Besteigung des Piz Roseg

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Besteigung des Piz Roseg

3943 m = 12,139 Par.F. Von

Dr. Paul Güssfeldt* ).

Deit einer Reihe von Jahren ist der Piz Roseg Gegenstand grossen Interesses für Alpensteiger gewesen. Dieses Interesse wuchs, seitdem die Versuche, welche von den bewährtesten Mitgliedern des S.A.C. zur Besteigung der höchsten Rosegspitze gemacht waren, durch ausführliche Berichte in weitern Kreisen bekannt wurden; denn dadurch wurde geradezu bewiesen, dass sich derselben aussergewöhnliche Schwierigkeiten in denWeg stellten. Ich hatte Lust, mich durch persönliche Anschauung von der Natur dieser Schwierigkeiten zu überzeugen, und dieselben — wenn das Glück mir günstig wäre — zu überwinden. In diesem letzteren Falle konnte es sich dann auch möglicher Weise herausstellen, ob die vom Berner Führer, Jacob Anderegg, aufgestellte Behauptung, dass er — freilich ohne seine Herren ( es waren deren zweidie höchste Spitze 1865 wirklich erklommen habe, mit Recht oder Unrecht von den Pontresiner Führern ange-

* ) Mitglied der Sektion Bern des S.A.C.

Ueber die Besteigung der nördlichen Rosegspitze ( Schneekuppe ) durch J. J. Weilenmann vergleiche Bd. II, S. 86 ff. des Jahrbuchs.

A. d. R.

Piz Roseg.

zweifelt wurde * ). Ich gebe im Folgenden einen kurzen Abriss meiner eigenen Besteigung; absichtlich liess ich seit derselben einen Monat vergehen, ehe ich zu dieser Aufzeichnung schritt, um den Fehler einer übertriebenen Darstellung, in welchen der frische Eindruck eben überstandener grosser Gefahren oft unbewusst verfallen lässt, möglichst aus dem Weg zu gehen.

Die Verabredung mit meinem Führer Hans Grass zu der in Rede stehenden Besteigung wurde am Morgen des 23. August auf der Spitze des Monte della Disgrazia getroffen; ich wagte nicht, eher ihm den Vorschlag zu machen, als bis er die Art meines Benehmens in den Hochalpen kennen gelernt hatte; auch musste mir Gleiches in Bezug auf seine Persönlichkeit von Wichtigkeit sein. Je mehr ich Hans Grass kennen lernte, desto mehr musste ich die vortrefflichen Eigenschaften, die dieser Mann hinter einem etwas ungeschliffenen Wesen verbirgt, anerkennen. Es gibt im Augenblick keinen Führer in Pontresina, der ihm gleichkommt. Ich bin am 5. September 1869 bei Gelegenheit einer mit Grass allein ausgeführten Bernina-Besteigung in eine unverschuldete Gefahr gekommen, bei welcher wir uns gegenseitig das Leben gerettet haben, und die desshalb im Stande war, den ganzen Werth seiner Eigenschaften zu beurtheilen.

Wir verliessen Pontresina am Donnerstag den 26. August ( 1869 ), 5 Uhr 22 Minuten Nachmittags, und langten um

* ) Wie uns dünkt, befindet sich der Verfasser im Irrthum, wenn er glaubt, annehmen zu sollen, die Engländer Moore und Walker hätten die erste Besteigung der höchsten Spitze ( 28. Juni 1865 ) mit J. Anderegg nicht vollständig ausgeführt, da dies nach ihrer eigenen Schilderung im Alpine Journal Bd. III, S. 19 ff. nicht bezweifelt werden darf, wenn man auch die Auffindung ihrer Karte auf der höchsten Spitze nicht als zureichenden Beweis gelten lassen wollte.A. d. R. 6 Uhr 7 Minuten auf der Alp Misaun an, wo wir die erste » Nachtstunden verbrachten.

