Das Hochgebirge in der bildenden Kunst

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( Zum Titelbilde von Band XLIV. ) Es sei ferne von uns, im vorliegenden Jahrbuch, das ausschließlich Organ zur Vermittlung unserer clubistischen Interessen und Ideale ist, für irgend eine Kunst Propaganda zu machen. Alles hat seinen Ort und jeder Ort hat seine Grenzen. Ästhetische Kultur und gesunder Bergsport gehen ausgezeichnet « e&eweinander, aber keines verträgt, daß ihm das andere den Weg kreuze. Sobald man einmal beide aufeinander läßt, ist die Quintessenz ein Gefasel, das die Ziele verschwinden macht.

Etwas wesentlich anderes ist es, wenn wir Alpinisten die Kunst zu Hülfe nehmen, um dem Gegenstand unserer'Verehrung in weiten Kreisen Beachtung und Anteilnahme zu verschaffen. Das ist ja eben der ideale Zweck unserer Bestrebung, daß der Sinn für Eigenart und Schönheit der Alpenwelt allerorts geweckt und dem Ausbeutertum in seinen mannigfachen Erscheinungen auch hier der Fortgang untergraben werde. In den direkten Dienst dieser guten Sache hat der 8. A. C. bisher vorwiegend seine sportliche und wissenschaftliche Betätigung gestellt. Erst im Laufe der allerletzten Jahre ist auch in seinen Reihen der Gedanke zum völligen Durchbruch gekommen, daß der bildenden Kunst, vorab der Malerei, ein nicht zu unterschätzendes Verdienst an der Förderung unserer alpinistischen Bestrebungen zufalle. Die Landschaftsmaler des Gebirges haben, sofern sie nicht in ihrer Kunst selbstsüchtige Impressionisten waren, ihre Beobachtung bald auf eine naturgetreue Zeichnung, bald auf eine möglichst wahre Darstellung der koloristischen Wechselwirkung, besonders im Hochgebirge, wo aus Licht und Schatten die grandiosesten Farbensymphonien hervorgehen, abgestimmt. Das mußte bei solchen Beschauern, die aus künstlerischen Werken der Malerei zu lesen vermögen, eine Sehnsucht hervorrufen, die sie an den Ort wies, von dem das bewunderte Bild erzählte. So sind jene Maler, höchst wahrscheinlich ohne daß sie dies wollten oder davon wußten, eigentliche Förderer des Alpinismus geworden, und wir tun gut daran, wenn wir ihrer Kunst, soweit sie der Verallgemeinerung unserer Ideale im S.A.C. dient, in Zukunft die ihr gebührende Beachtung zu teil werden lassen.

Diesem Gedanken Rechnung tragend, haben wir an die Spitze des heurigen Jahrbuches ein Gemälde des Luzerner Malers Ernst Hodel gesetzt. Hodel kennt unsere Berge und weiß sie mit dem Pinsel gut wiederzugeben. In dem genannten Bilde treten seine stärksten Eigenschaften, die er als Gebirgsmaler besitzt, zu tage: eine sorgfältige Zeichnung und gesunder Sinn für die Farbenwirkung. „ Morgen im Gebirgen hat er das Gemälde getauft, dessen Farbenstimmung das Aufgehen des jungen Tages in unserer hehren Alpenwelt glücklich zum Ausdruck bringt. Wer möchte Anspruch auf Kenntnis des innerschweizerischen Alpenmassivs machen, ohne beim Anblick von Hodels Gemälde zu wissen, daß der Beschauer im Aufstieg „ durch der Surennen furchtbares Gebirg " sich befindet. Und doch wird der kundige Hochtourist auf den ersten Blick erkennen, daß hier des Künstlers Hand sich einige Freiheit in der Zeichnung erlaubte und die Umrisse etwas verschob. Der Künstler tat dies keineswegs aus Unkenntnis, sondern der Wirkung zuliebe, die er mit den Farbenkontrasten erzielen wollte und die nur durch einige, im gemalten Bilde nicht besonders wichtige Unwahrheiten in der Zeichnung zugunsten einer Schattenveränderung hervorgebracht werden konnte. Dafür wurde ihm ein Farbenspiel ermöglicht, wie es nicht naturgetreuer hätte wiedergegeben werden können und wie es fleißige Alpinisten im Hochgebirge dann und wann nach dem Frührot erlebt haben. Man mag hierbei einwenden: Der Maler soll malen, wie er es für schön findet, wir Alpenclubisten aber sollen zur Kenntnis der Alpen beitragen und nicht einer künstlerischen Idee zuliebe den natürlichen Prospekt verändern. Dieser Einwand wäre gerecht zu nennen, wenn das Kunstwerk ein Wegweiser sein müßte. Diese Aufgabe ihm zuzuschreiben, wäre auch von unserem alpinistischen Standpunkte aus töricht. Ein Alpengemälde ist weder ein topographisches Kartenbild, noch ein geometrisches Relief. Es soll nicht führen, sondern nur Stimmuug machen, es soll erzählen von der Pracht des Hochgebirges und Verständnis wecken für die Schönheit, die die hehre Alpenwelt erfüllt und die der schauen darf, der keine Anstrengung scheut, in ihre Regionen hinauf zu steigen.

Über die Technik des Kunstwerkes zu reden, ist, wie eingangs erwähnt, hier nicht der Ort. Wir wollen es für heute dabei bewenden lassen, daß wir mehr wie bisher auch der alpinen Kunst ein Räumlein in unseren Organen bereit halten. Vielleicht entsteht einmal ein edler Wettstreit unter unseren clubistischen Künstlern und dann dürfte die Zeit gekommen sein, auch im Jahrbuch von Zweck und Unsinn, von Art und Unart in der Kunst der Gebirgsmalerei zu reden.

G. Lutz ( Sektion Pilatus ).

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