Bergfahrten im Rhätikon und Plessurgebirge
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Bergfahrten im Rhätikon und Plessurgebirge

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E. Imhof ( Section Scesaplana ).

Von Es ist gewiß schön und in hohem Grade anregend, in den höchsten Regionen, in Eis und Schnee sich zu ergehen und die Fürsten des Gebirges, die Riesen des Wallis, des Berner Oberlandes und des Engadins unter seinen Fuß zu setzen; aber es gewährt auch großen Genuß und volle Befriedigung, ein enger begrenztes Gebiet, wenn dasselbe auch nicht zu den großartigsten und in aller Welt bekannten gehört, möglichst allseitig zu begehen und bis in seine letzten Winkel und Falten kennen zu lernen. Das Arbeitsfeld des Clubisten ist ja gewiß nicht nur in den Regionen über 3000 oder 4000 m zu suchen, und nicht nur die höchsten und schwierigsten Berge sind seiner Aufmerksamkeit werth. Auch die weniger hohen Berge und selbst die Thalsohlen gehören zum Arbeitsfeld des S.A.C. und sollen fleißig durchwandert und erforscht werden; denn auch sie bieten des Schönen und Großen gar viel, auch sie gewähren reichlichen Genuß und mannigfaltige Gelegenheit zu wissenschaftlichen Beobachtungen. Allen Respect vor den Hochtouristen, vor den kühnen Gletscher-männern und Felsenkletterern, aber sie sind doch nicht die einzigen würdigen Vertreter des S.A.C. Wer auch nur einen kleinern Berg vielseitig kennen lernt und etwa dessen Pflanzen- und Thierleben oder dessen geologische Verhältnisse erforscht, hat mehr geleistet, als wer ein ganzes Dutzend Hochgipfel erstürmt und dabei nichts gesehen hat. Aber auch die Gelehrten, die Naturforscher, Geographen, Kulturhistoriker und wie sie alle heißen, die fleißigen Männner der Wissenschaft, die sich um die Erforschung der Gebirgswelt bemühen, machen nicht allein die ächten Clubisten aus, denn die Alpen sind doch nicht blos als ein Laboratorium für die Gelehrten zu betrachten. Beim Bergsteigen handelt es sich nicht nur um wissenschaftliche Zwecke, sondern ganz wesentlich auch um den Genuß. Ja wohl mag Mancher über die Felsen klettern, ohne sich um deren Gesteinsart, Lagerung und Alter zu bekümmern, er mag große Gletscherwanderungen unternehmen, ohne nach dem Gletscherkorn und nach den Gesetzen der Gletscherbewegung zu fragen, er kann sich freuen an der Blumen Pracht und Duft, ohne Gremli's Excursionsflora in der Tasche und ohne ein Herbarium anzulegen. „ Ihm ist es zu thun um die Freude am Wandern und an den Schönheiten der Natur; was er in den Bergen sucht, das ist die Erholung im Genuß ihrer Schönheit. Um dem Naturschönen in immer neuen Formen zu begegnen, übt er das Spiel des Wanderns, und in dieser freien Thätigkeit von Körper und Geist erholt er sich von den einseitigen Anstrengungen des Alltagslebens und gelangt zum Vollbesitz seiner mannigfaltigen Kräfte. " ( Stadler, Jahrbuch des S.A.C., Band 15, S. 176 ). Aber dieser Genuß steigt nicht nothwendig mit der Höhe oder mit der Schwierigkeit und Gefährlichkeit der erklommenen Gipfel. Darum mögen auch die schmucklosen Schilderungen von Bergfahrten in den bescheidenen Gebirgen des gegenwärtigen Excursionsgebietes eine Stelle im Jahrbuch des S.A.C. finden.

A. Im Gebiet des Falknis.

Als Falkniskette oder Falknisgruppe bezeichnen wir hier wie im Itinerarium den Theil des Rhätikon, der westlich von der kleinen Furka liegt und dessen Hauptkamm mit einigen Krümmungen von Osten nach Westen zieht. Die Gipfelpunkte sind der Reihe nach: der Hornspitz, der Tschingel, der Naafkopf, der vordere und hintere Grauspitz und der Falknis. Die größte Höhe hat mit 2601 m der vordere Grauspitz; aber der Falknis ist der vorgeschobenste und von den Thälern aus sichtbarste, der formenschönste und aussichtsreichste, darum auch der besuchteste und bekannteste, und darf also wohl die Führerrolle in diesem Gebirgstheil übernehmen. Wenn in unsern Gegenden vom Falknis und von einer Falknisgruppe die Rede ist, so weiß Jedermann, was darunter gemeint ist, würde aber von einer Grauspitzgruppe gesprochen, so würden die Wenigsten wissen, wo sie das Ding hinthun sollen. Der Name „ westlicher Rhätikon« geht auch nicht an, denn darunter versteht man die ganze westöstlich verlaufende Kette vom Rheinthal bis zum Grubenpaß, dem sich hier als östlicher Rhätikon die nordsüdlich verlaufende Kette vom Alpila- und Gweilkopf bis zum Madrishorn anschließt. Also bleibt 's beim Namen Falkniskette.

An die zackenreiche Hauptkette schließen sich zwei lange und zwei kurze Seitenäste an. Die zwei langen gehen aus vom Naafkopf und vom hintern Grauspitz und umschließen, weit nach Norden ausgreifend, das Saminathal. Sie mögen als die Ketten des Gallinakopf und der Drei Schwestern bezeichnet werden. Die beiden kurzen Seitenäste zweigen vom Falknis ab, der eine nordwestlich über den Guschagrat zum Mittagspitz, der andere südöstlich über das Gleckhorn und den Hochfurnis zum Vilan.

Nachdem ich dieses Gebiet schon in frühern Jahren mehrmals besucht und die meisten Gipfel desselben bestiegen hatte, lag mir besonders in den letzten zwei Jahren daran, dasselbe möglichst planmäßig und vollständig zu bereisen. Aber die Ungunst des Wetters durchkreuzte oft in der unliebsamsten Weise die schönen Pläne. So konnte denn nicht Alles ausgeführt werden, was auf dem Programm stand, und namentlich konnte es nicht in der gewünschten Weise, nicht in einem Zug und in einigen aufeinanderfolgenden Tagen geschehen. An Stelle einer einzigen mehrtägigen Tour traten mehrere, oft weit auseinanderliegende eintägige; jeder Gipfel mußte dem hartnäckigen Regengott mit ebenso großer Hartnäckigkeit und Unverdrossenheit förmlich abgerungen werden. Es hätte aber wenig Werth, über alle gelungenen und mißlungenen Versuche, über die oft zurückgeschlagenen, aber immer wieder erneuerten Angriffe zu berichten, zu erzählen von den oft unter strömendem Regen ausgeführten Rückzügen, von dem stundenlangen Campiren in Wäldern und unter Felsen, von dem Zubringen unendlich langer Regentage und Regennächte in engen, frostigen Sennhütten, von dem Umherirren in undurchdringlichem Nebel, von dem Stampfen und Waten durch Neuschnee oder durch nasses Gras und bodenlosen Sumpf. Das alles und manches Andere gehört mehr zu den Leiden als zu den Freuden des Bergsteigers und mag der versöhnenden Vergessenheit anheimfallen. Der Bericht soll sich darum auf einige der gelungenen Touren beschränken.

1. Der Falknis. Auf den Ostermontag 1890 hatte mich Führer F. Enderlin von Maienfeld zu einer Falknistour eingeladen. Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, und auch mein College, Herr W. Zwicky, war zu jedem Thun entflammt. Wir begaben uns also am Ostersonntag Abend nach Maienfeld und übernachteten dort. Am folgenden Morgen wurde früh aufgebrochen, der Führer in seinem freundlichen Heim, in der sogenannten Bündt oberhalb des Städtchens, abgeholt und die Richtung zunächst nach dem Glecktobel eingeschlagen. Man geht da zuerst über sanft ansteigende Weiden und tritt dann bald in den schönen Bergwald. Aber nicht lange dauert die sanfte Steigung. Nachdem man den Bach überschritten hat und damit auf die rechte Seite des Tobeis gekommen ist, führt der steinige Weg in vielen Zickzacks durch den steilen Waldhang hinauf nach den Bargün ( 1462 Mit diesem Namen bezeichnet man hier nicht etwa eine Ortschaft, auch nicht einen Maiensäß, sondern eine Gruppe kleiner Heuhütten oder Heuschober, in welche man das Heu der umliegenden Waldwiesen und des sogenannten Falknis einsammelt. „ Im Falknis " heißen hier die meist steilen Abhänge, die vom obern Waldrand bis an die Thürme hinauf reichen und ein kräftiges Bergheu liefern. Diese Bergwiesen werden ihrer Steilheit wegen nicht abgeweidet, sondern gemäht, und das so gewonnene Heu, sowie allfälliges Wildheu, kommt vorläufig in die Bargün, um später zu passender Zeit in 's Thal Bergfahrten im Rhätikon und Plessurgebirye.

getragen oder „ geschlittnet " zu werden. Eine mühsame und nicht gefahrlose Arbeit, die große Kraft und Geschicklichkeit erfordert. Von den Bargün an lichtet sich der Wald und geht dann bald ganz zu Ende, wohl mehr aus wirtschaftlichen als aus klimatischen Ursachen. Die Leute legen mehr Werth auf das Heu als auf das Holz dieser Stelle. Im Glecktobel geht der Wald weiter hinauf.

Ein ordentlicher Weg führte uns von den Bargün zuerst in leichtem Zickzack aufwärts bis an den Fuß der Thürme, dann rechts abbiegend unter diesen hin und zuletzt zwischen diesen und der Gleckwand und über eine steile Grashalde hinauf zum Fläscherfürkli ( 2247 m ). Den Weg hat Führer Enderlin auf eigene Initiative und durch eigene Arbeit erstellt, und er heißt darum billig Enderlin's Weg. Wir sind die Ersten, die den fertigen Weg begangen und gewissermaßen collaudirt haben. Er bietet für die Falknisbesteiger bedeutende Annehmlichkeiten und Vortheile und macht es auch führerlosen Touristen leicht möglich, sich zurechtzufinden. Enderlin hat also mit Anlage dieses Weges sehr wenig im eigenen Interesse gehandelt, wohl aber sich Anspruch auf den Dank mancher Falknisbesucher erworben. Enderlin's Weg ist jetzt von Maienfeld aus der kürzeste, bequemste, sicherste und aussichtsreichste. Ein rüstiger Steiger kann auf demselben in 4 Stunden die Falknishöhe erreichen und hat dabei fortwährend den herrlichen Blick auf Graubündens schönste und reichste Thallandschaft, auf das prächtige Gelände der Herrschaft mit den umstehenden Gebirgen.

Wie wir um den letzten Thurm herumbogen, um gegen das Fläscherfürkli aufzusteigen, trafen wir zwei weidende Gemsen, die aber bald für gut fanden, in fliegender Eile das Weite zu suchen. Bis zum Fürkli hatten wir trotz der frühen Jahreszeit ( 7. April ) „ apern " Boden gehabt. Nun aber folgten auf dem letzten Wegstück bis zur Spitze einzelne größere Schneeflecken, über die wir, da sie hart gefroren waren, leicht und rasch aufwärts kamen. Auch das Fläscherthal, das östlich gegen Stürvis hinunterhängt, war noch voll Schnee und seine See'n noch mit der winterlichen Eis- und Schneedecke überzogen, so daß wir durch dasselbe jedenfalls einen weit mühsamem und unfreundlichern Aufstieg gehabt hätten, so schön es sonst im Hochsommer dort ist. Um 9 Uhr, 4 Stunden nach dem Abmarsch in Maienfeld, betraten wir die Spitze.