Um 12 Uhr 58 Minuten in der Nacht des 27. wurde die Hütte verlassen und bald befanden wir uns auf dem Roseggletscher. Es war abnehmender Mond und der Himmel sternenklar; der Gletscher war seiner Härte und Glätte wegen sehr beschwerlich zu begehen, zumal da wir rasch vorwärts zu kommen suchten. Als wir in kurzer Zeit ein gutes Stück zurückgelegt hatten, rief Hans, von Bewunderung für sich und uns mitergriffen: „ Tifel, was wir für Kerle sind !" Erst nach mehrstündigem Gehen verschaffte eine dünne Schneedecke uns etwas erleichtertes Fortkommen. Um 4 Uhr 47 Minuten befanden wir uns eine kleine Stunde unterhalb der Sellafurke an der Stelle, wo wir den Passweg, den wir bis jetzt verfolgt hatten, verlassen mussten.

Der Tag versprach prachtvoll zu werden und kündigte sich mit einer Majestät an, welcher unsre eisige Umgebung nichts von ihrer Grosse nahm.

Wir frühstückten, was wir konnten, liessen nun unsere zwei Tornister zurück und wandten uns um 5 Uhr 15 Minuten links hinauf, um die zwischen zwei Felsköpfen eingeklemmte, sehr steile Eiswand zu erklettern.

Es war sehr kalt, und die nöthig gewordenen zahlreichen Stufen liessen ein schnelles Steigen nicht zu. So ging es fort bis 6 Uhr 40 Minuten, wo wir bereits so hoch waren, um einen weiten Umblick halten zu können. Unter uns, in einer Höhe von 7—8000 ', war ein weites " Wolkenmeer ausgebreitet in welchem die Berge wie Inseln schwammen an Schönheit sämmtlich übertroffen durch den Monte della Disgrazia. Man sah nur Schnee, Eis und Fels.

Nach einer Pause von 7 Minuten hatten wir eine-kurze Zeit über Fels zu klettern und gelangten dann zu den Firnfeldern, welche von der Schneekuppe — so heisst die niedere Spitze des Piz Roseg — herabkommen.

Um 7 Uhr 8 Minuten war der Schneerücken erreicht, der sich zum höchsten Punkt der Schneekuppe hinaufzieht. Es wehte ein sehr scharfer Ostwind, der uns wegen seiner stets gleich bleibenden Intensität stark zusetzte; in Folge vieler Schneewehn ging man bald auf ganz hartem Boden, bald brach man tief in den staubigen Schnee ein. Als die erste Sonne uns beschien, befand Keiner von uns sich in einer besonders behaglichen Stimmung.

Um 8 Uhr 4 Minuten war die Schneekuppe ( 3927ra ) oder der nördliche Roseggipfel erstiegen; sie hatte die höchste südliche Rosegspitze bisher verdeckt, deren glänzende Eispyramide nun plötzlich vor uns aufragte. Wir begrüssen dieselbe mit einem sehr zweifelhaften Freudengeschrei, dafür aber desto mehr vor Frost klappernd, und dem immer heftiger werdenden Winde ausgesetzt, der durch alle Kleider bis auf die Haut drang.

Es machte wohl ein Jeder seine Betrachtungen; ich, der ich nur das Ziel im Auge hatte, sagte: „ Hans, wir kommen gewiss hinauf, " und Hans, den der Weg mehr als das Ziel beschäftigte, rief ganz melancholisch: „ Wenn ich von da gesund hinunter komme, gehe ich gewiss nicht wieder hinauf. " Caspar aber klapperte vor Frost und klagte laut über Kälte.

Wir brauchten nicht lange über den einzuschlagenden Weg nachzudenken; derselbe lag buchstäblich haarscharf vor uns. Die Schneekuppe ist von der höchsten Spitze des Roseg durch einen scharfen Eis-, respektive Schneegrat getrennt; dieser Grat nimmt seinen Anfang auf der Spitze einer mit der Schneekuppe zusammenhängenden kleinen Erhebung; die wir sehr bald erreichten. Es " War 8 Uhr 30 Minuten, als wir, von allem Gepäck befreit,

den Grat betraten. Derselbe senkte sich zuerst steil abwärts ( die Strecke wurde bei dem Rückwege, also aufwärts, in 6 Minuten zurückgelegt ), bis an einen Punkt, wo die Richtung sich scharf umsetzt, und der Grat in eine der steilen Kanten übergeht, welche zu der Eispyramide oder richtiger zu dem Eisdach der höchsten Spitze gehören.

