Das Schicksal der Bescheidenen Kolumne

Meine einzige alpinhistorische Tat war eine erste Winterbegehung an einem namenlosen Felszacken mit drei Freunden – vergessen wäre sie schon am nächsten Tag gewesen, hätte ich dem kollektiven Gedächtnis nicht etwas nachgeholfen. Auf Vaters Schreibmaschine tippte ich ein paar Zeilen und schickte sie dem damals sehr strengen Redaktor der «Alpen», der sie gnädigst und ohne Fotobeweis publizierte.

Das Prinzip ist altbekannt: eine Tat, die nicht in die Welt hinausposaunt wird, ist so gut wie nicht geschehen. Für die Alpingeschichte jedenfalls verloren für immer. Heute stehen für die Dokumentation zu Handen der Ewigkeit leistungsfähigere Werkzeuge zur Verfügung als eine alte «Adler». Ausnahmeleistungen oder solche, welche die Beteiligten dafür halten, machen sie «just in time» auf Facebook, Instagram, Twitter oder der eigenen Homepage öffentlich. Wenn der moderne Alpinathlet oder die -athletin im Speed eine extreme Nordwand durchrast oder sich mit dem Board in einen senkrechten Eishang wirft, ist die Helmkamera online, zehntausend Follower verfolgen die Augenblicke zwischen Leben und Tod im Datenstream live. Bei manch haarsträubendem Abenteuer in eisiger Wildnis ist ein Kamerateam vor Ort oder zumindest eine Drohne. Schliesslich will die Welt nicht nur ein paar dürre Zeilen lesen, sondern atemberaubende Bilder sehen. Zur Vortragstournee reicht die Diaschau nicht mehr hin, die Agentur verlangt den Film vom Gang am Abgrund in ästhetisch überzeugender Qualität, unterlegt mit dramatischen Klängen. Die alpine Leistungsschau ist unübersichtlich geworden, zu viel schnellste, schwierigste oder ausgefallenste Unternehmen buhlen um Aufmerksamkeit. Die Elite ist breit, ihre Medienkompetenz professionell, der Konkurrenzkampf hart. Doch im Interview betonen fast alle, es gehe weder um Sponsorgeld noch Ruhm, sondern nur um die Freude an der Bewegung in freier Natur und das Glück auf dem Gipfel.

Ich weiss, es gibt sie noch, die Menschen, die sich in ihrem Leiden und ihrem Glück in den Bergen vollständig selbst genügen, ohne an ihrem flüchtigen Ruhm zu stricken (wie ich damals ein bisschen). Ihnen würde unsere Bewunderung und unser Respekt gehören. Doch teilen sie das Schicksal aller Bescheidenen: niemand wird je etwas von ihnen erfahren.

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