Der Himmel war wolkenlos, die Luft dunstfrei, die Temperatur angenehm und die Aussicht wundervoll. Der Falknis ist ein sehr günstiger Aussichtspunkt. Als westlichster Pfeiler des Rhätikon ist er weit vorgeschoben und steht verhältnißmäßig frei; der Ausblick wird nicht durch benachbarte Höhen beschränkt und zeigt viel Abwechslung. Ein herrliches Gebirgspanorama wechselt mit prächtigen Thalbildern, zu den starren Eiswüsten gesellen sich die Stätten der Menschen und zu den eisigen Regionen des ewigen Schnee's die warmen Rebengelände der Herrschaft, und obwohl der Falknis nur von mäßiger Höhe ist ( 2566 ' " ), so dringt der Blick doch unmittelbar in eine Tiefe von 2000 m. Das freundlichste Stück der Aussicht ist unstreitig die Herrschaft und das Churer Rheinthal, dieser reiche Garten Graubündens mit seinen Städten und Dörfern, seinen Fruchtfeldern und Weinbergen, seinen Obstbaumpflanzungen und Wäldern und dem das Ganze wie ein mächtiges Silberband durchziehenden Rhein. Aber auch über die Grenzen Rhätiens kann man das Rheinthal noch weithin verfolgen und ebenso das Seezthal. Weniger gut zeigt sich das Prätigau, doch sind auch von diesem große Stücke sichtbar, namentlich im mittleren Theil. Aber mit dem Lieblichen vereint sich das Großartige! Ein weiter Gebirgskranz nimmt das Auge gefangen. Da thürmen sich die formenreichen Kalkstöcke des Rhätikon auf mit ihren gewaltigen Wänden und mauerartigen Abstürzen, darauf folgt die vergletscherte Silvrettagruppe, die sich in ihrer ganzen Ausdehnung vom dreigezackten Fluchthorn bis zu der mächtigen Pyramide des Piz Linard zeigt, dann die lange Front der Albulakette von den Wächtern des Flüelapasses bis-zu den Riesen des Oberhalbsteins ( Piz d' Aela, Tinzenhorn, Piz Michel ) und darüber hinaus der silberglänzende Hofstaat der Berninagruppe, deren Hauptgipfel vom Piz Cambrena bis zum Monte della Disgrazia alle deutlich zu unterscheiden sind. Auch das Bündner Oberland ( Adulagruppe und ihre Ausläufer ), die Tödikette, die Toggenburger und Appenzeller Berge ( Gonzen, Alvier, Churtirsten, Säntis etc. ) und die Vorarlberger Alpen haben große Contingente zur heutigen Heerschau gestellt, und zwar Alles in der glänzenden Uniform des von der Sonne beschienenen Winterschnee's. Selbst weniger hohe Gebirge, wie die Plessuralpen und die Vorberge des Rhätikon, dünken sich heute, da sie das Schneekleid noch nicht völlig abgelegt haben, groß und wichtig.

Es ist ein hoher Genuß, an solchen schönen Tagen auf freier Bergeshöhe zu stehen und den Blick über das weite Alpengebiet schweifen zu lassen, in demselben alte Bekannte aufzusuchen und sie von neuen Seiten, in neuen Gruppirungen, in veränderter Beleuchtung zu sehen und ibizii neue, bisher weniger beachtete Formen aufzufassen und dem Geiste einzuprägen; aber die Freude ist eine doppelte, wenn sie bei angenehmer Temperatur ungestört genossen werden kann, und sie ist eine dreifache, wenn sie nach langem, arbeitsvollem Winter Einem in so freundlicher Weise zu Theil wird. Wir gaben uns ihr darum auch lange hin und traten den Rückweg erst nach mehr als zweistündigem Aufenthalt um 11V* Uhr an.

Einige Rutschpartien brachten uns rasch zum Fläselierfürkli hinunter, von wo wir uns rechts hielten, um ob den Thürmen durch nach dem Gyr ( 2167 m ) zu traversiren. So konnten wir die Aussicht noch lange fast ungeschmälert genießen. Der Weg biegt hier in den vielen kleinen Töbelchen und den dazwischen liegenden Bergrippen vielfach ein und aus, erfordert der Steilheit der Gehänge wegen auch einige Vorsicht, bietet aber sonst keine Schwierigkeiten. Auf dem Gyr machten wir wieder einen halbstündigen Halt und freuten uns an dem Blick über die scheinbar senkrechte Felswand hinunter nach der Luziensteig. Dann ging 's links hinab unter den Thürmen durch nach den Bargtin und von da auf dem Weg, der uns zum Aufstieg gedient hatte, in 's Thal. Da wir nicht pressirten und da und dort einen kleineren Halt machten, so brauchten wir für den Abstieg 3l/2 Stunden und kamen also um 3 Uhr in Maienfeld an. Gar gut mundete uns nun der treffliche „ Maienfelder " aus dem wohlversorgten Keller Enderlin's. Dann nahmen wir mit einem herzlichen „ Gott dank Euch " und „ Auf Wiedersehn " Abschied von unserem lieben Führer und fuhren mit dem Abendzug zurück nach Schiers, aber mit dem Entschluß, bald wiederzukommen.

2. Das Gleckhorn. Wir kamen auch wieder! Es war am 18. Juli 1890, als wir wieder in Maienfeld eintrafen, um am folgenden Morgen womöglich eine größere Tour im Gebiet des Falknis anzutreten. Die Reisegesellschaft bestand diesmal aus Führer Enderlin, Herrn Anton v. Sprecher von Maienfeld und dem Berichterstatter. Die ganze Kette von der Luziensteig bis zur Kleinen Furka sollte begangen werden, wozu zwei oder drei schöne Tage genügt hätten. Aber so schön und vielversprechend das Wetter am 18. Juli war, am Morgen des 19. hatte es schon wieder umgeschlagen, und statt um 3 oder 4 Uhr konnten wir erst um 7^2 Uhr aufbrechen, und mit geringen Hoffnungen. Immerhin schien sich das Wetter während des Aufstieges wieder zum Bessern zu wenden; die Nebel verschwanden, die Wolken verzogen sich, und heiß, nur zu heiß, brannte die Sonne auf uns nieder, als wir über die Luziensteig nach Guscha und von da gleich weiter nach der Guscha-Alp stiegen. Tn Schweiß gebadet kamen wir hier an und waren froh, für ein Weilchen in einer Hütte Schatten und Kühlung zu finden und als Stärkung für den weiten Weg warme Milch zu bekommen.

Hier vernahmen wir auch, daß in Guscha nur noch drei Familien wohnen; mehrere Häuser stehen leer und verfallen allmälig. Zur Kirche geht man nach Maienfeld oder Fläsch, zur Schule ebenfalls. Doch müssen die Kinder den langen Weg, der im Winter natürlich auch sehr beschwerlich und nicht immer gefahrlos ist, nicht täglich zurücklegen, da sie finden Winter bei Verwandten in Maienfeld und Fläsch untergebracht werden. Um die Steilheit der Gehänge, an denen Guscha scheinbar klebt, zu illustriren und zu persifliren, erzählt man, daß die Hennen an ihren Füßen mit Hacken beschlagen und die Kinder angebunden werden, um nicht zu „ erfallen ". Auch kommen Unglücksfälle in Folge des steilen Bodens etwa beim Holzfällen, bei Heu- und Holztransporten, auf der Jagd und bei Lawinenschlägen häufig genug vor.

Nachdem wir uns ordentlich restaurirt hatten, schritten wir wieder rüstig die steilen Grashalden hinauf und erreichten den Kamm in der Nähe von Punkt 1719 m der Excursionskarte des S.A.C. für 1888/89, der aber nicht Mittelhorn heißt, wie auf dieser Karte angegeben ist. Das Mittelhorn ist der nördlichste Punkt des Guschagrates und ist auf unserer Karte weder mit einem Namen, noch mit einer Zahl bezeichnet, während ihm die österreichische Specialkarte, Blatt Bludenz und Vaduz, Namen und Höhenzahl ( 1897 m ) gibt. Am Mittelhorn biegt die Schweizergrenze, die über Punkt 1719 m ostnordöstlich streicht, nach Südosten um bis zum Rothspitz, der auf der Excursionskarte von 1888 ebenfalls unrichtig bei Punkt 1970 m, auf derjenigen für 1890/91 aber richtig und mit der Höhe von 2128 m angegeben ist. Wir hatten nun einen angenehmen Marsch über diesen aussichtsreichen Grat, auf dem uns ein Geißbube durch sein gewecktes Wesen und durch seine gescheidten und witzigen und doch auch wieder gutmüthigen Bemerkungen freute.Von Punkt 2150ln an wurde die Steigung wieder schärfer und der Grasboden wich allmälig dem Felsen. Doch konnten wir ohne nennenswerthe Hindernisse auf der Grenz- und Gratlinie bis zur Falknishöhe aufsteigen.

Die Aussicht war aber schon nicht mehr nach Wunsch. Die Thäler zwar zeigten sich in gewohnter Lieblichkeit und Schönheit, aber die Berge waren großentheils in Wolken gehüllt; nur da und dort tauchten einzelne Gipfel und Gruppen aus denselben hervor. Ohne uns aufzuhalten, stiegen wir zum Fläscherfürkli hinunter, um von da das noch wolkenfreie Gleckhorn in Angriff zu nehmen. Unter dem Punkt 2344 m durch, theils über Gras-, theils über Schuttboden, erreichten wir zunächst die Tiefe Fnrka ( 2243"> ), die uns einen prächtigen Blick in die Tiefe, in 's Glecktobel und in die Herrschaft gewährte. Nachdem wir unter Felsen Schutz suchend einen kleinen Strichregen hatten vorüberziehen lassen, schritten wir am Nordhang des Gleckhorns hin, meistens über Trümmerhalden und über einzelne Schneeflecken. Auch einige Felsrippen mußten überquert werden. Etwa beim k oderdes Namens Glec/c/iorn in der Karte fanden wir die Stelle, die uns den Aufstieg ermöglichte. Eine steil südwestlich ansteigende, theilweise beraste Bergkante führte uns ohne eigentliche Kletterei auf den Gipfel, den wir um 4'/2 Uhr erreichten.

Leider war die Aussicht nicht besser, als kurz vorher auf dem Falknis, doch konnten wir ihren Charakter genügend erkennen. Natürlich ist sie von derjenigen des nur wenig höhern Nachbarberges nicht wesentlich verschieden. Nur die nächste Umgebung und auch der Rhätikon zeigen ein etwas verändertes Bild. Imposant ist vor Allem der gewaltige Felsabsturz gegen das Glecktobel und gegen die Alp Bad, der nach jeder Seite mehrere hundert Meter beträgt und fast senkrecht zu sein scheint.

Nach einem etwa halbstündigen Aufenthalt traten wir den Abstieg an, und zwar zunächst auf derselben Route. Auf ziemlich gerader Linie erreichten wir so die Htitlen des Obersäß ( 1041 m ) im Fläscherthal. Diese Hütten sind der Obersäß der Fläscheralp, deren Untersäß Sarina heißt ( 1824 m ). Wir mußten auch hier wieder Schutz vor dem Regen suchen, der nun mehr und mehr den Charakter des Landregens annahm. In der Hoffnung, es könnte bis am Morgen doch wieder besser werden, gingen wir aber doch noch am Mittel- und Untersee vorbei und über der Alp Eck durch nach Jes, dem Obersäß der Maienfelder Alp Stürvis. Der von dieser Alp kommende Weg führte uns über.die sogenannten Stägen, d.h. mehrere in die Felsen eingehauene Stufen, längs dem prächtigen Wasserfall des Jesbaches hinauf zu den Hütten, die wir als Nachtquartier ausersehen hatten. Dieselben liegen auf schönem ebenem Thalboden inmitten des Felsencircus, der die Alp fast rings umschließt. Doch konnten wir diesmal die Schönheiten dieses Circus und seines Wiesengrundes nicht genießen, denn wir -kamen in strömendem Regen hier an und konnten nichts Besseres thun, als in einer der Hütten uns schleunigst einzuquartieren, was uns von den Sennen, so gut es ging, freundlichst gewährt wurde.

Wegen des unaufhörlichen Regens mußten wir endlich doch von der Verfolgung unserer Pläne abstehen und am dritten Tag den Heimweg über Stürvis, Ganey und Seewis antreten, so unangenehm der lange Marsch durch das nasse Gras, die wassergetränkten Sümpfe und über aufgeweichten und schlüpfrigen Boden auch war. Wir hatten auf dieser Tour wenigstens eines erreicht, die Besteigung des sehr trotzig aussehenden Gleckhorns, die vielleicht die erste touristische ist, wenn auch die Seewiser Führer berichten, daß dieser Berg schon früher einmal von Seewis aus bestiegen worden sei.