Schon die ersten Schritte liessen über den Umfang der Gefahr keinen Zweifel; wir hielten uns etwa 2 Schritt unterhalb der Kante, auf der Ostseite des mehrere tausend Fuss tief jäh abfallenden Firnfeldes. Der Fehltritt eines Einzigen konnte hier drei Menschen das Leben kosten; aber so steil es sein mochte, wir hatten guten Schnee unter den Füssen, also keinen Grund, unsern Marsch aufzuhalten; indess die Rosegpyramide dicht vor uns schimmerte von Eis, und wie es uns ergehen würde, wenn die aufstrebende Kante erreicht war, und wir das Eis derselben zu betreten hatten, konnten wir nicht wissen. Das mehr und mehr wiederholte Klagen des Trägers, der der letzte am Seil war und sich dicht hinter mir befand, machte mich stutzig; für Hans und mich war der Wind wahrhaftig nicht besonders gewärmt, und es ging dennoch. Ich hatte keinen Zweifel über den wahren Grund dieses Missbehagens, liess halten und erklärte dem Träger, dass ich die Verantwortung für sein Leben nicht auf mich nehmen wolle; er solle nicht weiter mitgehen, sondern auf die Schneekuppe zurückkehren und uns daselbst erwarten. Er folgte dieser Aufforderung sichtlich gern. Hans und ich waren nun allein; ich glaube, dass, wenn ich mich jetzt schwankend gezeigt hätte, er unserer Umkehr nicht viel in den Weg gelegt hätte; aber gerade das Umkehren des Trägers hatte mich gereizt, der Kamm war mir geschwollen, und ich hielt es für geboten, dem Führer durch mein Auftreten zu zeigen, dass mein Herz frisch und mein Wille unerschütterlich sei.

Wir befestigten jeder ein Ende des etwa 50'langen Seils um den Leib und machten uns auf den Weg; der tiefste Punkt des Grates war bald erreicht und wir hatten die steile Kante gerade vor uns; jetzt musste sich 's zeigen, ob wir was konnten. Die Art, wie wir kletterten, wurde zunächst festgesetzt. Niemals bewegten wir uns gleichzeitig vorwärts; so lange Hans vor mir Stufen schlug, blieb ich stehen; mein Gletscherbeil war in die Schneegwächte zur Rechten eingestossen und das Seil über dasselbe geschlungen. Die grossen Stufen waren bereits wieder zur Hälfte mit Eiskörnern, die vom Einschlagen der höhern Stufen herrührten, ausgefüllt. War das Seil zu Ende, so machte Hans dieselbe Prozedur mit seinem Gletscherbeil, wie ich vorher mit dem meinigen; ich folgte nach, den Fuss bei jedem Schritt vorsichtig in die grossen Stufen einbohrend. So wurde das erste Drittel der Kante überwunden bis zu der Mitte, wo bröckeliger Fels aus dem Eise hervortritt, respektive nur mit einer dünnen Eisschichte bedeckt erscheint.

Hier wurde die Passage besonders schwierig; aber wir liessen nicht nach. Etwa 20 Minuten später war der Fels überwunden, und wir hatten es wieder mit dem Eis allein zu thun; in der alten Weise ging es fort. Wir waren mitten in der Aktion und jetzt war es gleich, ob wir vorwärts oder rückwärts gehen wollten; die Gefahr war auf beiden Seiten gleich gross: zur Linken stets derselbe furchtbare Eisabgrund, zur Rechten über die Kante fort ein noch grösserer. Auf blankem Eise stehend, unaufhörlich dem schneidenden Winde ausgesetzt, der Kälte in dem Masse preisgegeben, dass ich zuweilen fürchtete, die volle Herrschaft über die Glieder zu verlieren, musste ich

util oft minutenlang still stehen, während Grass die Stufen schlug.

