Der Aletschwald

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Von Dr. F. Bühlmann ( Sektion Emmental ).

Dem Wanderer, der durch die im üppigsten Blumenflor prangenden Wiesen und Weiden der Riederalp gegen den Ausläufer des seenreichen Hochplateaus der Moosfluh hinaufsteigt, öffnet sich auf dem Hang nördlich der Riederfurka ein Blick von unbeschreiblicher Pracht. Einzelne junge kräftige Arven haben sich auf die Sonnenseite des Rückens hinübergewagt, darunter breitet sich in starker Neigung gegen die Tiefe des vom mächtigen Eisstrome des Aletschgletschers ausgefüllten Talbodens ein tiefdunkler Wald; über dessen Wipfelrand erglänzen in wunderbarer Schönheit in weitem Umkreise die weißen Grate und Spitzen des Sparr-horns, der Fußhörner und weiter nördlich der Walliser-Viescherhörner mit ihren Firnen und Gletschern, und darüber wölbt sich tiefblau der wolkenlose Himmel. Und wer seine Schritte weiter lenkt, hinein in den geheimnisvollen dunkeln Wald, der gelangt in eine Märchenwelt wundervollster Art: Links und rechts am Wege Hunderte von schwarzvioletten Alpenveilchen, hin und wieder die leuchtenden Blütensterne der schwefelgelben Anemone oder eine verspätete so reizende Pelzanemone; darunter ringsum ein üppiger dichter Teppich kräftigsten Alpenrosengesträuchs, vom flammenden Purpur seiner Blütenpracht übergossen, dazwischen hellgrüner Wachholder, Heidelbeeren in vollster Blüte, niedere Gletscherweiden mit ihren Blütenkätzchen und, aus diesem Teppich herausstrebend, Baumgestalten von überwältigender Schönheit und urweltlicher Urwüchsigkeit: Lärchen, Arven, Fichten in mannigfacher Mischung, bald in vollster Lebenskraft prangend, bald zerzauste, flechtenbehangene, wetterharte Pioniere. Zahlreiche hohe Vogelbeerbäume voll weißer Blütendolden, baumartige Weiden und träumerische Birken, in bunter Mischung mit Nadelgehölz, vervollständigen mit ihren weißleuchtenden Stämmen das Bild.

Und im lichten Wald öffnet sich von Zeit zu Zeit der Blick in die großartige Gebirgswelt und auf den mächtigen Aletschgletscher mit der scharf ausgeprägten schwarzen Linie seiner Mittelmoräne, dessen starre Eiswellen vergeblich sich mühen, die Urgesteinsfelsen zu durchbrechen, auf denen der herrliche Wald aufgebaut ist. Tagelang hat der Verfasser ihn nach allen Richtungen durchstreift, bald einer verfallenen Wasserleitung folgend, die, wie die Sage erzählt, verlassen wurde, als eine Geisterstimme aus den Felsen vor ihrer Wiederherstellung warnte, bald in den Gneisplatten und Rundhöckern herumkletternd, und hat stets neue Schönheiten entdeckt; Kleine Mätteli zwischen den Felsstufen, über und über bedeckt mit den goldenen Blüten der Trollblume und des weißen Hahnenfußes und eingerahmt von ganzen Büschen der Dr. F. Bühlmann.

Alpenheckenrose, zwischen den mächtigen Felsen geheimnisvolle Moortümpelchen, in deren Wasser die weißen Berge und die schwarzen Bäume sich spiegeln, mächtige senkrechte Felspartien, arvengekrönt, Urwaldbilder von ergreifender wilder Tragik und Baumgestalten in den wunderlichsten Formen. Und überall findet sich ein Unterwuchs von grandioser Entwicklung, von dem Schröter ( Der Aletschwald. Schweiz. Zeitschrift für Forstwesen 1916 ) sagt: „ Ein dichter und üppiger Teppich von Alpenrosen und andern Erikaceen wallt in weiten Hügelwellen den Hang hinab, alle Blöcke und Unebenheiten unter seinem grünen Kleide begrabend. " Vor allem ist es die Arve, die Königin des Bergwaldes, die immer und immer wieder den Blick auf sich zieht. Sind auch große alte Stämme recht selten geworden, so ist, was noch da ist, in seiner Urwüchsigkeit und Mannigfaltigkeit von packender Schönheit. Bald streben sie, wie Schröter so begeistert schildert, in voller Kraft in mehreren Wipfeln empor mit breit gewölbtem Wipfeldom, ohne einen dürren Ast, ein packendes Bild strotzender Lebensfülle, bald thronen sie mit schenkeldicken, nach allen Richtungen mächtig ausgreifenden Wurzeln auf der Fläche eines riesigen Felsblocks, die Wurzel wie plastische Massen durch Spalten und Rinnen über den Fels ins nährende Erdreich ergießend, bald sind diese Wipfel durch Schneedruck, Windbruch oder Blitz zerstört: aber stets wehrt sich der Baum mannhaft. Es ist eine Fülle dramatisch bewegter Kraftgestalten, jede ein Charakter, jede ein Kämpfer.

