Ein zehnstrophiger Trinkspruch gibt uns Kunde von dem freudigen Tag und sagt in der siebenten Strophe:

« Die Dossenhütte möge dauern. So lang die .Hasli'Jungfrau stellt. So lang an Gstellihornes Mauern Die Gemse froh spazieren geht. » 15. Juli 1900: « Wellhorn und tags darauf Rosenhorn, Aufstieg Nordostgrat: Hans König, stud, jur., SAC Bern, Paul König, stud.h.um. ( abgestürzt am Lyskamm/Grenzgletscher 1902 ), Egon von Steiger ( abgestürzt am Balmhorn 10. 6. 03 ), P. Baumgartner, Bern. » — Die eingeklammerten Notizen stammen von einem Besucher aus dem Jahre 1904. Fein säuberlich sind die beiden eingeschlagenen Routen Wellhorn und Rosenhorn im Hüttenbuch von einem der Teilnehmer skizziert worden und der Klubführer Berner Alpen führt den von obiger Seilschaft unternommenen Rosenhorn-NO-Aufstieg speziell an.

21. Oktober 1900. Aus einem fünf strophigen Gedicht eine Kostprobe:

« Man baut nun Bahnen auf die höchsten Bergesspitzen, Doch sollten nur die Krüppel dürfen hineinsitzen. Wozu besitzen wir denn starke Beine? Zum Wagenfähren brauchte man ja keine. » Da hat also einer schon vor 50 Jahren den « Sitztourismus » gegeisselt!

22. August 1902: « Auf dem Weg nach Rosenlaui mit einem Engländer und Führer Sarn. Brawand von Grindelwald, welche mit einem zweiten Engländer und dem Führer Fritz Bohren zu Ysch in Grindelwald auf der Spitze des Wetterhorns Mittwoch Vormittag 914 Uhr durch Blitzschlag getötet wurden. R. I. P. sig. Gottfr. Beck. » 25.27. August. Umfangreiche Suchaktion ohne Erfolg. Die Chronik « Alpine Unglücksfälle » des Jahrbuches 1902 gibt uns darüber Auskunft, dass die vier Leichen dann am 19. und 22. September desselben Jahres nach weiterem langem Suchen aufgefunden wurden. Pfarrer Gottfried Strasser in Grindelwald befasste sich daraufhin in einer besonderen Gedenkschrift mit dieser furchtbaren Katastrophe.

28. Juli 1904: « Dr. C. Täuber, Section Uto & Lägern SAC, Val. A. Fynn, London, Fritz Amatter, Grindelwald, von Meiringen gekommen, nachmittags auf Dossenhorn gewesen, morgen Wetterhörner beabsichtigt und über Lauteraarsattel nach Pavillon Dollfus. » — Der Klubführer erwähnt, dass diese Partie am 29. Juli vom Wetterhorn her Mittel- und Rosenhorn überschritt, mit Abgang in der Dossenhütte 1% Uhr morgens und 1 Uhr mittags auf dem Gipfel des Rosenhorns eintraf.

15. März 1905: « Mit Alex Taennler & Kasp. Moor über die Dossenwand in 12 Stunden von Meiringen hier herauf Ski benutzt bis 2000 m, dann noch stückweise auf dem Schneefeld unter den Felsen. 16. + 17. März Schneesturm, dann Abstieg nach Rosenlaui. Henry Hoek, Sekt. Davos SAC. » — Dies wären also vermutlich die ersten Ski, welche auf Dossen Einzug hielten.

Nebst den Episoden, die sich in und um eine Schutzhütte abspielten, wollte ich mit der gegenwärtigen Studie auch einen gewissen Wandel im Alpinismus aufzeigen. Die Bücher einer jeden der älteren SAC-Hütten mögen übrigens analoge Fundgruben bedeuten. Was hier ans Tageslicht gehoben wurde, soll uns ferner zu bedenken geben, mit welcher Begeisterung unsere Pioniere Bergfahrten unternahmen. Noch sei darauf hingewiesen, dass das Klubhütten-Album des SAC das Erbauungsjahr der Dossenhütte mit 1899 nennt. Dies kann indessen nur für den jetzigen dritten Bau gelten. Die obigen Hüttenbuchauszüge wie auch die Ausgabe 1880 des SAC-Jahrbuches weisen eindeutig auf das Jahr 1879 zurück. Sie ist somit eine der ältesten unserer Hütten — in Reihenfolge der Erstellungsjahre die zehnte.

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