Abwechselnd mit einer Hand das eingestossene Gletscherbeil haltend, und die andere mit Vehemenz an meinen Körper schlagend, ging ich der entsetzlichen Gefahr des allmäligen Erstarrens aus dem Wege. Innerlich kochte es in mir; der Wille, allen umgebenden Gefahren zu trotzen, und die Freude, diesen Willen bisher durchgesetzt zu haben, versetzten mich in einen Zustand, in welchem mein Unterfangen mir durchaus nicht als frevel-haftes Spiel mit Leben und Tod erschien, sondern als ein Beweis, dass die Natur ihre grossartigsten Offenbarungen dem Unerschrockenen allein vorbehalten habe.

Ohne einen Fehltritt, ohne nur ein einziges Schwanken erreichten wir das Ende der steilen Kante; nur setzt sich dieselbe nach einer kleinen Einsenkung südlich fast horizontal fort, an ihrem Ende eine kleine Erhebung tragend, welche die höchste Spitze ist.

Hans Grass schien geneigt zu sein, den Endpunkt der steilen Kante bereits für die höchste Spitze zu halten, und überliess mir die Bestimmung, wo dieselbe sich befände; ich befand mich indessen durchaus nicht in der Lage, mir etwas weiss machen zu wollen, und erklärte ohne Weiteres die hintere Erhebung für die höhere. So mussten wir denn noch den Weg längs der fast horizontalen Kante zurücklegen, und standen um 10 Uhr 9 Minuten am Ziel unserer Wünsche; 1 Stunde 39 Minuten also hatten wir gebraucht, um den schwindelnden Grat zu überwinden. Ein unbeschreibliches Gefühl der Freude belohnte uns für alle soeben überstandenen Gefahren.

Die Spitze ist ganz schmal, kaum viel breiter als der Grat, auf welchem sie sich erhebt, es in seinem übrigen Verlauf ist; aber der nach Westen hin abfallende Abhang ist in unmittelbarer Nähe der Spitze von nicht übermässi- ger Steilheit und ist daselbst mit Felstrümmern bedeckt.

Man konnte die Felsblöcke mit wenigen Schritten erreichen, und als ich dies that, hatte ich gerade die Empfindung, als ob ich aus eisiger Winterkälte in ein geheiztes Zimmer träte. Der vom Bernina herüber blasende Wind nämlich, die Hauptursache unsrer Durchkältung, war hier durch den Roseg selbst abgehalten, und die brennende Sonne liess uns ungeschmälert ihre Wohlthaten zukommen. Eine unendliche Behaglichkeit durchströmte meinen ganzen Körper und trug nicht wenig dazu bei, mir Allesr was ich innerlich etwa empfinden und denken mochte, zum Bewusstsein zu bringen. In dem Moment der Ruhe, welcher zwischen unmittelbar überstandenen und unmittelbar bevorstehenden Gefahren eintritt, befindet sich die Seele in einer Art von polarisirtem Zustand, von welchem man sich in der Erinnerung keine bestimmte Rechenschaft mehr ablegen kann; ich weiss nur, dass es wunderschön war, und dass mehr dabei mitspielte als das Bewusstsein, ein blosses Kletterkunststück fertig gebracht zu haben.

Es war uns auffällig bei der Leichtigkeit, Steine für einen Steinmann zu erlangen, dass sich keine Spur eines solchen vorhanden fand, wenn wirklich vor uns ein lebendes Wesen zu dieser Stelle vorgedrungen war. Wir thaten indess dem Jakob Anderegg voreilig Unrecht, indem wir uns als die ersten Besteiger ansahen. Wir selbst machten uns sofort daran, einen Steinmann zu errichten, der, wenn auch nicht sehr gross, doch vom Piz Bernina und von einigen Punkten des untern Rosegthals aus deutlich sichtbar ist.

Mitten in dieser Beschäftigung erschien plötzlich der Träger Caspar Capat! Er hatte von fern unsere Besteigung verfolgt und gesehen, dass wir dieselbe fertig ge-

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bracht; dieser Umstand, und ein reichlicher Genuss gewisser, seiner Obhut anyertrauter Flüssigkeiten hatten seiner Ambition und seinem Muth einen neuen Aufschwung gegeben, und die gehauenen Stufen benutzend, war er uns nachgefolgt. Er konnte den Weg, zu welchem wir mehr als 1 % Stunden nöthig gehabt, in etwa 20 Minuten zurücklegen.

