Bergsteiger mit richtigem Kompass Hochtourenkurse unter Deutschschweizern und Romands

Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht das Gleiche. Das gilt auch für die Kurse des SAC. Unterwegs mit Deutschschweizern im Bergell und mit Romands im Berner Oberland.

«Spült dann nicht nach jedem Pipi, ja?», mahnt FritzLoretan1 uns nach dem herzlichen Empfang in der Fornohütte, «sondern nur nach gröberen Geschäften.» Das Wasser ist nämlich knapp. Und aufs (Oster-)Wochenende hin wird die Hütte von 100 Leuten über-rannt – ausgebucht bis auf den letzten Platz. Da will Fritz gerüstet sein und die Wasserspeicher füllen.

Bis die Horde über den Hort der Ruhe rollt, geniesst unsere Gruppe die luxuriösen Zeiten. Viel Platz, Ruhe und fetten Kuchen von der Zauberhüttenfee Tamara ganz für uns zwölf Leute und die zwei Bergführer Dani und Michel.

 

Anfängerin führt Seilschaft

Schnell spielt sich unser Skihochtourenfortbildungstrüppchen ein auf die vor ihm liegende Ausbildungswoche. Und lernt tagsüber wacker das Einmaleins des Skihochtourens: Ich, die blutige Hochtourenanfängerin, kann danach eine Seilschaft über den frisch eingeschneiten, unverspurten Gletscher an den Spalten vorbeilotsen. Ich weiss, wie ich diese verflixten «Schnellbindungsbändeli»2 montiereund so an einer megastotzigen, leicht verzuckerten Krete entlangkraxle, ohne dass das Material und ich mit ihm das Loch hinabstürzen. Ich kann auch die Lawinensitua­tion sehr viel besser beurteilen als vorher. Dank Danis sauberen Schneeprofilen, die er in die von Schneeverwehungen fett gepolsterten Mulden buddelte, um uns in die Geheimnisse des Schneedeckenaufbaus einzuweihen.

Und ich weiss auch, dass ich sieben Tage ohne Haarewaschen und auch schnarchende Bettgenossen wider Erwarten überleben kann. Sogar die sehr würzigen Düfte aus den Aborten sind mit einem einfachen Trick zu überleben: Nase zu und durch und danach ein kurzes Verschnaufen an der frischen Luft vor der Hütte.

 

Hochrisiko bei Nebelsuppe

Wir wissen: Wir sind ein besonderes Trüppchen. Keiner hat ein GPS. «Ihr seid noch richtige Bergsteiger!», fanden die Bergführer, Männer von altem Schrot und Korn, «richtige Bergsteiger, für die der Kompass noch alles ist.» Das GPS verleite nämlich dazu, sich auch im dicksten Nebel- und Schneesturm noch vorwärtszubewegen. «Das ist Hochrisiko!» Das durchaus sehr praktische Ortungsgerät sei gerade dann, wenn es langsam suppendicht werde vor den Augen, dazu gedacht, den Rückzug anzutreten und sicher wieder heim oder zurück zur Hütte zu kommen.

 

Bier, Wein und Absackerli

Dem Schlaf förderliche Mittel waren – jedenfalls so weit Auge und Ohr der Journalistin reichten – nicht im Spiel. Es sei denn, unsere Bier- und Weinkonsum-ation werde zu diesen Drogen gerechnet. Aber auch da waren wir fromm wie die Lämmer. Es ging ja auch auf Ostern zu.

Einzig von den Bergführern hörte man munkeln, dass sie spätnachts, wenn unsereiner längst unter den Duvets lag, den Absackerli zugetan waren. Mit Hüttenfee Tamara und Hüttenwirt Fritz sollen sie an den Abenden in der Hütte noch lange zusammengesessen sein bei Schnupftabak und einigen Sprüchen. Aber am Morgen waren die Bergführer immer wieder so etwas von taufrisch, dass man meinte, die Absackerli seien Aufstellerli.