Ergänzungsweise sei hier noch darauf aufmerksam gemacht, daß, wie ich sowohl durch Augenschein, als von Jägern und Hirten weiß, das Gleckhorn auch über den Kamm, der vom Untersee des Fläscherthals geradlinig nach der Spitze zieht, bestiegen werden kann. So leicht geht es zwar nicht, wie man nach der Excursionskarte schließen sollte, denn der dort angegebene Rasenkamm ist durch Felsabsätze und Felszähne unterbrochen, die besonders im obern Theil dem Fortkommen einige Hindernisse in den Weg legen und stellenweise auch einige Vorsicht nöthig machen.

Ferner mögen hier einige wenige Notizen über die Alpen des durchwanderten Gebietes folgen, wie wir solche namentlich in Jes zu sammeln Zeit hatten.

Stürvis, Eck und Sarina sind ursprünglich drei getrennte Alpen von je zwei Sennthümern und darum auch mit je zwei Sennhütten und den dazu gehörigen Ställen ( Schärmen ). Zu diesen drei Hauptalpen, als den Untersäßen, gehören auch drei Obersäße, nämlich Jes zu Stürvis, Bad am Gleckkamm zu Eck und Radaufis oder das Fläscherthal zu Sarina E. Inihof.

mit ebenfalls je zwei Sennhütten, aber ohne Ställe. Wir haben also hier auf verhältnißmäßig kleinem Raum 12 Sennhütten, d.h. Hütten mit Sennerei ( großer Küchenraum ), Milch- und Käsekellern und Schlafraum für die Sennen und Alpknechte. Der letztere besteht freilich nur in je einem ziemlich engen Dachraum mit Heulager und einigen Decken. Die Alpen sind, wie überall im Prätigau, Gemeindealpen — Davos dagegen hat lauter Privatalpen — und ein Sennthum umfaßt meistens circa 100 Kühe. Das macht in unserm Gebiet also etwa 600 Kühe. Dazu kommen einige Pferde und Schweine und eine größere Anzahl von Schafen und Ziegen. Die Obersäße sind keine selbständigen Alpen, sondern nur Anhängsel der Unter- oder Hauptsäße, und sie werden von den gleichen Heerden abgeweidet, wie diese, und zwar im höchsten Sommer, meist Ende Juli und im August. Sind sie besetzt, so sind unterdessen die Unter-säße leer, und umgekehrt. Einkehren kann der Tourist in der Regel nur in einem besetzten Saß; in einem leeren findet er nichts. Auch sind die Lager in den Obersäßen meist schlechter als in den Untersäßen. In unsern drei Obersäßen sind sie aber noch ordentlich. Gegenwärtig ist die Eintheilung der Alpen im Falknisgebiet etwas anders, als oben angegeben. Da nämlich der Viehstand in Maienfeld gegen früher bedeutend abge- nommen hat und auch mehr Vieh über den Sommer im Thal behalten wird, so hat Maienfeld jetzt statt vier nur noch zwei Sennthümer von je etwas über 100 Kühen, und Eck ist mit Stürvis zu einer Alp vereinigt. Die Hütten von Eck stehen darum jetzt auch im Sommer leer, werden aber gleichwohl in gutem Zustand erhalten, so daß sie jederzeit wieder bezogen werden könnten. Als sie vor einigen Jahren durch Lawinen argen Schaden erlitten, wurden sie wieder aufgebaut und eingerichtet. Bad ist nur noch eine Galtviehalp und Jes ist Obersäß für die vereinigte Alp Stürvis-Eck. Die Hütten sind alle in gutem Zustand und ziemlich groß, so daß kleinere Touristengruppen im Hochsommer auch in den Obersäßen übernachten können, nur muß man sich dann etwas einschränken und bescheiden; dafür bezahlt man dann auch keine Hotelpreise.

3. Der Tschingel. Wenige Tage nach der Falknis - Gleckhorntour wurde dem Tschingel ( 2545 n, ) ein Besuch gemacht. Am 24. Juli waren Herr Zwicky und ich nach Seewis gekommen, um die bei uns jährlich wenigstens einmal wiederkehrende Scesaplanatour anzutreten. Im Hotel Scesaplana vernahmen wir durch Herrn Major Walser, daß noch andere Partien das gleiche Vorhaben hatten, darunter der Redactor des Jahrbuches des S.A.C., Herr Wäber, mit zwei Söhnen und Herr Bergwerk director Hilbeck aus Dortmund. Die mitgehenden Führer waren Martin Sprecher von Seewis und Fortunat Enderlin von Maienfeld. Es gab also große Gesellschaft und Aussicht auf ein fröhliches und anregendes Clubhüttenleben. Doch zogen wir nicht alle miteinander aus, Zwicky und ich gingen voraus und marschirten um I2V2 Uhr ab, weil wir unterwegs noch den Abstecher auf den Tschingel machen wollten. Ueber Ganey und Fasons stiegen wir in der Richtung auf die Kleine Furka bis zur Höhe von etwa 2100 m, bogen dann links um in das Thälchen des Augsten- berges, das uns mit geringer Mühe auf die Große Furka brachte ( 2367° ). Unterwegs beobachteten wir fleißig den Hornspitz, um eine allfällige Aufstiegsroute zu finden, die wir auch trotz des wilden Aussehens des Berges glauben entdeckt zu haben. Doch sind wir bis jetzt nicht dazu gekommen, dieselbe auch praktisch zu versuchen, und daran ist hauptsächlich das Wetter schuld. Aber aufgeschoben ist noch nicht aufgehoben.

Von der Großen Furka stiegen wir über den stellenweise ziemlich steilen und meist felsigen Nordgrat des Tschingel empor. Derselbe besteht aus ostwestlich streichenden und steil aufgerichteten dünnen Schieferschichten — nach Theobald mittlerer und oberer Jura — über deren schmale Kanten man hinwegschreiten muß, was bei der starken Verwitterung und Zerrissenheit des Grates an mehreren Orten einige Vorsicht erfordert, sonst aber keine Schwierigkeiten bereitet. Um 5 Uhr 15 Min. waren wir auf der Spitze, die uns mit einer ganz herrlichen Aussicht belohnte. Dieselbe ist derjenigen der Scesaplana sehr ähnlich, aber, der geringem Hölie entsprechend, etwas beschränkter, reicht aber doch bis zum Bodensee und zur Bernina. Schön ist besonders der Blick hinunter in 's Gamperdonathal mit der grünen Fläche des Nenzingerhimmels, und mächtig erheben sich die gewaltigen Felsenbauten der Scesaplana, der Drusenfluh und der Sulzfluh, von dem weiten, in der Abendsonne leuchtenden Bergkranz ringsumher gar nicht zu reden.

Um 6 Uhr begannen wir den Abstieg, und zwar über die Südostkante des Berges und durch die Mulde des Heuberges hinunter nach der Alp Fasons und von da weiter zur Schamellahütte, wo wir mit der oben genannten Gesellschaft zusammentrafen und mit ihr einen freundlichen Abend verlebten. Von der am folgenden Tag ausgeführten Scesaplana-besteigung will ich aber hier nicht erzählen, da ich im vorigen Band des Jahrbuches schon von einer solchen berichtet habe, die nur wenige Tage später erfolgte. ( Auf und um die Scesaplana, Seite 4 ff. ) Im gleichen Jahre kam ich noch einmal auf den Tschingel. Ich wollte eine Recognoscirung am Hornspitz vornehmen und wo möglich gleich ganz hinaufgehen, wagte es aber, da ich allein war, nicht und stieg statt dessen wieder über die Große Furka auf den Tschingel und dann von da über die Westkante nach dem Paß „ Auf den Platten " und nach Jes und Stürvis hinunter. Wir haben also am Tschingel drei Auf- und Abstiegsrouten: über den Nordost-, den Südost- und den Westgrat.

4. Der Naafkopf und die Grauspitzen. Fast ein Jahr verging, bis wir unsere Pläne in den Bergen von Jes ausführen konnten. Am 27. Juni 1891 begab ich mich über Seewis und Ganey nach Stürvis, nachdem ich Führer Enderlin davon benachrichtigt hatte in der Hoffnung, er werde ebenfalls kommen. Wäre er nicht gekommen, so hätte ich eine Solo-partie auf den Naafkopf unternommen und wäre dann über das Bettlerjoch in 's Saminathal gegangen und über Sücca und den Triesner Kulm wieder in die Kulturregion zurückgekehrt. Aber er kam, und zwar durch das Glecktobel und über die Alp Sarina. Dazu hatte er von Maienfeld kaum drei Stunden gebraucht, während ich von Schiers aus 3'/2 Stunden benöthigt hatte, nämlich 1 bis Seewis, lVa bis Ganey und wieder 1 bis Stürvis. Die Hütte, in der wir einkehrten, ist groß und bequem eingerichtet und enthält neben den gewöhnlichen Räumen noch ein besonderes, reiner gehaltenes Zimmer mit Tisch und Bänken, doch ohne Holzboden und Tafel und ohne Heizeinrichtung. Hier konnten wir unsere Sachen ablegen und den Abend im Verein mit den Sennen und Alpknechten zubringen. Mit geringen Kosten könnte man diesen Raum in ein angenehmes Gastzimmer verwandeln, um so leichter, als Maienfeld etwas weiter oben am Wallabach, zwischen Stürvis und Sarina und mitten in ausgedehntem Waldrevier, eine eigene Säge besitzt. Auch zu einer kleinen Wirthschaft würde dann wohl Rath werden.

Am Morgen brachen wir früh auf, um 3V2 Uhr, und machten uns über die Stägen hinauf nach Jes, trotzdem das Wetter wieder zweifelhaft geworden war und die Nebel überall umherstrichen. Von Jes führte uns ein wenigstens theilweise erkennbarer Weg über mehrfach mit Schutt überführte Grashalden rechts hinauf zu dem Paß „ Auf den Platten " oder „ In den Kellernen ", den wir um 43k Uhr erreichten. Hier staken wir nun in ziemlich dichtem Nebel, der uns jede Aussicht verwehrte, auch unsern weitern Weg und die kellerartigen Vertiefungen oder kleinen muldenförmigen Dolinen der Gegend verbarg, von denen der Paß den Namen hat. Diese Bodeneinsenkungen finden sich namentlich östlich vom Paß gegen den Tschingel und gegen das Tschingelthäli und heißen hier im Volksmund „ Kellernen ". Hinter Partnun, gegen Tilisuna, finden sich ähnliche Erscheinungen und die Vertiefungen heißen dort „ Gruben ". An beiden Stellen haben die vorbeiführenden Pässe nach diesen Vertiefungen den Namen, hier also „ Kellernenpaß ", dort „ Grubenpaß ", oder „ In den Kellernen " und „ In den Gruben ". Der letztere heißt auch „ Partnunpaß ", der erstere nach der plattenförmigen Absonderung der Felsen auf der Nordseite auch „ Auf den Platten ".

Trotz des Nebels schritten wir muthig weiter, dem Naafkopf zu, uns möglichst an den Grat haltend, der keine Schwierigkeiten bereitet und nur unbedeutende Gegensteigungen aufweist. Der Nebel wurde aber immer dicker und unheimlicher 5 wir sahen bald rein nichts mehr. Als wir dem Naafkopf schon nahe sein mußten, machten wir auf einem rundlichen Felsrücken Halt und hielten Kriegsrath, ob weiter zu gehen oder umzukehren sei. Da erschien uns durch den Nebel in scheinbar ungeheurer Entfernung und Höhe die wohlbekannte Form des Naafkopfs. Wir meinten im ersten Augenblick, uns tüchtig verirrt zu haben. Aber ein von Jes heraufkommender Wind fegte Wolken und Nebel in zwei bis drei Minuten sauber weg und der kurz vorher so entfernt und hoch scheinende Naafkopf stand nun unmittelbar vor uns, so daß wir ihn mit wenigen Schritten erreichen konnten. Es war 6 Uhr 15 Min., wir hatten also von Stürvis herauf 23,4 Stunden gebraucht. Bei hellem Wetter würden uns wohl 2114 Stunden genügt haben.