Und immer und immer wieder entzückt das trunkene Auge der wunderbare Kontrast der dunkelgrünen dichten Nadelbüsche der Arve und der hellgrünen Zweige der Lärche, beider Stamm und Äste überdeckt mit grüngelber Flechte ( evernia alpina ), mit dem leuchtenden Rot der Alpenrose, dem glänzenden Weiß der Firnen und Gletscher und dem tiefblauen Himmel.

Auf eine besonders interessante Erscheinung im Aletschwalde hat schon Rikli ( Die Arve in der Schweiz. Neue Denkschriften der schw. naturforschenden Gesellschaft ) auf- Der Aletschwald.

merksam gemacht; sie ist von Schröter bestätigt und wird von Jahr zu Jahr auffälliger. Schröter schreibt darüber:

„ Wenn wir zum Gletscher hinabsteigen, so lichtet sich der Wald, die Bäume nehmen die zerzauste Grenz-form an, und wir betreten mit Erstaunen eine untere Kampfzone, die durch den Einfluß des gewaltigen Eisstromes bedingt wird, also eine Umkehrung der Baum- grenze, eine Baumgrenze nach unten, nicht nur nach Phot. F. Bühlmann.

oben. Vom äußersten obersten Winkel des Waldes aus, der eine neue Kampfzone darstellt, verlängert sich diese talabwärts in zwei getrennten Streifen, eine obere normale Kampfzone unter dem Grat und eine anormale gletscherbedingte längs des unteren Waldrandes. " Meinen eigenen Wahrnehmungen zufolge bietet diese untere Kampfzone einzelne viel typischere Kampf bilder als die normale obere; die letztere besteht nur im oberen Teil des Waldes und verliert sich längs der Moosfluh gegen die Riederfurka vollständig. Von anderer Seite, namentlich von Forstmännern, wird freilich diese eigentümliche Erscheinung auch aus der Art der Bewirtschaftung des Waldes erklärt.

Die eigentliche oberste Kampfzone des Aletschwaldes ist von ganz einzigartiger Schönheit und Abwechslung. Der Hochwald wird nach und nach lichter; noch stehen einzelne größere Stämme in voller Kraft und Gesundheit, aber die Formen werden bizarrer und zeugen von der Einwirkung der Winter- und Gewitterstürme. Dann verschwinden diese Riesen, vereinzelte gesunde dichte Bäumchen strecken ihre Wipfel noch jugendkräftig in die Höhe, aber die durch Blitzschlag dürr gewordenen Äste und Strünke werden häufiger, immer lichter und niedriger wird der Wald, und die dürren, abgestorbenen, uralten Stämme mehren sich, fast immer noch jungen gesunden Bäumchen Schutz bietend. Dann nimmt die Arve, je höher sie steigt, busch-artige Formen an, und mit den letzten obersten Ausspähern, das typische Bild der Legföhre zeigend, klingt der herrliche Wald gegen das Bettmerhorn hin aus, den erstaunten Betrachter im Zweifel lassend, ob das noch ein und derselbe Baum ist, dessen Riesenstämme er unten im Hochwald bewundert hat, ob er sich nur kraft seiner bewundernswerten Anpassungsfähigkeit ganz neue Daseinsformen geschaffen hat oder ob es sich um eine ganz neue Spielart seines Geschlechtes handelt.

Wunder über Wunder zeigen sich dem entzückten Auge, und Rätsel über Rätsel harren der Lösung.

