Der braune Goldrausch Schatzgräberstimmung in Dolpo

In China gilt er als das «Viagra des Himalaya»: Der seltene Pilz Yartsa Gunbu lockt jedes Jahr Zehntausende Glückssucher nach Dolpo. Gewalt und Kriminalität halten Einzug.

In der Hoffnung, in einer Woche so viel zu verdienen wie sonst in einem Jahr, ziehen im Mai und im Juni jeweils Zehntausende von Glückssuchern nach Dolpo. Bei widrigen Wetterbedingungen rutschen sie auf über 4000 Metern auf den Knien und suchen mit einer kleinen Hacke nach dem «Viagra des Himalaya»: dem Raupenkeulenpilz Ophiocordyceps sinensis, bekannter unter dem Namen Yartsa Gunbu, wörtlich «Sommergras-Winterraupe». Den Namen verdankt der Pilz seiner spe­ziel­len Entstehung: Er befällt die im Boden lebende Raupe einer Fledermausmotte, ernährt sich von ihr und wächst schliesslich aus der mumifizierten Raupe an die Oberfläche.

Für ein Kilo bester Qualität – was etwa 2000 Stück Yartsa Gunbu entspricht – erlangt man vor Ort einen Preis von rund 31 000 Franken, an den Endverkaufsstationen ein Vielfaches. Die unberührten Hochweiden und Bergtäler, die man auf der Shey-Pilgerreise besuchen kann, geraten so zunehmend unter den Einfluss des «braunen Gold­rausches».

In der tibetischen, chinesischen und ayurvedischen Medizin gilt Yartsa Gunbu seit Jahrhunderten als wirk­sames Heilmittel mit einer gros­sen therapeutischen Bandbreite. Der Pilz gedeiht nur in einem einigermassen feuchten Klima, wie man es auf einer Höhe von 3000 bis 5000 Metern findet.

Finanzquelle für Rebellen

Seit etwa 20 Jahren wird Yartsa Gunbu als Wundermedizin vermarktet, die gegen Stress, Krebs, Asthma, Nierenleiden und vieles mehr wirken soll. Insbesondere gilt sie aber als leistungs- und libidosteigernde Delikatesse. Spätestens seit an den Nationalen Spielen Chinas 1993 eine Frauenstaffel alle Rekorde brach und dafür den Konsum von Yartsa Gunbu als Rezept angab, erreichte der energiespendende Wunderpilz internationale Bekanntheit. Die Nachfrage und der Preis stiegen.

Massgeblich beteiligt an dem Pflückwahn waren die maoistischen Rebellen, die ab 1996 das Sammeln propagierten und auf jedem Kilo eine Steuer eintrieben, die in die Finanzierung ihres Kampfes floss. Für Dolpo bedeutete dies, dass die Anzahl der Pflücker jährlich anstieg. Inzwischen fallen sie scharenweise über das Gebiet her, um ihr Glück zu versuchen. Der Nationalpark lässt dies zu und zieht Gebühren dafür ein.

Neben den Pflückern betreten die Händler und Geldverleiher das Feld und kaufen die Ernte ab. Diese wird bewacht auf Packtieren nach Tibet oder ins Unterland transportiert oder direkt per Helikopter ausgeflogen. Von dort gelangt sie über weitere Kanäle und Händler nach China, Hongkong oder Singapur, wo die begehrte Delikatesse besonders beliebt ist und unglaubliche Preise erzielt.

Geld für neue Güter aus China

Wirtschaftlich und sozial hat der «Pilzboom» die Region mehr verändert als die politischen Veränderungen, die Touristen oder die maoistischen Rebellen. Mit den Einnahmen werden über den Handel mit Tibet neue Güter wie Solarpanels, Eisenöfen und Fernseher bezogen oder Arbeitskräfte für die Feldarbeit eingestellt. Die Gelder flies­sen ebenso in die Renovation der Häuser, in Pferde und Yaks oder in die Schulausbildung der Kinder.

Einzelne haben begonnen, Land im Distrikt­hauptort Dunai oder in Kathmandu zu kaufen. Gab es bei meinem Forschungsaufenthalt 1996 noch ein Pferd in ganz Phoksumdo, besitzen heute die meisten Familien mehrere. Gleichzeitig wird das bereits knappe Weideland durch die gesteigerte Anzahl Tiere und die Übernutzung durch die Pflückermassen stark strapaziert.

Der Zorn der Götter

Da es keine Instanz gibt, die die gros­sen Menschenmengen kontrolliert, führt der «Goldrush» vermehrt zu ­Unfällen von nicht berggewohnten Sammlern. Mit dem Goldrausch gelangen auch Kriminalität, Prostitution und Gewalt in die Berge. Räuberbanden bilden sich, die Bewohner bangen um ihr Hab und Gut und müssen mit Überfällen rechnen.

Ende Juni schliesslich ist der Spuk vorbei, die Täler leeren sich und zurück bleibt ein Haufen Müll. Die Bevölkerung führt Unglücke durch Naturgewalten unter anderem auf die lokalen Berg- und Schutzgottheiten zurück, die durch das wilde Treiben und die Ausbeutung aufgebracht sind und dies auch über Unwetter kundtun.

Von der Polizei zu Tode geprügelt

Daneben führt der Goldrausch immer wieder zu Konflikten mit den Autoritäten – bisweilen mit tragischem Ausgang. So kam es 2014 in Do-Tarap zu tödlichen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und der Lokalbevölkerung. Die Leute hatten begonnen, ihre Gebiete selber zu kontrollieren und Gebühren für die Erhaltung der Wege und Infrastruktur von den ­Pflückern einzuziehen – weder Nationalpark noch Regierung hatten bis dahin etwas in diese Richtung unternommen.

Die Polizei forderte die Dorfbewohner auf, die eingezogenen Gebühren auszuhändigen. Diese weigerten sich, worauf die Polizei die Häuser stürmte und wahllos Leute verprügelte. Inzwischen sind mindestens drei Personen an ihren Verletzungen gestorben. Dank Fotos und Handyverbindung nach Kathmandu konnte der Konflikt für einmal nicht verschwiegen werden und gelangte über Facebook an die Medien.

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