Jetzt hatten wir prächtigen Sonnenschein und eine wunderschöne Aussicht. Das Gebirgspanorama ist demjenigen des Falknis natürlich sehr ähnlich, aber der Blick in die Thäler und in die nächste Umgebung doch ziemlich verschieden. Man sieht tief hinab in die obern Theile des Samina- und Gamperdonathales mit den schönen, hüttenbesäeten Böden von Steg und St. Rochus, dann Stücke des Prätigau's und des Rheinthales mit Chur und weiter unten Buchs, Werdenberg, Grabs und Garns. An Gebirgen hat man vor Allem das ganze, weite Gebiet der Bündner Alpen: die stolze Reihe der Albulakette mit dem Piz Kesch als Centralstock, dem Piz d' Aela und Tinzenhorn einerseits, dem Flüela Schwarz- und Weißhorn andererseits als stattlichen Flügelmännern, darüber hinaus die blendend weiße Berninagruppe, rechts die ausgedehnten Massen des Bündner Oberlandes mit dem Rheinwaldhorn und seinen Trabanten, links die hörner-reiche und. schön vergletscherte Silvrettagruppe vom Piz Linard bis zum Fluchthorn und im Mittel- und Vordergrund das Plessurgebirge in schöner Gruppirung und den kühn gebauten Rhätikon mit seinen südlichen und nördlichen Vorbergen. Die Scesaplana vor Allem imponirt gewaltig mit dem senkrechten Absturz des Gipfels nach Norden und mit den colossalen, wild zerrissenen Wänden des Panüeler Schroffen, deren Charakter sich auch in den vielgezackten Ketten des Zimbaspitz und des Fundelkopf wiederholt. Im westlichen Ausschnitt des Horizontes schließen den Kreis die östlichen Theile der Tödikette mit der Sardonagruppe und den Grauen Hörnern, weiter draußen der Glärnisch und Mürtschenstock und endlich die Alvier-Churfirstenkette und die Appenzellerberge mit Säntis und Alt-mami. Gewiß ein Panorama von großer Erhabenheit und Schönheit und wohl werth, dem so leicht und auf verschiedenen Wegen zugänglichen Naafkopf eine größere Zahl von Besuchern zuzuführen.

Um 7 Uhr 15 Min. machten wir uns wieder auf den Weg, denn wir hatten viel noch im Sinn. Durch den Schwarzen Gang, von Punkt 2498 m gegen das Weiß Sand, stiegen wir hinunter in den Hintergrund von Jes. Der Gang ist interessant, führt über Felsenstufen und stellenweise über kleinere Schutthalden und sogenannnte „ Härtelen " oder „ Härdelen ", d.h. erdige, aber unbewachsene Stellen — Härd = Erde — westlich und nordwestlich an den Südwänden des Naafkopfs hinunter, mit den Felsen mehrfach ein- und ausbiegend und vielleicht nicht für Jedermann passirbar. Vom Weiß Sand weg überschritten wir mehrere Felsrippen und stiegen dann auf einer derselben westlich hinauf zum Punkt 2391 m. Die Felsrippen waren schneefrei, die kleinen Thälchen dazwischen aber mit ziemlich weichem Schnee erfüllt. Von Punkt 2391 m an führte uns der Grat nordwestlich an den hintern Grauspitz, den wir an seinen Südflanken auf schmalen Felsbändern traversirten, um die Einsattelung zwischen beiden Spitzen zu erreichen. Die Felsbänder werden gebildet durch die einander treppenförmig ablösenden Schichtenköpfe der hier auf kurzer Strecke westlich fallenden rothen, weißen, grauen und dunklen Kalkschichten und bieten überall guten Stand und Griff, erfordern aber Schwindelfreiheit und einige Beherztheit. Am meisten Schwierigkeiten bereitete ein Couloir, das wir abwärtskletternd überwinden mußten. Vom Sattel kamen wir dann mit leichter Mühe und in wenigen Minuten um 10 Uhr 15 Min. auf den vordem Grauspitz, der mit 2601 m der höchste Punkt der Falkniskette ist. Wir hatten also vom Naafkopf an mit Einschluß von 45 Minuten für Rasten genau 3 Stunden gebraucht.

Die Aussicht ist mit Ausnahme der nächsten Umgebung von derjenigen des Naafkopfs und des Falknis so wenig verschieden, daß sie hier nicht weiter braucht geschildert zu werden. Nur die schönen Blicke in die umliegenden Alpthäler Jes, Radaufis, Samina und Laveina seien besonders erwähnt, sowie die prachtvollen Schichtenverbiegungen, die die Felsen in diesem Gebirgstheil aufweisen und die in Folge der verschiedenen Färbung ( roth, weiß, braun, hell- bis dunkelgrau und schwarz ) der Jura- und Seewenschichten ein deutlich gebändertes Aussehen erhalten.

Um 10 Uhr 45 Min. wandten wir uns dem hintern Grauspitz zu und erreichten. denselben, großentheils auf dem Grat marschirend oder kletternd, um 11 Uhr 15 Min. Hier fanden wir eine Flasche, aber keinen Zeddel. Diese Spitze ist also schon früher bestiegen worden, nur ist unbekannt, von wem. Auf dem vordem Grauspitz fanden wir keine Spuren einer frühern Besteigung.

Der oberste Theil des Laveinathals — auf der Excursionskarte fälschlich Lauenenthal — gegen die Grauspitzen hinauf heißt Temerathal, nicht Pemerathal wie auf der gleichen Karte steht. Dasselbe wird gegen Samiua begrenzt durch das aus der Nähe des hintern Grauspitz herabziehende Temeragrätli, welches die Kette der Drei Schwestern oder die Saminakette mit dem Rhätikon verknüpft. Ueber dieses Grätchen stiegen wir nun hinunter bis gegen den Punkt 2360 m und sausten dann in einer lustigen Rutschpartie mehr als 400 m tief über die schneeigen Hänge westlich hinab in 's Thal. So waren wir bald wieder aus der Region des Schnee's heraus, der in den nördlich geneigten, schattigen Thälern noch bis unter 2000 "'und stellenweise bis unter 1800 m reichte, während die südlichen Thäler die sonnigen Gräte alle schneefrei waren. Aus dem Temerathal marschirten oder stolperten wir, je nach der Beschaffenheit des Bodens, über theilweise sehr steile Schutt- und Grashalden um den Nordfuß des Falknis nach Westen und dann wieder hinauf auf den Mazoura- oder Guschagrat, den wir um 2 Uhr erreichten. Eine kurze Rast auf der sonnigen Höhe, die gerade im prächtigsten, farbenreichsten Blumenschmuck prangte, war nach den Anstrengungen der letzten zwei Stunden und vor dem uns bevorstehenden kniebrechenden Marsch über die steilen Gras- und Waldhalden hinunter nach Guscha, Luziensteig und Maienfeld gerade kein Luxus mehr und ebenso wenig die zwei Fläschchen, die wir uns auf der Steig verschrieben. Bis Guscha direct westlich, wenn nöthig im Zickzack, absteigend und von da nach der Steig wählten wir die kürzesten, dafür aber auch steilsten Wege und schritten rasch und kräftig aus. Dann aber nahmen wir es etwas gemächlicher, da wir bis zur Abfahrtszeit des Zuges, der mich wieder nach Schiers zurückbringen sollte, alle Zeit hatten. Enderlin hatte nicht genug daran, mir ein ausgezeichneter Führer gewesen zu sein, zum Schluß war er mir auch noch ein aufmerksamer Wirth, beides nicht um Geldes willen, sondern aus treuer Freundschaft und weil ihm das Wandern selber der schönste Lohn ist, wie dem Sänger das Lied. Ehre solchen Männern!

5. Ueber den Vilan nach Maienfeld. Am schnellsten und bequemsten erreicht man Maienfeld von Schiers aus natürlich per Schmalspur- und Normalbahn über Landquart. Schöner ist eine Fußwanderung über Malans und Jenins. Der schönste Weg nach Maienfeld führt aber über das Gebirge, speciell über den Vilan, denn er bietet reichlichen Genuß, prächtige Gebirgs- und Thalbilder und dabei nicht die geringsten Schwierigkeiten. Es ist, wie man hier bezeichnend sagt, eine „ Spazier-reise ". Ich habe die Tour wiederholt und mit verschiedenen Variationen ausgeführt, das letzte Mal am 1. November 1891 mit Herrn Dr. Flury und Herrn Zwicky, gleichsam zum Schluß der Saison, denn daß wir 8 Tage später noch die Todtalpgruppe würden durchwandern können, hätten wir damals nicht gedacht. Wir brachen um 6 Uhr Morgens in Schiers auf und erreichten Seewis etwas nach 7 Uhr. Der Fußweg von Grüsch nach Seewis führt an den zerfallenen, aber immer noch mächtigen und sehenswerthen Ruinen der Burg Solavers vorbei, ist aber meistens steil, dazu sehr steinig und holperig und überhaupt in sehr vernach-läßigtem Zustand. Ohne Aufenthalt in Seewis stiegen wir gleich weiter, zuerst längere Zeit rechts, dann links haltend, um die Steigung über die im Ganzen ziemlich steilen Grashalden zu vertheilen. Unser Weg führte uns über die Punkte 1115, 1268, 1573, 1911 und 2200 m auf die Spitze. Wir hatten von Schiers aus mit Einschluß einer mehr als halbstündigen Rast 4]/2 Stunden, vom Fuß des Berges aus 4 Stunden gebraucht. Bald nach unserer Ankunft auf der Spitze stieß ein Herr Langenegger zu uns, der von unserer Tour vernommen hatte und uns nachgeeilt war. Er hat von Schiers aus 3¼, von Grüsch aus 3 Stunden gebraucht, ist aber auf einer directern Linie angestiegen, nämlich von Seewis über Punkt 1115 m, dann längs dem Sägenbach nach dem Maiensäß Fromaschan ( 2063 m ) und über Punkt 2200 m. Die gleiche Zeit hatte ich einige Monate früher gebraucht, als ich allein auf demselben Weg aufstieg, um mit Führer Enderlin und einigen Churer Clubisten auf dem Vilan zusammenzutreffen. Enderlin war damals durcb/s Glecktobel und über die Punkte 2039 m ( Kamm ) und 2178 m, die Churer von Malans an der Ruine Wyneck vorbei, dann über das Hocheck ( Heuberg, Unter- und Oberälpli ) und ebenfalls über Punkt 2178 m aufgestiegen. Erwähnen wir noch den Weg von Jenins an der Ruine Aspermont vorbei und über die Jeninser Alp Ortensee, sowie den von Fadera ( westlich hinter Seewis ) über die Maiensäße Can-schiersch, Larnoz und Matär, so haben wir die Hauptwege bei einander.

Die Aussicht auf dem Vilan ist sehr schön, namentlich fesselt der Blick in 's Prätigau und in 's Rheinthal. Das erstere überschaut man in seiner ganzen Länge bis Klosters, das letztere von oberhalb Chur bis Sargans. Das Seezthal erscheint wie eine Fortsetzung des Rheinthals, was es ja einmal auch war. Als wir im Juni oben waren, fand in Chur gerade das kantonale Schützenfest statt, und wir hörten deutlich die 22 Kanonenschüsse, mit welchen die von Maienfeld herkommende Kantonal-falsne begrüßt wurde. Auch die Gebirge ringsum präsentiren sich in schöner Gruppirung; in der Nähe die das Prätigau, Rheinthal und Seezthal einschließenden, in der Ferne die mächtigen Massen der Silvretta- und Albulakette und über letztere hinaus in glänzender Firnenpracht die stolzen Häupter der Berninagruppe. Es ist doch ein weites Gebiet vom Säntis bis zum Bernina und von der Silvretta- bis zur Adulagruppe!