Niemand hat wohl das Wesen der Arve feiner erfaßt und wahrer und treffender geschildert als Baud-Bovy ( Wanderungen in den Alpen ). Wir können uns nicht versagen, aus seiner Schilderung, die er, erfüllt von den Eindrucken eines Ganges durch den Aletschwald, vor mehr als zwanzig Jahren vor Augen führte, einige Stellen zu zitieren. Er sagt:

„ Das Licht ist das allernotwendigste Element für ihr Fortkommen; die Arve lebt davon, ein ätherisches Leben, sagt Michelet, himmlische Nahrung! Wo würden auch die Wurzeln des Baumes den Nährgrund, den zu seinem Unterhalt nötigen Humus finden? Höchstens gelingt es ihnen, die ganz kleinen Bächlein zu gewinnen, die dadurch, daß sie jede Nacht gefrieren, sich ihren Weg durch den Fels bahnen. Kaum vermögen die Wurzeln sich da festzuklammern, ihrer viele liegen bloß und umfassen ganze Blöcke, halten sie fest wie mit Krallen und schmiegen den Stamm eng an den Stein. Indem sie so alle ihre Kraft allein auf die Arbeit des Stutzens verwenden, gelingt es ihnen um so besser. Auch für die Nadeln ist die Aufgabe eine schwere, und man kann sich vielleicht einen Begriff machen von der Chlorophyll-tätigkeit, wenn man bedenkt, daß ihr allein oder fast allein die Ernährung des Baumes obliegt. Allerdings ist das Licht, in welchem seine Zweige schwanken, die Luft, aus der seine Nadeln schöpfen, vom Allerreinsten; er nährt sich vom Äther selbst.

Und eben deswegen verdient die Arve unsere Achtung, ja Bewunderung; in ihr ist alles groß, aber nichts grob. Sie ist umgewandelte Sonne, sie hat etwas Unsagbares, etwas Leuchtendes von ihr beibehalten. Die Wälder, die sie bildet, sind Gedichte, in denen jeder Baum eine Strophe ist, denn jeder drückt nach seiner eigensten Individualität Stolz, verzweifelte Anstrengung, Suchen nach Hilfe, Empörung aus, und ihre Gesamtheit bietet das hehre Bild des Kampfes um ein Ideal. Jeden Augenblick bleiben wir auf unserem Spaziergange stehen, um die stets so packende ausdrucksvolle Schönheit dieser Tapferen zu bewundern. Die einen, begünstigteren, haben mitten im Gewühl frei aufwachsen können, glänzend in Jugendkraft und Begeisterung, andere, weniger gut situierte, sind durch einen Felsen behindert, von einem starken Luftzug-gebeugt; diese haben entweder das Hindernis überwunden, oder sie haben es aufgegeben, emporzustreben, liegen dicht am Boden und strecken ihre Zweige nach allen Richtungen hin, bis einer von ihnen einen günstigeren Ort findet, wo er sich aufrichten und nach und nach doch ein Baum werden kann, dessen Stamm dann allerdings nur wie eine ungeheure Wurzel aussieht. Noch andere ganz niedrig abgegipfelte, zerschlissene Stämme senden nur einzelne Stummel, lange spitze Splitter aus; wieder andere, die auf der Nordseite alle Zweige verloren haben, strecken gegen Süden, gegen die Sonne, bittend die Hände aus, da und dort lassen weiße, dürre und knochen-harte, kolossale Strunktrümmer erkennen, von welcher Gestalt die Vorfahren gewesen sind. Einer dieser altertümlichen Streiter ist noch aufrecht allein in einer Art Lichtung, entrindet, gipfellos und zerspalten, von hundert Wunden bedeckt, ohne einen einzigen grünen Ast steht er da, fast schreckhaft in seinem Heldentum. Er scheint für immer dahin. Aber nein! Im Schütze seines zerfetzten Stammes hat er einen neuen Sprößling getrieben, der voll Kraft hinaufstrebt und schon mit grünlichen, ins Violette schimmernden und mit zartem bläulichen Duft überhauchten Blütenzäpfchen bedeckt ist. Im Vollgefühle einer an Ruhm und Opfern reichen Vergangenheit hatte der alte Stamm aus der Erinnerung an erduldete Mühsal neue Kraft gezogen und ist so mit seiner unüberwindlichen Hoffnungskraft ein Bruder der großen Denker, der großen Künstler und Märtyrer. "

Und dieses einzig dastehende Naturdenkmal des schweizerischen Hochgebirges scheint dem Untergange geweiht zu sein!