 

Ausgerechnet am Wochenende vor Kursbeginn entgleist eine Lokomotive. Einer unserer Bergführer, Alexandre Castella, arbeitet im Hauptberuf als Kranführer bei den SBB, und die Lok muss wieder auf die Geleise. Das geht natürlich vor. «Tant pis», sagen die Franzosen und meine Kursgspänli. Die Romands regen sich nicht sonderlich auf, als Kursleiter Yann Smith das Programm umstellt. Der Frühstückssaal im Berghotel Gemmi wird zum Theoriesaal umfunktioniert. In der Lämmerenhütte ist es eng. Also gibt es zu Beginn der Hochtourenwoche eine volle Ladung Lernstoff: Schneedeckenaufbau – am Beispiel einer Cremeschnitte bleibt die Theorie besser haften – und Tourenplanung auf der Karte mit Azimutmessen. Die lieben Gletscher praktisch ohne Spalten und die «mechants», die bösen, mit den heimtückischen Spalten. Auch für «Respektiere deine Grenzen» und die alles andere als banale Frage, wo gefahren werden kann, ist Zeit. Man könnte meinen, «les Romands» nehmen es allgemein lockerer als wir als eher streng geltenden Deutschschweizer. Aber weit gefehlt: Konzentration an den Tischen. Yann ist flexibel, er betont immer wieder: «Es liegt an euch, maximal zu profitieren. Fragt, diskutiert, hakt nach!» Die Köpfe rauchen, und meiner raucht noch mehr. Französisch ist eine Fremdsprache, deshalb werde ich wohl auch «Petär» genannt.

 

Schaufeln will gelernt sein

Allgemeines Aufatmen darüber, dass wir doch noch an die frische Luft kommen. Auch das Schaufeln im Förderbandstil will für den Lawinenernstfall repetiert sein, und wo man grad dabei ist und sich eine Schneeverwehung als Dach anbietet, kann man auch gleich noch das Sondieren üben. Dazwischen immer wieder Fachgespräche über das optimale Material. Die Sonde soll mindestens drei Meter lang sein. Eine rechte Schaufel ist aus Metall und verfügt über einen langen Stil. All das Plastikzeug wurde für Skitourenrennen entwickelt. «Das taugt auf einer Hochtour nichts», sagt Yann freundlich, aber deutlich.

 

Kaum warm gelaufen …

Unsere Gruppe ist ein heterogener Männerhaufen, die Frauen sind klar in der Minderzahl. Es gibt eine Fraktion der über und eine der unter 40-Jährigen, das ist bei der Leistung am Berg zu merken. Einer der «Jüngeren» beklagt sich nach dem kurzen Aufstieg zur Alten Gemmi und einem Aufstieg mit den Steigeisen am kurzen Seil: «Ich bin kaum richtig warm ge-worden.»

Auf der Tour Richtung Daubenhorn, zeigt sich dann, dass die Gruppen schon ziemlich autonom unterwegs sind. Auch die Aufstiegslinien anderer werden kritisch begutachtet. So wird augenfällig, wie eine mangels Vorbereitung ungeschickt gelegte Spur den Aufstieg länger und mühsamer macht und gleich auch noch gefährlicher. Beim Zuschauen lernt man eben auch.

 

… doch noch erschöpft

Dank der pragmatischen Kursleitung kommen die Leistungssportler auch auf ihre Kosten. Spätestens, als Yann nach der Tour auf die Wildstrubel-Gipfel und der obligaten Spaltenrettungsübung noch gut 600 Höhenmeter aufs Steghorn anhängt. Wir geniessen derweilen in der Lämerenhütte Rösti oder Kuchen. Als die Sportler befriedigt und mit einem «Wir sind erschöpft» zurück sind, ärgere ich mich doch über den inneren Schweinehund. Die spektakuläre Abfahrt übers Leiterli durch das Couloir hätte mir schon noch gefallen. Aber egal. Uns blieb derweil Zeit fürs Soziale. Die Frage etwa, wie man dem Leistungsdruck – nicht nur dem am Berg – aus dem Weg gehen kann. Mit dem Winzer wird die Frage des Weinbaus ausgiebig diskutiert. Nicht degustiert. Auch hier entsprechen die Romands ganz und gar nicht dem Bild, gerne und vor allem viel Wein zu trinken.

Das SAC-Kursprogramm

Online unter www.sac-cas.ch → Ausbildungskurse

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