Den Abstieg nahmen wir über die Alp Ortensee, den Kamm und das Glecktobel nach Maienfeld. Bis zum Gleckkamm ( 2074 m ) geht 's angenehm über mattengrüne Hochflächen, die sich sanft nach Osten abdachen, nach Westen zum Rheinthal aber in meist steilen und wildzerklüfteten Schieferwänden abbrechen. Am Gleckkamm machten wir einen längeren Halt, um den Blick in das liebliche Rheinthal und auf die schönen Alpen länger zu genießen und die gewaltigen Wände des Gleckhorns, die in kühnen Formen und mit wunderbaren Scbichtenver-biegungen sich vor uns aufthürmen, anzustaunen. Die Stelle fesselt auch durch ansprechende Bilder aus Geschichte und Sage. Dort unten liegt Stürvis, jetzt eine Alp, einst aber ein freundliches Bergdörfchen mit eigenem Kirchlein, dann im Anfang des 16. Jahrhunderts von seinen Bewohnern verlassen, die, der Abgeschiedenheit, der langen und strengen Winter und der weiten und beschwerlichen Wege überdrüssig, nach Maienfeld zogen und sich dort einbürgerten. Nach andern Berichten soll das Dörfchen zur Pestzeit ausgestorben sein. Hier aber in unserer unmittelbaren Nähe, zu oberst im Glecktobel, finden wir den Ellystein, dessen traurige Geschichte im Itinerar für 1890/91, Seite 16-17, nachzulesen ist. Wenige Schritte unter uns ist auch eine schöne Quelle, das Kalte Bad, „ ist auch würklich ein kaltes Bad an einem Berg zu, under einem pochen Felsen, ist eine enge und nicht tiefe Grub, mit Wasser angefüllet. Dahin begeben sich jährlich von unterschiedlichen Orten her Leuth, die an der Sciatic laboriren oder das Hüft-Weh haben, sich darinnen zu baden, sie mögen aber keine wegen übernatürlicher Kälte eines Vaterunser lang darinnen erleiden, etwelchen hat es geholfen, etwelchen auch nicht ". ( Sererhard, Einfalte Delineation. ) Im obern Theil des Glecktobels findet sich ein ziemlich großes Gypslager, das man an der Farbe schon aus einiger Entfernung erkennt und das zeitweilig abgebaut wurde. Unterhalb desselben ist der Weg, der durch 's Tobel führt, durch eine große, von der linken Thalseite gekommene Rufe auf eine längere Strecke verschüttet, dann aber ist er wieder gut und führt meist durch schönen Wald hinunter gegen die Luziensteig und nach Maienfeld. Wir kamen bald nach 41/a Uhr hier an und hatten, da der Zug nach Landquart und in 's Prätigau erst um 6 Uhr abfuhr, noch ordentlich Zeit zu einem gemüthlichen Zusammensitzen mit dem gastlichen Führer Enderlin.

In Schiers aussteigend vernahmen wir die traurige Kunde von dem schweren Brand Unglück, dem an diesem für uns so schönen Tag das schmucke Meiringen zum Opfer gefallen war. Auch wir hatten auf dem Vilan und auf dem Weg nach dem Glecktobel den Föhn gespürt. Aber wie ganz anders muß er in Meiringen aufgetreten sein! Wir empfanden ihn in der Höhe als einen mäßig starken und kühlen Wind, in der Tiefe des Haslithal8 aber wüthete er als ein Verderben bringender Gluthwind!

Werfen wir zum Schluß einen kurzen Rückblick auf das Gebiet, dessen Begehung hier dargestellt wurde, so müssen wir sagen, daß das Falknisgebiet sich neben den andern Stücken des Rhätikon wohl sehen lassen darf. Tschingel, Naaf köpf und vor Allem der Falknis gehören zu den schönsten Aussichtspunkten des Rhätikons und des Prätigau's und dürften darum weit mehr besucht werden, als dies thatsächlich geschieht. Dazu kommt die leichte Zugänglichkeit dieses Gebirgstheiles, die Möglichkeit, die Routen bei Auf- und Abstieg in der mannigfaltigsten Weise zu combiniren, und die geringen Schwierigkeiten und Gefahren, mit denen hier der Wanderer zu rechnen hat, was aber nicht ausschließt, daß es auch Partien gibt, die hohe Anforderungen an Kraft und Ausdauer, an Schwindelfreiheit und Geschicklichkeit, an Muth und Vorsicht stellen. Von unternehmenden Bergsteigern und gewandten Kletterern könnte auch noch die Lösung neuer Aufgaben versucht werden, wie etwa der Aufstieg vom Jesfürkli auf den Naafkopf, der Uebergang vom Falknis auf die Grauspitzen und zum Jesfürkli mit möglichst geringer Abweichung vom Grat, endlich der Aufstieg von Maienfeld durch 's Glecktobel und über die Gleckwand hinauf direct zur Tiefen Furka und von da auf das Gleckhorn. Dieser letztere Aufstieg ist zwar vor Jahren einmal von einem Maienfelder Jäger gemacht worden, aber seitdem soll sich das Terrain verschlimmert haben, und es ist der Aufstieg nicht mehr versucht worden oder doch nie mehr gelungen. Dem Falknis wäre vielleicht auch von der Nordseite, von Laveina oder Mazoura, beizukommen, wenigstens gibt es dort einen „ grünen Gang ", der von den Jägern benutzt wird und der weit hinaufführt. Auch der Hornspitz ist auf der Schweizerseite noch von keinem Touristen bestiegen worden, obwohl die Besteigung recht gut möglich wäre. Wer in die Gegend kommt, geht eben lieber und zwar mit Recht auf die Scesaplana, zur Ausnahme einmal auf den Tschingel, aber der im Hintergrund versteckte und in seinen wilden Formen nicht gerade einladende Hornspitz bleibt unbeachtet. Meine eigenen Absichten auf den Berg wurden bis jetzt mehrmals durch die Ungunst der Witterung vereitelt. Ich hoffe aber auch da: „ Nit nahla gwinnt !"

B. Hcheieufluh und Sul/Hiih.

Als ich im Sommer 1890 die Partnunerberge besuchte, hatte ich im Sinn, dieselben planmäßig und vollständig zu begehen. Der erste Tag war für eine Wanderung über ein reines Schiefergebirge — Schiers, Stelserberg, Kreuz, Aschüel, Kühnihorn, Schafberg, Garschinafurke, Partnun — bestimmt, der zweite Tag für eine Gratwanderung, gewürzt mit einigen Klettereien über den rein krystallinischen, vielzackigen Kamm vom St. Antönierjoch bis zum Aeußeren Gweilkopf, in Aussicht genommen, den dritten Tag gedachte ich den wilden und imposanten Kalkformen der Scheienfluh und der Sulzfluh und endlich den vierten Tag dem Madrishorn und seinen Trabanten, die in geologischer Beziehung Schiefer-, Kalk- und Urgebirge in sich vereinigen, zu widmen. Die zwei ersten Tage verliefen bei schönem Wetter auch ganz programmgemäß] ), die zwei andern aber fielen des strömenden Regens wegen buchstäblich in 's Wasser. Da es zugleich meine letzten Ferientage waren, so mußte der Rest des Programms aufs nächste Jahr verschoben werden. Dieser Rest ist nun, trotz manchen durch das Wetter bewirkten Hindernissen, zum großen Theil nachgeholt worden. Da aber unser Sectionsmitglied A. Ludwig bereits über den Madrisastock referirt hat2 ), so beschränke ich mich in meinem Bericht auf die Scheien- und Sulzfluh.

1. Scheienfluh. Am 19. September 1891 hatte ich mich, erst Nachmittags von Schiers aufbrechend, über den Stelserberg, den Fajunkawald, Aschtiel und St. Antönien nach Partnun begeben. Etwas nach mir traf auch Herr Pahl aus Schiers, Mitglied unserer Section des S.A.C., mit einem Begleiter, von Küblis kommend, in der von Herrn Pleisch trefflich geführten Pension Sulzfluh ein. Es war mir sehr angenehm, daß diese beiden Herren ihre noch etwas unbestimmten Pläne zu Gunsten des meinigen aufgaben, denn nun brauchte ich mein Vorhaben nicht allein auszuführen. Am folgenden Morgen brachen wir um 4 Uhr gegen Plassecken auf. Hier interessirten uns besonders die großen, trichterförmigen Löcher, in welchen die Bäche der dortigen Gegend verschwinden, um dann unter dem Graustein durch ewig verborgene Wege zu wandeln. Es ist das auch eine jener merkwürdigen Erscheinungen, an denen unser Gebiet so reich ist und die der Geologie und physikalischen Geographie desselben erhöhtes Interesse geben. Man sehe z.B. nach über die Doline am Schweizerthor im vorigen Jahrbuch des S.A.C. Seite 8, über den Lünersee in meinem Itinerar Seite 21, über die Sulzfluhhöhlen ebenfalls im Itinerar Seite 34 bis 37, über die Geologie des Excursionsgebietes überhaupt ebendaselbst Seite 123—141, über Erdpyramiden in Ludwig's Aufsatz in diesem Jahrbuchetc.

Vom obersten Trichter stiegen wir nordwestlich über steile Grashalden zwischen herabziehenden Felsrippen direct auf die Mittelfluh ( 2342 m ) hinauf, dann über den Kamm des Berges mit einigen Gegensteigungen bald über kahle Felsplatten, bald über mit Schutt untermischten Grasboden zum Schaf läger ( 2487 m ) und über Punkt 2543 m zum südlichen Gipfel der Scheienfluh ( 2628 m ), wo wir um 6 Uhr 20 Min. ankamen und bis 7 Uhr verweilten. Auf dem Wege hieher waren uns einige mächtige Spalten aufgefallen, in der Gestalt nicht unähnlich gewaltigen Gletscherschründen. Die Aehnlichkeit wurde noch erhöht durch die Beschaffenheit der Felsen, die bald weißschimmernden, bald schmutzig angelaufenen, zerschründeten und an der Oberfläche unregelmäßig wellenförmig gestalteten Gletschern vielfach täuschend ähnlich sahen. Die größten Felsspalten durchzogen den Berg in geraden und krummen Linien der Länge nach von Norden nach Süden, kleinere trafen in allen Richtungen auf die Hauptspalten. An mehreren Orten sah es aus, als wäre der Berg bis tief in sein Inneres förmlich zerspalten und als wären dicke tafelförmige Platten in der Ablösung begriffen, um später westlich gegen den Partnunersee in die Tiefe zu stürzen. Auch konnten wir von oben herab an den senkrechten Wänden deutlich solche durch Klüfte vom übrigen Berg getrennte Tafeln erkennen, die aussahen wie sich ablösende Rindenstücke. Der Scheienzahn ist wohl ein solches durch die Verwitterung stark zerstörtes und gar eigenthümlich geformtes Rindenstück. An andern Stellen sieht man die verhältnißmäßig frischen Abbruch- und Ablösungsflächen, während die zugehörigen Rindenstücke schon in die Tiefe gestützt sind und in Blöcke zerbrochen auf der großen Schutthalde liegen. Der Blick über die gewaltigen Westwände hinunter in das Reich der Zerstörung ist grandios und schauerlich, fesselnd und doch wieder abschreckend.

Der Uebergang zur nördlichen und höchsten Spitze ( 2630 m ) machte uns ordentliche Schwierigkeiten. Auf dem Grat selber war er nicht möglich wegen einem tiefen, senkrechten Einschnitt zwischen den beiden Spitzen. Wir hätten nun etwas südöstlich absteigen und dann rechts unter den obersten Felsabsätzen durchgehen sollen, um schließlich wieder nordwestlich anzusteigen, dann hätten wir gar keine Schwierigkeiten gehabt und wären rascher vorwärts gekommen. Aber wir waren mit Suchen zu weit nordöstlich hinunter gerathen und stiegen nun nicht gern wieder auf, um in einer andern Richtung abzusteigen. Wir erzwangen darum den Abstieg in der einmal eingeschlagenen Richtung, mußten darum aber einige schwierige Passagen machen, namentlich zwei enge Felskamine hinunterklettern und auf schmalem Band uns um eine vorspringende Berg- kante herumschwingen. An einigen Stellen waren unsere Arme und Beine fast nicht lang genug, um die betreffenden Kletterkünste auszuführen, der Abstand zwischen gutem Griff und sichern! Tritt mehr als einmal fast zu groß, und es war gut, daß wir zu Dreien waren und uns gegenseitig helfen konnten. Einmal etwa beim w des Namens Scheienfhth in der Karte angekommen, hatten wir alle Schwierigkeiten überwunden und konnten auf deutlich vorgezeichneter Bahn über Schutt und Fels zur höchsten Spitze aufsteigen, die wir um 7 Uhr 40 Min. erreichten.

Die Aussicht ist nicht sehr umfassend, man sieht zwar wohl noch die höchsten Spitzen der Silvrettagruppe und der Albulakette, erhält aber doch keinen Ueberblick über diese zwei Gebirgsmassen, und es fehlen im Bild wichtige Punkte, wie z.B. der Piz Buin und der Piz Kesch, die durch die Litzner- und die Madrisagruppe verdeckt werden. Eigenartig ist aber die nächste Umgebung, und es herrscht hier das Großartig-Schauerliche, das Wild-Erhabene entschieden vor, besonders beim Blick auf die Sulzfluh und auf die Scheienfluh selber, sowie auf den zwischenliegenden Grubenpaß. Doch mischen sich in das vorwiegend düstere Bild auch einzelne freundliche Züge, besonders vertreten durch den Partnuner-und den Tilisunasee, das grüne Thal von St. Antönien und die sanften Formen der Vorberge des Rhätikon.