Schon vor vierzehn Jahren hat Professor Seippel im Journal de Genève unter dem Titel „ Pour les aroles " einen Notschrei erlassen, in dem er darauf hinweist, Der Aletschwald.

daß der herrliche Wald durch unverantwortliche Raubwirtschaft und durch den Weidgang in hohem Maße gefährdet sei. Eine vom eidgenössischen Oberforstinspektorat veranlaßte nähere Untersuchung gelangte damals zu beruhigenden Ergebnissen: Der Hochwald und der reichliche Nachwuchs an Arven und Lärchen mache den Eindruck von Gedeihen und Gesundheit, von einer Übernutzung sei keine Rede, das Holz müsse per Maultier und auf dem Rücken der Männer auf engen steilen Fußwegen zur Riederfurka geschleppt werden und werde dort nur zur Reparatur der Holzhäuser auf der Riederalp benutzt. Herr Forstinspektor Barberini versichere sogar, daß wegen des schwierigen Transportes die Bevölkerung sich weigere, das nötige Holz im Aletschwalde zu holen. Der Wald sei für den Weidgang von Schafen und Ziegen verboten, und das Verbot werde befolgt, da nirgends bezügliche Schädigungen wahrnehmbar seien. Nirgends zeige sich eine Spur von Hirtenfeuer oder eine Verwüstung des Jungwuchses, wie man sie oft auf hochgelegenen Weiden finde, von Kahlschlägen sei keine Rede.

Und auch Rikli ( 1. c. ) bestätigte diese Wahrnehmungen, reproduziert aber doch eine Aufnahme von Dr. Jäger, Brugg, aus dem Aletschwalde mit einer großen Herde der Walliser Schwarzhalsziege im Vordergrunde! Er stellt fest, daß der Aletschwald zu den schönsten Arvenwäldern der Schweizeralpen gehöre und daß ohne Zweifel der Kanton Wallis auch in Zukunft für dessen Erhaltung besorgt sein werde.

Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. In einem Gutachten, das Herr Professor Schröter im August 1915 an die Schweizerische Naturschutzkommission auf Grund sehr eingehender Untersuchungen erstattet hat, weist er auf die Notwendigkeit hin, aus dem Aletschwalde eine Reservation zu machen, wenn er erhalten werden soll. Nach den Berichten des Revierförsters würden dort jährlich ca. 30 Hochstämme geschlagen, was bei dem außerordentlich langsamen Wüchse der Arve, er zählte an Stümpfen gefällter Bäume 320-347 Jahrringe, als zu viel erscheine. Das Gutachten schließt mit der dem Autor eigenen Begei..

Gefallene Arve; aus dem Ast, der sie noch stützt, sterung; „ Uas danze istwächst ejn neues Bäumchen in die H8he- ein großartiger Naturtempel,Phot. F. BüMmann.

Dr. F. Bühlmann.

ein Juwel reiner, wenig berührter HochalDen-natur, zum Sanktuarium, zum Naturheiligtum wie geschaffen. "

Leider führten die damals schon eingeleiteten Verhandlungen zu keinem Resultate, und seither haben sich die Verhältnisse ganz wesentlich verschlimmert. Man erhält beim Durchstreifen des Waldes Phot. F. Bühlmann.

unwillkürlich den Eindruck, daß, wenn es nicht gelingt, daselbst eine bleibende absolute Reservation zu erstellen, die unvergleichliche Schönheit des Waldes in wenigen Jahrzehnten vernichtet ist und daß auch hier wie so manchenorts die Arve dem Untergange entgegengeht.

Auf meinen zahlreichen Streiftouren habe ich festgestellt, daß in dem tiefer gelegenen, wohl fast einen Drittel des Gebietes umfassenden Teil des Waldes gegen das Ende des Aletschgletschers zu sozusagen kein einziger großer Stamm mehr steht. Überall stehen die Strünke uralter gefällter Bäume, die auf zeitlich freilich weit zurückliegende große Schläge schließen lassen; hin und wieder liegen noch hell schimmernde Arvenleichen herum, die gefällt aber hohl befunden, einfach liegen gelassen wurden und noch heute Zeugnis ablegen von dem feinen, fast unverwüstlichen Gefüge des Arvenholzes. Verwundert fragt man sich, was wohl aus diesen großen Holzmassen geworden sei, deren Transport nach Riederfurka hinauf im damals weglosen, felsigen, furchtbar steilen Gelände ausgeschlossen war.