Es war mir dies aus einem bestimmten Grunde sehr lieb. Caspar entdeckte nämlich, nachdem der Steinmann fertig war, und wir auf unserm sonnigen Felsplätzchen ruhig dasassen, plötzlich vielleicht 10 Schritt unter uns eine in den Felsen verborgene Flasche; sie enthielt eine Karte, auf welcher sich Jakob Anderegg's Name nebst denen seiner beiden Herren befand. Der Mann war also gerechtfertigt; er war wirklich, wie er es den Pontresiner Führern gegenüber behauptet hatte, vor uns oben gewesen. " Wahrscheinlich ist er erst zu so später Stunde oben angelangt, dass ihm nur eben Zeit blieb, die Flasche mit der Karte zu deponiren und dann eiligst zur Schneekuppe zurückzukehren. Ich vermerkte seinen Namen und das Datum seiner Ersteigung auf der Karte, welche meinen und meiner Leute Namen trug, und welche in der von uns mitgebrachten Flasche im Steinmann verborgen wurde. Dann sonnten wir uns rahig weiter.

Die Aussicht auf das unter uns ausgebreitete, weite Gletscherbecken war anfänglich durch ein darüber schwebendes Nebelmeer fast ganz verdeckt; später trat grössere Klarheit ein. Am imponirendsten wirkte der nach der entgegengesetzten Richtung vor uns ganz klar aufsteigende, nach uns zu sehr schroff abfallende Piz Bernina, dessen Steinmann ganz deutlich sichtbar war. Ich hatte diesen Anblick während des ganzen gefährlichen Theils unsrer Besteigung vor Augen gehabt. Eine wilde Schlucht mit ihren, mehrere tausend Fuss hohen Eis- oder Felswänden trennte mich allein vom Piz Bernina;

von keinem andern Punkt aus konnte man einen so deutlichen Ueberblick über den Yerlauf der Rosegbesteigung erhalten und über den Abfall der Eiswand, auf deren obern Rande unser Weg uns hingeführt hatte. Dies war denn auch der Grund, wesshalb ich 9 Tage spater auf der Spitze des Piz Bernina stand; hier erst liess sich der furchtbare Hang der Ost-Eosegwand ganz übersehen. Sie endet mit einer senkrecht abgeschnittenen Eiswand, welche auf dem zur Berninafurcla ansteigenden " Gletscher abfällt.

Erst nach einem Aufenthalt von 1 \ Stunden schickten wir uns zum Abmarsch an.

Der " Wind hatte bedeutend nachgelassen; aber die drei Taschentücher, die wir in Ermanglung einer Fahne auf die Spitze des Steinmanns befestigt hatten, flatterten immerhin munter genug. Um 11 Uhr 40 Minuten begann der Rückmarsch. Ich hätte denselben freilich lieber mit Hans allein angetreten; ich habe immer einen Widerwillen dagegen gehabt, mich so in die Mitte nehmen zu lassen. Caspar war der erste, Hans Grass der letzte. Begreiflicher Weise wurde mit grösster Vorsicht marschirt. Es war nicht leicht; aber es ging famos, und Jeder hatte zu dem Andern Vertrauen.

Nach 50 Minuten hatten wir den tiefsten Punkt der Kante erreicht, 6 Minuten später standen wir auf der Spitze der mittlern Schneeerhebung zwischen den beiden Rosegspitzen; jetzt erst war unser Sieg vollständig. Von der Schneekuppe aus verfolgte ich noch einmal unsern Weg. Mit wie andern Empfindungen betrachteten wir ihn wohl Alle jetzt als noch 4 Stunden zuvor. Nach einer kurzen Pause setzten wir unsern Rückweg um 12

Uhr 47 Minuten fort und erreichten nach einem nicht gerade angenehmen Marsch um 2 Uhr 14 Minuten unsern, am Fuss der erwähnten steilen Eiswand zurückgelassenen Tornister. Es herrschte eine drückende Schwüle, und die Gletscherlandschaft um uns her erschien in eigenthümlich gesättigten Farbentönen. Die Reste der Provisionen wurden verzehrt; um 2 Uhr 37 Minuten ging 's weiter; die Alp Misaun war um 4 Uhr 45 Minuten erreicht; wir hatten sie gerade vor 15 Stunden 47 Minuten verlassen. Um 6 Uhr 40 Minuten trat ich in das Weisse Kreuz zu Pontresina, also genau 7 Stunden nach dem Verlassen der höchsten Rosegspitze.