Da wir keinen Steinmann vorfanden, so errichteten wir selber einen und übergaben ihm einen Zettel mit unsern Namen. Dann traten wir um 8 Uhr 30 Min. den Abstieg gegen Tilisuna an, und zwar genau auf dem Grenzkamm bis zum Grubenpaß ( 2235und von da nach dem Fürkli bei 2222'°. Dieser Abstieg bot keine nennenswerthen Schwierigkeiten, erforderte aber an einigen Stellen der stark ausgebildeten Schratten wegen behutsames und langsames Gehen. Um 9 Uhr 50 Min. waren wir in der Tilisunahütte, wo wir zu unserer Freude und Verwunderung den von Herrn O. v. Pfister im letzten Jahrbuch des S.A.C. ( Seite 66 ) todt-gesagten Papa Marent antrafen. Er ist weit über 70 Jahre alt, geht aber doch noch jedes Jahr mehrmals und ohne sichtbare Anstrengung auf die Sulzfluh, oder macht seinem Nachbar Pleisch in Partnun, der auch kein heuriges Iläslein mehr ist, einen Besuch, unterhält einen Theil des Weges dorthin und holt weit unten im Gampadelzthal das für die Hütte nöthige Holz herauf. Gewiß Proben von großer Rüstigkeit für einen hohen Siebenziger. Wir haben uns gut unterhalten mit ihm und bei Gesang und Guitarrenspiel einige fröhliche Augenblicke hier zugebracht.

2. Sulzfluh. Um 11 Uhr 20 Min. nahmen wir wieder Abschied von der gastlichen Hütte und ihrem gemüthlichen Alten und schritten der Sulzfluh zu. Der Aufstieg ist hier sehr leicht und führt ungefähr längs der Landesgrenze über ein meistens ziemlich sanft ansteigendes Felsplateau, das nur da und dort von einigem Schutt bedeckt oder von mehr oder weniger ausgebildeten Schratten durchfurcht ist. Tn größern Ver- 53E. Imhof.

tiefungen und Gräben finden sich immer, auch im Hochsommer, die Reste von zusammengewehtem Schnee. Der ganze Weg ist sehr aussichtsreich und bietet auch dem Naturforscher manche interessante Erscheinung, wie Rundhöcker, Gletscherschliffe, Schratten, hie und da eine undeutliche Versteinerung, einige genügsame kalkliebende Pflanzen. Doch ist die Flora äußerst spärlich vertreten; wir befinden uns in einer ausgesprochenen Berg- und Felswüste, die sich vom Plasseckenpaß bis zur Todtalp der Scesaplana ausdehnt. Gerade dieser wüstenartige Charakter mit seiner lautlosen Stille und mit den Bildern des Todes und der Zerstörung, diese nackten und starren Felsenmassen verleihen diesen Gebirgen einen eigenartigen Reiz, etwas Großes nnd Imposantes. Nach Ueberschreitung des weiten Felsplateau's tritt man gerne für eine kleine Weile auf das Gletscherchen, das Einen, fast immer mit tragendem Schnee bedeckt, leicht zur obersten, wiederum kahlen nnd arg verwitterten Spitze bringt. In wenigen Minuten ist auch diese erstiegen. Um 1 Uhr 10 Min. standen wir beim Steinmann und hatten also von der Tilisunahütte an eine Stunde und 50 Minuten gebraucht.

Es war ein prächtiger Tag, sonnig und warm, der Himmel ungetrübt blau und der Horizont rein, darum auch die Aussicht vollkommen und uneingeschränkt. Vom Bodensee und den Appenzeller Bergen bis zur Berninagruppe und vom Bündner Oberland bis zur Oezthalergruppe lag das schöne Alpenland vor uns ausgebreitet da. Eine Gruppe löst die andere ab, eine Kette folgt der andern in unendlicher Mannigfaltigkeit. Die Albulakette vom Flüelapaß bis zum Splügen, die Silvretta- und die Berninagruppe erscheinen in ihrer vollen Majestät und Schönheit mit allen ihren Hauptgipfeln, nicht mehr nur verkümmert und stückweise wie noch auf der Scheienfluh. Auch die Tödikette präsentirt sich gut, besser als von der Scesaplana, aber doch nicht so gut, wie etwa vom Hochwang. Nach Norden und Nordosten reicht der Blick über die Vorarlberger Höhen und die Fervalgruppe bis zu den Algäuer und Bayerischen Alpen mit der Mädele Gabel, der Zugspitze u.a. An Thälern aber sieht man außer dem Gauer- und St. Antönierthal nicht viel, kleine Stücke nur des Prätigau's, des Kheinthals und des Silberthals mit dem dörfer- und liäuserbesäeten Bartholomäusberg. Merkwürdig ist die schöne, regelmäßige, halbkreisförmige Moräne, welche die mächtige Ganda am Südfuß der Sulzfluh begrenzt und von der einstigen Existenz eines gewaltigen Gletschers erzählt. Sie ist auf der Excursionskarte deutlich eingezeichnet und erreicht ihr Südende bei 2052 m Höhe. Eines der anziehendsten Details des weiten Gebirgskranzes ist die Drusenfluh, die wie eine kahle Felseninsel aus dem grünen Meer der sanftwelligen Formen der südlichen und nördlichen Vorberge hoch aufragt.

Nach einer genußvollen Stunde verließen wir den schönen Punkt um 2 Uhr 10 Min. und rannten in förmlichem Wettlauf durch das Schutt- erfüllte Gemstobel hinunter zum Partnunersee und zur Pension Sulzfluh, die wir schon um 3 Uhr 20 Min., also 70 Minuten nach dem Verlassen der Spitze, erreichten. Hier hatten wir noch Zeit zu einem Plauderstündchen mit Vater Pleisch und zu einer wohlverdienten Restauration. Dann ging 's wieder in Eilmärschen hinaus nach Küblis, das wir in 2'/4 Stunden erreichten und von wo uns der Abendzug wieder nach Schiers brachte.

C. Von der Maienfelder Furka nach dem Strelapass.

Im Juli und August 1890 hatte ich mit meiner Frau und meinem Schwiegervater, Herrn Egli-Sinner aus Bern, mehrere kleinere und größere Touren im gegenwärtigen Clubgebiet und in der Silvrettagruppe ausgeführt. Bei dieser Gelegenheit waren wir am 16. August auch nach Davos gekommen, wo vom 18. bis 20. August das Fest der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft stattfinden sollte. Ich wollte an demselben theilnehmen, mußte also für einige Tage das frohe Wandern einstellen und die Beiden allein weiterziehen lassen. Sie wollten noch Arosa besuchen und dann über die Hochwangkette nach Schiers zurückkehren. Bis zur Maienfelder Furka konnte ich sie noch begleiten und damit eine schöne Gratwanderung verbinden. Wir brachen um 5 Uhr von Davos Platz auf und erreichten die Furka über Frauenkirch und die Kummeralp um 9 Uhr. Nach einer einstündigen Rast trennten wir uns hier. Meine Reisegefährten stiegen über die Furkaalp ( Obersäß ), die den Maienfeldern gehört — daher der Name Maienfelder Furka für den Panach Arosa, gingen am Abend hinaus nach Langwies und am folgenden Tag über das Matlishorn und den Glattwang nach Jenaz und Schiers.

Ich aber wandte mich dem Furkahorn ( 2728ra ) zu, das ich über Trümmerhalden und Felsplatten im Ganzen nordwestlich ansteigend um 10 Uhr 30 Min. erreichte. Der Aufstieg hatte mir weniger Mühe gemacht, als ich gedacht hatte. Die Trümmer sind ziemlich großblockig und die Zwischenräume mit feinerem Kies ausgefüllt, die Platten auch nicht sehr steil, so daß man leicht darüber wegschreitet. Größere Felsabsätze, die zu überklettern wären, sind nicht vorhanden oder lassen sich umgehen, resp. in kleinen, kaminartigen Verwitterungsfurchen überwinden. Mehr Mühe machte mir der Uebergang vom Furkahorn nach der Thiejerfluh, besonders das erste Stück desselben. Der Kalk- und Dolomitkamm ist hier außerordentlich zerrissen und auf 's Wildeste verwittert. Auch fällt er nach beiden Seiten sehr steil ab. Allein ich ging frisch an 's Werk. Das half; zwar waren einige Winkelzüge und kleinere Klettereien nöthig und hie und da wäre ich lieber zu Zweien oder Dreien gewesen, als so ganz allein. Doch kam ich ziemlich rasch und ohne Unfall vorwärts, nur einige Kisse und Kritze in den Händen erinnerten an die scharfen Kanten des Gesteins. Wie das erste, so bietet auch das letzte Stück des Grates einige nicht ganz leichte Stellen, darunter ein kurzes, gewundenes Kamin, durch das man auf allen Vieren hinaufklettern muß, ferner einzelne griesgrämig aussehende und drohend dastehende Felsbrocken und Thürmchen, die aber bei einiger Vorsicht nur Abwechslung und Kurzweil bieten. Um 11 Uhr 20 Min. hatte ich den großen Steinmann erreicht, der die Spitze des Berges krönt.

Thiejerfluh und Furkahorn dürften übrigens recht wohl zusammen als nur ein Berg, als ein großer Dolomitstock aufgefaßt werden, dessen zwei Gipfelpunkte durch einen scharfen, zackigen Felsgrat mit nur schwacher Einsattelung in der Mitte verbunden sind. Soll von dem doppelgipfeligen Berg als von einem Ganzen die Rede sein, so mag man ihn nach der nördlich vorliegenden Alp und nach dem höhern Gipfel als Thiejerfluh ( im weitern Sinn ) bezeichnen. So bildet auch weiter nordöstlich die Küpfenfluh mit dem Strelahorn nur einen großen Kalk-und Dolomitstock mit wieder zwei Gipfelpunkten, und wir hätten also zwischen Maienfelder Furka und Strelapaß drei größere Kalk- und Dolomitstöcke: Thiejerfluh, Mädrigerfluh und Küpfenfluh. Dieselben machen alle von der Aroserseite einen sehr stattlichen, imposanten Eindruck, und sind darum auch nach Alpen, die auf dieser Seite liegen, benannt. Die Aussicht auf der Thiejerfluh, wie nachher auf den beiden andern Stöcken, hat mich sehr befriedigt. Arosa präsentirt sich äußerst vortheilhaft mit seinen Weilern und Häusergruppen und seinen blauen Seeaugen inmitten der grünen Matten und dunkeln Tannenwälder. Mit den umstehenden Gebirgen zusammen gibt das ein ungemein malerisches Bild, das auch nicht durch die vielen neuen und zum Theil noch unfertigen Hotels gestört wird; denn aus der Ferne erscheinen die letzteren zu klein und winzig, als daß sie das überaus freundliche Landschaftsbild zu stören vermöchten. Das Schanfigg zeigt sich weniger gut: die enge, schluchtige Furche seines Thalgrundes entzieht sich noch den Blicken, ebenso die meisten Dörfer, nur Peist erglänzt dort auf schöner Terrasse. Doch mir war es weniger um die Thäler und Dörfer zu thun, als um die Berge, die in weitem Umkreis dastanden. Die Albulakette besonders macht einen großartigen Eindruck; denn man steht mitten vor ihrer ungeheuren Front, entfernt genug, um den Ueberblick über das Ganze zu haben, und nahe genug, um in manche Einzelheiten zu dringen. Dieser Anblick allein ist es wohl werth, daß man die Hörner der Strelakette besuche, die von Davos und Arosa und selbst von Langwies aus in wenigen Stunden zu erreichen sind. Es sind besonders drei Gruppen, die in der Albulakette durch Höhe und kühne Formen oder durch ausgedehnte Vergletscherung imponiren: in der Mitte der Piz Kesch, dessen gezackte Gipfelkrone sich steil und stolz über dem breiten, blendenden Porchabellagletscher erhebt und der von einem ganzen Stab stattlicher Riesen umgeben wird ( Piz Forun, Hoch-Ducan, Platten- und Mittagshorn, Piz Frisal, Piz Uertsch u.a. ): weiter rechts stehen die stolzen Häupter des Oberhalbsteins mit dem glänzenden Dreigestirn von Piz d' Aela, Tinzenhorn und Piz Michel, links die Gletscherwelt des Piz Vadret mit dem Scalettagletscher und mit den Vorposten des Kühalpthal- und Bocktenhorns auf der einen, des Schwarz- und Weißhorns auf der andern Seite. Lange Seitenäste ranken von ihnen gegen Davos aus und umschließen dessen schöne Nebenthäler.