Wie schon der Experte des Oberforstinspektorates annimmt, haben diese Schläge um die Mitte des letzten Jahrhunderts herum stattgefunden. Einem verdankenswerten Bericht des kantonalen Forstinspekorates von Wallis entnehmen wir, daß zwar in den Akten und Registern keinerlei Eintragungen über den Schlag sich vorfinden, daß aber aus Mitteilungen von Augenzeugen, die an demselben teilgenommen haben, sich ergibt, daß in den Jahren 1858 bis 1860 ein Schlag von ungefähr 700 „ toises de Roi " oder 3650 Ster erfolgt ist. Das Holz wurde um einen Spottpreis verkauft, über den Gletscher geschleift, nachher in der Massa und in der Bitscherwasser-leitung eine Strecke weit hinunter geflößt und wieder über den Boden bis in die Talstraße bei Naters transportiert. So erklärt sich wohl das Verschwinden dieser zahlreichen mächtigen Stämme.

In diesem Teile des Waldes vollzieht sich freilich die Verjüngung, wenn auch langsam, doch reichlich. Die Lärche erobert nach und nach die große Randmoräne und breitet sich im anstoßenden Gebiete aus. Auch die jungen Arvenpflanzen gedeihen vortrefflich, es sind alle Altersstufen von 4- bis zu 40- und 50jährigen Stangen vorhanden. Doch bringt gerade in diesem Teile die Ziegenweide, die trotz der eidgenössischen und kantonalen Forstgesetze fröhlich weiter gedeiht, beträchtlichen Schaden. Während meiner mehrwöchentlichen wiederholten Aufenthalte auf der Riederalp verging kein Tag, an dem die genäschige Schwarzhalsziege nicht im Aletschwalde getroffen worden wäre. Daß der Nachwuchs hier trotzdem so gut gedeiht, ist wohl auf das Fehlen jeglicher Wege zurückzuführen.

Aber auch im übrigen, besser zugänglichen Teile des Waldes trifft man auf Schritt und Tritt auf die Strünke alter riesiger Bäume, meistens jüngeren Schlägen entstammend, ja auf kleinere und größere eigentliche Kahlschläge.Vom jenseitigen Hange, von der Triest- und Aletschalpe aus, erscheint der ganze Wald außerordentlich gelichtet und von breiten großen Blößen durchzogen. Und gerade hier ist die Verjüngung insbesondere der Arve eine äußerst spärliche. Sie wird ja freilich erschwert durch die langsame Samenbildung des Baumes, brauchen doch die Nüßchen zwei Jahre zum Reifen, ein Jahr zum Keimen, und dazu sind die Samenjahre recht unregelmäßig. Abgesehen von der weiteren Erschwerung des Keimens in dem hohen und dichten Unterholze, bringen die natürlichen Feinde der Arve: Eichhorn, Tannhäher und nicht zum mindesten die Riederalpjugend, die alle den Arvennüßchen als besonderem Leckerbißen aufs eifrigste nachstellen, für die Verjüngung den größten Schaden. Nicht allzu selten stößt man auf junge kräftige Bäume, deren Wipfelkrone, an der die meisten und größten Zapfen stehen, von mutwilliger Hand abgebrochen oder geknickt sind, und unverständige Touristen mit großen Bündeln von Arvenzweigen voll der prächtigen purpurnen Blüten passieren recht häufig die Riederalp.

Alle Verhältnisse sind für den Wald verhängnisvoller geworden.

Während früher ein einziger sehr steiler und schlechter Fußweg direkt unterhalb der Riederfurka zum Aletschgletscher und über diesen auf die Aletsch- und Beialp führte, bestehen heute drei neue zum Basten und zum Holztransport recht bequeme Wege. Der erste führt auf dem Kamm einer prähistorischen mächtigen Seitenmoräne durch den obersten Teil des Waldes bis gegen das Bettmerhorn, ein anderer fast horizontaler durch den mittleren Teil zu der kleinen Ausbuchtung des Gletschers gegenüber der schmalen Zunge des Oberaletschgletschers, und von diesem zweigt sich an Stelle des vorerwähnten Fußweges, der wegen des steten Rückganges des Gletschers verlassen werden mußte, zirka 300 Meter weiter oben der neue Belalpweg ab.

Dadurch ist die Ausbeutung des Waldes außerordentlich erleichtert worden, und die Riederälpler lachen einen aus, wenn man ihnen nahelegt, sie möchten doch ihren Holzbedarf in den weiter unten um das Riederhorn herum gelegenen ausgedehnten Waldungen decken, in denen jahrein jahraus viel mehr Holz ungenutzt zugrunde geht, als in dem stark zurückgegangenen Aletschwalde nachhaltigem Ertrage entspricht.