Seit meiner Rosegbesteigung bin ich häufig gefragt worden, was ich für schwieriger hielte, die Besteigung des Roseg oder die des Matterhorns. Ich kam jedesmal auf 's Neue wegen einer präzisen Antwort in Verlegenheit; indess sind die Eindrücke der Matterhornbesteigung ( ich machte dieselbe am 9. und 10. August 1868 von Zermatt aus ) noch frisch genug, dass ich mir dieselbe wieder vollständig vergegenwärtigen kann. Thue ich dies, so erscheint es mir durchaus denkbar, dass Jemand, der das Matterhorn erstiegen, vor dem Roseg umdreht, aber nicht umgekehrt. Gewiss ist das Matteihorn, namentlich wenn man es von der Zermatter Seite aus besteigt, ein gefährlicher Berg; aber schliesslich ist doch, wenn man Alles erwägt, die Strecke, auf welcher eine wirklich grosse Gefahr vorhanden ist, d.h. wo das Ausgleiten eines Einzelnen das Hinabstürzen aller Uebrigen zur Folge hat, nicht so sehr lang. Sie findet sich in der glacirten Felskehle des „ Kopfes " unterhalb der Schneefelder, auf denen die Katastrophe im Sommer 1865 ihren Anfang nahm. Die letzten Schneefelder, die auf die Matterhornspitze führen, sind von furchtbarer Steilheit; aber welches

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Schneefeld ist so steil, dass ein sicherer Gänger sich zu fürchten hätte, sobald nur der Schnee gut ist?

Das Unglück des Sommers 1865 wäre bestimmt nicht eingetreten, wenn bei allen Betheiligten ein gleich hoher Grad von Uebung und Erfahrung vorhanden gewesen wäre. Auf den gefährlichen Stellen des Matterhorns hat man immer die bestimmte Aussicht, dass sehr bald wieder eine sichere Stelle, wo Kopf und Fuss neue Kraft schöpfen können, erreicht wird; ganz anders ist dies beim Roseg, wo man IV2 Stunden lang stets derselben grossen Gefahr die Stirn zu bieten hat. Aus diesem Grunde verlangt die Rosegbesteigung mehr Seelenstärke als die des Matterhorns; denn man glaube nicht, dass man sich rasch an eine Gefahr gewöhnt; im Gegentheil, es geht anfänglich damit, wie mit Zahnschmerzen, die immer nervöser machen, je länger man sie zu erdulden hat. Man kann 10 Minuten lang ruhig auf einem Eisgrat stehen und 5 Minuten später, vom Schwindel oder hereinbrechendem Schrecken gepackt, zusammenbrechen und in die Tiefe stürzen. Aus diesem Grunde verlangt die Rosegbesteigung mehr vom Menschen als die des Matterhorns.

Was die physischen Anstrengungen anbetrifft, so mögen sich dieselben auf beiden Seiten die " Waage halten, obwohl man von Zermatt auf das Matterhorn 739 Meter mehr steigen muss, als um von Pontresina auf den Roseg zu gelangen. Aber diese Differenz wird dadurch ausgeglichen, dass man bei der Matterhornbesteigung eine Hütte in der Höhe von über 10,000'benutzen kann, von welcher aus ich z.B. die Spitze nach 3 Stunden 37 Minuten erreichte, während der Weg von unserm letzten Nachtquartier ( Alp Misaun ) zur Rosegspitze 9 Stunden und 11 Minuten erforderte.Vom Matterhorn nach Zermatt brauchte ich 8 Stunden 43 Minuten, vom Roseg nach Pontresina 6 Stunden.

Aber im Interesse des Piz Roseg höre ich jetzt mit dem Vergleichen aufdenn vor der Pracht und Majestät, welche die Aussicht vom Matterhorn erschliesst, kann kein Vergleich bestehen.

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