Im Weitern umfaßt das Panorama die höhern Partien der Berninagruppe, dann die Silvrettagruppe und den formenreichen Rhätikon mit seinen schimmernden Wänden, endlich in weiter Ferne, aber doch deutlich erkennbar, die Churfirsten, den Säntis und die lange gewaltige Tödikette mit allen ihren Hauptgipfeln, von den Grauen Hörnern bis zum Oberalpstock. Dagegen sieht man weniger vom Bündner Oberland, weil die Aroser Gebirge davor stehen. Dafür gewähren diese selber einen interessanten Anblick.

Bei dem sonnenklaren Wetter blieb ich eine volle Stunde auf der freien Höhe, um namentlich die reiche Gliederung der Albulakette und die mannigfaltigen Formen ihrer Gipfel eingehend zu studiren. Auch mußte ich mir die Gipfelgesteine und Gipfelpflanzen ansehen und geeignete Exemplare mitnehmen.

Um zur Mädrigerfluh zu gelangen, mußte ich zuerst etwas südöstlich ab- und dann wieder aufsteigen bis auf die erste rundliche Kuppe des nach dem Kummerhubel streichenden kurzen Seitenkammes. Diese Kuppe, die damals noch eine Schneegwächte trug, ist unmittelbar südlich von der Silbe jer im Namen Thiejerfluh der Excursionskarte und mag hier Hinterer Kummerhubel heißen. Von dieser Kuppe streicht der wasserscheidende Kamm einerseits bogenförmig nordöstlich über den Schafgrind und das Furkelti zur Mädrigerfluh, andererseits südwestlich nach der Maienfelder Furka und zur Amselfluh. Zwischen dieser Wasserscheide und dem kahlen Felsenkamm der Thiejerfluh liegt ein kleines Thälchen, das von der Einsattelung zwischen Thiejerfluh und Hinterem Kummerhubel sich einerseits nordöstlich, anderseits südwestlich absenkt, um dann um die Flanken der Thiejerfluh und des Furkahorns rechtwinklig gegen das Aroserthal umzubiegen, so daß der schmelzende Schnee der Plessur zufließt und also der große Kalk- und Dolomitstock der Thiejerfluh ganz dem Gebiet der letztern angehört. Ueberhaupt zeigt der Kamm der Strelakette bemerkenswerthe Formverhältnisse, indem er sich guirlandenförmig aus mehreren nordwestlich geöffneten Bogen zusammensetzt. Solcher Bogen können wir vom Piz neira im Südwesten, wo die Strelakette an die Rothhorngruppe anknüpft, bis zur Weißfluh im Nordosten sieben unterscheiden. Der erste reicht vom Piz neira bis Punkt 2869 beim Tiaun, der zweite von da bis zum Sandhubel, der dritte bis zur Amseltiuh, der vierte über die Maienfelder Furka bis zum Hintern Kummerhubel, der fünfte über den Schafgrind und das Furkelti bis zur Mädrigerfluh, der sechste über das Körbshorn und den Wannengrat zur Küpfeufluh und der siebente über den Strelapaß, das Schiahorn und das Schaf läger zum Punkt 2693 südöstlich von der Weißfluh. Von hier geht die Wasserscheide ziemlich geradlinig nach NNO über das Todtalp-Schwarzhorn und die Parsennfurka zur Casanna. Die Thiejerfluh und die Weißäuh stehen also beide abseits des wasserscheidenden Kammes, sind aber höher als die entsprechenden Stücke des letztern. Auch Mädrigerfluh und Küpfenfluh haben nur sehr geringen Antheil an der Wasserscheide. Sie werden von der letztern nur gestreift und erscheinen auf der Karte wie Aufhängepunkte einzelner Bogen derselben, besonders des Bogens über das Körbshorn und den Wannengrat, der den obern Abschluß des Küpfenthals bildet. Dieses letztere zerfällt in zwei prächtige circusförmige Stufen. Der untere Circus ist auf drei Seiten von senkrechten Felswänden umschlossen und macht einen großartigen Eindruck, lieber der den Hintergrund abschließenden Wand, die sich in einem mächtigen Bogen von der Küpfenfluh nach der Mädrigerfluh hinzieht, breitet sich als zweiter und oberer Circus die sanft ansteigende, weidengrüne Mulde von Lezuel aus, um welche der wasserscheidende Kamin einen fast halbkreisförmigen Wall bildet. Eine ähnliche, aber kleinere und steilere Mulde senkt sich vom Bogen des Schafgrind zwischen Mädrigerfluh und Thiejerfluh gegen das Aroserthal hinunter. Durch dieselbe und am Schafgrind vorbei führt der in der Karte nicht eingezeichnete Paß des Furkelti von Davos nach Arosa. Doch ist hier kein eigentlicher Weg vorhanden.

lieber den sanft gewellten Rücken des Schafgrind schritt ich nun der Mädrigerfluh zu, die ich ohne irgend welche Schwierigkeiten in ali Stunden, von der Thiejerfluh an gerechnet, d.h. etwa um 1 Uhr, erreichte. Dieser Punkt gewährte mir, außer der Wiederholung der Aussicht, wie ich sie schon auf der Thiejerfluh und auf dem zwischenliegenden Grat genossen hatte, besonders auch einen guten Ueberblick über die orographischen und geologischen Verhältnisse der nordöstlichen Hälfte der Strelakette. Die letzteren mögen hier noch kurz besprochen werden.

Die drei Stöcke der Thiejer-, Mädriger- und Küpfenfluh bestehen aus Hauptdolomit, der unten durch von schmalen Bändern anderer Triasgesteine ( Virgloria- und Arlbergkalk ) umzogen wird. An den beiden verbindenden Guirlandenbogen dagegen finden wir leichter verwitternde und darum einen bessern Rasenboden abgebende Felsarten. Am Bogen des Körbshorns und des Wannengrates herrscht nämlich Gneiß und Glimmerschiefer, ebenso am Abhang von da bis zum Landwasser hin- unter, etwa vom Suzibach bis über den Albertibach hinaus; der Bogen des Schafgrindes und die ganze Wasserscheide bis zur Maienfelder Furka, ebenso der Kamm des Kuminerhubels und der Abhang zwischen Suzibach und Kummerbach bestehen aus Verrucano, aus dem oben an der Maienfelder Furka und am Kummerhubel einzelne Inseln von Felsit-porphyr auftauchen. Es besteht also die Strelakette in ihrem Grundgestell aus krystallinischen Felsarten ( Gneiß, Glimmerschiefer, Horn-blendeschieferdarüber lagern Verrucano und mehrere Triasschichten, namentlich in mächtiger Entwicklung Hauptdolomit, ursprünglich wohl eine zusammenhängende Decke bildend. Jetzt sind die Verhältnisse anders geworden; denn auf die Periode der Gebirgsbildung folgte diejenige der Gebirgszerstörung. Was wir jetzt vor uns haben, sind nur noch gewaltige Ruinen eines einst mächtigere, aber auch einförmige Schichtenbaues. Große Stücke der obern Stockwerke und der Decke sind abgetragen, und an manchen Stellen liegen die untern Schichten und das Grundgebirge entblößt vor unsern Augen. Der Hauptdolomit bildet nur noch kleinere und größere Felseninseln, die als mächtige Riffe aus dem Meer der andern Felsarten aufragen, die letzten stehengebliebenen Säulen eines zerfallenden Baues. Diese Dolomitinseln eben sind die Köpfen-, Mädrigen- und Thiejerfluh; weiter nordöstlich folgen noch das Schiahorn, die Weißfluh und die Casanna, weiter südwestlich das Schießhorn und einige Wände auf der rechten Seite des Welschtobels, dann zwei größere zusammenhängende Stücke am Alteingrat und im Gebiet des Schmittnertobels. Im Allgemeinen sind die nordöstlichen Inseln kleiner, als die südwestlichen. Die Dolomitmasse der Thiejerfluh hängt ununterbrochen mit derjenigen des Welschtobels zusammen, ebenso diejenige der Mädrigerfluh mit derjenigen der Küpfenfluh und des Schiahorns. Vom Strelapaß reicht der Dolomit auch durch das Schiatobel und über die Strela- und Schatzalp hinunter bis in 's Thal. Da haben wir also zwei größere, langgestreckte Inseln, die bald höher und breiter werden und zu Gipfeln sich aufthürmen, bald wieder sich zu niedrigen, schmalen Bändern zusammenziehen. Weiter nordöstlich dagegen, in der Todtalpgruppe, sind die Dolomitmassen der Casanna und der Weißfluh und sogar die kleineren des Schaflägers und des Haupterhorns ganz von einander getrennt. Ueberall sind diese Dolomitstöcke unten herum ringförmig von Bändern aus Virgloria- und Arlbergkalk umzogen. Umgekehrt nehmen die entblößten Flecken des Grundgesteins im Allgemeinen von SW nach NO zu. Südwestlich von der Maienfelder Furka fehlen sie ganz, erst im Rothhorn, schon außerhalb der Strelakette, kommen sie einmal zum Vorschein. Dagegen fanden wir den Gneiß und Glimmerschiefer in bedeutender Ausdehnung anstehend am Bogen des Körbshorns und von da abwärts bis an 's Landwasser. Ferner finden sich diese Felsarten von Davos Dörfli und vom Davoser See nordwestlich ansteigend über den Dörtliberg und über Punkt 2540 hinaus. Es scheint also die Verwitterung und Abtragung der Felsschichten im nordöstlichen Theil der Strelakette weiter fortgeschritten zu sein, als im südwestlichen Theil. Damit stimmt auch der Umstand gut überein, daß im Allgemeinen die Strelakette von SW nach NO etwas an Höhe abnimmt.

Es war mir von großem Interesse, die angedeuteten geologischen und orographischen Verhältnisse von der Mädrigerfluh aus so schön überblicken zu können, und ich verweilte darum ziemlich lange da oben. Erst um 2 Uhr trat ich den Weitermarsch über den Bogen des Körbs-hovns und des Wannengrates gegen die Küpfenfluh an. Das letzte Stück des Weges führt über eine steile und stark verwitterte Felskante hinauf und erfordert einiges Klettern; doch bilden die verschiedenen bizarr gestalteten Thürmchen keine ernsthaften Hindernisse, da man leicht an ihnen vorbeikommt. Um 3 Uhr 15 Min. war ich oben. Auch hier bietet die Aussicht gegenüber der Thiejer- und Mädrigerfluh natürlich nicht viel Neues. Die Fernsicht ist dieselbe, aber die nähere Umgebung hat sich doch etwas verändert. Namentlich überblickt man nun das ganze Schanfigg und erhält auch einen bessern Einblick in das Sertigthal. Auf dem Körbshorn war auch Davos sammt dem See besonders schön zu sehen. Nach einem nur kurzen Aufenthalt auf der neu gewonnenen Spitze schritt ich auf dem Grat weiter nach dem Strelahorn ( 2636 m ) und dann hinunter nach dem Strelapaß. Hier ordnete ich schnell meine Steine und Pflanzen, schmückte auch den Hut mit Alpenrosen und Edelweiß und sandte dem in der Nachmittagssonne strahlenden Tödi einen letzten Abschiedsgruß. Und nun ging 's eilenden Laufes über die Strelaalp und den Schatzberg hinab nach Davos und direkt zum Bahnhof, wo ich gerade recht ankam, um beim Empfang der Naturforscher anwesend zu sein, die Festkarte zu lösen und mein Quartier für die folgenden herrlichen Festtage im Hotel Strela angewiesen zu erhalten.

D. Die Todtalpgruppe.

Wie die nördliche Hälfte der Strelakette, so habe ich auch einmal die Todtalpgruppe in einem Zug und an einem Tag durchwandert, und zwar in folgender Linie: Von Davos Platz auf das Schiahorn, dann zurück auf den Strelapaß und durch 's Haupterthäli auf die Weißfluh und von da auf das Schwarzhorn und die Casanna und endlich über die Fideriser und Conterser Alpen nach Fideris und Schiers. Ueber diese, für einen Tag allerdings etwas starke Tour mag hier noch in Kürze berichtet werden.