Mit jedem Jahr mindert sich so die Zahl der gesunden alten Stämme in erschreckender Weise, die Lichtungen verbreitern sich, und es entstehen große Wald-blößen voll in bequemer Brusthöhe abgesägter Stümpfe. Dabei ist es wesentlich auf die Arve abgesehen, deren wertvolles, feinfaseriges, leicht zu bearbeitendes Holz in mannigfacher Weise Verwendung findet.

Es ist überhaupt auffallend, wie wenig Sinn gerade die einheimische Bevölkerung für die Schönheit ihres Aletschwaldes bekundet. Ohne eigentliche Berechtigung und ohne wirkliches Bedürfnis wird auch das Großvieh in den Wald getrieben und ver- Dr. F. Bühlmann.

wüstet die jungen Pflänzchen. Wohl zur Gewinnung von Sand, Kies und Steinen ist in die erwähnte uralte Randmoräne im oberen Teil des Waldes eine mächtige Bresche geschlagen worden, durch die sich seither während der Schneeschmelze die Wassermassen, Geschiebe, Geröll und Felsblöcke mit sich reissend, hinunterstürzen und die prachtvolle Vegetation des Hanges weit hinunter verwüsten. Öfters trifft man auf ausgebrannte mächtige Stämme, auf mutwilligste Beilhiebe in die schönsten Bäume, und jedermann ist in Erinnerung, wie infolge des Leichtsinnes von Holzern im Sommer 1919 unter dem Riederhorn ein großer Waldbrand entstanden ist.

Des Schutzes bedarf vor allem derjenige Teil des Waldes, der auf der topographischen Karte mit „ Aletschwald " bezeichnet ist und auf dem steilen Hang den unteren Teil des Gletschers begleitet. Er bildet ein langgestrecktes Trapez, umfaßt zirka 150 Hektaren und liegt in einer mittleren Meereshöhe von 2000 Metern. Das Hochplateau der Moosfluh erreicht er nur in wenigen verkrüppelten, den Charakter der Legföhre annehmenden Bäumchen und verliert sich allmählig in den Hängen des Bettmerhornes.

Den Hauptbestand des Waldes, ca. 70 °/o, bildet die Arve, etwa 15 °/o nimmt die Lärche ein, der Rest besteht aus Fichten und Laubholz verschiedener Art.

Im Sommer 1919 ist der Verfasser, im Einverständnis mit dem Vorstande des schweizerischen Bundes für Naturschutz und andern Naturfreunden neuerdings mit den beteiligten Gemeinden und Korporationen in Unterhandlung getreten. Es gelang schließlich im Sommer 1920 trotz den stets sich steigernden Forderungen sich mit den Gemeindevorständen über einen Vertragsentwurf zu einigen, durch welchen der hiervor umschriebene Teil des Aletschwaldes in eine bleibende Reservation verwandelt werden sollte. Allein von den Korporationsversammlungen scheint dem Vertrag die Genehmigung versagt worden zu sein, da trotz wiederholter Zuschriften irgendeine Rückäußerung nicht erfolgt ist.

Glücklicherweise bieten die eidgenössischen und kantonalen Forstgesetze, das schweizerische Zivilgesetzbuch und das Einfuhrungsgesetz des Kantons Wallis die Möglichkeit, durch behördliches Einschreiten den herrlichen Wald vor gänzlicher Vernichtung zu schützen HHund damit doch noch zum Ziele zu gelangen.

jjlFreilich wird das nur. .^a gelingen, wenn die maßgebenden Stellen in unserer vom Materialismus durch-seuchten Zeit ideale Gesinnung genug besitzen, um zu helfen, dem Lande und den künftigen .Generationen dieses schönste Juwel unserer Berge zu erhalten. Dazu werden erhebliche finanzielle Leistungen erforder- Der Aletschwald.

vielen Tausende von Freunden unserer Alpenwelt wohl nicht vergeblich sein wird. Insbesondere für den Schweizer Alpenclub ist es eine Ehrensache, seine ganze Kraft für die Erreichung dieses Zieles einzusetzen.

Sollte auch diese Hoffnung zu Schanden werden, so gereicht es dem Verfasser doch zur Genugtuung, mit Hilfe seiner Mitarbeiter, den Herren Dr. Geiger in Basel, J. Meier-Danerio und M. Bucherer in Zürich, denen hier der beste Dank abgestattet wird, die mannigfachen Schönheiten dieses einzigartigen Naturdenkmales in Wort und Bild für die Nachwelt festgelegt zu haben.

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