Ich hatte am 25. August 1887 von Schiers über Fama und über den Kamm des Wannenspitz und Rothhorns den Hochwang erreicht, hatte dann die schöne Gratwanderung über den Bleisstein, den Kunkel und das Matlishorn bis auf den Kistenstein fortgesetzt, und war endlich am Abend noch durch das Fondeithälchen nach Langwies hinunter gestiegen. Am 26. August hatte ich Arosa besucht und war dann über das Furkelti am Schafgrind vorbei nach Davos gegangen und führte endlich am dritten Tag den oben angedeuteten Marsch aus Um dieses starke Programm auszuführen, brach ich schon um 3 Uhr 40 Min. auf und erreichte auf dem gewöhnlichen Weg über den Schatzberg und den Strelapaß das Schiahorn um 5 Uhr 45 Min., wo ich beim schönsten Wetter durch eine ganz herrliche Aussicht erfreut wurde. Die Morgensonne goß ihr Licht über die Gebirgsmassen aus, während die Thäler, wenigstens theilweise, noch im tiefen Schatten lagen. Die stolze Front der Albulakette ist mir mit ihren starren Felshäuptern und blinkenden Eisfeldern nie so großartig und schön vorgekommen wie an diesem frühen Morgen, und hinter derselben leuchtete die majestätische Berninagruppe in geradezu blendendem Glanz. Kräftige Schatten wiesen dagegen neben einer Fülle von Licht die Silvrettagruppe und der Rhätikon auf. Einen mächtigen Eindruck machte auch, wie immer bei gutem Wetter vom Schiahorn aus, die Tödikette, die als eine lange geschlossene Mauer mit reicher Zinnenkrönung den Nordwesten abschließt. Der Tödi selbst erscheint mit seinem Silberhaupt auch trotz der großen Entfernung als ein König der Berge. Es waren köstliche Augenblicke, die ich da oben verlebte, so ganz allein in lautloser Stille und im Anblick des weiten, in der aufgehenden Sonne erstrahlenden Gebirgskranzes, und ich war es zufrieden, allein zu sein; denn so konnte ich mich ungestört den erhabenen Bildern hingeben. In der freudigsten Stimmung und in der frohesten Zuversicht auf einen genußreichen Tag konnte ich darum um 6 Uhr 30 Min. meinen Weg wieder antreten. Am liebsten wäre ich vom Schiahorn auf dem Grat nach Norden über das Schafläger weiter gegangen. Allein das schien mir unmöglich oder wenigstens für einen Sologänger zu gewagt; so eilte ich denn wieder zum Strelapaß zurück und bog dann, mich möglichst in der Höhe haltend, rechts ab in 's Haupterthäli. Bald kam ich auf ein weites Trümmerfeld, in dem besonders ein mächtiger Wall von rostbraun angelaufenen Serpentinblöcken auffällt. Aus einiger Entfernung sehen diese Blöcke aus wie die Schollen eines frisch gepflügten Ackers. Dieser Wall reicht hinauf bis zum Punkt 2693 und ist wohl eine alte Moräne. Die Gräte, welche das Haupterthäli einschließen, bestehen aus andern Felsarten, und zwar vom Schiahorn bis über das Schafläger hinaus aus Gneiss und Triasschichten, am Haupterhorn ebenfalls aus Trias, besonders aus Hauptdolomit. Das Gehen auf dem Serpentinwall ist etwas mühsam, und es war mir darum angenehm, weiter oben in einer Runse an den Südostabhängen der Weiß-tlnh auf festen Schnee zu kommen, der mich wieder rascher vorrücken ließ. Etwas vor 9 Uhr betrat ich die Spitze.

Die Aussicht war auch jetzt wieder über alles Lob erhaben, und namentlich nach Westen, gegen das Bündner und Berner Oberland, freier als vom Schiahorn aus. Ebenso haben sich die Bernina- und Silvrettagruppe mehr über die umgebenden und zwischenliegenden Gebirgsmassen erhoben. Besonders anziehend ist der Blick in die kleinen Tliäler, die sich in die Silvretta- und Albulakette hinauf ziehen, wie das Sardasca-, Mönchalp-, Fltiela-, Dischma- und Sertigthal. Dann überblickt man große Stücke von Davos, vom Schanfigg und Prätigau, sowie vom Rhein- und Seezthal. Das Prätigau ist besonders vom Punkt 2836 aus gut sichtbar. Hier sei auch ein kleiner Fehler korrigirt, der sich durch ein Citat ans Theobald in mein Itinerar eingeschlichen hat. Man sieht wohl ein großes Stück des Rheinthals, aber doch nicht den Bodensee, wohl aber einen Theil des Walensee's. Einen eigenartigen Anblick gewährt die nächste Umgebung durch den Contrast des hellen Hauptdolomites der Weißfluh und des dunkeln Serpentins des Schwarzhorns.

Diesem Unstern und zerrütteten Gesellen wandte ich mich um 9 Uhr 50 Min. zu, indem ich östlich über die weißen Dolomitplatten zum Punkt 2562 abstieg und von hier an der Südwestkante emporkletterte.Von unten aus sieht es da „ strub " aus, aber es geht über und zwischen den in allen Formen und Stellungen dastehenden Thürmchen, Spitzchen und Brocken doch ganz gut, und man findet sich überall ziemlich leicht durch. Ich hatte genau eine Stunde benöthigt, um von der Weißfluh auf das Schwarzhorn zu gelangen, das wie jene keinen Steinmann trägt. Ein Viertelstündchen genügte, um die nächste Umgebung, besonders aber die düstere Todtalp und ihr freundlicheres Gegenstück, die Alp Parsenn, zu mustern. Dann ging 's weiter, kletternd und auf andere Weise, über den zerrissenen und mit mehreren Spitzen gekrönten Nordgrat nach der Parsennfurka und von da in leichtem, angenehmem Marsch über großentheils berasten Boden auf die Casanna, die ich um 12 Uhr 30 Min. erreichte. Hier ließ ich mir nun einige Zeit, theils um vor dem definitiven Abstieg in 's Thal das Panorama noch einmal genau zu betrachten und gehörig zu genießen, theils auch um nach dem wegen des öftern Auf- und Absteigens immerhin etwas ermüdenden Marsche auszuruhen.

Die Aussicht konnte natürlich nicht viel Neues bieten, sie war nur eine gute Repetition des bisher Gesehenen, und ich will mich daher nicht weiter auf dieselbe einlassen. Nui- das sei erwähnt, daß sich das Prätigau von keinem andern Punkt so schön und vollkommen zeigt, wie von der Casanna, und daß auch der Silvrettagletscher mit seiner nähern Umgebung ein Prachtstück der Aussicht ist. Die Casanna selber ist ein stolzer Felsenbau, der im Prätigau überall durch seine schönen und imponirenden Formen auffällt. Aber trotz seinem drohenden Aussehen ist ihm von verschiedenen Seiten beizukommen. Doch kommen alle Wege auf dem wellenförmigen Rasenrücken des Gemeinen Bodens zusammen und führen von da östlich über ein schmales und theilweise felsig zackiges Grätchen zum Gipfel. Der von mir eingeschlagene Weg von Süden her über die Parsennfnrka ist der leichteste und war für mich auch der gegebene. Man kann aber den Gemeinen Boden auch von Osten oder Südosten ( Alp Parsenn ), oder von Westen ( Obersäßthäli ), oder endlich von Norden ( Alp Casanna ), also von allen vier Hauptrichtungen her erreichen, nur muß man in den drei letzten Fällen steiler und mehr über Fels- und Schuttboden ansteigen, auch da und dort eine kleine Kletterei mit in Kauf nehmen. Nächst dem südlichen Zugang ist der nördliche noch der beste und von Klosters oder Küblis aus auch der kürzeste. Auf diesem Weg läßt sich die Casanna von Klosters aus in 3x/2 bis 4, von Küblis aus in 4½ bis 5 Stunden erreichen.

Um 1 Uhr 30 Min. mußte ich den schönen Punkt, auf dem ich eine volle Stunde im Genuß der erhabenen Alpenpracht geschwelgt hatte, wieder verlassen. Ich nahm den Westweg, stieg also vom Gemeinen Boden durch ein steiles Kamin in 's Obersäßthäli hinunter. Dann kam eine zwar lange, aber höchst angenehme und aussichtsreiche Wanderung über die prächtigen Hochflächen der Fideriser und Conterser Alpen und über das Höhbord ( 1683 m ) nach Strahlegg und Fideris hinunter. Ein Spaziergang auf diese Alpen ( Casanna und Duranna ) gehört wegen der blumendurchwirkten grünen Matten, der dichten Waldbestände und kleinen Arvengruppen und vor Allem wegen des entzückenden Blicks auf das liebliche Prätigau und auf die großartigen Gebirge der Silvrettagruppe und des Rhätikon immer zum Schönsten und Anregendsten, was man im Prätigau machen kann, wenn man nicht gleich in 's Hochgebirge steigen will. Die Kurgäste von Klosters, Serneus und Fideris sind um dieses prächtige und für Jedermann so leicht zugängliche Excursionsgebiet geradezu zu beneiden; wenn sie es nur recht zu schätzen und auszunützen verstünden. Ich brauchte bis Fideris mit Einschluß einer halbstündigen Rast in der Alp Duranna ( Obersäß 2058 m ) etwas über 3\2 Stunden. Auch in Fideris kehrte ich auf ein halbes Stündchen ein und nahm dann das letzte Stück Weges unter die Füße. Dieser Rest, ein fast zweistündiger Landstraßenmarsch, war nun freilich weniger angenehm, aber unvermeidlich. Ich ließ mich 's jedoch nicht verdrießen, und rückte Abends um 7 1k Uhr munter und fröhlich, wenn auch etwas müde, in Schiers ein. Eisenbahn hatten wir damals noch keine, sonst würde ich natürlich nach Klosters oder Küblis abgestiegen und dann heimge-fahren sein, was den Marsch um etwa 3 Stunden gekürzt hätte.

Zum Schluß gebe ich hier noch eine Uebersicht über die für diese Tour gebrauchte Zeit.

Ab Davos 3 Uhr 40 Min. Morgens, auf dem Schiahorn 5 Uhr 45 Min., ab dem Schiahorn 6 Uhr 30 Min., auf der Weißfluh 9 Uhr, ab der Weißfluh 9 Uhr 50 Min., auf dem Schwarzhorn 10 Uhr 50 Min., ab dem Schwarzhorn 11 Uhr 5 Min., auf der Casanna 12 Uhr 30 Min., ab der Casanna 1 Uhr 30 Min., auf der Fideriser Alp 2 Uhr 30 Min., ab der Fideriser Alp 3 Uhr, in Fideris 5 Uhr 10 Min., ab Fideris 5 Uhr 40 Min., in Schiers 7 Uhr 30 Min. Es kommen also auf den Marsch genau 12 Stunden und auf die Rasten 3 Stunden 50 Minuten, zusammen 15 Stunden 50 Minuten.

Am 8. November 1891 habe ich mit Herrn Zwicky einen großen Theil dieser Tour in abgeänderter Weise wiederholt. Wir fuhren mit dem ersten Morgenzug nach Küblis und stiegen dann über Conters und die Alp Casanna auf der Nordroute auf den Gemeinen Boden und die Casannaspitze, dann über die Parsennfurka auf die Weißfluh und von da über den Südwestgrat auf das Schwarzhorn, endlich östlich hinunter über die Parsenn- und Stützalpen nach Oberlaret und nach Klosters. Von hier fuhren wir mit dem Abendzug nach Seiners zurück. Auch für diese Tour mögen hier die Zeitangaben folgen zum Vergleich mit den obigen, wobei zu berücksichtigen ist, daß Eis und Schnee bei der Herbsttour den Marsch stellenweise etwas erschwerten und verlangsamten. Ab Schiers per Bahn 5 Uhr 40 Min., ab Küblis 6 Uhr 30 Min., auf der Casanna 11 Uhr, ab Casanna 12 Uhr, auf der Weißfluh 2 Uhr, ab der Weißfluh 3 Uhr 10 Min., auf dem Schwarzhorn 3 Uhr 20 Min., ab dem Schwarzhorn 3 Uhr 50 Min., in Klosters 6 Uhr 15 Min., ab Klosters per Bahn 6 Uhr 45 Min., in Schiers 8 Uhr. Das macht an Marschzeit 9 Stunden 10 Minuten, an Fahrzeit circa 2 Stunden und an Rastzeit 3 Stunden 10 Minuten, zusammen 14 Stunden 20 Minuten.

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